Take off oder: Wann kommt Phoenix?

Auf der Atari-Messe im Spätsommer letzten Jahres wurde die Datenbank Phoenix von Application Systems zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Damals noch in einer Vorabversion, sollte sie dann pünktlich zum Weihnachtsgeschäft in den Läden liegen. Aber wie es nun mal bei umfangreichen Entwicklungen ist, kommt es meistens zu Verzug. Grund genug für uns, mal bei Application Systems nachzufragen und Ihnen durch ein Gespräch mit den Entwicklern, Dieter und Jürgen Geiß, die Facts und noch einiges mehr vorzustellen.

ST-Computer: Bereits auf der letzten Atari-Messe konnte man eine Version der relationalen Datenbank Phoenix bewundern. Angekündigt war sie für Dezember. Jetzt soll sie zur CeBIT im März erscheinen. Was hat so lange gedauert, bzw. kann man sagen, daß gut Ding Weile haben will?

Dieter Geiß: Im Prinzip ja, denn bei Phoenix handelt es sich um ein sehr umfangreiches Projekt, in dem ca. 4 Mannjahre Entwicklungsarbeit ...

Jürgen Geiß: Genau genommen hat es im Juli 1989 begonnen.

Dieter Geiß: ... und 5 MB bzw. über 100000 Zeilen Quell-Code stecken. Nicht zu vergessen, daß wir hauptberuflich bei BASF arbeiten. Ich denke, da sind 3 Monate Verzögerung nicht übermäßig viel, wenn man so manche andere Produkte für den ST betrachtet.

ST-Computer: In der ägyptischen Mythologie ist Phoenix ein Vogel, der sich aus dem Feuer immer wieder verjüngt. Das geflügelte Wort lautet: Phoenix aus der Asche. Ihr wart zuvor an der Programmierung von Adimens beteiligt. Soll das nun die Asche von Adimens und der übrigen Konkurrenz sein?

Jürgen Geiß: Natürlich muß man Adimens und die anderen Datenbanken ernstnehmen. Allerdings kann man nicht sa gen, daß Phoenix aus der Asche der anderen Datenbanken entstanden ist, da sie ja weiterhin auf dem Markt sind und verkauft werden. Außerdem handelt es sich bei Phoenix um eine völlig neue Entwicklung, die auf einem ganz anderen Datenbankkern aufbaut, als er z.B. bei Adimens verwendet wird. Es sind viele Dinge verwirklicht worden, die bei anderen Datenbanken gänzlich fehlen.

ST-Computer: Was ist denn nun alles Herausragendes neu?

Dieter Geiß: Zunächst haben wir versucht, die Bedienung von Phoenix möglichst komfortabel und intuitiv zu machen. Dazu haben wir uns aus innovativen Benutzeroberflächen, wie z.B. Windows 3, NeXT Step, Motif etc., das Beste herausgesucht und sauber unter GEM verwirklicht.

Jürgen Geiß: Außerdem verfügt Phoenix über einen netzwerkfähigen Datenbankkern, der alle Arten von Daten, u.a. auch Grafik und Sound, in beliebiger Größe verwalten kann.

ST-Computer: In beliebiger Größe! Das dürfte dann ja extrem speicherintensiv werden.

Jürgen Geiß: Ja, Grafiken lassen sich in beliebiger Größe, also auch größer als 640x400 (Anmerk. d.Red.: hohe Auflösung des ST), im IMG- oder Metafile-Format einbinden. Digitalisierte Sounds kann man ebenfalls einbinden. Wir benutzen dazu den Volks-Sampler von Galactic. Man kann sich also z.B. eine Schallplattendatei vorstellen, bei der die Refrains der einzelnen Songs gesampelt wurden oder eine ornithologische Datenbank mit Bildern und Stimmender einzelnen Vögel.

ST-Computer: Wird Phoenix bei solchen Datenmengen nicht unheimlich langsam?

Dieter Geiß: Nein, denn es verfügt über einen frei einstellbaren Index-Cache, der ein schnelles Suchen und Scrollen auf dem Bildschirm ermöglicht.

ST-Computer: Also keine Kaffeepausen mehr beim Bearbeiten von Datensätzen?

Dieter Geiß: Genau, die Cache-Größe ist nur vom Arbeitsspeicher begrenzt.

Jürgen Geiß: Neu ist auch noch die Möglichkeit, mehrere Datenbanken gleichzeitig zu öffnen und vor allem, daß bis zu 6 Prozesse parallel ablaufen können. Sie können also z.B. im Hintergrund Adreßaufkleber drucken oder Daten exportieren, während Sie gleichzeitig nach irgendwelchen Kunden suchen.

Dieter Geiß: Und ein besonderer Clou ist unser kontextsensitives Hilfesystem, das ständig verfügbar ist, also z.B. auch in den Dialogboxen von Phoenix. Ansonsten funktioniert es ähnlich den On-Line-Hilfen bei diversen Programmiersprachen wie z.B Turbo C.

ST-Computer: Verleitet das nicht gerade zu Raubkopien, wenn man quasi das Handbuch gleich im Programm mitgeliefert bekommt?

Dieter Geiß: Das kann man natürlich so sehen, aber in moderner Software liegt der Trend eindeutig bei On-LineHilfesystemen. Manche Software-Firmen liefern für ihre Programmpakete mittlerweile komplette Tutorials mit Beispielen etc. in dieser Form mit.
Was die Raubkopien betrifft, so kann man dazu nur sagen, daß Phoenix und die Datenbanken über eine Seriennummer verfügen und deshalb leicht identifiziert werden können. Außerdem wird ein ernsthafter Anwender sich Phoenix kaufen, da man erst durch das Handbuch die nötigen Zusammenhänge und das Verständnis für komplexere Datenbanken erhält. Im Hilfesystem werden die betreffenden Funktionen erklärt, nicht aber, was man zum Erstellen von Datenbanken mit Phoenix wissen sollte. Das Hilfesystem ist also kein Ersatz für das Handbuch.

ST-Computer: Man muß also weiterhin brav das Handbuch studieren. Aber wie gestaltet sich die Neuanlage einer Datenbank?

Jürgen Geiß: Natürlich muß man das Handbuch nicht in- und auswendig kennen, aber man sollte doch schon mal einen Blick hineingeworfen haben. Doch nun zur Neuanlage. Phoenix besteht aus zwei Modulen, dem Designer- und dem Manager-Modul. Man erstellt also im Designer-Modul auf einfache Art und Weise seine Datenbankmaske und kann sie dort konfigurieren. Die Maske kann einfach mit der Maus erstellt werden, und es lassen sich sogar grafische Elemente berücksichtigen. Verzichtet man auf Grafik, wird automatisch eine Standardmaske erstellt. Fertig! Man braucht dann seine Daten nur noch im Manager-Modul einzugeben.

ST-Computer: Das kommt einem teilweise irgendwie bekannt vor.

Jürgen Geiß: Wie bereits oben gesagt, haben wir bewährte Konzepte übernommen und weiterentwickelt. Vor allem ist durch neue Datentypen eine große Flexibilität erreicht worden. Es gibt Muß-Felder, eindeutige Schlüssel und einiges mehr.

ST-Computer: Und was mache ich mit meiner alten Datenbank?

Jürgen Geiß: Hier muß man einfach seine Maske im Designer nachbauen und die Daten im Manager mittels der ImportFunktion einlesen. Fertig! Dazu müssen die Daten als ASCII-Text vorliegen, was aber wohl jede Datenbank erzeugen kann. Lediglich die Datensatztrennung muß übereinstimmen. Sie läßt sich in Phoenix aber frei einstellen.

ST-Computer: Wird Phoenix auch auf andere Computer, wie z.B PC, Macintosh, Amiga oder NeXT, portiert werden?

Dieter Geiß: Zunächst wird es Phoenix nur auf dem ST bzw. TT geben, allerdings wäre auch eine Version für andere innovative Benutzeroberflächen durchaus denkbar, da wir diesbezüglich über einige Programmiererfahrung verfügen. Doch das ist noch nicht spruchreif. Ziemlich sicher ist jedoch, daß es Phoenix für den Amiga nicht geben wird.

ST-Computer: Sie haben gesagt, Phoenix läuft auf dem ST und dem TT. Welche Rechnerkonfiguration sollte man denn für Phoenix haben, und gibt es eine, unter der Phoenix Probleme macht?

Dieter Geiß: Phoenix läuft auf dem ST/ TT mit mindestens 1 MB Speicher. Eine Festplatte sollte man auch haben. Ansonsten kann man Großbildschirme, TurboBoards etc. benutzen. GDOS wird voll unterstützt; man kann also z.B. auch einen anderen Bildschirmzeichensatz verwenden. Phoenix ist "sauber" programmiert, was wir ja auch in unserem Buch "Vom Anfänger zum GEM-Profi" propagieren.

ST-Computer: Zugegeben, durch die mangelnde Standardisierung seitens Atari ist Ihr Buch durchaus zu einem Leitwerk geworden. Aber, wenn wir gerade beim Programmieren sind, wird es eine Programmierschnittstelle zu Phoenix geben?

Jürgen Geiß: Im Prinzip wäre so etwas denkbar, allerdings nur für C, da das komplette Programm in C geschrieben ist, und man somit auf entsprechende Routinen zurückgreifen könnte. Aber das ist Zukunftsmusik.

ST-Computer: Bleibt nur noch zu fragen, in welcher Preisklasse sich Phoenix bewegen wird?

Jürgen Geiß: Ich denke, daß Phoenix mit einem Verkaufspreis von DM 398,- für eine Single-User-Version einen Vergleich mit der Konkurrenz nicht zu scheuen braucht. Eine Version für Mehrfachbenutzer wird folgen.

ST-Computer: Wir danken für dieses Gespräch.

Dieter und Jürgen Geiß ...
... sind als eineiige Zwillinge am 4.6.1958 in Heidelberg geboren. Von 1980 bis 1988 studierten beide an der Universität Karlsruhe Informatik. Von 1986 bis Anfang/Mitte 1989 waren sie maßgeblich an der Entwicklung der Datenbank Adimens beteiligt. Seit 1989 sind beide bei BASF als Informatiker beschäftigt. Zwei Bücher über GEM-Programmierung wurden im Hüthig-Verlag veröffentlicht. Die Entwicklung des Datenbanksystems Phoenix, das im März 1991 veröffentlicht werden soll, nimmt sie seit 1989 in Anspruch.


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