Editorial: Nur keine Panik!

Wichtig ist, daß Sie für das, was Sie tun, eine Zuneigung entwickeln. Nur dann werden Sie gut genug, um auch erfolgreich zu sein.« Wenn der Herr Professor sich vor sein Erstsemester stellt, um Zweifel über Sinn oder Unsinn des Studiums auszuräumen (»ich werd’ ja eh’ arbeitslos«), dann hat er recht: Wer auf sein Können vertrauen kann, braucht keine Angst vor der Zukunft zu haben.

Ähnlich könnte auch die Antwort auf die Frage aus-fallen, welches derzeit das beste Computersystem für daheim ist: Es gibt kein bestes System, es kommt immer drauf an, was man draus macht. Grundsätzlich ist das System das beste, das mit dem geringsten (finanziellen) Aufwand seinen Zweck erfüllt. Ein Seitenwechsel zu DOS/Windows oder OS/2 dagegen wird zum Raubzug am Heimanwender: Man stiehlt ihm Festplattenspeicher, Arbeitsspeicher, Nerven, Zeit und Geld für Lösungen, die er deutlich billiger haben könnte oder gar nicht braucht.

Warum diese Predigt? Sind wir schon soweit, daß die Fachblätter meinen, sie müßten die Szene Zusammenhalten? Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Nur kritteln wir als Sprachrohr unserer Leser so gerne an Ataris Firmenpolitik herum, daß vielleicht ab und zu der Eindruck entsteht, wir wollten aus lauter Ärger über Ungereimtheiten unser Lieblingssystem zu Tode blubbern. Im Gegenteil! So lange es TOS gibt, werden wir darüber berichten. Weil es Spaß macht und wir genau die Zuneigung zum System entwickelt haben, von der zu Beginn die Rede war. Aber manchmal muß man den Freuden aus Übersee einfach einen Wecker ans Bett stellen.

Trotzdem gibt’s keinen Grund zur Panik. Wir werden wohl noch eine ganze Weile über TOS berichten — obwohl Alwin Stumpf, altgedienter Geschäftsführer von Atari Deutschland, dieser Tage nach bald acht Jahren Amtszeit seinen Hut genommen hat. Stumpf legt jedoch großen Wert auf die Feststellung, daß da kein Kapitän ein sinkendes Schiff verläßt. Stumpfs Weggang ist kein Rückzug aus wirtschaftlichen Erwägungen, sondern aus persönlichen Gründen — auch wenn vordergründig die Interpretation naheliegt, daß Stumpf dem Falcon keine Erfolge mehr zutraut. Wäre das wirklich so, hätte er schon ein halbes Jahr früher das Handtuch werfen müssen: nach der peinlichen CeBIT-Show nämlich. In Wirklichkeit ist es wohl eher so, daß Stumpf sich nach fast acht Jahren Atari nach neuen Herausforderungen umschaut — und das wird ihm keiner verübeln wollen.

Eine Chance für Atari ist Stumpfs Weggang allemal — wobei dies nicht bedeutet, ihm den schwarzen Peter zuzuschieben und zu behaupten, Stumpf habe die Entwicklung gebremst. Es ist sehr fraglich, ob der ST in Deutschland ohne Stumpf jemals zu dem hätte werden können, was er heute ist. Doch neue Besen kehren gut. Ob nun ein motivierter Nachfolger die Führung übernimmt oder das kommissarische Triumvirat Riedl/Obersteiner/Preuß im Licht plötzlicher Kompetenz aufblüht, spielt eigentlich keine Rolle. Wichtig ist nur, daß Atari Sunnyvale jetzt nicht versucht, den deutschen Markt mit amerikanischen Maßstäben zu messen.

Am Falcon-Konzept wird sich gar nichts ändern. Deshalb nochmal in großen freundlichen Lettern: keine Panik!

Es grüßt Sie herzlich


Hartmut Ulrich
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