Die Feder: Neues Lesefutter für DTP’ler

Für Calamus-Anwender gibt es ab sofort ein neues Fachmagazin im digitalen PDF-Format. Thomas Raukamp blätterte in der Erstausgabe und ist schwer beeindruckt.

Einen Neuzugang in der Zeitschriftenlandschaft rund um den Atari gibt es in diesen Tagen in der Tat nur noch selten zu bestaunen. War der Atari in seinen Glanzzeiten mit mindestens fünf Magazinen gesegnet, so schrumpfte das Angebot im Laufe der 90er Jahre auf ein paar wenige Vertreter im Print- und Online-Bereich zusammen. Zeitweise waren nur noch die st-computer und das Freeware-Magazine atos am Markt, um die Fahne der treuen Fangemeinde hoch zu halten. In jüngster Zeit wurde das Angebot durch verschiedene Online-Publikationen wieder erweitert. So sind einige Webseiten durch umfangreiche Hintergrundberichte und Features in ihrem Inhalt schon nicht mehr klar von kompletten Magazinen unterscheidbar. Andere Entwicklungen wie z.B. myatari.net ersetzen hingegen im britische Markt eingestellte Magazine.

Ein wichtiger Anwendungsbereich des Atari war schon immer das Desktop Publishing - und hier prägte natürlich das professionelle Layout-Programm Calamus wie keine andere Applikation den Markt, zumal es nach dem Rückzug von Atari als Hardware-Hersteller z.B. durch ein Komplettpaket inklusive Emulator für Windows immer wieder seinen Anspruch auf Lauffähigkeit auf allen Systemen unterstrich. So war es auch nicht sonderlich verwunderlich, dass sich in den 90er Jahren rund um den Publishing-Boliden ein eigenes Magazin entwickelte. Die „invers" hatte über viele Jahre treue Leser und war sogar eine zeitlang am Kiosk erhältlich. Doch auch ein relativ systemübergreifendes Programm wie Calamus blieb nicht vom stückweisen Schrumpfen des Markts der „Heimatplattform" Atari verschont, und so wurde die invers 1993 als eigenständiges Magazin aufgegeben und fristet heute als 8-seitiges Supplement in der Zeitschrift Publishing Praxis ein Nischen-Dasein. jahrelang mussten Calamus-Anwender also ohne ein eigenes Magazin auskommen. Diese Situation hat sich nun geändert.

PDF macht's möglich

„Die Feder“ heißt ein neues Magazin rund um den Calamus. Die Feder wird herausgegeben vom Gestaltungsbüro „EinSatz!“. Die Besonderheit des Magazins ist, dass es nicht etwa als Printmedium, sondern im elektronischen PDF-Format erscheint. Die Feder hat keinen Bezugspreis, sondern findet sich auf der Webseite des invers Software Vertriebs und auf den kommenden Leser-CDs der st-computer.

Zum Lesen bzw. Ausdruck des neuen Calamus-Magazins wird also ein PDF-Reader benötigt. Der gebräuchlichste Vertreter dieser Gattung ist mit Sicherheit der Acrobat Reader von Adobe, der für alle großen Plattformen erhältlich ist. Leider zählt der Atari nicht mehr zu diesem erlauchten Kreis und somit muss der Atari-Anwender entweder auf den Freeware-Port „GhostScript" zurück greifen (der selbstverständlich nicht dieselbe Qualität bietet wie der Acrobat Reader) oder auf Mac und PC von seiner Emulation ausnahmsweise zum Wirtsystem wechseln, um hier das Adobe-Produkt zu verwenden. Ein eigenständiges PDF-Reader-System für TOS-Rechner ist derzeit übrigens in Entwicklung und wird voraussichtlich beim invers Software Vertrieb oder bei ASH erscheinen.

Gestaltung

Nach dem Aufruf der PDF-Datei im Reader fällt zunächst auf, dass Die Feder im Querformat publiziert wird - eigentlich logisch, denn Monitore sind immerhin breiter als hoch. Insofern ist das Magazin voll auf das Lesen am Bildschirm optimiert. Auch der gesamten Gestaltung ist anzumerken, dass sich die Macher des Calamus-Magazins ihre Gedanken um eine optimale Nutzung des digitalen Formats gemacht haben und die hier gebotenen Möglichkeiten effektvoll nutzen, ohne verspielt zu wirken. In erster Linie bedeutet dies ein hervorragendes und optisch äußerst ansprechendes Layout auf allen 31 Seiten. Der Serifen-Schriftsatz ist für das Lesen am Bildschirm optimal gewählt und ist ausreichend groß. Die Texte sind so über die Seiten verteilt, dass sie den Leser nicht „erschlagen" und den Inhalt Seite für Seite erfassbar machen. Die Farbgebung ist dezent.

Eine Navigationsleiste am linken Dokumentrand informiert die Leser jederzeit, in welcher Rubrik sie sich befinden. Web-Links sind zumeist in einem Extra-Kasten aufgeführt, ein entsprechender Mausklick öffnet den Browser und lässt diesen zur entsprechenden Webseite verzweigen.

Die Bilder sind mit 72-200 dpi in akzeptabler Bildschirmauflösung gehalten. Dies ist natürlich absolut notwendig, um die Größe des gesamten PDF-Dokuments in einem erträglichen Umfang zu halten (die Mai-Ausgabe umfasst ca. 1.7 MB). Gleichzeitig bedeutet diese erforderliche Einschränkung natürlich auch, dass die Grafiken recht grob gepixelt sind, besonders im Vergleich zu den sauberen Schriften. Vielleicht wäre es interessant, für Puristen eine zusätzliche Version von Die Feder mit Grafikauflösungen von 300 dpi zum alternativen Herunterladen anzubieten. Im Zeitalter von ISDN und DSL würden wohl besonders die Anwender zugreifen, die das Magazin sauber ausdrucken möchten.

Inhalt

Das inhaltliche Spektrum von Die Feder ist überaus vielfältig. Calamus-Anwender dürfen aus den Vollen schöpfen und gegenüber der invers kaum etwas vermissen. Den Auftakt macht eine sehr interessante Neuigkeiten-Rubrik, die sich natürlich am Publishing-Bereich orientiert. Ergänzt werden diese DTP-Meldungen durch Neuigkeiten aus der Hardware- und Software-Branche und einige interessante Kuriositäten, die sicher auch DTP-fremde Anwender unterhalten. Abgerundet werden die News durch Besprechungen von Buchneuerscheinungen für den Publishing-Markt.

Nicht nur für Calamus-Anwender wird die Schriften-Rubrik interessant sein, in der regelmäßig neue Fonts vorgestellt werden. Hinzu kommen kleine Portraits der Schriftdesigner. Calamus-Puristen werden sich über die Rubrik „Tipps & Tricks“ rund um ihr Lieblingsprogramm freuen. Ein weiteres Highlight dürfte das ausführliche Interview mit Calamus-„Guru“ Ulf Dunkel sein, das zum Teil neue Informationen gegenüber seinem Gespräch mit der st-computer in den Ausgaben 10/11-2000 bietet. So offenbart der Chef von invers Software, dass das MacPack - ein durch eine Emulation komplett in MacOS integriertes Calamus-Paket - bereits im vorgeschrittenen Stadium ist.

Allgemeiner geht es dann wieder in der Rubrik „Frischfleisch“ zu. Vorgestellt werden bezahlbare Freelancer aus dem Publishing-Bereich inklusive einiger ihrer Werke. Diesmal liegt der Fokus auf dem Fotografen Philipp Hympendahl. Praktische Tipps zur konkreten Gestaltung von Dokumenten gibt es in der Rubrik „Bisibi“. In der aktuellen Ausgabe geht es um die oft in den Sand gesetzte Gestaltung von Vereinszeitschriften. Als für die tägliche Praxis mit Calamus äusserst hilfreich dürfte sich außerdem der enthaltene Modullehrgang erweisen. Im ersten Teil wird das Feindaten-Modul besprochen. Tipps zum Umgang mit Logos und konkrete Beispiele aus der Welt der Gestaltung runden den Praxis-Teil ab. Dass Die Feder nicht systemblind agiert, beweist auch ein Kürztest der Shareware UnCoverIt zur Datenarchivierung unter Mac OS. Nahezu unentbehrlich ist ausserdem ein Verzeichnis von Service-Unternehmen rund um den Calamus.

Fazit

Die Feder ist eine echte Bereicherung der Publikations-Landschaft. Calamus-Anwendern steht wieder ein echtes Fachmagazin zur Verfügung, dass durch inhaltliche Tiefe und eine hervorragende Gestaltung überzeugen kann. Dass das PDF-Magazin komplett mit Calamus erstellt und als PDF ausgegeben worden ist, unterstreicht einmal mehr die Praxistauglichkeit des Programms auch in der heutigen Zeit. Atari-Puristen empfinden ihre Lieblingsplattform sicher als etwas unzureichend repräsentiert. Wenn man aber bedenkt, dass der Anteil der reinen Atari-Anwender auch bei Calamus mittlerweile nach Schätzungen von invers Software nur noch bei 15 % liegt, ist dies sicher nachvollziehbar. Calamus-Anwender identifizieren sich auch erfahrungsgemäß eher mit dem Programm als mit der Hardware-Plattform.

Aber nicht nur für Calamus-Fans dürfte Die Feder von Interesse sein, finden sich doch viele Tipps für die tägliche Gestaltung, die sich auch mit anderen Programmen umsetzen lassen. Nachdem sich z.B. das Fachblatt „Page“ mittlerweile eher als allgemeines Publishing-Magazin denn als DTP-Zeitschrift versteht, könnte Die Feder viele Freunde finden.

calamus.net

Interessante Literatur auch und gerade für Atari-Anwender: in jeder Ausgabe von „Die Feder“ werden einzelne Module des Calamus näher vorgestellt.

Thomas Raukamp
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