Die alternative Oberfläche: Mit Neodesk, Multidesk und Epsimenü schaffen Sie Ihren eigenen Desktop

Jürgen Kriege/Ralf Meyer

Sind Sie mit der braven Schreibtischoberfläche Ihres ST nicht mehr zufrieden? Dann versprechen Ihnen mehrere Programme den guten alten Desktop aufzupolieren. »Neodesk«, »Multidesk« und »Epsimenü« heißen die drei Kandidaten, die für einen attraktiven Arbeitsplatz sorgen.

Neodesk versteht sich als eine alternative Benutzeroberfläche, die Schwächen des gewohnten GEM-Desktop auf dem Atari ausbügelt. Um das Programm zu starten, installieren Sie es zuerst mittels eines mitgelieferten Programms. Unter Installation ist hierbei nicht das automatische Einrichten des Programms auf einer Festplatte oder Diskette zu verstehen; der Käufer muß vielmehr seine Adresse in Neodesk eintragen. Nur dies garantiert Update-Serviceleistungen seitens der Vertreiberfirma.

Neben Neodesk finden Sie auf der gelieferten Programmdiskette einige Tools wie einen Kommandointerpreter, ein kleines Monitor-Accessory und ein Programm, das den Start von GEM-Anwendungen aus dem Auto-Ordner erlaubt. Außerdem befindet sich auf der Diskette ein Kontrollfeld mit eingebautem Bildschirmschoner, ein Iconeditor, mit dem der Benutzer nach Herzenslaune die Neodesk-Icons verändern darf, und das Drucker-Spooler-Accessory. Haben Sie die Installation durchgeführt, ist das Programm frei kopierbar.

Das Programm belegt zirka 150 KByte RAM. Nicht gerade wenig für einen Desktop, und die Besitzer eines 260/520 ST bekommen bei solchen Zahlen Schweißausbrüche. Neodesk verfügt jedoch über eine Option, die nach dem Programmstart vom Desktop nur noch den Programmkern mit 33 KByte resident im Speicher hält. Kehrt man aus einer Anwendung zu Neodesk zurück, so wird der Rest von Neodesk erneut von Diskette oder Festplatte geladen. Ein akzeptabler Kompromiß.

Obwohl es sich um ein amerikanisches Produkt handelt, sind alle Menüs, das Handbuch und die Dialogboxen in Deutsch. Die Übersetzer hätten allerdings nicht vor den Fehlermeldungen haltmachen sollen, denn die erscheinen immer noch in Englisch. Die interessanteste Neuerung an Neodesk ist die Einrichtung, alle Menüfunktionen auch per Tastatur aufzurufen. Selbst Scrollen im Fenster ist über die Cursortasten machbar. Neodesk verwendet keine Standard-GEM-Fenster, sondern eine Eigenentwicklung, die schneller arbeitet als GEM-Fenster. Wie vom eingebauten Desktop gewohnt, erscheint die Fensterausgabe als Text, als Icons und nach diversen verschiedenen Kriterien sortiert. Zusätzlich zeigt Neodesk die unsortierte physikalische Struktur, also die Reihenfolge, in der die Dateien auf dem Speichermedium stehen. So stellen Sie beispielsweise fest, in welcher Reihenfolge der Computer Programme im Auto-Ordner ausführt.

So präsentiert sich Neodesk mit neuen, aussagekräftigen Icons

Das Gummiband in jede Richtung

Ebenfalls läßt sich für jedes Fenster eine eigene Maske definieren, um nur bestimmte Programme anzuzeigen. Quantoren sind hierbei im Dateinamen und Suffix erlaubt. Befinden sich Dateien auf der Festplatte in einem Ordner, so lassen sich diese auch mehrspaltig im Fenster ausgeben. Auch die ungeliebten Probleme mit dem Gummiband des Desktops gehören der Vergangenheit an, denn unter Neodesk ziehen Sie dieses auch nach rechts und nach oben auf, um mehrere Dateien gleichzeitig auszuwählen. Dabei zeigt die Infozeile des Fensters den Speicherplatzbedarf der ausgewählten Dateien. So erfahren Sie schnell und einfach, ob zum Kopieren der Platz auf der Zieldiskette ausreicht.

Neodesk ist auch in der Lage, ähnlich dem Macintosh, Dateien aus einem Fenster auf dem Desktop abzulegen. Dabei sind die Dateien aber leider nicht speicherresident, sondern Neodesk speichert lediglich den Zugriffspfad. Die so abgelegten Dateien sind nur zu öffnen, nicht zu kopieren oder in irgendeiner Weise zu verändern. Entnimmt man die Diskette mit der Datei, kann Neodesk nicht mehr auf die Datei zugreifen und bricht mit einer Fehlermeldung ab. Wesentlich angenehmer gestaltet sich das Kopieren von Dateien mit nur einem Laufwerk. Was im Vergleich unter TOS ohne RAM-Disk eine Qual ist, gerät unter Neodesk zum Vergnügen. Der Computer lädt mehrere Dateien am Stück in den Speicher, erst dann ist der Diskettenwechsel fällig. Neodesk ist in der Lage, Dateien zu verschieben. Dies geschieht im wesentlichen durch Umkopieren mit anschließendem Löschen. Auch das Formatieren von Disketten wurde erheblich verbessert. So wählt der Benutzer jetzt zwischen verschiedenen Formaten, unter anderem auch dem sogenannten FAT-Format. Wünschen Sie den Ausdruck einer Datei, so ziehen Sie unter Neodesk das Datei-Icon auf das Druckersymbol. Dadurch übergeben Sie den Pfadnamen der Datei an das Drucker-Spooler-Accessory, das den Ausdruck vornimmt. Ohne dieses Accessory druckt Neodesk allerdings überhaupt nichts. Insgesamt stellt Neodesk einen vollwertigen Ersatz für den GEM-Desktop des Atari dar, der durch dieses Programm in optischer und technischer Hinsicht wesentliche Verbesserungen erfährt. Dabei ist besonders die Anwahl aller Funktionen über die Tastatur zu erwähnen.

Für unterschiedlichste Anwendungen geeignet

Epsimenü ist als frei konfigurierbare Benutzeroberfläche konzipiert. Nach dem Starten des Programms befindet man sich in seiner neuen Arbeitsumgebung. Auf dieser Oberfläche gibt es neben Pull-Down-Menüs und einigen Buttons auch die neue zentrale Arbeitsumgebung von Epsimenü, die sogenannte Benutzersicht. Insgesamt sind vier Benutzersichten vorhanden. So ist es möglich, sich für unterschiedliche Projekte

jeweils seine eigene optimale Oberfläche zu definieren. Projekte dieser Art sind die unterschiedlichsten Compiler, wie C-oder Modula-Compiler, aber auch Quasi-Compiler wie TeX. Auch der Einsatz als Text-Grafik-System ist denkbar. Hierbei schalten Sie schnell und problemlos zwischen Ihren Anwendungen um, denn wer kommt schon mit einem einzelnen Programm aus. Bei diesen Aktionen unterstützt Sie Epsimenü optimal.

Um eine Benutzersicht anzulegen, reicht es, den Pfadnamen der jeweiligen Anwendungen mit allen zugehörigen Parametern anzugeben. Der Clou hierbei ist, nicht nur Anwendungen zu benennen, die Sie üblicherweise auch vom Desktop starten. Es lassen sich auch Batchdateien einrichten, die eine Vielzahl von Kommandos enthalten. Nach der Einrichtung einer solchen Arbeitsumgebung lassen sich alle Einstellungen dauerhaft sichern. Um nun die eingestellten Anwendungen aufzurufen, sieht Epsimenü, wie in der übrigen Bedienung auch, durchgängig zwei Alternativen vor. Für die Freunde des GEM und der Mausbedienung steht das handliche Tierchen weiterhin uneingeschränkt zur Verfügung. Ein Teil der Anwender sieht aber gerade dies beim Umgang mit dem Atari-Desktop als Mangel an. Diesem Umstand trägt Epsimenü voll Rechnung und steuert alle Befehle auch über Tastatur.

Zu den eigenen definierbaren Anwendungsaktionen unterstützt Epsimenü auch alle vom Desktop bekannten Dateioperationen wie Datei löschen, kopieren, umbenennen und Ordner anlegen in verbesserter Form. Verbessert sind auch die Informationen über ein Laufwerk. Weitere Änderungen enthält die völlig neu gestaltete Datei-Auswahl-Box, die zum einen die direkte Anwahl aller vorhandenen Laufwerke per Button erlaubt, zum anderen auch die Anwahl von mehr als einer Datei gleichzeitig unterstützt. Für die gängigsten Dateitypen existieren schon vorgefertigte Buttons, die der Anwender jederzeit neu belegen darf.

Neodesk: eigenes Kontrollleld und gute Übersicht durch kleinere Schrift

Epsimenü ist als konfigurierbare Oberfläche für Anwender geeignet, die häufig zwischen den unterschiedlichsten Anwendungen hin- und herschalten und mit dem »Komfort« des Atari-Desktop und seiner unabdingbaren Mausklickerei noch nicht ausreichend zufrieden sind.

Gerade bei einigen gängigen Compiler-Shells ist Epsimenü eine fast zwingende Anschaffung.

Multidesk stellt eine Mischung aus Neodesk und Epsimenü dar. Es läßt sich sowohl als positive Alternative zum Standard-Desktop einsetzen, wie Neodesk, erweist aber auch als Projekt-Manager seine Berechtigung. Nach dem Starten erinnert Multidesk unweigerlich an den auf PC-Rechnern stark verbreiteten Norton-Commander. Ebenso stellt auch Multidesk eine äußerst leistungsfähige Benutzerumgebung dar. Ständig sichtbar sind die beiden Directory-Fenster, die in gewohnter Weise die Dateien eines Laufwerks in Textform zeigen. Eine Darstellung als Icons ist nicht vorgesehen. Dafür stehen andere Hilfsmittel zur besseren Übersicht in den Directory-Fenstern zur Verfügung. Dateien lassen sich in Abhängigkeit von ihrer Kennung in einem anderen frei wählbaren Textstil (Fett, Unterstrichen...) darstellen. Die Sortierung der Dateien läßt sich nach Name und Größe ordnen. Als Ergänzung zur herkömmlichen Darstellung geben Sie, ähnlich der Datei-Auswahl-Box, Suchmuster vor. So zeigen

Sie beispielsweise alle Dateien mit der Kennung »,C«. Dies ist besonders bei langen Directories hilfreich. Zum Anwählen einer Datei oder Scrollen im Directory-Fenster läßt sich neben der Maus auch die Tastatur einsetzen. Aufgrund der zwei Fenster sind Datei-Kopien und Info-Anzeigen sehr effizient. Die hier zur Verfügung gestellten Funktionen übertreffen die des Atari-Desktop oder stellen weitere bereit, wie das Verschieben von Dateien, das Atari erst im neuen TOS V1.4 implementiert.

Mit Epsimenü belegen Sie einfach die Buttons und schaffen so leicht ihre persönliche Arbeitsumgebung
Multidesk erinnert an den Norton Commander. Auf die gewohnte Benutzerführung und Flexibilität verzichten Sie trotzdem nicht.

Ein weiteres Feature ist der in Multidesk integrierte Editor. Wählen Sie in einer Directory eine nicht ausführbare Datei an, erscheint diese wahlweise sofort im Editor. Dieser Editor bietet die übli-chen Block- und Textsuchfunktionen. Eine Funktion zum Ersetzen von Textteilen fehlt leider. Er zeigt die Position im Text jederzeit in Zeilen und Spalten an. Das direkte Anspringen einer bestimmten Textzeile ist ebenso zulässig, wie das seiten- oder zeilenweise Blättern im Text. Dabei ist der Editor schnell.

Zu den reinen Funktionen des verbesserten Desktops sind noch vier Shells vorgesehen. In vier Pull-Down-Menüs gestalten Sie die Einträge selbst. Leider beschränkt sich dies einzig auf das Starten von Programmen, eine Übergabe von Parametern ist nicht zulässig. Weiterhin besitzt Multidesk einen Bildschirmschoner, der nach einstellbarer Zeitdauer das Monitorbild abschaltet. Auch der Unart einiger Disketten, im Bootsektor Viren zu besitzen, begegnet Multidesk. Ein integrierter Virenkiller erzeugt entsprechend dem bisherigen Datenformat der Diskette einen neuen Bootsektor.

Multidesk stellt ebenfalls eine gute Alternative zum Atari-Desktop dar und besitzt hervorragende Eigenschaften bezüglich der notwendigen Desktop-Operationen. Der Einsatz ist erst mit mehr als 1 MByte Hauptspeicher sinnvoll.

Neodesk ist im wesentlichen ein sowohl optisch also auch ein von der Handhabung verbesserter GEM-Desk-top in vertrauter Form und Bedienung. Multidesk hingegen stellt eine völlige Neuordnung des Desktops und damit wesentliche Verbesserung der Handhabung dar. Epsimenü ist weniger auf optische Verbesserungen hin ausgelegt, sondern stellt in erster Linie dem Anwender eine bequeme und effiziente Möglichkeit des Arbeitens mit dem Atari bereit, besonders bei der Arbeit mit Compilern. Somit präsentieren sich Neodesk und Multidesk als allgemein zu benutzende neue Desktops, während Epsimenü als Oberfläche zur Einrichtung einer persönlichen Arbeitsstation dient. (wk)

Neodesk: Computerware, Gerd Sender, Weißer Straße 76, 5000 Köln 50

Epsimenü: epsilon Gesellschaft für Softwaretechnik und Systementwicklung mbH, Durlacher Allee 53, 7500 Karlsruhe

Mulidesk: Computerversand Wittich, Tblpenstr. 16, 8423 Abensberg 9

Wertung

Name: Neodesk
Preis: 89 Mark
Hersteller: Computerware Sender

Stärken:
□ gutes, deutsches Handbuch □ viele gute Detailverbesserungen □ alle Funktionen auch über Tastatur anwählbar □ Kontrollfeld □ gutes Preis-/Leistungsverhältnis □ kein Kopierschutz

Schwächen:
□ kein Ausdruck ohne Accessory □ belegt im residenten Modus viel Computerspeicher □ Fehlermeldungen in Englisch □ in der geringen Bildschirmauflösung nicht lauffähig

Fazit:
eine echte Alternative zum Atari-Desktop

Wertung

Name: Epsimenü
Preis: 89 Mark
Hersteller: epsilon

Stärken:
□ erleichtert effizientes Arbeiten mit bestimmten Anwendungen □ einfache Handhabung □ Tastaturbedienung □ Batchprozessor □ Startfunktion für Auto-Ordner □ kein Kopierschutz

Schwächen:
□ leichte Bildschirmaufbaufehler □ läuft auch in Farbe □ relativ hoher Preis

Fazit:
gut geeignet zur Einrichtung einer persönlichen Arbeitsoberfläche

Wertung

Name: Multidesk
Preis: 79 Mark
Hersteller: Wittich Software

Stärken:
□ gute Eigenschaften als neues Desktop □ Tastaturbedienung □ Startfunktion für Auto-Ordner □ kein Kopierschutz

Schwächen:
□ sehr hoher Speicherbedarf (über 250 KByte) □ in Farbe nicht einsetzbar □ Programme sind nicht mit einstellbaren Parametern aufzurufen □ Textersetzfunktion fehlt im Editor

Fazit:
Multidesk bietet eine vollständige Neuordnung des Desktop mit guten Erweiterungen



Aus: ST-Magazin 06 / 1989, Seite 41

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