MIDI von Anfang an (4): Das Standard-MIDI-File

Atari und MIDI. Eine der erfolgreichsten Ehen der Computergeschichte. Und es sind auch die Musiker, die dem Atari die Treue halten. Und genau deshalb wollen wir dem Thema Atari & Musik auch in der st-computer in Zukunft wieder mehr Raum geben. Den Anfang macht geballte und im Lehramt erprobte Fachkompetenz.

Professor Herbert Walz berichtet im vierten Teil seines MIDI-Tutorials von der Anwendung von Detailkenntnissen in der Praxis der Notation.

Die Musik war schon immer weltoffen. Bedurfte es in unseren Tagen erst der Globalisierung um weite Bereiche unseres Lebens weltoffen zu gestalten, so geschah dies in der Musik schon vor Jahrhunderten. Die Notenschrift wird auf der ganzen Welt verstanden. So nimmt es nicht Wunder, dass schon frühzeitig für Musikanwendungen ein Standard-Format entwickelt wurde, das auf allen Computern benutzt werden kann: das Standard-MIDI-File, auch einfach MIDI-File oder abgekürzt SMF genannt. Dabei handelt es sich um sogenannte „Meta-Dateien", also Dateien, die nicht Daten, sondern deren Anweisungen enthalten. In WAV-Dateien beispielsweise sind wirklich digitalisierte Tondaten enthalten. In Standard-MIDI-Files hingegen finden sich Anweisungen wie etwa NOTE ON oder NOTE OFF usw.

Dabei schien es noch vor einigen Jahren so, als ob MIDI durch digitale Datenformate - wie insbesondere WAV - abgelöst werden würde. Festplatten wurden in ihrem Fassungsvermögen immer größer. Es ist noch nicht lange her, da maß man das Fassungsvermögen von Festplatten in MB. Das war für Harddisk-Recording entschieden zu wenig. Heute liegt die kleinste Festplatte in aktueller Technik etwa bei 20 GB - und dies zu einem Preis von wenigen hundert DM. Eine Festplatte von einer Größe, die eine ganze CD aufnehmen kann, ist heute also kein Problem mehr. So lief also alles in Richtung Harddisk-Recording und weg von MIDI, bis das Internet aufkam. Fortan war alles anders. War die Datenflut bei digitalisierter Musik durch die angewachsene Festplatten-Kapazität bewältigt, so war dies beim Internet eben ganz und gar nicht so. Hier führten diese Datenmengen zu unerträglich langen Übertragungszeiten. Man suchte händeringend nach Komprimierungsverfahren, die keine Beeinträchtigung der Klangqualität zur Folge hatten. MP3 war noch nicht erfunden; da kam man darauf, dass Standard-MIDI-Files etwa um den Faktor 1000 kleiner sind als z. B. WAV-Dateien, also statt MB nur kB umfassten - und dies ohne jegliche Beeinträchtigung der Klangqualität. Bekanntlich hängt die Klangqualität bei der Wiedergabe von Standard-MIDI-Files ausschließlich von der Qualität der verwendeten Soundmodule oder Keyboards ab. Obwohl die Standard-MIDI-Files also nicht im strengen Sinne komprimiert sind, haben sie doch eine vergleichbare Wirkung. So eröffnete sich eine Lösung für die Übertragung im Internet - mit der Folge, dass MIDI fröhlich weiterexistiert und damit eine ganz besondere Stärke von Ataris und dazu Kompatiblen erhalten blieb.

Eingabe von MIDI-Daten

Mag das Standard-MIDI-File für das Internet auch noch so perfekt sein, trifft dies auf Musikanwendung leider nicht zu, da es nämlich nur Musik- und keine Notendaten aufnehmen kann. Ein Versuch englischer Entwickler diesen Mangel zu beheben, verlief leider im Sande. Spötter hatten von Anfang an behauptet: «Wenn's kein amerikanisches Format ist, wird das nichts.» So kam es dann leider auch. Also müssen wir mit dem Standard-MIDI-File-Format in der Form zurechtkommen, wie es derzeit existiert. Das sollte vorab klargestellt werden. Denn dessen ungeachtet soll natürlich ein Notenbeispiel Verwendung finden um die Erläuterung dieses Formats möglichst anschaulich zu gestalten.

Bild 1: Der Notenssystem-Dialog von MusicEdit.
Bild 2: Der Notenschlüssel-Dialog von MusicEdit.
Bild 3: Der Notenschlüssel-Dialog von Score Perfect Professional.

Wie Noten eingegeben werden können, wurde in den vorhergehenden Kapiteln bereits grundsätzlich geklärt. Die Eingabemethoden von Notationsprogrammen ähneln sich heute sehr stark, was durch die meist vorhandene Eingabe-Toolbox besonders deutlich wird. Noch nicht angesprochen wurden hingegen die Daten, die sonst noch benötigt werden, wie etwa Instrumente und Klänge. Sie werden bei MusicEdit im Notensystem bei der betreffenden Notenzeile eingegeben. Ein Linksklick auf eine der Notenzeilen öffnet einen Notensystem-Dialog (Bild 1).

In ihm kann man die grauen Oberflächenelemente anklicken, sodass ein Spezialdialog für die jeweilige Eingabe erscheint. In den hellen Kästchen können direkt Eingaben gemacht werden. Dies sind die MIDI-Kanäle mit Ziffern von 1... 1 6 und die Tonhöhe um in Halbtonschritten, die Wiedergabe höher oder tiefer erfolgen zu lassen.

In der Schlüssel-Spalte kann der Notenschlüssel für jede Notenzeile eingeben werden. Durch Anklicken des betreffenden Zeilenelements erscheint der Notenschlüssel-Dialog aus Bild 2, in dem man den gewünschten Notenschlüssel komfortabel auswählen kann. Er ist in ein Fenster gelegt, damit man ihn verschieben kann um sehen zu können, zu welcher angeklickten Notenzeile man einen Notenschlüssel auswählt.

Auch bei Score Perfect Professional gibt es einen Notenschlüssel-Dialog. Grafisch sehr schön gestaltet, aber in der ursprünglichen Atari-Art: ortsfest auf dem Bildschirm, als sogenannter „modaler Dialog", also den gesamten Computer anhaltend, bis die Eingabe erfolgt und der Dialog verschwunden ist (Bild 3).

Als nächstes wird zur Eingabe der Tonart pro Notenzeile der Quintenzirkel-Dialog aufgerufen. Er ist bei MusicEdit, wie heute üblich in ein Fenster gelegt und kann so verschoben werden, dass die Zuordnung zur angeklickten Notenzeile im Notensystem-Dialog sichtbar wird. Er wurde so angelegt, dass die enharmonisch gleichen Tonarten direkt untereinander stehen. Zur besseren Unterscheidung wurden die #- und b-Tonarten, sowie jene ohne Vorzeichen verschiedenfarbig angelegt. Aber Farbe steigert den Aufwand, macht die Ressource-Datei größer und setzt einen Farbbildschirm voraus. TT und Falcon schaffen dies, aufgerüstete Ataris tun sich schon leichter und bei den Atari-Kompatiblen wie Hades und Milan ist das schließlich kein Thema mehr (Bild 4).

Einen besonders hübsch gestalteten Quintenzirkel gibt es in Score Perfect Professional, allerdings in altgewohnter Atari-Art, unverrückbar in der Bildschirmmitte platziert und nur schwarzweiß, da Score-Perfect-Professional nicht in Farbe läuft.

Dann folgt die Klang-Eingabe. Auch hier ist eine entsprechende Eingabehilfe unbedingt erforderlich. Wer will sich schon 128 Klang-Nummern merken. Besser ist es doch, eine kleine Datenbank zu haben, die man vor- und rückwärts durchwandern und durch Anklicken des gefundenen Klanges dessen MIDI-Num-mer eingeben kann. Bewusst wurden die englischen Sound-Bezeichnungen beibehalten, weil diese eben weltweit so gebraucht werden. Wo es ratsam erschien, wurde in Klammern eine deutsche Klang- bzw. Instrumenten-Bezeich-nung angefügt. Dass Harpsichord ein Cembalo bezeichnet, hätte man vielleicht noch gewusst. Aber wer weiß schon, dass mit Recorder eben nicht ein CD-Recorder oder ähnliches gemeint ist, sondern eine Blockflöte. Auch dieser Dialog befindet sich multitasking-konform in einem Fenster (Bild 5).

Die Klänge sind übrigens in Achtergruppen geordnet. Im dargestellten Dialog ist die erste Gruppe mit Pianos und dazu verwandten Instrumenten zu sehen. In der Achtergruppe von 113... 120 sind sogar Schlaginstrumente zu finden, allerdings nur solche, die unterschiedliche Tonhöhen realisieren können, wie etwa Melodie Toms. Schlaginstrumente ohne definierte Tonhöhe gehören zum sogenannten „General-MIDI-Drum-Set", kurz „Drum-Set" genannt. Dazu gibt es eine Liste in der Hilfe, der man die zugehörige Tonhöhe entnehmen kann. Die Schlaginstrumente des Drum-Sets sind ton- oder tastaturkodiert. Man muss also aus der Liste die Tonhöhe entnehmen, der das gewünschte Schlaginstrument zugeordnet ist und dann eine Note dieser Tonhöhe in der Notenzeile für Schlagzeug eingeben (Bild 6).

Bild 4: Der Quintenzirkel-Dialog von MusicEdit.
Bild 5: Der Sounddatenbank von MusicEdit.
Bild 6: Die Drum-Seit-Liste von MusicEdit.
Bild 7: Notenbeispiel in MusicEdit.

Das zu besprechende Musikbeispiel enthält kein Schlagzeug. Das ist auch gut so. Es soll möglichst einfach sein um wenigstens ein grundlegendes Verständnis der MIDI-Daten zu vermitteln und besser mit MIDI-Geräten und -Programmen umgehen zu können.

Übrigens dürfte der gezeigte Hilfe-Dialog einen Eindruck davon vermitteln, in welchem Umfange mittlerweile die integrierte Hilfe ausgebaut ist. Sie soll die Bedienungsanleitung weitgehend ersetzen. Diese steht natürlich nach wie vor zur Verfügung und kann im Internet auf der Homepage von MusicEdit begutachtet werden.

Austausch von Musikstücken über Standard-MIDI-Files

Beim gewählten Notenbeispiel (Bild 7) handelt es sich um eine einfache Kadenz, die bewusst in D-Dur gehalten ist, damit man auch die Verarbeitung der Tonartvorzeichen verfolgen kann. Sie befindet sich im Lieferumfang meines Musikprogrammes MusicEdit. Dieses Notenbeispiel wird zunächst in MusicEdit dargestellt, als Standard-MIDI-File exportiert, in Score-Perfect-Professional importiert und dort schließlich wieder in Noten zurückgewandelt und dargestellt.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Anschließend lässt sich das Notenbeispiel auch im eigenen Format von Score-Perfect-Professional zusätzlich sichern. Natürlich wäre die Rückwandlung in Noten auch in MusicEdit möglich gewesen. Aber interessant ist vor allem die Rückwandlung in Noten in einem anderen Musikprogramm. So ist es möglich, zwischen Musikprogrammen zu wechseln und seine Musikstücke mitzunehmen. Dieser Fall kann konkret eintreten, wenn ein Musiker von seinem bewährten Atari auf einen Atari-Kompatiblen wie beispielsweise Hades oder Milan umsteigen will. Wer weiß, vielleicht gibt es ja in Kürze neuentwickelte Atari-Kompatible, etwa einen Pegasus oder einen ganz neuen Milan. Dabei zeigte sich, zumindest bisher, dass die neue Hardware so kompatibel war, dass bei sauberer Programmierung und sorgfältiger Pflege der Musikprogramme ungetrübte Freude an der neuen, leistungsfähigeren Hatdware möglich wurde.


Herbert Walz
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