Quo Vadis Atari? 20 Jahre Atari

Am 27. Juni 1972 gründete Nolan Bushnell zusammen mit einem Freund und 500 Dollar Startkapital die Firma Atari mit dem Ziel, Spielautomaten zu bauen. Nach der Übernahme von Atari durch lack Tramiel 1984erblickte der ST das Licht der Welt, heute wartet man auf den Falcon 030. Hier lesen Sie die spannende Geschichte dieser Firma von der Spielekonsole bis zur Multimedia-Maschine Falcon.

Als Sohn einer Mormonenfamile wurde Nolan Bushnell 1943 im US-Bundesstaat Utah geboren, wo er auch aufwuchs. Während der Schulzeit arbeitete nebenbei sehr viel, so daß seine Zeugnisse eher mäßig ausfielen. Sein Ingenieurdiplom erhielt er 1968 nach seinen eigenen Worten »als 197ter von 197«. Während seiner Studienzeit kam Nolan zum erstenmal mit Computern in Berührung und seine Neigung zu Spielen veranlaßte ihn, Computerspiele zu programmieren. Mit seiner ersten Anstellung als Entwicklungsingenieur bei Ampex war Nolan nicht zufrieden, ja sie langweilte ihn. Da er verheiratet war und eine Familie zu versorgen hatte, war er aber auf das Einkommen angewiesen. Er nutzte damals jede freie Minute, um neue Computerspiele zu entwickeln. Sein erstes Spiel hieß »Computer Space« und wurde ein Flop. Das besondere an Computer Space war, daß es das erste Computerspiel war, das als Hardware keinen Großrechner oder Minicomputer verlangte, sondern auf einem kleinen Rechner lief, der in einer Kiste Platz fand.

Als Nolan untersuchte, warum sich sein Spiel nicht vermarkten ließ, kam er zu der Erkenntnis, daß es zu kompliziert war. Man mußte erst das Handbuch studieren, um Computer Space spielen zu können. Als Konsequenz begann er sofort mit der Entwicklung eines neuen Games, das so einfach sein sollte, daß jeder sofort damit spielen konnte.

Das Ergebnis war ein simples Tischtennisspiel auf dem Bildschirm, bei dem die Spieler mit einem oder zwei Drehknöpfen ihre Schläger, einen senkrechten Strich auf dem Monitor, nach oben oder unter bewegen konnten. Nolan nannte sein Spiel »Pong«. Pong wurde das erste Computerspiel, das sich kommerziell verwerten ließ.

Nolan steckte sein Spiel in ein Gehäuse. Nachdem man einen viertel Dollar eingeworfen hatte, startete das Spiel. In einer Studentenkneipe in Sunnyvalle durfte er seine Maschine zur Probe aufstellen. Doch schon nach 28 Stunden rief ihn der Besitzer an, damit er sie wieder abhole, denn das »Ding« funktioniere nicht mehr. Niedergeschlagen wollte Nolan den Pong-Automaten abholen, doch als er ihn noch in der Gaststätte untersuchte, erlebte er eine Riesenüberaschung: Pong funktionierte tatsächlich nicht mehr. Der Fehler lag aber nicht an Nolans Konstruktion, sondern es war einfach der Behälter für die Münzen so voll, daß sich keine neuen Quarter mehr einwerfen ließen. In diesem Augenblick wußte Nolan, daß er mit Pong reich werden würde. Er leerte den Behälter und die Leute begannen sofort wieder, Geld in seinen Automaten zu werfen.

1972 kündigte Nolan seinen Job, um mit Ted Dubney und je 250 Dollar Einlage eine eigene Firma zu gründen. Da Nolan damals oft das japanische Brettspiel Go spielte, entschied er sich, als Firmennamen einen Go-Ausdruck zu verwenden. Die endgültige Wahl fiel auf »Atari«, was soviel wie Schach bedeutet.

Die erste »Pong-Machine« lieferte Atari im November 1972 aus, 1973 verkaufte das junge Unternehmen bereits 10 000 Spiele zum Stückpreis von 1200 Dollar. Es dauerte noch bis 1975, bis Atari eine Pong-Version entwickelte, die am Fernsehgerät lief. Auch diese Version wurde ein Riesenerfolg. Allein Sears, eine amerikanische Warenhauskette, kaufte 100 000 Spiele. 1976 erreichte Atari bereits einen Umsatz von über 20 Millionen Dollar. In diesem Jahr verhandelte Nolan mit Steve Jobs darüber, ob Atari einen von Jobs und Steve Wozniak entwickelten Personal Computer bauen sollte. Das Geschäft kam leider nie zustande, so daß Jobs kurzerhand seine eigene Firma »Apple Computer« gründete. Durch den großen Erfolg Jobs angeregt, brachte Atari kurze Zeit später eigene Computer der 400-und 800-Serie heraus.

Da Nolan wußte, daß er kein guter Geschäftsmann war, entschloß er sich in diesem Jahr, seine Firma zu verkaufen. Er befürchtete nämlich, alles zu verlieren, wenn Atari einmal zu groß für ihn sein würde. Warner Communication erwarb schließlich Atari für 28 Millionen Dollar, von denen 15 Millionen direkt an Nolan gingen.

Als Geschäftsführer setzte Warner Raymond Kassar ein, der vorher 25 Jahre bei Burlington Industries, einem führenden Modehersteller, gearbeitet hatte. Kassar titulierte Larry Kaplan, Dave Crane, Al Miller und David Whitehead, die vier besten Spieleentwickler Ataris, als »Handtuch-Desinger«, da diese am Erfolg der Firma mit einer Provision beteiligt sein und namentlich auf den Spieleverpackungen aufgeführt sein wollten. In diesem Gespräch sagte er weiter: »Ich habe mit Typen wie euch schon oft zu tun gehabt. So gut seid ihr nun auch wieder nicht. Außerdem leistet ihr nichts besonderes, ein Spiel kann schließlich jeder entwickeln.«

Diese Haltung sollte Atari schließlich in den wirtschaftlichen Ruin treiben. Kassar mußte bereits nach fünf Monaten ohne eigene Entwickler auskommen, da Crane, Miller und Whitehead kündigten, um ihre eigene Firma »Activision« zu gründen. Andere Entwickler verließen Atari etwas später und gründeten »Imagic«. Beide Unternehmen entwickelten sich zu erbitterten Konkurrenten von Atari. Bis 1985 nahmen Ataris Verluste von Jahr zu Jahr zu, bis die Firma schließlich nicht mehr zu halten war. Über eine New Yorker Bank trat Warner an Jack Tramiel heran, der erst vor kurzem die von ihm gegründete Firma Commodore verlassen hatte. Tramiel übernahm schließlich Atari. Damit begann ein neues Kapitel in der Geschichte Ataris, das bis heute noch nicht zu Ende geschrieben wurde.

Doch wer war dieser Jack Tramiel eigentlich und warum ließ er sich auf das Abenteuer Atari ein? Tramiel wurde im September 1928 in Lodz, Polen, geboren. 1947 wanderte er nach Amerika aus, wo er in die Armee eintrat, um die englische Sprache und einen Beruf zu erlernen. Während der Militärzeit lernte er alles über Schreibmaschinen. Mit einem Freund aus der Armeezeit gründete er ein paar Jahre später die Firma »Commodore Portable Typewriter« mit Sitz im New Yorker Stadtteil Bronx. Das Unternehmen lebte davon, Schreibmaschinen zu reparieren und gebrauchte Geräte zu kaufen, neu aufzubauen und die überholten Maschinen wieder zu verkaufen. 1956 verlegte Jack das Geschäft nach Toronto, Kanada. 1958 erhielt sie den Namen »Commodore Business Machines«.

Jack war davon überzeugt, mit Commodore das große Geschäft zu machen, doch fehlte ihm für seine Pläne das nötige Kapital. Auf seiner Suche nach potenten Geldgebern stieß Jack auf Irvin Gould, einen Risikokapitalgeber aus Kanada. Nachdem Jack einen Anteil von Commodore an Gould abgab, der es diesem erlaubte, die Firma zu kontrollieren, finanzierte Gould das Unternehmen und wurde Vorstandsvorsitzender.

Ungeachtet seines Postens gestattete es Gould, daß Jack Commodore nach seinen Vorstellungen leitete und aufbaute. In den frühen siebziger Jahren wurde Commodore als einer der führenden Anbieter von Taschenrechnern auf dem amerikanischen Markt akzeptiert. Jack bezog die Chips für die Rechner von Texas Instruments. Durch die Erfolge Commodores angeregt, entschloß sich TI 1975 selbst Taschenrechner zu produzieren. Dies entfesselte einen wahren Preiskrieg, bei dem Commodore trotz eines Umsatzes von 50 Millionen Dollar etwa 5 Millionen Dollar verlor.

Aus diesem Grund kaufte Jack die Firma MOS-Tech, eine Halbleiterfirma in Pennsylvania. Hierbei kam er das erstemal mit Microcomputern in Berührung. Bei einem Rundgang durch seine neue Firma stieß er auf einen von Chuck Paddle entwickelten Computer. Unter dem Namen PET wurde Paddies Rechner im Dezember 1976 angekündigt und nach einigen Verzögerungen hauptsächlich in Europa verkauft.

Der PET leitete eine Entwicklung im Heimcomputerbereich ein, die ihresgleichen sucht. Jack suchte nach Nischen am unteren Ende für seine Geräte PET, VC 20 und später auch den Commodore 24 im immer heißer umkämpften Computermarkt. Sein Slogan lautete: »For the masses not for the classes«. Daß er mit diesem Motto goldrichtig lag, beweisen die Zahlen von 1984: Umsatz über 1 Milliarde Dollar, Gewinn über 100 Millionen Dollar. Atari, der zu dieser Zeit wohl härteste Konkurrent von Commodore, mußte Verluste in dreistelliger Millionenhöhe verkraften.

Anfang 1984 verblüffte Jack die Branche, indem er seinen Ausstieg bei Commodore bekannt gab. Sein Besitz an Commodore-Aktien wurde damals auf einen Wert von etwa 100 Millionen Dollar geschätzt. Jack sagte später in einem Interview, daß ihn Meinungsunterschiede mit Irwing Gould zu diesem Schritt veranlaßten.

Kurz nach seinem Austritt trat wie gesagt Warner an Jack heran, ob er Atari nicht übernehmen wolle. Da ihm viele Commodore-Mitarbeiter inzwischen gefolgt waren, um mit ihm eine neue Computerfirma zu gründen, standen ihm bei der Übernahme neben der alten Atari-Mannschaft, von der er übrigens den größten Teil entließ, sofort vertraute Leute in der Entwicklungsabteilung und im Management zur Verfügung.

Jetzt kam zu Jacks Überzeugung, daß Geschäft Krieg sei, und nach der er bei Commodore so erfolgreich agierte, eine persönliche Komponente. Der Krieg ging weiter, aber in erster Linie gegen Commodore. Als erstes stellte er fast alle Atari-Produkte ein. Shiraz Shivji, der bei Commodore bereits den C 64 entwickelte, war mit zu Atari gewechselt. Hier zeichnete er nun für die Entwicklung des ST verantwortlich, der 1985 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Atari im Aufwind mit dem Falcon

Damals war der ST ein wirklich bahnbrechender Computer: preisgünstig, modern, da er über einen Motorola MC 68000 verfügte, und dank grafischer Benutzeroberfläche und Maus praktisch von jedem zu bedienen. Mit dem ST gelang es Jack sehr schnell, die angeschlagene Firma Atari aus den roten Zahlen zu führen.

1988 verließ der Chefentwickler Shiraz Shivji aus gesundheitlichen Gründen die Firma, so daß die Einführung des lange angekündigten neuen, besseren Atari TT immer wieder verschoben werden mußte. Als Atari endlich 1990 den TT als »ST mit 68030-CPU« verkaufte, stellte dieser Computer längst nicht mehr die Neuerung dar, die er noch vor zwei Jahren gewesen wäre. Kurz darauf rundete Atari die Produktfamilie mit dem Mega STE, einem schneller getakteten ST im TT-Gehäuse, ab.

Jack Tramiel zog sich von etwa 1989/90 an immer weiter aus den täglichen Geschäften bei Atari zurück. Die Leitung der Firma liegt nun in den Händen seines Sohnes Sam, aber Jack gilt nach wie vor als die »graue Eminenz« im Hintergrund und Entscheidungen von strategischer Bedeutung beeinflußt er immer noch bedeutend.

Außer Ankündigungen von neuen Maschinen und gelegentlichen Präsentationen von Prototypen auf Messen kam die letzten beiden Jahre eigentlich nichts Neues von Atari. Erst auf der Atari-Messe '92 in Düsseldorf erregte Atari wieder großes Interesse mit der Präsentation des Falcon 030. Dieser neue Computer verfügt über eine Hardware, die man sonst nur in Maschinen geboten bekommt, die ein Vielfaches des von Atari angestrebten Preises kosten. Der Falcon ist für den Einsatz als Multimedia-Maschine prädestiniert und ist zur Zeit vom Innovationswert her am ehesten dem ST bei dessen Einführung zu vergleichen. Denn mit dem Falcon fand Atari auch wieder zu seinem alten und bewährten Motto »Power without the price« zurück, mit dem Jack Tramiel Atari ab 1984 aus der wirtschaftlichen Krise führte.

Treten bei der Produktion und endgültigen Markteinführung des Falcon keine größeren Probleme mehr auf, dann kann man mit Spannung erwarten, wie sich die Geschichte Ataris in den nächsten 20 Jahren entwickelt. Wir gratulieren auf alle Fälle zum Jubiläum und wünschen für die Zukunft alles Gute.

Nolan Bushnell, der Gründer von Atari Jack Tramiel, die »graue Eminenz« von Atari Atari-Entwicklungschef Richard Miller

Shiraz Shivji, der »Vater« von C64 und Atari ST

Alwn Stumpf, langjähriger Geschäftsführer von Atari Deutschland im Gespräch mit Jack Tramiel (Mitte), dessen Frau Heather und den Söhnen Sam und Leonard Tramiel
Ulrich Hofner


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