Didacta 89: Bildung, wohin man schaut

Einplatinen-Lehrsystem auf 68000er-Basis und Experimentier-Systeme für den ST

Stuttgart, der Nabel der Welt? So schien es zumindest vom 27. Februar bis zum 3. März 1989, als das Stuttgarter Messezentrum am Killesberg seine Tore öffnete, um 71.900 Besuchern den Zugang zur größten Bildungsmesse seit Bestehen der »didacta« zu gestatten. Alle Produkte, die im weitesten Sinne mit Ausbildung zu tun haben, zeigten sich dem interessierten Besucher. Vom Zeichenstift bis zum Schultisch, vom Buchverlag bis zur Schiefertafel präsentierte sich das Handwerkszeug der Bildung. Fast übermächtig traten hier die modernen Informations- und Kommunikationsmittel auf. Au-dio-/Video -Geräte, Lehr- und Lernsoftware, Autorensysteme, Schulungscomputer und Klassennetzwerke galt es allenthalben zu bestaunen oder praktisch zu erproben.

Ausbildung mit dem ST

In diesem traditionell von MS-DOS-Computern beherrschten Markt finden sich in zunehmendem Maße auch Anwendungen für den ST. Die Leistungsfähigkeit und der günstige Preis dieser Computer macht sie für Schulen und Universitäten attraktiv. So zeigten sich Vertreter einiger Kultusministerien bereit, den Atari ST für bestimmte Ausbildungsbereiche in allgemeinbildenden Schulen zu empfehlen. Leider waren die meisten Anbieter von Lernsoftware für den Atari ST nicht in Stuttgart vertreten, trotzdem gab es einige Anwendungen zu sehen.

Herausragend wohl ein Programm, das den Computer als Lernhilfe für das Lippenlesen einsetzt. Die Software entstand als Diplomarbeit am Institut für Elektronik und Kommunikationswissenschaften der Technischen Universität Berlin. Der Programmautor Thomas Baumgärtner sowie sein Betreuer Dipl.-Ing. Hans Bothe stellen mit dem Programm eine effektive Lernhilfe für Gehörlose vor. Die »Computerlernhilfe für das Lippenlesen« zeigt trickfilmartig die Lippenbewegungen bei der Artikulation von bisher 41 Lauten der deutschen Sprache. Dabei verknüpft das Programm diese Einzellaute zu vollständigen Worten und Sätzen. Als besonders hilfreich erweist sich die grafische Unterscheidung der stimmhaften und stimmlosen Laute. Die Entwickler unterziehen das Programm jetzt einer praktischen Erprobung. Mit der wissenschaftlichen Auswertung der Ergebnisse rechnen sie in etwa einem dreiviertel Jahr.

Lernprogramm für Gehörlose auf dem Atari ST

Vor allem auf industrielle innerbetriebliche Schulung und Anwendungen in Berufsschulen ausgerichtet ist das »68000er Lehrsystem« der Firma Bardehle. Zu sehen waren Einplatinencomputer auf Z80-, 8088- und 68000er-Basis sowie eine Reihe von Erweiterungs- und Experimentierplatinen. ECB-Bus-Adapter, V.24/RS232-Interface, IOM-Board und besonders das Applications-Board erlauben vielfältige Anwendungen im Bereich Messen, Regeln und Steuern. Die Verbindung mit dem Atari ST als Steuerrechner ist hier sehr naheliegend und wurde vom Fachpublikum interessiert aufgenommen Wir berichten über diesen Einsatz des Atari ST zu einem späteren Zeitpunkt ausführlich.

Auch die Firma Conditek zeigte Hardwarezusätze für den Atari ST. Über die serielle Schnittstelle steuert der Computer eine Reihe von Funktionsmodulen wie Relaisbaustein, Anzeigemodule, AD-DA-Wandler, Spannungsregler, Eingänge und Tasterelemente. Das System ist besonders für den Schuleinsatz geeignet, wo es auf einfache und betriebssichere Funktionsweise ankommt. Daneben sind auch Anwendungen im Hobbybereich denkbar. So steuerte hier der ST eine kleine Modelleisenbahn.

Über RS232 steuert der Atari Hardware in der Schule

Den reinen Lernprogrammen hat sich der Ostermann Verlag mit seiner »Heureka Teachware« zugewandt. Hier finden Sie eine Reihe von Lernprogrammen für Französisch und Englisch sowie Mathematik für die Klassenstufen 5 bis 10. Die Lernsoftware für den Fremdsprachenunterricht ist auf die Schulbücher des Klett-Verlages abgestimmt und stellt somit eine ideale Ergänzung zum herkömmlichen Schulunterricht dar. Vor allem im musikalischen Bereich hat der Atari ST eine unangefochtene Spitzenposition inne. MultiMedia zeigte eine Reihe von Sequenzern, Klangeditoren, Notendruckprogrammen und anderen MIDI-Anwendungen, die auch für den Musikunterricht geeignet sind. Professionelle Ausbildung in Musikproduktion und audio education bot die »School of Audio Engineering« (SAE). In Kursen über MIDI, Video-Post-Produktion und im praktischen Studiobetrieb findet der ST in dieser Ausbildung zum Toningenieur vielfältig Verwendung. (wk)


Wolfgang Klemme
Aus: ST-Magazin 05 / 1989, Seite 151

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