Schmockers Weihnachten

Schmocker saß an seinem Tisch. Vor ihm ein Marzipanbrot für 89 Pfennig vom Kloppenburg, ein Teelicht und der Rest seiner Weihnachtsstimmung in Form eines eigentlich recht hübschen Tannenzweiges mit Kugeln, die er noch irgendwo im Keller gefunden hatte. Weihnachten ist schön. Schön! Weihnachten ist gar nicht schön. Statistisch gesehen lag den meisten Deutschen nichts mehr am Weihnachtsfest, und deswegen hätte er eigentlich zufrieden sein sollen, dass er dies Jahr nicht wirklich viel zu feiern hatte - immerhin entspräche er dem guten Durchschnitts-Deutschen. Dieses Jahr - fand er - hat er eine Breitseite zuviel abbekommen. Einfach am 22. Dezember kurz nach dem Aufstehen hier hereinzustiefeln, den alten Schrank, den Drucker und den Scanner zu pfänden und dann, ja dann, kam das Schlimmste: Sie nahmen den Rechner mit. Seinen geliebten Atari Falcon 030 - ein selten tolles Stück, ausgerüstet mit allem, was es so gab. Mitgenommen. Und das alles wegen einer ärgerlichen, unbezahlten Rechnung vom Versandhaus. Für Fernseher und Waschmaschine. Ach ja, die hatte man ihm gelassen. Und auch den Fernseher. „Gehört zur lebensnotwendigen Grundausstattung", hatte der Gerichtsvollzieher gesagt. Hat der eine Ahnung. Schmocker konnte eher ohne Flimmerkiste und saubere Hosen als ohne seinen Rechner leben.

Tja, und da hat sich also in den letzten 21 Stunden, seit der Typ hier war, der Frust gesammelt, hat sich in dem grundsätzlich so geordneten, bürgerlichen Mann so ein Plan zurechtgesetzt, Rache zu üben und seinen Liebling wieder nach Hause zu holen. Schmocker aß den Marzipanriegel und überlegte noch ein wenig weiter, Wenn man den einschlägigen Statistiken weiter glauben wollte, verschwanden liebe Familienmitglieder an Weihnachten öfter als sonst - und zwar vornehmlich Männer. Und Diebstähle wurden ebenfalls vermehrt an den geheiligten Feiertagen begangen.

«Zufälle gibt's», dachte Schmocker. Morgen ist doch Weihnachten. Na sowas!

Und wie es der Zufall dann so wollte, latschte Schmocker früh am nächsten Morgen los. Der Vollstrecker hatte dienstfrei - wie immer am 24. An solchen Tagen arbeitet kein Mensch. «Außer Schmocker, der alte Zocker», dachte der knapp Vierzigjährige bei sich. Wahre Männer arbeiten auch an Weihnachten. Machen sogar Drecksarbeit. Und er grinste ein wenig zufrieden vor sich hin.

Am Schäferweg angekommen, stahl sich Schmocker auf die Auffahrt zur Nr. 23. Die Gegend war gut, nicht vornehm. Völlig unbedarft in Entführung hoffte er, von niemandem beobachtet zu werden und schlich in die Garage. Dort, zwischen Wand und Schnauze des Vans, setzte er sich auf den Fußboden, um so lang auszuharren wie nötig. Er wollte dem alten Sack vom Amtsgericht persönlich und ewig lang in den Hintern treten. Hoffentlich fuhr er heute irgendwo hin, und hoffentlich nahm er heute weder Frau noch Kinder mit.

Irgendwann war es dann soweit. Schmocker hatte schon ein paar Stunden vor sich hin gezittert (immerhin waren es 4 Grad Minus), als er Schritte auf die Garage zukommen und den Hund im Haus zum Abschied bellen hörte. Der Schlüssel drehte sich, durch die Zentralverriegelung wurden alle Wagentüren geöffnet, dann wurde der Motor gestartet. Mit wenigen Schritten war der mit modischen Cordhosen und einem dicken weißen Wollpulli bekleidet eigentlich ganz gesittet und normal aussehende Schmocker bei der Beifahrertür gelandet und setzte sich neben den verdutzt dreinblickenden Herrn Möhlmann, den Gerichtsvollzieher.

«Bitte, fahren Sie einfach los», sagte Schmocker höflich und lehnte sich zurück. Möhlmann, überwältigt von der Situation, legte prompt den falschen Gang ein und fuhr ein kleines Stückchen vorwärts, auf das „Nach hinten und raus hier. Mann!" des unerwarteten Beifahrers fand er jedoch bald den Rückwärtsgang und fuhr. Die Auffahrt runter, rechts auf die Straße und los. Nur wohin? «Wo liegen die gepfändeten und mitgenommenen Sachen?»

Die direkte Tour drückte so eine Art Beherrschung der Situation und Überlegenheit aus, hatte Schmocker sich zurechtgedacht, und daher wählte er einen ihm zwar fremden, aber notwendigerweise etwas forscheren Ton. Sie fuhren zum Amtsgericht, sowohl Rechner als auch Zubehör sollten sich dort im 3.Stock befinden. Der Schlüssel? Ach ja, der ist im Zimmer des Hausmeisters, den könne er sicher holen, so Möhlmann. Sowas sei ihm ja noch nie passiert. Und er überlegte bei sich, ob der Wahnsinnige denn wohl eine Waffe haben mochte. Er wisse, er habe keinen angenehmen Beruf, meinte er fast entschuldigend, aber auch der müsse getan werden. Schmocker konnte solche Sprüche nicht leiden, hatte aber irgendwie keine Lust, ungeduldig zu wirken. Er antwortete nicht und gemeinsam stiegen sie nebeneinander treppauf in den dritten Stock, das alte Gebäude hatte keinen Fahrstuhl. Möhlmann schloss Zimmer D367 auf und schaltete das Licht ein. Die Regale und Tische waren vergleichsweise leer, scheinbar hatte man vor Weihnachten noch die meisten gepfändeten Gegenstände zu Geld machen können.

«Bitte verzeihen Sie, wenn ich Ihren Zeitplan etwas durcheinander bringe, so an Weihnachten. Aber wo ist der Rechner?»

Möhlmann ging vor. Den Rechner hatten sie lieblos auf den Boden gestellt, die weiteren Geräte im Regal - und so Schmockers liebstes Eigentum zur Geldquelle degradiert, um die Konten eines Versandhaus-Multis in Ordnung zu bringen und Außenstände einzutreiben. Skandalös, fand er.

Ob ihm denn der PC so wichtig wäre, wollte Möhlmann wissen, um ein wenig die Stimmung in dieser Situation auszuloten.

Nein, nein, das sei kein PC. Und Möhlmann hatte keine Ahnung, was Schmocker damit meinte und fragte deswegen nach. Atari? Nein, er wusste nicht, was das Besondere daran war. Na ja, und dann fragte Schmocker höflich, ob er ihn einschalten dürfe, um das zu erklären - und der Mittfünfziger wagte nicht, ihm diesen Wunsch abzuschlagen. Dann endlich lief er, der Rechner.

Was üblicherweise in derlei Momenten folgt - also die erste Überraschung, das erste Warmwerden mit dem unbekannten System, die Freude im Gesicht Schmockers, als Möhlmann sich von Demos und Bildbearbeitungen beeindruckt zeigt, als er sogar zugibt, der Rechner sei ja viel schöner und angenehmer zu bedienen als das alte Nixdorf-Gerät, das er immer benutzen muss und mit diesem Atari würde er ja sogar auf seine Sekretärin verzichten, und dann noch die kleine Game-Session - all das füllte so an die zwei Stunden. Bis Möhlmann sich irgendwann seinem Entführer - konnte man diesen Mann Entführer nennen? - zuwandte und traute, dessen Waffe zu verlangen.

Nein, also ein Waffe könne er ihm nicht geben. Schmocker war fast über sich selbst erstaunt, er war bis hierher ohne wirkliches Druckmittel gekommen. Wenn er eine gehabt hätte, wäre sie sicher beim Pfändungstermin mitgenommen worden.

«Das glaubt mit ja keiner», murmelte Möhlmann. Und dann noch etwas von Anzeige und Freiheitsberaubung, obwohl er selbst nicht mehr ganz überzeugt klang.

Schmocker sah auf den Monitor, und die Tannennadeln seiner Weihnachtsgefühle, die gerade wieder erwacht waren, begannen ihn von innen zu stechen. Möhlmann war nicht dumm, und die seltsame Spannung im Raum spürte sogar ein Gerichtsvollzieher. Er sah, wie Schmocker sich aufrichtete und seinen Rechner abschaltete. Das angenehme Geräusch des laufenden Lüfters verstummte.

Und dann fiel Möhlmann etwas ein, und er wusste gar nicht, warum er das angesichts der Illegalität dieser Ereignisse eigentlich tat. Aber er wusste, im Frühsommer wäre alles überhaupt nicht soweit gekommen. Also legte er jetzt seine Hand auf Schmockers Schulter und meinte, wenn er ihn jetzt nach Hause bringen und ihm den Rechner mitgeben würde, ob das denn Weihnachten ein bisschen retten würde. Schmocker sah in ungläubig an. Na ja, die anderen Geräte und den Schrank müsste er schon versteigern, aber dann würde man ja sehen, welche Restsumme noch offen sei, und dann wäre sicher auch noch ein Ratenzahlungsplan für ihn drin, vielleicht sogar eine Fristverlängerung.

Jetzt war Schmocker überrascht.

«Weihnachten ist schön», sagte er etwas beschämt.

«Sehr schön», lächelte Möhlmann.


Nicole Raukamp
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