Kopierprogramm Kobold Zwei: Ein Fabelwesen macht Dampf

Es ist ein leidiges Problem: Das Kopieren vieler Dateien nimmt eine Menge Zeit in Anspruch, die man gerne einsparen würde. Der Hochleistungskopierer »Kobold Zwei« verspricht Abhilfe.

Kobold Zwei präsentiert sich im GEM-Fenster

Bereits im Oktober 1991 berichteten wir zum ersten Mal über den damals neuen Kobold [1]. Unser Prädikat: sehr empfehlenswert, trotz einiger, hauptsächlich die Bedienung betreffender, Mängel. Nun ist die Nachfolgeversion, »Kobold Zwei« erschienen. Der Programmierer, Hans-Jürgen Richstein, hat nicht nur unsere damaligen Kritikpunkte aufgegriffen, sondern den Kobold an den aktuellen Stand der Softwareentwicklung auf dem Atari angepaßt.

Gleich beim Start des Kobold Zwei, der jetzt auch in der mittleren ST-Auflösung gelingt, fallt die verbesserte Übersichtlichkeit auf. Viele Aktionsbuttons entfielen und wurden in die neu eingerichtete Menüleiste innerhalb der Dialogbox ausgelagert. Die Menüs arbeiten mit der Pull-down-Technik. Sie müssen also die linke Maustaste gedrückt halten, bis der Mauszeiger über die gewünschte Funktion positioniert ist. Gegenüber den üblichen Drop-down-Menüs erfordert die Handhabung ein wenig Umgewöhnung. Der Vorteil ist, daß Sie im vergleichsweise engen Raum der Kobold-Dialogbox nicht versehentlich ein Menü herunterklappen lassen. Verwirrt hat uns lediglich, daß sich der Menüpunkt »Beenden« nicht im zweiten Menü, wie man es von der normalen GEM-Menüleiste her kennt, sondern im ersten befindet.

Obwohl durch die Umstrukturierung der Oberfläche nicht mehr alle Funktionen auf einen Blick erkennbar sind, sind für die meisten Funktionen Tastaturkürzel definiert. Aber auch die in der Hauptdialogbox verbliebenen Grundoptionen Kopieren, Verschieben, Einlesen und Schreiben sind per Tastatur anwählbar. Wenn Sie das Programm häufig benutzen und sich die meistgebrauchten Shortcuts gemerkt haben, ergibt sich für Sie daraus ein weiterer Zeitgewinn.

Eine praktische Sache ist die Jobverarbeitung. Der Kobold versteht eine Batch-Sprache, mit der Sie seine Fähigkeiten flexibel nutzen können. Dazu legen Sie mit einem ganz normalen Texteditor Dateien an, die auf ».KB J« enden und Kommandofolgen enthalten. Fast alle Features, die Sie in Kobold per Button oder Menü anwählen können, lassen sich damit aufrufen. Darüber hinaus ist sogar die Ausgabe von Dialogboxen mit Auswertung des Rückgabewertes vorgesehen. So können Sie häufig wiederkehrende Aufgaben, wie den Backup einer Partition auf eine Wechselplatte, automatisieren.

Sie können dem Kobold durch Parameterübergabe mitteilen, daß er eine Job-Datei ausführen soll. Wenn Sie Ataris eingebautes NEWDESK oder einen der alternativen Desktops »GEMINI« oder »EASE« einsetzen, funktioniert das einfach durch Ziehen eines KBJ-Dateisymbols auf das Kobold-Icon. Mit den beiden letztgenannten Shells klappt dieser Aufruf sogar, wenn der Kobold als Accessory installiert ist. Damit Sie selber in eigenen Programmen ähnlich erfolgreich mit dem Hochleistungskopierer kommunizieren können, ist im Handbuch die Schnittstelle über GEM-Mitteilungen offengelegt. Wenn Sie bei jedem Systemstart automatisch einen Job ausführen lassen möchten, beispielsweise Dateien auf eine Ramdisk zu kopieren, empfiehlt sich die Anmeldung des Programms »AUTO_KBJ« als Autostart-Applikation. Dies funktioniert allerdings erst seit TOS 1.04. Auch dazu muß der Kobold als Accessory installiert sein.

Sollte Ihnen die Programmierung über Textbefehle nicht liegen, ist ein anderes Schmankerl des Kobolds das richtige für Sie: Hinter dem Menüpunkt »Job aufzeichnen« verbirgt sich ein ausgewachsener Makrorecorder. Wählen Sie ihn an, merkt sich das Programm alle Aktionen, die Sie bis zur Beendigung durch den entsprechenden Menüpunkt ausführen. Danach können Sie den Job speichern. Kobold hat ihre Aktivitäten zwischenzeitlich in seine Kommandosprache übersetzt, die er jederzeit wieder lesen kann.

Zu einem vollständigen Kopierprogramm gehört auch die Fähigkeit, Disketten zu formatieren. Kobold Zwei ist in dieser Hinsicht sehr flexibel. Kein Wunder — stammen doch die Routinen dieses Programmabschnitts von Jürgen Stessun, der zusammen mit Claus Brod »Hyperformat« zum Markenzeichen machte und Robert Weiss, dessen Kopierprogramm »E-Copy« wir im vorigen Monat vorstellten [2]. Neben einigen voreingestellten Diskettenformaten können Sie Spezialformate durch Justierung der verschiedenen Parameter, wie Anzahl der Spuren und Sektoren sowie Clustergröße, erzeugen. Natürlich werden HD-Laufwerke und die diversen Lösungen, sie anzuschließen, bedient; selbst mit ED-Disketten weiß der Kobold umzugehen. Wo möglich, wird dabei auf DOS-Formatkompatibilität geachtet.

Die Pull-down-Menüs von Kobold Zwei
Die Einstellung der Kopierparameter

So schnell kopiert der Kobold Zwei

System: TT030/6 mit Festplatte Quantum LPS 240.

Aufgabe:
Verzeichnis mit 519 Dateien und 51 Unterverzeichnissen, insgesamt 3723070 Byte, von einer Partition auf eine andere kopieren.

Gemessene Werte:
Atari-Desktop: 85 Sekunden
Kobold Zwei: 9,5 Sekunden

Weil ein Kopierprogramm, das das GEMDOS umgeht, umfangreiche Schutzmaßnahmen gegen Datenverlust treffen muß, führten die Kobold-Programmierer das »CHK_OFLS«-Protokoll ein, an das sich ihr Heinzelmännchen selbstredend hält. Es lag die Überlegung zugrunde, daß sich Programme, die gleichzeitig direkt auf ein Laufwerk zugreifen möchten, darüber verständigen müssen, in welcher Reihenfolge die Zugriffe erfolgen. Andernfalls könnte es passieren, daß das GEMDOS von dem alten, nicht mehr aktuellen, Zustand des Dateisystems ausgeht, während es Daten schreibt. Das würde unweigerlich zum Chaos führen. CHK_OFLS.PRG ist für den Auto-Ordner bestimmt und legt einen Cookie an. In der angelegten Struktur steht die Anzahl der geöffneten Dateien auf jedem Laufwerk. Solange diese gleich Null ist, dürfen Programme auf das entsprechende Laufwerk zugreifen. Wenn Applikationen wie der Kobold auf eine Partition zugreifen wollen, sperren sie diese durch Schreiben des Wertes »-1« in den Zähler der offenen Dateien. Prozesse, die diese Partition per GEMDOS ansprechen, werden nun mit einer Fehlermeldung beschieden, bis die sperrende Applikation wieder eine Null in das Feld geschrieben hat.

In der aktuellen Version 1.02 unterstützt CHK_OFLS nun auch das XHDI-Protokoll. Dadurch ergibt das Programm für Sie auch dann einen praktischen Nutzen, wenn Sie nicht mit zwei Programmen gleichzeitig ihre Daten bearbeiten. Es verhindert den versehentlichen Auswurf von Wechselplatten, wenn auf mindestens einer der zugehörigen Partitionen noch Dateien geöffnet sind und beugt so dem Katzenjammer wegen übereilten Drucks auf den Entriegelungsknopf vor.

Sollten Sie MiNT oder MultiTOS, dessen Grundlage bekanntlich MiNT ist, einsetzen, ist CHK_OFLS überflüssig, da das Systemprogramm des Kanadiers Eric Smith einen eigenen Mechanismus für die Verteilung von Zugriffsrechten bietet. Bleiben wir beim Thema Multitasking. Der Kobold Zwei ist darauf ausgerichtet, sich unter Mehrprozeß-Betriebssystemen den Rechner friedlich mit anderen Programmen zu teilen. Dazu können Sie einstellen, daß die Dialogboxen in Fenster gelegt werden, die Sie während Kopieraktionen einfach in den Hintergrund legen. Das funktioniert auch mit »Magix« und »MultiGEM«. Um unter MiNT dem Kobold mitzuteilen, daß er bei Zugriff auf Pseudolaufwerke automatisch den GEMDOS-Modus benutzen soll, sollten Sie das Environment um den Eintrag »PSEUDODRIVES= NO« ergänzen. Sonst kann der Kopierer ohne manuelles Umschalten in den GEM-DOS-Modus nicht erkennen, daß diese logischen Geräte überhaupt ansprechbar sind.

Eine automatische Umschaltung in den GEMDOS-Modus nimmt der Kobold vor, wenn er erkennt, daß ein Laufwerk über ein Netzwerk oder einen MetaDos-Treiber eingebunden ist. Da nun auf höherer Ebene zugegriffen wird, dauert das Kopieren von oder auf solche Geräte dementsprechend länger. Immerhin ist ein gemischter Zugriff vorgesehen, beispielsweise beim Kopieren von einer CD über einen MetaDos-Treiber auf eine gewöhnliche Festplattenpartition: Gelesen wird gemächlich übers GEMDOS, geschrieben mit einem Affenzahn durch die Kobold-eigenen Routinen.

Kobold Zwei ist eine gute Wahl für Sie, wenn Sie des öfteren mittlere bis große Datenmengen bewegen müssen. Auch für Backups von Partitionen oder ganzen Festplatten eignet er sich wegen seiner enormen Geschwindigkeit. Die Verbesserungen an der Benutzeroberfläche des Kopierers und der Aufwand, der für die Sicherheit Ihrer Daten getrieben wurde, rechtfertigen den gestiegenen Preis der neuen Version. (uw)

WERTUNG

Kobold Zwei

Preis: 129 Mark
Hersteller: Kaktus GbR
Stärken: Extrem schnell, sicherer Betrieb auch im Multitasking, verbesserte Benutzerführung, praktische Makroaufzeichung
Fazit: Sehr empfehlenswertes Kopierprogramm für streßgeplagte Anwender

Kaktus, Richstein & Dick GbR, Konrad Adenauer-Straße 19, 6750 Kaiserslautern

[1] Laurenz Prüßner, Ein flinkes Heinzelmännchen, ST-Magazin 10/1991

[2] Patrick Dubbrow, Sicher über die Runden, ST-Magazin 12/1992


Patrick G. Dubbrow
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