Session-Partner: Combo im ST

Musizieren hat heute nur mehr wenig mit den langatmigen Geläufigkeitsübungen vergangener Tage zu tun. Just for fun ist Trumpf! Besonders hoch ist der Lustgewinn bei einer ganz neuen Spezies an MIDI-Programmen.

Warnung: Dieses Programm macht süchtig!!! So beginnt die Dokumentation des Session-Partners, und wie ernst dies gemeint ist, stellt sich bereits beim ersten Exkurs durch das Programm heraus. Die Zeit vergeht wie im Flug, und die Faszination, auf spielerische Art und Weise verblüffend raffinierte Klangwelten zu kreieren, packt Amateur und Profi gleichermaßen.

Der Session-Partner unterscheidet sich ganz erheblich von anderen herkömmlichen MIDI-Programmen, ist weder ein Sequenzer noch eine algorithmische Kompositionssoftware. Auch kann man keinerlei Melodien einspielen und hat auf Rhythmen, Akkorde nur sehr bedingten Einfluß. Die Idee hinter Session-Partner war es, den eintönigen Übungsalltag der Musiker abwechslungsreicher und interessanter zu gestalten. Er simuliert eine komplette Musikgruppe, die, wie bei einer Jam-Session, einfach drauflosspielt. Dabei richtet sich das Programm nach vordefinierten Harmoniestrukturen, einem gegebenen Tempo sowie einer entsprechenden Taktart. Auch beim Komponieren zeigt sich der Session-Partner kooperationsbereit und kompetent. Das Grundprinzip sieht so aus: Harmonischer Ablauf sowie Stil und Tempo des Stücks werden vom Benutzer zu Beginn festgelegt. Der Computer erzeugt dann MIDI-Signale, die dem entsprechen, was eine übliche Begleitautomatik, wie sie in manchen Keyboards eingebaut sind, spielen würde: Schlagzeug, Baßlinie, mehrere Akkordstimmen wie Gitarre und Orgel, dazu Percussion usw. Natürlich ist der Benutzer dafür zuständig, an seinen MIDI-Klangerzeugern für passende Sounds in geeigneter Lautstärkebalance zu sorgen. Andererseits ist es aber auch nicht strafbar, MIDI-Befehle, die fürs Schlagzeug gedacht waren, mit einem Klavierklang wiederzugeben.

Doch Session-Partner kann noch mehr. Die Arrangements sind nicht fixiert, sondern werden zufällig generiert, bildlich gesprochen: ausgewürfelt. Das Ergebnis fällt also jedesmal anders aus. Anwender, die schnell Resultate hören wollen, können einfach auf den Startknopf drücken, und Session-Partner generiert völlig selbständig ein ganzes Stück samt Harmoniefolge! Wer will, kann dem Rechner aber auch detaillierte Vorgaben machen. Um zu verstehen, wie das funktioniert, betrachten wir das Konzept dieser Software näher:

Session-Partner verarbeitet Harmoniefolgen und rhythmische Figuren getrennt. Das wird möglich, da sich die rhythmischen Figuren nur abstrakt auf Grundton, Terz, Quinte etc. des Akkords beziehen. Erst beim Abspielen bzw. während des Abspeicherns als MIDI-File werden diese Platzhalter durch die tatsächlichen Akkordtöne ersetzt. Die rhythmischen Figurationen basieren auf »Grooves«. Das Programm macht dabei 15 Standard Vorgaben von Disco-Funk bis Pop-Reggae in allen denkbaren Taktarten. Auch ein Swing-(Shuffle-)Faktor läßt sich einstellen. Jederzeit hat der Benutzer freien Zugriff auf sämtliche musikalische Parameter.

Programmieren wir zum besseren Verständnis mal ein »Baß-Riff«. Der Takt wird in Gruppen verschieden starker Schwerpunkte zergliedert. Der erste und der dritte Beat gilt als schwer, während die »Zwei« und die »Vier« als leicht aufgefaßt werden. Kommen kleine Notenwerte vor, teilen auch diese sich in schwere und leichte Bestandteile. Jeder Gruppe werden nun harmonische Töne zugeordnet. Wie häufig ein Ton an einer Stelle tatsächlich erklingt, bestimmt eine, in Prozent eingestellte Wahrscheinlichkeit. Hier ist also Zufall am Werk.

Für jedes Instrument kann eine bestimmte Anzahl von Takten bestimmt werden, nach de. sich seine rhythmische Figuration wiederholt. Mit Hilfe dieser Funktion lassen sich erstaunliche musikalische Linien erzeugen. Hat man beispielsweise einen vier-taktigen Riff und stellt den Baß auf eine Phrasenlänge von zwei Takten, spielt er während dieses Teils zweimal denselben Rhythmus. Dazu werden je nach Kadenz - darunter versteht der Musiker eine in sich geschlossene Harmoniefolge - passende Töne eingesetzt, so daß die Melodie in den letzten beiden Takten anders als in den ersten beiden klingt.

Interessante Ergebnisse erzielt man durch den Einsatz von »Parallelität« (rhythmisch oder auch tonal) oder »Gegenständigkeit«. Wenn dann Baß-Drum und Slap-Baß synchron arbeiten, geht der »Funk« richtig in den Magen. Überhaupt stellt dieser Stil eines der Glanzlichter von Session-Partner dar. Dazu trägt wesentlich bei, daß die »Snare« in verschiedenen Lautstärkestufen klingt und die Rhythmusgitarre durch schnelle »Note-Off«-Signale abgestoppt wird.

Das komplette Paket mit Hardwareschlüssel (Dongle)

Gelungen ist auch die Generierung von Schlagzeug-Breaks, die am Ende eines Parts abgerufen werden können. Sie lassen sich immer wieder zufällig erzeugen, liefern also immer neue Ergebnisse. Auch hier gibt es wieder reichhaltige Einstellmöglichkeiten. Wie im ganzen Programm darf man die detaillierten Gestaltungsmöglichkeiten aber auch ignorieren.

Doch nicht alles ist perfekt. So ist beispielsweise die Erzeugung der Melodiestimme nicht gerade das Ei des Kolumbus - diese Funktion kann man allenfalls für Bläsereinwürfe verwenden. Der programmierte Organist zählt ebenfalls nicht gerade zu den einfallsreichsten: Er kann die Akkorde mit der linken Hand (- tief) oder der rechten (-hoch) anschlagen und das war’s. So ein Mann würde sofort aus jeder Schülerband fliegen.

Der Hersteller wirbt damit, daß Session-Partner für Jazzer geeignet sei, die jemanden brauchen, der beim Improvisieren die Akkordfolgen des »Real-Book« mitspielt. Ein richtiges Swing-Feeling kann bei »Session-Partner« aber schon vom Prinzip her nicht aufkommen. Der Baß bleibt bei angemessenem Eingabeaufwand nämlich an die wesentlichen Akkordtöne gebunden, und damit ist ein in diatonischen oder sogar chromatischen Tonschritten wandernder »Walking-Bass« von vornherein ausgeschlossen.

Die Struktur des Programms macht es auch nicht gerade einfach, Akkorde in der jeweils günstigen Umkehrungen bzw. im idealen »voicings« zu spielen. Insbesondere bei der Akkordflächenstimme fällt dies unangenehm auf: Die Übergänge zwischen den einzelnen Harmonien sind manchmal sehr eckig. Ein Arrangeur aus Fleisch und Blut würde da viel mehr auf »Linie« achten. Der Session-Partner hat für Stimmführung weder Sinn noch Gefühl. Die Akkordwahl als solche macht auch nicht immer glücklich: Gerne würde man vielleicht auch mal Grundton und Quinte aus den Harmoniestimmen heraushalten, damit das Ganze nicht zu dick klingt. Das geht mit Session-Partner zwar im Prinzip, weil der Baß harmonisch getrennt geführt werden kann, ist aber sehr unübersichtlich.

Arbeiten mit Synonymen

Um Grooves zum Leben zu erwecken, muß er gewürfelt werden. Darum also die vielen Würfelsymbole auf der Hauptseite des Programms! Das Würfeln kann für die ganze »Band« oder auch nur für bestimmte Instrumente gelten, was besonders beim Variieren bereits vorhandener Stimmen nützlich ist. Daneben glänzt der Session-Partner mit diversen Kopierfunktionen. Grooves sind insgesamt oder instrumentenweise speicherbar. Der Hersteller sieht hier die Möglichkeit für einen Austauschservice, wo Anwender Riffs und Songs tauschen. Neben der rhythmischen Figuration ist das Harmonieschema die andere wichtige Grundgröße eines Songs. Der Session-Partner bietet auch hier fast alles, was das Herz begehrt. Neben der komfortablen Eingabe und Editierung fallen ein paar unerwartete Eigenschaften ins Auge: Die unabhängig führbare Baßstimme ermöglicht Bruchstrichakkorde und Umkehrungen. Harmoniewechsel können vorgezogen werden, und bei der Eingabe ist das Mithören der Harmonien möglich.

Bis zu 16 Parts lassen sich auf diese Weise erzeugen und in einer »Songtable« in beliebiger Reihenfolge zu einem Stück aneinanderreihen. Diese Technik kennt man ja zur Genüge vom Drum-Computer und aus diversen Sequencer-Programmen. Jeder der 16 Parts behält natürlich seine eigenen Einstellungen.

Der Aufbau der Songtable gestaltet sich dank Einfüge-und Löschfunktion eigentlich recht komfortabel. Wer will, kann sich sein Stück mittels Wiederholungsfunktion beliebig oft anhören. Zu Testzwecken läßt sich der Song-Ablauf auch durch einen Klick auf »Lock« auf einen bestimmten Part beschränken. An einen Vorzähler wurde gedacht und auch die Stummschaltung einzelner Stimmen, dem Musiker als »Muting« bekannt, wurde im »Session-Partner« integriert. Diese Stummschaltung läßt sich in die »Songtable« einbauen oder auch in Echtzeit bedienen.

Das übersichtliche Hauptfenster von Session-Partner

Grooves und Akkordfortschreitungen werden getrennt verarbeitet

Yamahas DX7 war der erste Synthesizer mit MIDI-Schnittstelle

Wer den Computer-Groove so gut findet, daß er gleich am Keyboard darüber »jammen« möchte, kann über die fehlende Softwareimplementation einer MIDI-Thru-Funktion stolpern: Verfügt man nur über ein Soundmodul und ein getrenntes Master-Keyboard, darf man das Keyboard getrost in die Ecke stellen. Denn woran sollte es angeschlossen werden? Also bleibt nichts außer Abspeichern des Stücks als MIDl-File und Einladen in einen Soft-Thru-fähigen Sequencer.

Session-Partner sieht an allen wichtigen Stellen Notizblätter vor — ein sehr hilfreiches Feature, das man selten in diesem Umfang findet. Die Programmdiskette ist nicht kopiergeschützt; statt dessen wird ein Schlüssel verwendet, der in den Joystick-Port gesteckt wird. Die Bedienungsanleitung ist sehr ausführlich und voller Anregungen. Ein »Tutorial« erklärt praktisch jeden denkbaren Mausklick sowie die Bearbeitung anhand eines Beispiel-Songs; ein weiteres Kapitel führt zudem in musikalische Grundbegriffe ein. Recht witzig ist der kleine Fuß, der das Tempo mitklopft. Verwirrend ist es andererseits, daß er es etwas eilig hat: Er gibt immer das doppelte Tempo vor.

Feinheiten wie umfangreiche Diskettenoperationen runden das Programm ab und unterstreichen das positive Gesamturteil.

Auswahlbox für Harmonie und Baßton

Wertung

Name: Session-Partner

Preis: 198 Mark

Hardware: Alle STs mit mindestens 1 MByte Hauptspeicher und TOS im ROM.

Monochromer Monitor zweiseitiges Laufwerk Keyboard oder Expander mit MIDI-Multi-Mode und Schlagzeugstimmen: z.B. Akai S 900/1000; Roland D10/110;MT 32; Yamaha SY- und TG-Serie; Korg M1/M1R; Kawai K4; Abhöranlage z.B. Stereoanlage MIDI-Kabel Hardware optional: Mischpult Hallgeräte Multieffektgeräte Synchronizer

Hersteller: DVPI

Vertrieb: DVPI GmbH Neumühleweg 12 Postfach 1260 7068 Urbach

Stärken: □ optisch durchgestyltes und inhaltlich ausgereiftes Programm □ interessant für Profis und Anfänger □ Pop- und Latin Experte □ vielfältige Pufferfunktionen □ editierbar □ MIDI-File-Standard □ Song Exchange Service

Schwächen: □ für Jazz ungeeignet □ kein Walking-Baß □ keine softwaremäßige MIDI-Thru-Lösung

Fazit: Ohne große Vorbereitung simuliert der Atari eine komplette Musikgruppe. Durch Zufall entstehen oft unwahrscheinlich geile Riffs, die auch der Profi im Sequenzer dann weiterführen bzw. bearbeiten kann.
Jörn Loviscach



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