Kompatibilität - Werbegag oder Anwenderkomfort?

"kompatibel" - so locken schon seit Jahren die Hersteller von Computerhardware ihre Kunden. Seit IBM mit ihren PCs den vielgerühmten Industriestandard bei Personal Computern geschaffen hat, über- oder besser unterbieten sich Konkurrenzanbieter aus aller Welt mit immer preiswerteren und gleichzeitig technisch hochwertigeren Geräten für die gleichen Anwendungsbereiche. Wichtigstes Verkaufsargument: Kompatibel zum Original-PC. 87 Prozent kompatibel, 90 Prozent kompatibel, 99 Prozent kompatibel — immer höher, schneller, weiter lautet offensichtlich der Wahlspruch.

Was bedeutet überhaupt Kompatibilität? Das Gerät der Firma ZYX arbeitet mit exakt der gleichen Software und akzeptiert klaglos die gleiche externe Hardware oder Erweiterungen wie das Gerät der Firma XYZ. Eine solche 100prozentige Kompatibilität ist in der Geschichte der Computerentwicklung nichts Neues oder besonders Ungewöhnliches. So waren bereits alte ungarische Genie II-Computer auf der Basis eines Z80-Prozessors voll hard- und softwarekompatibel zu den TRS 80 Level II-Computern von Tandy Corporation.

Auch für den Atari ST gibt es kompatible Computer. Der 190 ST von IBP ist im Prinzip ein solcher. Auch der ESTE 1 von Musik Konkret oder die Mega Station von Hybrid Arts beweisen, daß 100-prozentige Kompatibilität machbar ist. Im Unterschied zu den IBM-kompatiblen Computern handelt es sich jedoch bei allen anderen genannten Geräten um Nachbauten, Umbauten oder Speziallösungen, die quasi mit dem Wissen und Einverständnis der »Original«-Firma entstanden sind.

Die verkaufte Stückzahl eines Computersystems steht natürlich in direktem Bezug zur verfügbaren Software. Je mehr Computer verkauft sind, desto größer wird das Softwareangebot. Je attraktiver und vielfältiger sich die Softwarepalette gestaltet, um so mehr Computer werden verkauft. Eine sehr fruchtbare Wechselbeziehung.

Normalerweise erwartet man nun, daß eine Firma die Entwicklung von Um- und Nachbauten für spezielle Einsatzgebiete begrüßen sollte, um die eben genannte Hard- und Softwarespirale weiterzudrehen.

Das war bei Tandy und Atari der Fall. IBM oder auch Apple hingegen sind sehr darauf bedacht, die Nachbauten ihrer Computer und die Werbung mit der Kompatibilität, im Zweifelsfall sogar vor Gericht, zu bekämpfen. Sie finden deshalb auch keine direkte Werbung mit dem Hinweis »IBM-kompatibel«, sondern lediglich »kompatibel zum Industriestandard«.

Über den Sinn und Unsinn solcher Entscheidungen wollen wir hier jedoch nicht streiten. Zumal solche Standards gezeigt haben, daß sie nicht in dem Maße einer technischen Entwicklung standhalten, wie es für effektive Arbeit sinnvoll ist. Das Ergebnis dieses Konflikts aus Standard und innovativer Technologie führt häufig zu der Situation, daß ein Anwender mit den unterschiedlichsten Computersystemen umgeht. Wieder stellt sich die Frage nach der Kompatibilität, allerdings diesmal der Software oder zumindest der Daten. Software ist das Salz in der Computersuppe. Hier entscheidet sich die Leistungsfähigkeit einer Anwendung. Betrachten wir also zunächst die Kompatibilität von Software auf verschiedenen Computersystemen.

Arbeitet die Hardware mit einem bestimmten Betriebssystem, ist in der Regel die Software auf diese Umgebung abgestimmt. So läuft beispielsweise das Textverarbeitungsprogramm »Word« unter dem Betriebssystem MS-DOS sowohl auf einem IBM-PC wie auch auf einem Commodore-PC oder Atari-PC. Hier arbeiten Sie unabhängig von der verwendeten Hardware in immer gleicher Form mit demselben Programm.

Etwas anders ist die Sachlage, wenn es von einer Software verschiedene Versionen für unterschiedliche Betriebssysteme und Computer gibt. Vorbildlich verhält sich hier eine Programmiersprache, die bereits vor über 20 Jahren von John Kemeny und Tom Kurtz am Dartmouth College entwickelt wurde — Basic!

Nahezu jedem Computer ist ein Basic beigegeben. Die meisten Befehle sind standardisiert, laufen also auf jeder Hardware. Leider haben viele Hersteller spezielle Anpassungen für einzelne Computer vorgenommen, so daß ein Atari-Programm nicht direkt auf einem Commodore läuft.

Einen großen Schritt in Richtung wahrer Kompatibilität geht das »True Basic«. Dieses »wahre Basic« gibt es in Versionen für den Apple Macintosh, Atari ST, Commodore Araiga und IBM-PC. Die einzelnen Versionen sind im Sprachkern identisch, das heißt, sie verfügen über denselben Befehlsumfang und die gleiche Syntax. Für die verschiedenen Computer gibt es zusätzlich unterschiedliche Libraries, die die Abwicklung der Standardbefehle computertypisch erledigen.

Ein weiteres Beispiel, diesmal aus dem Anwenderbereich, ist die Geschäftssoftware der Firma Cash. Diese Programme liegen in Versionen für Apple, Atari und IBM vor. Dabei sind die Benutzerführung und der gesamte Programmablauf im wesentlichen identisch. Steigen Sie als Anwender von einem Computersystem zum anderen um, dann finden Sie sich sofort in der »neuen alten« Software zurecht. Natürlich verarbeiten alle Programme die Datensätze der jeweils anderen Versionen.

Im Idealfall eines gemischten Durcheinanders stehen dann am Arbeitsplatz mehrere PCs und STs, verbunden durch ein Netzwerk. Die Computer greifen auf einen gemeinsamen Datenbestand zu und verarbeiten problemlos die Computer-unabhängigen Datenbestände.

Kommt die Software nicht aus einem Haus, sondern will ein Programmierer ein bekanntes Programm von einem Betriebssystem auf ein anderes portieren, führt dies in vielen Fällen zu einer Erweiterung und »Verjüngung« des althergebrachten. So geschehen im Falle der Tabellenkalkulation LDW Power Calc von Markt & Technik. Dieses Kalkulationsprogramm orientiert sich besonders stark am Altvater der Tabellenkalkulation »Lotus 1-2-3«. Die Arbeitsfläche ist sehr genau nachgebildet, der Befehlsvorrat praktisch identisch. Trotzdem bietet LDW Power Calc einige Erweiterungen und Verbesserungen gegenüber dem alten Lotus 1-2-3. So wurden die hard-waremäßigen Besonderheiten des ST bei der Programmierung berücksichtigt. LDW Power Calc ist vollständig in GEM eingebunden, die Bedienung mit der Maus vereinfacht den Umgang mit dem Programm deutlich gegenüber der reinen Tastatursteuerung. Auch nutzt LDW Power Calc die grafischen Fähigkeiten des ST und integriert gleich verschiedene Formen der grafischen Ausgabe.

Suchen Sie Anwendungsbeispiele für LDW Power Calc, so verwenden Sie einfach die einschlägige Literatur zu Lotus 1-2-3. Der Vorteil liegt auf der Hand. Ist Ihnen das Lotus-Paket bekannt, arbeiten Sie sofort mit LDW Power Calc weiter. Fangen Sie jedoch mit der Tabellenkalkulation an, steht Ihnen bereits ein großes Reservoir an Literatur mit zahlreichen Beispielen zur Verfügung.

Doch wie steht es mit der Daten-Kompatibilität? Hier sind Einschränkungen vorzunehmen. Die reinen Arbeitsdaten und Tabellen verarbeiten beide Programme. Es ist jedoch erforderlich, die Lotus-Dateien mit dem LDW Power Calc beigefügten Konvertierungsprogramm anzupassen. Die arbeitser-leichternden Makros sind bei beiden Programmen unterschiedlich. Hier ist also keine Kompatibilität zu verzeichnen.

Grundsätzlich gilt: Ist die Kompatibilität beim Softwarekauf ein wichtiges Kriterium, dann lassen Sie sich genau zeigen, wie Sie die Daten, Makros oder sonstigen Informationen übertragen. Sind Konvertierungs- oder andere Hilfsprogramme nötig? Wenn ja, gehören diese zum Lieferumfang oder sind sie extra zu beziehen? Sind diese Fragen vor der Arbeit geklärt, sparen Sie am Ende viel Zeit, Mühe und manchen Ärger.

Zum Abschluß noch ein kleines Beispiel aus der alltäglichen Redaktionsarbeit. Die Artikel und Texte, die Sie im ST-Magazin oder auch in jeder anderen Zeitschrift lesen, kommen auf vielen unterschiedlichen Wegen und vor allem in zahlreichen Datenformaten in unsere Redaktion. Da schreibt jemand beispielsweise auf einem IBM-Computer mit »MS-Word«. Wir bekommen dann eine 5 1/4-Zoll-Diskette mit dem Text im Word-Format.

Um diese Datei auf dem ST weiterzu-bearbeiten, benötigen wir ein entsprechendes Laufwerk am ST (vgl. den Artikel in dieser Ausgabe). Um das Laufwerk anzusteuern, verwenden wir ein kleines Accessory, das die Kontrolle über das Fremdlaufwerk ermöglicht. Hier stellen Sie beispielsweise die Steprate des Laufwerks ein oder formatieren Disketten im MS-DOS-Format. Eine solche Einstellung ist aufgrund der älteren Technik bei 5 l/4-Zoll-Laufwerken notwendig. Nach der Einstellung sprechen Sie das 5 1/4-Zoll-Laufwerk ganz normal über das Laufwerks-Icon auf dem Desktop an. Dieses Programm ist direkt beim Autor zu beziehen. Die Adresse finden Sie in der Abbildung.

Als nächstes gilt es, die Textdatei in ein gewünschtes Programmformat zu konvertieren. Dabei hilft der »Superfilter« der Zeitschrift »Computer Persönlich«. Als einfaches TOS-Programm verzichtet es auf eine schmucke GEM-Oberfläche und arbeitet nur mit Buchstabeneingaben. Dabei wählen Sie zwischen zwölf verschiedenen Textformaten. Innerhalb dieser Formate konvertiert das Programm beliebig hin und her und berücksichtigt auch die Umsetzung verschiedener ASCII-Zeichen-Tabellen.

Sie sehen, es gibt einige Unterschiede bei der versprochenen Kompatibilität. Sicher ist jedoch, daß einheitliche Dateiformate wie ASCII, IFF etc. zumindest den Datenaustausch zwischen verschiedenen Computern und Programmen erlauben. Ob mit viel oder wenig Konvertierungsaufwand, hängt vom Einzelfall ab.

Unterm Strich läßt sich die Eingangsfrage »Werbegag oder Anwenderkomfort?« sicher eindeutig mit »Anwenderkomfort« beantworten, denn der Datenfluß ist gerade beim Atari ST so vielfältig wie sonst kaum irgendwo. (wk)
Wolfgang Klemme


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