Megapaint II, das Multitalent unter den Zeichenprogrammen

Wenn heute ein Softwarehaus n schon seit langem völlig übersättigten Markt der Zeichenprogramme mit einem weiteren Produkt beglückt, dann muß es sich schon etwas Besonderes einfallen lassen, will es den ST-Anwender hinter dem Monitor hervorlocken und ihn zur Investition seiner sauer ersparten Märker bringen. Das war der Berliner Firma Tommysoft bewußt, deren jüngstes Kind »Megapaint II« uns brandaktuell erreichte. Lesen Sie hier als Appetitanreger einen Vorbericht über das Programm; den detaillierten Test (»In-Depth-Review«, wie die Angelsachsen sagen) finden Sie in einer der nächsten Ausgaben des ST-Magazins.

Daß Megapaint II nicht im Einheitsbrei der Pixelkünstler untergehen will, läßt schon das Handbuch erahnen. Knappe 250 Seiten im stabilen Ringordner, das ist für ein Zeichenprogramm außergewöhnlich. Genauso außergewöhnlich auch das Konzept, mit dem Megapaint II seine Grafiken verwaltet. War man bisher gewohnt, seine Bilder auf der Zeichenfläche eines einzigen Bildschirms (also auf 640 x 400 Punkten) anzufertigen, paßt sich bei diesem Programm die Bildauflösung an die tatsächlich erzielbare Auflösung des jeweils angeschlossenen Druckers an. Das sind beispielsweise bei einer DIN-A4-Zeichnung auf einem 9-Nadel-Drucker 1920 x 2240 Punkte, auf einem Laserdrucker sogar 2336 x 3360 Punkte. Klar, daß soviel nicht auf eine Bildschirmseite paßt. Daher sieht der Anwender immer nur einen Ausschnitt seines Werkes und klickt und schiebt sich ansonsten kreuz und quer durch die Zeichenfläche.

Mit dieser besonderen Methode der Bildaufteilung erzeugen Sie selbst bei einfachen Matrixdruckern Druckdokumente sehr hoher Qualität. Diese haben auch den Vorteil, absolut formatgetreu zu sein, denn ein Bildschirmpunkt entspricht genau einem Druckpunkt. Bis zu vier solcher Bilder faßt Megapaint II gleichzeitig, was natürlich auf Kosten des sowieso schon arg gebeutelten RAM-Speichers geht.

An Zeichenfunktionen bietet Megapaint II alles, was gut und teuer ist. Darunter sind einige Schmankerl wie Bezier-kurven. Die Blockoperationen entsprechen dem Standard eines guten Zeichenprogramms. Besondere Erwähnung verdienen die Funktionen zum stufenlosen Drehen und Verkleinern oder Vergrößern. Das Programm berechnet diese Abläufe mit einer Geschwindigkeit, die keine Zeit für Kaffeepausen läßt.

Auch die Einbindung von Symbolen ist vorgesehen; eine Bibliothek für Elektronik-Bauteile finden Sie auf der Diskette gleich mitgeliefert. Damit ist auch schon der Bogen gespannt zum Thema CAD, das Megapaint II zumindest ansatzweise unterstützt. Wichtigstes Feature ist dabei die Bemaßung. Mit Hilfe dieser Funktion messen Sie die Strecken einer Zeichnung aus und tragen die Werte automatisch in das Bild ein. In der Texteinbindung liegt zweifellos eine weitere Stärke von Megapaint II. Der Schriftenvorrat beschränkt sich dabei nicht nur auf den üblichen GEM-Zeichensatz. Auch die Entwicklung beliebiger eigener Fonts unterstützt das Programm. Dazu verwenden Sie die ganz normalen Grafikfunktionen und übernehmen den Buchstaben dann in die Zeichentabelle. Ein eingebauter Texteditor, der sogar für proportionalen Blocksatz sorgt, hilft beim Textschreiben.

Um kein Mauerblümchen zu bleiben, bietet Megapaint II Schnittstellen zu den wichtigsten Grafik- und Textprogrammen. Sogar Scanner steuern Sie direkt an. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang das »intelligente Fotokopieren«. Sie scannen eine Vorlage in den Computer, bearbeiten dieses Bild mit Megapaint II und geben es anschließend über einen Laserdrucker in bester Qualität wieder aus.

Damit der Benutzer dieser ganzen Funktionsvielfalt überhaupt noch Herr wird, erhielt das GEM-Menüsystem zwei sinnvolle Erweiterungen. Zum ersten das »Menü-im-Menü«, das immer erscheint, wenn ein Befehl mehrere feinere Unterteilungen besitzt. Zum anderen das sogenannte »Pop-up-Menü«, das Sie jederzeit durch Drücken der rechten Maustaste aufrufen, und das dann an der Position des Mauszeigers auftaucht. Dieses Pop-up-Menü enthält die 40 am häufigsten gebrauchten Funktionen in Form von kleinen Icons. So erreichen Sie alle entscheidenden Befehle, ohne sich lange durch Menüleisten zu hangeln.

Von allem etwas — ein bißchen CAD hier, ein Schuß DTP da, und das alles unterstützt von den komfortablen und schnellen Funktionen eines Zeichenprogrammes. So lautet offensichtlich die Devise von Megapaint II. Das Programm richtet sich dabei nicht an den Sonntags-(Montags?-)Maler, dafür ist es auch zu teuer. Zielgruppe ist hier vielmehr der Bereich des »technischen Zeichnens«, wo es auch bei großflächigen Projekten auf Genauigkeit ankommt. Inwieweit Megapaint II solchen Ansprüchen gerecht wird und was das Programm sonst noch alles zu bieten hat, das erfahren Sie in unserem großen Test. Bis dann also! (wk)


Marc Kowalsky
Aus: ST-Magazin 06 / 1989, Seite 30

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