Was lange währt (2): Notensatzprogramm Masterscore II

Steinbergs klassisches Notensatzprogramm Masterscore II meldet sich nach langer Zwangspause zurück. Das neue Zauberwort im Notensatz heißt »DMP« — Desktop Music Publishing.

Die verschiedenen Attribute für Notenrahmen
Sechs Fenster lassen sich gleichzeitig öffnen

In der ersten Folge haben wir die musikalischen Features von Masterscore II zerpflückt. Heute betrachten wir den Layoutmodus, der die gestalterischen Feinheiten erledigt. Hier zeigen sich die überragenden Fähigkeiten von Masterscore.

Calamus-Kenner, die das Layoutprinzip von Masterscore verstehen wollen, dürfen sich freuen — vieles wird Ihnen bekannt Vorkommen. Das neue Masterscore-Layout arbeitet rahmenorientiert, auch Anfänger können damit nach kurzer Gewöhnungszeit Notensysteme nach Belieben auf dem Dokument verschieben, Textrahmen hinzufügen, mit Rasterflächen Bereiche abdecken oder für eine ansprechende Seitengestaltung sorgen. Im Gegensatz zu den meisten DTP-Programmen ist es hier möglich, bis zu sechs Satzdokumente gleichzeitig zu bearbeiten.

Masterseiten

Wichtig: Vor Detailarbeiten müssen Papierformat und Druckauflösung definiert werden. Masterscore bietet hierzu eine umfassende Auswahl verschiedener Standardformate sowie variable Satzspiegel — darunter versteht der Layouter den bedruckbaren Bereich des Papiers. Linksrechts-Orientierung der Druckseiten ist ebenso möglich wie fortlaufende Seitennumerierung getrennter Notendateien, was vor allem bei großen Arbeiten im Batch-Modus interessant ist.

Für Vorlayouts stellt Steinbergs Notensetzer »Master«-Seiten zur Verfügung. Ihr Prinzip ist leicht nachvollziehbar. Sie bieten die Möglichkeit, für wiederkehrende Arbeiten Standardsatzspiegel als Templates zu definieren. Die sind natürlich jederzeit nachladbar. Darüber hinaus können Sie auch Standardtexte wie Seitenbezeichner, Copyrights-Vermerke oder Titelzeilen bestimmen.

Auch für den Umbruch des Notentextes bietet Masterscore II diverse Werkzeuge. Notentextzeilen lassen sich an jeder beliebigen Stelle brechen. Ebenso können Sie — z. B. zum Umblättern — starre Seitenenden festlegen. Jede Notenzeile steht in einem eigenen Rahmen und läßt sich dadurch individuell plazieren: Besonders praktisch für Instrumentalschulen oder anspruchsvolles Notensatzlayout mit Text- und Grafik-Einbindung.

Für die Textzuordnung sieht das Programm mehrere Varianten vor. Fonts und Schriftarten lassen sich im voraus festlegen. Dadurch können z.B. Notensystembezeichner anders aussehen als Triolen-Ziffern. Freilich lassen sich all diese Textattribute auch nachträglich ändern.

Spielanweisungen wie »con sordino«, »leggiero«, etc. dürfen Sie beliebig auf der Seite plazieren — wenn's sein muß, sogar direkt auf den Notentext. Akkordbezeichner und Gesangstexte schreiben Sie einfach zeilenweise zu den entsprechenden Noten. Masterscore bricht den vorhandenen Notensatz automatisch um und stellt die Texte mittig zu den Noten.

Die Toolbox hält die Werkzeuge stets parat

Für längere Texte eignen sich Textrahmen. Besonders interessant sind Rahmen für Folgestrophen, Gesangsstücke mit viel Lyrik oder einfache Liederbücher. Da der Textmodus natürlich nicht mit einem Textverarbeitungsprogramm vergleichbar ist, bietet es sich an, Libretti mit einem Text-Editor vorzubereiten und als ASCII-Datei einzulesen. Die Inhalte der Textrahmen lassen sich wahlweise links-, rechtsbündig oder mittig darstellen.

Auch freifliegender Text, also beliebig und unabhängig von Noten plazierbare Anmerkungen, läßt sich mit allen verfügbaren Attributen versehen.

Verschieben ist eines der Schlüsselwörter in Masterscore II. Der Micromove-Modus plaziert alle erdenklichen Elemente, aus denen sich der Notensatz zusammensetzt. Das Prinzip ist so einfach wie genial. Masterscore verteilt nach Ihren Vorgaben automatisch die Noten optimal in einer Notenzeile. Sie können anschließend beliebig Noten aus der vorgegebenen Metrik verschieben, Notenhälse verlängern oder stauchen, gesetzte Artikulationszeichen wie Staccato-Punkte, aber auch komplette Gitarrengrifftabellen verschieben. Legatobögen, Crescendo-bzw. Decrescendo-Zeichen lassen sich verformen. Triller- und Arpeggio-Linien, Häuser, Pedal-Linien etc. sind veränderbar. Sämtliche, nachträglich zum Notentext eingefügten Sonderzeichen, Texte, aber auch komplette Notenzeilen, lassen sich mitsamt dem musikalischen Kontext positionieren. Doch damit nicht genug: Artikulationszeichen können Sie wahlweise auf Notengrenzen einrasten lassen (Snap Specials) oder freifliegend setzen.

Auch große Orchesterpartituren sind kein Problem
Layoutmenüs: Wichtig für Text- und Chord-Eingaben

Fünf Auflösungen

Die Freiheit, die Masterscore II einem Komponisten oder Notensetzer bietet, kann aber auch gefährlich werden. Der Setzer ist durch den Micromove-Modus nämlich durchaus in der Lage, unsinnigen Satz zu produzieren. Beispiel: Noten über den Taktstrich hinausschieben.

Das ausführliche Handbuch warnt den Anwender, sich nicht selbst zu überfordern, seriös zu arbeiten und die Freiheiten nicht zu übertreiben. Professionelle Setzer beschränken sich meist auf wenige Schriftarten. Um ein Gefühl für guten Notensatz zu bekommen, empfehlen wir nicht nur Laien und Anfängern die Lektüre von Herbert Chlapik, »Die Praxis des Notensetzers« [3].

Leider kann Masterscore II keine Grafiken einlesen. Allerdings läßt sich diese Schwachstelle elegant umgehen: Masterscore verwaltet nämlich neben Noten-und Textrahmen noch Blank-Rahmen, die sich als Graurasterflächen mit verschiedenen Abstufungen darstellen lassen. Diese Rahmen haben einen variablen Rand. Damit sind auch völlig weiße Flächen möglich — als Platzhalter für Grafiken oder zum Überdecken unerwünschter Notentexte.

Zur Vollendung Ihres Meisterwerks bieten sich fünf Bildschirmauflösungen, Hilfswerkzeuge wie Lineal, Fadenkreuz, Raster, Bemaßung in Zentimeter' oder Zoll, Seitenzahlplatzhalter mit wählbarem Offset sowie Snap- und Globals-Funktionen an.

Masterscore II hält an der bewährten Technik fest, mit verschiedenen Druckertreibern unterschiedliche Druckergebnisse zu erzielen. Um den verbesserten Auflösungen in der aktuellen Drucktechnik gerecht zu werden, schrieb man komplett neue Druckeranpassungen und -Treiber. Das Tempo ist bei der höchsten Auflösung — besonders schlimm macht es sich bei 24-Nadlern bemerkbar — recht gering und nur für den »Letzten Ausdruck« akzeptabel. Für Testausdrucke verwenden Sie besser andere Druckeranpassungen, die — zu Test- und Korrekturzwecken — erheblich schneller sind.

Das Prinzip, die hochwertigen, dafür aber langsamen Drucke im Batch-Betrieb selbständig vom Drucker erledigen zu lassen, blieb bestehen. Aufwendige und umfangreiche Partituren können Sie so einfach über Nacht drucken. Bleibt zu hoffen, daß sich das Geschwindigkeitsproblem in einem der nächsten Updates erledigt.

Dicker Wermutstropfen: Die Druckausgabe über Laserbelichter ist noch nicht implementiert! Aber nachdem Masterscore-Chefprogrammierer Charly Feichtinger lange Zeit durch eine schwere Krankheit aus dem Rennen geworfen war — wofür die Steinberg-Fans und alten Masterscore-Anwender sicher Verständnis haben — wäre es auch zu schön, wenn alles perfekt wäre, (mn)

WERTUNG

Masterscore II

Hersteller: Steinberg Soft- und Hardware GmbH
Preis: 690 Mark
Kopierschutz: Key am ROM-Port

Stärken: professioneller Notensatz; eigene Zeichenbibliothek erstellbar; einfach zu bedienen; große Layoutfreiheiten

Schwächen: wenig Schriftfonts verfügbar; nicht TT-fähig; langsame Ausdrucke bei höchster Auflösung

Fazit: In der Spitze der Notendruckprogramme anzusiedeln.

Vertrieb: TSI GmbH, Neustr. 9-12,5488 Waldorf

Quellennachweis:

[1] Kai Schwirzke, Steinbergs Meisterschreiber, ST-Magazin 10/89, Seite 111ff
[2] Gerhard Zilligen, Notendruckprogramme für Atari ST, Keyboards 7/88, Seite 98ff
[3] Herbert Chlapik, Die Praxis des Notensetzers, Döblinger Wien, 1987


Stephan König
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