Postspiele: Da geht die Post ab!

Spielen per Brief oder Telefon — eine Alternative für alle, die kaum Gelegenheit zum Vergnügen in geselliger Runde haben. Aber was hat Postspielen mit dem Computer zu tun?

Jetzt kommt Leben in Ihren Briefkasten! Können Sie sich vorstellen, Ihrem Ersatzrivalen eine wichtige Transaktion zu vermasseln und ihn dadurch dem wirtschaftlichen Siechtum anheimzugeben? Sie werden den Tag verfluchen, an dem Ihnen der Postbote die Nachricht zuspielt, daß Ihre ganze intergalaktische Flotte aufgerieben ist und niemals den Adrenalinstoß vergessen, wenn Sie erfahren, daß Sie Shogun sind oder Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Doch von vorne: Begonnen hat die Postspielerei schon sehr früh mit dem Briefschach. In den siebziger Jahren kamen dann die Hacker von Silicon Valley auf die Idee, fantastische Welten im Computer zu simulieren und entwarfen die ersten komplexen Spielsysteme, aus denen sich auch die späteren Rollenspiele und Adventures entwickelten. Über Mailboxen und Netzwerke lebten sie ihre Fantasieabenteuer gemeinsam aus, auch wenn die Teilnehmer viele Kilometer voneinander entfernt wohnten.

Auch Postspieler sitzen sich nicht an einem Tisch gegenüber: Sie schicken ihre Spielzüge einem gemeinsamen Spielleiter, der die Aktionen mit dem Computer auswertet und die Ergebnisse dann den durchschnittlich 30 Mitspielern mitteilt. Auch die Kommunikation der Mitspieler untereinander erfolgt über Briefe. Je nach Spieltyp erfolgt etwa alle zwei Wochen ein Zug, so daß jeder Mitspieler genügend Zeit hat, seine Züge auszutüfteln oder gemeinsame Aktionen mit Verbündeten abzusprechen. Wer für so lange Zeiträume nicht die Nerven hat, spielt einfach bei Systemen mit kürzeren Zyklen mit, greift zum Telefon oder Modem.

Rund 6 Mark kostet neben den Portogebühren jeder Spielzug, an dem man je nach Engagement zwischen ein und zwei Stunden knobelt. Das Postspielvergnügen ist also etwa so teuer wie Kino. Derzeit aktivster und größter Postspielanbieter in Deutschland ist der Gelsenkirchener Peter Stevens. Er bietet derzeit sechs verschiedene Postspielsysteme an. Wer einsteigen will, meldet sich an und zahlt rund 10 Mark für die Spielregeln. Dann geht das Fernspielvergnügen auch schon los.

In »Feudalherren« z. B. geht es um die Ritter der Tafelrunde: König Artus ist tot und bis zu 15 Barone liefern sich Fehden um die Thronfolge. In der Wirtschafts- und Militärstrategiemission geht es darum, möglichst viele der 30 computergesteuerten und 15 »echten« Lehen zu unterwerfen, alle Konkurrenten auszuschalten und König von England zu werden.

Postspiel-Guru Stevens

»Galaxis« spielt in ferner Zukunft: ein unkompliziertes Science-fiction-Postspiel mit Wirtschaftselementen. Ziel ist es, durch Kolonisation eigener und Eroberung fremder Welten möglichst viele Punkte zu sammeln und beim eher zufälligen Spielende die Nase vorn zu haben.

»Illuminati« beschäftigt sich in satirischer Weise mit der Trilogie der amerikanischen Schriftsteller Robert Wilson und Robert Shea. Jeder Spieler beherrscht eine ultrageheime Gruppe von Verschwörern, deren Ziel es ist, durch Bestechung, Infiltration und Gewalt die Kontrolle über möglichst viele Institutionen zu erlangen — vom CIA über die Grauen Panther bis zur Weltbank. Wer mehr als 36 Gruppen kontrolliert, hat gewonnen.

»Railway« ist eine Wirtschaftssimulation und spielt während des amerikanischen Bürgerkriegs. Als Eisenbahnmogul errichtet der Spieler ein möglichst großes Imperium durch Spekulation, Manipulation, Kauf und Verkauf.

»Shogun« spielt natürlich im mittelalterlichen Japan und ist eine anspruchsvolle militärische und Wirtschaftssimulation für absolute Profis. Jeder Spieler beherrscht anfangs eine von 86 kleinen Provinzen und versucht im Verlauf des Spiels, ganz Japan zu erobern. Shogun ist ein Spiel für 25 bis 31 Spieler, (hu)

Bestellungen und Anmeldungen bei: Peter Stevens Postspiele GmbH & Co, Zeppelinallee 64, 4650 Gelsenkirchen


Hartmut Ulrich
Aus: ST-Magazin 04 / 1992, Seite 128

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