Quo vadis, Atari?

Das Jahr 2000 war für die Atari-Anwender ein Wechselbad der Gefühle. Lange Monate hoffte man auf das Erscheinen des neuen Hoffnungsträgers Milan II. Doch dessen Absturz schmerzte umso heftiger. Pünktlich zum Jahreswechsel machte das Projekt Pegasus auf sich aufmerksam. Wir wagen einen Blick in das neue Jahr und beleuchten Entwicklungen und Chancen des Marktes.

Quo vadis, Atari?

Es war kein leichtes Jahr für die Atari-Anwender — bei weitem nicht. Und sagen wir es ehrlich: Für viele langjährige Fans war das Jahr 2000 das Jahr, in dem sie den Glauben an das Überleben auf der Atari-Plattform aufgegeben haben. Eigentlich fing alles ganz gut an: Der Milan II sollte mit tatkräftiger Unterstützung des Großhändlers Axro den „Atari" endlich wieder in Kaufhäuser in ganz Deutschland bringen, und auch aus dem Ausland gab es positive Signale für eine Aufnahme des Systems. Zwar war die Präsentation von Milan bzw. Axro auf der traditionellen Messe in Neuss im Mai 2000 für viele leistungshungrige Atari-Fans etwas lau, aber immerhin wurden laufende Maschinen und gelungene Designstudien gezeigt, die sicher auch außerhalb des mittlerweile beengten Marktes für Aufsehen gesorgt hätten. Der Absturz des neuen Raubvogels folgte im Herbst: Aufgrund mittlerweile fehlender Chips war das ambitionierte Projekt Milan II nicht mehr realisierbar.

Doch die Achterbahnfahrt sollte und soll damit für Atari-Anwender nicht beendet sein, denn neue Chancen taten sich auf und alte Fragen warten endlich auf eine Antwort. Wir haben uns deshalb daran gemacht, Pläne, Gerüchte und Chancen für das Atari-Computing im neuen Jahr zu beleuchten.

Projekt Pegasus

Nach dem Einfrieren der Milan-II-Pläne rechneten eigentlich auch langjährige Optimisten der Atari-Szene mit keiner neuen exklusiven Hardware für ihr System mehr. Umso überraschender war die Ankündigung der schweizer Firma Medusa, die im Markt für Produkte wie Medusa T40, Hades 040 und Hades 060 bekannt ist, einen Nachfolger ihrer erfolgreichen Clone-Serie zu entwerfen. Dieses Projekt wurde in den letzten Wochen unter der Bezeichnung „Pegasus" bzw. „XTOS" bekannt.

Das Herz dieses komplett neuen Systems soll nicht etwas der in die Jahre gekommene und bereits im Hades 060 verwandte MC68060 oder gar eine PowerPC-CPU, sondern der Coldfire-Prozessor sein.

Die Wahl fiel deshalb auf diese im Desktop-Bereich bisher noch nicht verwandte CPU, da sie eine hohe Softwarekompatibilität zu der bisher in Atari-Hardware genutzten 68k-Architektur besitzt. Derzeit ist die Coldfire-CPU mit immerhin 180 MHz taktbar. Laut Angaben des Entwicklers Fredi Aschwanden ist damit zu rechnen, dass der Pegasus damit ca. dreimal so schnell arbeiten könnte wie das derzeitige Spitzenmodell Hades 060.

Aber nicht nur die Prozessorstärke macht die Leistungsfähigkeit eines Gesamtsystems aus, auch die verfügbaren Erweiterungen sind wichtig. Für den Pegasus wird hier auf moderne Schnittstellen-Vielfalt gesetzt: AGP 2.0, PCI 2.0 und USB 2.0 sind feste Kandidaten, sollte der Pegasus umgesetzt werden. Treibersoftware vorausgesetzt, könnten also moderne Grafik- und Soundkarten z.B. von 3dfx, ATI und Creative auch bald in der Atari-Welt zur Verfügung stehen. Die Voraussetzungen wären jedenfalls geschaffen.

Als Betriebssystem soll anfangs ein angepasstes TOS 3.06 (TT-TOS) eingesetzt werden. Da dieses Singletasking-System für heutige Erfordernisse natürlich längst nicht mehr ausreichend ist, wäre eine schnelle Umsetzung von MiNT bzw. N.AES und MagiC wünschenswert. Bedenkt man, dass die Firma Milan im Zuge ihrer Arbeit am Milan II das Betriebssystem MagiC weitestgehend portierbar gemacht hat, sollte bei einer Zusammenarbeit eine Umsetzung auf den Pegasus nicht allzu schwer sein.

Auch der geplante Endkundenpreis lässt aufhorchen: Mit DM 1500.- bis DM 2000.- für ein Gerät komplett mit Tastatur, Maus, Grafikhardware und RAM könnte ein Preis erreicht werden, der heutigen PC- und Mac-Systemen Paroli bieten würde.

Alles ist also wieder rosarot für Atari-Fans? Nein, so einfach ist es nun wieder einmal doch nicht. In den letzten Monaten sind einige Zweifel an der Realisierbarkeit des Pegasus aufgetreten. Führende Entwickler des Atari-Marktes zweifeln die Nutzbarkeit der Coldfire-CPU für ein Desktop-System an. Immerhin entwickelte Motorola diese Prozessorserie in erster Linie für den Embedded-Markt. Dem Coldfire fehlen bisher für das Atari-Betriebssystem so wichtige Elemente wie die MMU und die FPU, die also emuliert werden müssten. Dank einer integrierten Debug-Schnittstelle könnte dies beim Coldfire allerdings hardwaremäßig erledigt werden. Hinzu kommt, dass Motorola ein neues Modell der Coldfire-Serie angekündigt hat, das sich prinzipiell besser für Desktop-Systeme wie den Atari eignet und nebenbei auch noch erheblich höher taktbar ist.

Die technische Realisierbarkeit eines Atari-Systems auf Basis der Coldfire-CPU ist besonders für Laien schwer überschaubar. Aus diesem Grunde fasst unser Autor Matthias Alles auf Seite 20 in dieser Ausgabe der st-computer alles Wissenswerte zum Coldfire zusammen, stellt die vorhandenen und geplanten Mitglieder der Prozessor-Familie näher vor und beleuchtet Chancen für den Einsatz in Atari-Systemen.

Das Projekt Pegasus ist derzeit noch in der Planungsphase - auch darauf muss ausdrücklich hingewiesen werden. Eine Umsetzung oder gar ein erster Prototyp existieren noch nicht. Zur Realisierung des Rechners müssen erst einmal Vorbestellungen gesammelt werden.

Dies ist sicher verständlich, immerhin kann gerade nach dem Milan-Il-Desaster niemand mehr mit Sicherheit abschätzen, wie groß und kaufwillig der Markt noch ist. Gleichzeitig ist aber zu erwarten, dass gerade Atari-Anwender aufgrund jahrelanger schlechter Erfahrungen eher zögern, ihr Geld auf Projekte zu setzen, die bisher über einige Entwürfe auf dem Reißbrett nicht hinaus gekommen sind. Anfangs wurde für eine Realisierung des Pegasus über 200 bindende Bestellungen geredet, mittlerweile ist auf der XTOS-Homepage davon die Rede, dass mindestens 500 Einheiten abgesetzt werden müssen, damit das Projekt rentabel ist.

Wir werden in den kommenden Monaten die Entwicklung rund um den Pegasus selbstverständlich mit großem Interesse verfolgen. Sollte es zu einer Realisierung kommen, stellt dieses Projekt selbstverständlich den Hoffnungsträger des neuen Jahres dar.

webmaster@xtos.de

www.xtos.de

Milan Computersystems

Der einstige Hoffnungsträger Milan Computersystems hat im letzten Jahr einige Federn lassen müssen. Weckte der Milan II Hoffnungen auf eine glorreiche Zukunft im Rampenlicht der Computerindustrie, so schockierte sein plötzlicher Absturz umso mehr. Doch eine generelle Schelte hat der Kieler Computerhersteller nicht verdient. Immerhin sorgte er dafür, dass dem Markt mit dem Milan 040, der im Laufe der Milan-II-Hysterie leider etwas vergessen wurde, ein leistungsfähiges und vor allem erschwingliches Rechnersystem jenseits des ergrauten Atari TT gegeben wurde. Durch die konsequente Nutzung von modernen PC-Bauteilen und der PCI-Technologie sind außerdem so wichtige Umsetzungen wie Soundblaster- und TV-Karten in der Atari-Welt erst möglich geworden.

MagiC, das auf TOS aufsetzt, das wiederum einen Linux-Kern besitzt. Ist das die Zukunft des Atari-Computings?

Aber auch die Ergebnisse, die im Laufe der Milan-II-Entwicklung zu Tage gefördert wurden, sind nicht zu unterschätzen, stellen sie doch eine solide Basis für weitere Projekte dar. In erster Linie ist hier die Umsetzung des Betriebssystem MagiC für den Milan 040 zu nennen. Dabei handelt es sich nicht einfach nur um eine simple Anpassung wie im Falle der langwierigen Portierung auf den Atari Falcon, sondern eigentlich um eine nicht zu unterschätzende Vereinfachung vieler Punkte. Milan sorgte nämlich dafür, dass MagiC, das richtigerweise als Standard-Betriebssystem für den Milan II geplant war, von seinen allzu hardwareabhängigen Elementen befreit wurde und auf das TOS aufsetzt. Damit ist eine weitaus bessere Portierbarkeit erst möglich geworden, denn MagiC ist viel leichter auf alle Systeme umsetzbar, auf denen das Atari-TOS als Unterbau bereits läuft. Das TOS dient also als Kommunikations-Schnittstelle zwischen dem Interface-System und der darunter liegenden Hardware.

Diese Entwicklung führt zu dem nächsten logischen Schritt, der durchaus das Potential besitzt, eine neue Ära des Atari-Computings einzuleiten. Bisher ist natives Arbeiten in einer Atari-Umgebung nur auf Plattformen möglich, auf denen das TOS läuft. Dies bedeutet im Klartext: 68k-Systeme, die in die Jahre gekommen sind und nicht mehr produziert werden. Das Ziel muss also sein, das Atari-System von dieser Einschränkung zu befreien. Aus diesem Grunde arbeitet Milan daran, den Kern des TOS gegen einen Linux-Kern auszutauschen. Der Vorteile liegt auf der Hand: Das Atari-Betriebssystem könnte theoretisch auf allen Plattformen laufen, die Linux unterstützt - und das sind nahezu alle. Außerdem könnten Treiber für modernen Hardware genutzt werden, sobald diese für Linux erscheinen.

Atari-Puristen müssen nun nicht etwa befürchten, dass ihr bevorzugtes Betriebssystem einfach gegen Linux eingetauscht wird. Vielmehr wird die unterste Systemschicht, mit der der Anwender in der Regel sowieso nicht in Berührung kommt, durch einen vorhandenen und frei verfügbaren Kern ersetzt, der neue Möglichkeiten eröffnet. Für den Benutzer vor dem Bildschirm ändert sich daher nichts.

Nach der Vorstellung dieses neuen und sicher zukunftsweisenden Konzepts ist es in den letzten Monaten wieder einmal stiller um Milan Computersystems geworden. Dies scheint vor allem seinen Grund darin zu haben, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Kommuniziert oder gar angekündigt wird in Zukunft nur noch, wenn ein konkretes Produkt da ist. Zwar halten sich hartnäckig Gerüchte um eine G3-Maschine und einen Zwischenschritt des TOS auch für Besitzer der „Classic“ Ataris, bestätigt wurde bisher aber nichts. Wir dürfen also auf Lebenszeichen aus dem hohen Norden gespannt sein.

Milan Computersystems, An der Holsatiamühle 1, D-24149 Kiel, milan-computer.de

Czuba Tech

Jahrelang setzte der Atari-Markt auf die Produktion leistungsfähiger Komplettsysteme wie Hades und Milan. In anderen Märkten sah es anders aus. Besonders der Amiga-Markt konnte durch eine Reihe von Beschleunigerkarten die Bindung seiner Anwender an die ursprüngliche Hardware aus dem Hause Commodore bzw. Amiga Inc. halten.

Dies hat sicherlich auch seinen Grund darin, dass noch heute fabrikneue Amiga-Hardware bei Fachhändlern zu kaufen ist, während neue Falcons nicht mehr zu finden sind.

Trotzdem hat der Einsatz von Beschleunigerkarten Vorteile für den Anwender, immerhin muss er nicht gleich ein komplett neues System einrichten, sondern kann seinem vorhandenen einfach einen neuen Leistungsschub verpassen. Der Atari war nie sonderlich üppig mit Beschleunigern gesegnet. Die „Schuld" dafür trägt in erster Linie Atari selbst: Während Amiga und Apple ihre Systeme mit Erweiterungs-Bussen oder Prozessor-Steckkarten auslieferten, war der Atari immer ein weitestgehend geschlossenes System. Die Ausnahme macht hier der Falcon 030, der einen Prozessor-Bus besitzt. So verwundert es auch nicht, dass die meisten Hardwarebeschleuniger in erster Linie für Ataris Raubvogel entwickelt wurden. Der Afterburner 040 ist dafür ein gutes Beispiel, und auch die Centurbo-030-Karten fanden guten Absatz.

Nach einigen Wirren des Centurbo-Entwicklers Rodolphe Czuba mit seiner Stammfirma Centek und dem amerikanischen Unternehmen Silicon Fruit arbeitet der Franzose nun wieder für sein eigenes Unternehmen Czuba Tech. Und aus diesem Hause können für das Jahr 2001 auch Neuigkeiten für Besitzer des Atari Falcon und TT erwartet werden.

Nachdem die Centurbo II aufgrund ihrer relativ leistungsschwachen 68030-Architektur nicht mehr produziert wird, hat sich Czuba Tech entschlossen, dem Falcon die Königsklasse der 68k-Familie, den MC68060, zu erschließen. Getaktet werden soll der MC 68060 auf der Centurbo 060 mit satten 64 MHz, was immerhin einer Leistung von über 100 MIPS entspricht. Auch das verwendete SDRAM wird mit 64 MHz angesprochen, was Transferraten von 256 MB pro Sekunde ermöglichen soll. Die Karte enthält einen Sockel für SDRAM-Module mit bis zu 512 MB RAM, womit die RAM-Begrenzungen des Falcon also endgültig gesprengt werden.

Eines der vielleicht besten Features der Centurbo 060 ist, dass praktisch jeder Laie den Beschleuniger in seinen Falcon einsetzen kann. Während für den Einbau des Afterburner und den Einsatz der Centurbo II zumindest Lötkenntnisse vonnöten waren, wird die Centurbo 060 voll steckbar ausgeliefert. Allerdings sei darauf hingewiesen, dass der Rechner in seinen Originalzustand zurück versetzt werden muss, wenn er vorher mit einer Centurbo II erweitert wurde. GAL und CPU müssen also wieder eingesetzt werden, sofern sie ausgelötet wurden. Auf Wunsch kann dies auch von Czuba Tech beim Kauf einer Centurbo 060 kostenlos erledigt werden. Außerdem muss beim Einsatz der 060-Karte das originale Netzteil des Falcon 030 ausgebaut werden. Die Leistungsversorgung erfolgt über ein externes ATX-Netzteil, da der Platz des alten Netzteils für die Karte benötigt wird.

Sie haben bereits andere Boards wie z.B. ein ScreenEye, eine Nova-Grafikkarte oder einen Eclipse-PCI-Adapter auf dem Erweiterungsbus Ihres Falcon untergebracht? Dies ist kein Problem, denn die Centurbo 060 arbeitet mit allen Bus-Erweiterungen zusammen. Allerdings werden in diesem Fall zumindest einfache Lötkenntnisse erforderlich, da zwei neue Verbindungen auf das vorhandene Daughterboard gelötet werden müssen. Natürlich müssen Sie dann außerdem den Falcon in ein Towergehäuse umsetzen, da das Originalgehäuse nun nicht mehr schließt.

Sie brauchen übrigens auch nicht zu befürchten, dass Ihre bisherigen Programme auf der neuen 060-CPU des Falcon plus Centurbo 060 nicht mehr funktionieren. Ein spezieller „Falcon-Mode" sorgt dafür, dass auch kritische Programme laufen, denn die originale 68030-CPU wird ja nicht entfernt.

Anders als ihre Vorgänger stellt die Centurbo 060 kein in sich geschlossenes System dar. Fest eingeplant ist ein Erweiterungsboard, das 3 PCI- und 1 AGP-Ports bietet. Treiber vorausgesetzt, könnte in Kombination mit modernen AGP-Grafikkarten ein wahrer Power-Falcon entstehen.

Sogar auf der Software-Seite weiß Czuba Tech mit einigen Leckerbissen zu glänzen, die ein einwandfreies Arbeiten gewährleisten sollen. So existiert bereits ein Programm, das zwei bisher wenig genutzte Pins des MC68060 nutzen, die die Temperatur des Prozessors auslesen. Über ein kleines Einstellungsprogramm ist es Falcon-Besitzern möglich, die Temperatur des Hauptprozessors im Auge zu behalten. Damit geht man Hitzeproblemen aufgrund einer Übertaktung also von Anfang an aus dem Weg.

Die Einstellungsfenster der Centurbo 060 lassen sogar eine Überwachung der Prozessortemperatur zu.

Die Centurbo 060 kann derzeit in verschiedenen Versionen vorbestellt werden. Ohne eine 68060-CPU (eventuell sind auf dem Amiga-Markt günstige Prozessoren zu finden) kostet die nackte Karte 168 Euro (ca. DM 330.-). Inklusive 060-Prozessor beträgt der Preis 428 Euro (ca. DM 850.-). Die geplante PCI- bzw. ACP-Erweiterung schlägt nochmals mit EUR 153.- (ca. DM 300.-) zu Buche. Bedenkt man, dass man für diesen Preisen quasi ein komplett neues Rechner-Herz inklusive schneller CPU, RAM-Interface und Schnittstellen erhält, ist dies für ein Produkt außerhalb des Massenmarkts sicherlich nicht zu hoch angesetzt.

Übrigens dürfen nicht nur Falcon-Besitzer hoffnungsvoll zu unseren französischen Nachbarn schielen. Auch für den Atari TT soll die Centurbo 060 umgesetzt werden. Zwar wird auf der Homepage von Czuba Tech noch von einer Variante mit 68030-CPU geredet, wie uns Rodolphe Czuba jedoch in unserem nachfolgenden Interview mitteilte, will man gleich die neue Karte mit 68060-Prozessor umsetzen. Bedenkt man, dass eine 030-Karte sicherlich nicht von hohem Interesse war (was die lächerliche Anzahl von knapp 20 Bestellungen beweist), so ist dieser Schritt sicherlich der einzig richtige. Da sich der TT besonders in DTP-Kreisen nach wie vor eines hohen Interesses erfreut, würden diese professionellen Anwender einen TT 060 mehr als willkommen heißen und Ataris langjährigen Flagschiff noch einige Zeit treu bleiben.

Kein Zweifel: Die Pläne von Czuba Tech lassen jedem Falcon- und TT-Anwender das Wasser im Mund zusammenlaufen. Endlich wären diese Maschinen dort angelangt, wo schon Atari sie hätte hinführen müssen: auf die absolute Spitze der 68k-Technologie. Besonders in Verbindung mit einer modernen Grafikkarte, die auf die AGP-Schnittstelle aufsetzt, würden Systeme entstehen, die sich in Kombinationen mit den schnellen Atari-Betriebssystemen nicht vor anderen Lösungen zu verstecken bräuchten -schade nur, dass keine neuen Falcon-und TT-Boards mehr vorhanden sind, mit denen Power-Ataris neu zusammen gestellt werden könnten..

Hoffen wir also, dass Rodolphe Czuba seine Pläne möglichst schnell in die Tat umsetzt, und so den Classic Ataris noch ein paar Jahre Leben einhaucht. Damit die geschieht, ist es sicher hilfreich, wenn (besonders im Falle der TT-Version) zusätzliche Vorbestellungen eingehen.

Czuba Tech, 28 rue des Sorbiers, F-60290
Laigneville, France
czuba-tech.com

cortex design

PowerPC-Technologie für den Falcon: Die Tempest nutzt als Herzstück den PowerPC 603e mit 200 MHz.

Wenn alle Pläne in Erfüllung gehen, dann steht Falcon-Anwendern ein interessantes Jahr 2001 bevor, denn ihnen ist ein Gefühl vergönnt, was sie seit langen Jahren nicht mehr kennen: die Qual der Wahl. Denn nicht nur, dass mit der Centurbo 060 eine brandneue Beschleunigerkarte plus AGP- bzw. PCI-Slots in den Startlöchern steht, auch aus England hört man von positiven Plänen, die den Falcon endgültig in die heutige Leistungs-Oberklasse katapultieren könnten. Doch der Reihe nach...

Das in Birmingham beheimatete Unternehmen cortex design ist vielen Atari-Anwendern noch unter seinem ursprünglichen Namen „Titan Design" bekannt. Aus diesem Hause kamen bereits einige interessante Produkte für den Falcon, so z.B. der Nemesis-Beschleuniger. Und dass das Unternehmen nach der Namensänderung Ataris Wundervogel nicht vergessen hat, machen die derzeitigen Produktpaletten bzw. -ankündigungen mehr als deutlich. Bei allen diesen Produkten schicken wir jedoch ein Problem vorweg: Keines davon haben wir je in der Hand gehabt. Trotz mehrfacher Nachfragen hat es cortex nicht für nötig gehalten, sich mit uns in Verbindung zu setzen oder uns gar Testmuster zu schicken - na ja, Deutschland ist ja auch nur der derzeit große Atari-Markt der Welt, und wir sind ja auch nur das weltgrößte Atari-Printmagazin, da darf man nicht zuviel erwarten. Insofern sind unsere Weisheiten über die derzeitigen und die geplanten cortex-Produkte den entsprechenden Websites entliehen, die diese sicher nicht im schlechtesten Licht darstellen. Immerhin hat ein schwedischer Entwickler uns für die kommende Ausgabe der st-computer ein Interview in Aussicht gestellt - wir fühlen uns schon jetzt unsagbar geehrt.

Das derzeit interessanteste Produkt für den Atari Falcon ist mit Sicherheit der PCI-Adapter eclipse, mit dessen Hilfe moderne PCI-Erweiterungskarten mit dem Falcon genutzt werden können -sofern Treiber vorhanden sind. Das Erstaunliche daran ist, dass weiter mit dem Originalgehäuse gearbeitet werden kann, denn die eclipse besteht aus zwei Teilen: Das Haupt-Interface greift in dem Falcon-Bus und führt ein Flachbandkabel nach außen, wo dieses in einem PCI-Stecker mündet, an den die eigentliche PCI-Karte aufgesteckt wird. Ähnliche Lösungen kennen Sie vielleicht von der Falcon-Version der Nova-Grafikkarte -auch Platznot macht also erfinderisch. Wenn Sie Ihren Falcon in ein Towergehäuse umgesetzt haben, dann kann die Karte natürlich intern eingesetzt werden.

Angeblich lieferbar, nur nicht für die Deppen von der st-computer: der eclipse-PCI-Adapter für den Atari Falcon.

Was hilft aber der schönste Adapter ohne Steckkarten? Am dringlichsten wird für den Falcon sicherlich eine neue Grafikhardware benötigt, cortex liefert daher die eclipse zusammen mit einer PCI-Grafikkarte von ATI (3D Rage II) aus, die eine Farbtiefe von 24 Bit (1 6.7 Millionen Farben) in 1280 x 1024 Bildpunkten bei 120 Hz liefert. Bei den beim Falcon 030 üblichen 65.536 Farben sind theoretisch sogar 1600 x 1200 Punkte bei stabilen 85 Hz möglich. Um die ATI-Karte zu nutzen, wird die eclipse mit einem eigenen VDI-System namens „fVDI (Fenix VDI)" ausgeliefert. Dieses ist ein Nebenentwicklung des Fenix OS, eines Betriebssystems für Ataris, dessen Entwicklung mittlerweile eingestellt wurde.

Wir sind sehr gespannt auf einen Falcon mit der schnellen ATI-Karte. Laut cortex design ist die eclipse inklusive Grafikkarte bereits seit einigen Monaten lieferbar. Es würde uns daher freuen, wenn sich eventuelle Besitzer und Anwender bei uns melden würden, um an einem Testbericht mitzuwirken, da wir langsam sehr stark bezweifelt, dass nach Europa geliefert wird.

Noch interessanter könnte das Tempest-Projekt sein, dass die schwedische Hardware-Schmiede Istari für cortex entwickelt. Die Tempest-Beschleunigerkarte katapultiert den Falcon in die PowerPC-Weit, denn Herz dieser Karte ist ein 603e-Prozessor, der mit satten 200 MHz getaktet wird. Somit muss das Board mit einer 68k-Emulation ausgeliefert werden, damit Atari-Betriebssysteme laufen können.

Vorgesehen ist auch eine SDRAM-Schnittstelle, die einen RAM-Ausbau bis zu 256 TT-MB zulässt. Natürlich ist die Tempest auch auf den Einsatz der eclipse-PCI-Erweiterung vorbereitet, damit moderne Grafikkarten genutzt werden können. Zur Zeit wird außerdem untersucht, inwieweit ein USB-Bussystem mit Hilfe der Tempest realisiert werden kann. Das ganze System soll außerdem voll steckbar ausgeliefert werden, Lötkenntnisse sollten nicht erforderlich sein.

Doch cortex geht noch einen Schritt weiter: Mit der DesTTiny ist ein Adapter in Planung, der den Einsatz der Tempest auch im Atari TT gestatten soll. Die DesTTiny soll im Fast-RAM-Sockel des TT Platz finden, da das SDRAM der neuen Karte genutzt werden kann. Die DeSTiny soll dasselbe Wunder für ST-und STE-Rechner bewirken. Und die Destiny PCI soll für - dreimal dürfen Sie raten - Milan und Hades erscheinen.

Anhand dieser Produktankündigungen fällt es nicht schwer, in euphorische Stimmung zu verfallen. Trotzdem ist es wohl klüger, auf Produkte zu warten, die auch aus marktwirtschaftlichen Gründen durchführbar erscheinen. Und dies ist im Moment nur bei der Tempest-Karte für den Falcon selbst erkennbar. Erwartet cortex tatsächlich, dass Besitzer eines 1040 ST Wert auf eine PowerPC-Erweiterung legen?

Die cortex-Produkte eclipse und Tempest sind sicher mehr als interessant. Gerade im Falle der Tempest-PPC-Karte wäre es jedoch interessant zu erfahren wie stabil ein Atari-Betriebssystem in einer 68k-Emulation auf einem PowerPC tatsächlich läuft. Die Optimierung dürfte hier noch aufwändiger sein als die Realisierung der Hardware. Da die Briten scheinbar auf Presseanfragen generell nicht reagieren, können wir Ihnen auch keine Angaben über die Güte der bisherigen Produkte aus England geben. Vielleicht erhellt uns ja das angekündigte Interview mit Istari.

cortex design, 6 Witherford Way, Selly Oak, Birmingham B29 4AX, United Kingdom

Fazit

Die angekündigten Produkte für das Jahr 2001 stimmen verhalten positiv. Mit dem Pegasus steht Atari-Anwendern sogar neue und exklusive Hardware ins Haus. Der Tempest-Beschleuniger könnte die PowerPC-Technologie allen Falcon-Besitzern nutzbar machen. Und wenn die eclipse tatsächlich lieferbar ist, dann gibt es schon jetzt ein interessantes Produkt für den Falcon 030.

Trotzdem stehen hinter allen diesen Ansätzen noch zuviele Fragezeichen, um euphorisch das neue Atari-Jahr zu starten. Die technische Realisierbarkeit z.B. des Pegasus ist noch nicht geklärt, ebenso bleiben Fragen der Stabilität des Atari-Betriebssystems auf Coldfire und PowerPC offen.

Eine weitere Klippe ist sicherlich, dass die meisten neuen Projekte eine bestimmte Anzahl von Vorbestellungen erwarten, um überhaupt in die Produktion zu gehen. Hier könnte natürlich ein Teufelskreis entstehen: Auf der einen Seite sind Atari-Anwender aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit zögerlich, wenn es darum geht, Willenserklärungen auf noch nicht konkretisierte Projekte abzugeben, auf der anderen Seite können diese niemals realisiert werden, wenn nicht zumindest die Einspielung der Planungs- und Produktionskosten gesichert ist - zusetzen möchte bei allem Enthusiasmus für den Atari sicherlich niemand.

Am realistischsten ist derzeit wohl die Aussicht auf die baldige Fertigstellung der Centurbo 060, da hier die erforderliche Anzahl an Bestellungen bereits eingegangen ist und Czuba Tech schon mit der Centurbo II überzeugen konnte. Außerdem muss hier nicht auf Emulationen zurückgegriffen werden, da mit dem 68060 ein Mitglied der 68k-Familie genutzt wird.

Aber nicht nur eine gute Hardware-Versorgung ist nötig, um Anwender am Markt zu halten. Auch gute Softwareprodukte sind hierzu erforderlich.

An herausragenden neuen Produkten kann der Atari-Anwender im Jahr 2001 bisher mit Tempus Word 4 (hoffentlich!) und dem Software-Synthesizer ACE von New Beat rechnen. Darüber hinaus werden die renommierten Häuser ihre Spitzenprodukte wie papyrus und Calamus weiter entwickeln.

Zusammenfassend lässt sich sicher sagen, dass die Situation des Atari-Markts nicht so schlecht aussieht, wie dies im letzten Herbst noch befürchtet wurde. Hoffen wir, dass zumindest eines der ambitionierten Hardware-Projekte realisiert wird, damit auch Entwickler von Programmen und Betriebssystemen wieder mehr Motivation für den Markt gewinnen.

Falcon-Besitzer, antreten zum Frohlocken! Die Aussichten auf eine schnelle Maschine sind so gut wie lange nicht mehr.

Thomas Raukamp
Aus: ST-Computer 01 / 2001, Seite 12

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