Wordplus 3.11: Die vierte Auflage von 1st_Word

Jetzt gibt es den ATARI ST schon seit ungefähr dreieinhalb Jahren und genausolang das “erste Wort”. Am Anfang, als es zu einigen ST-Ausführungen zum Lieferumfang gehörte, ist es zum Standard geworden, und es konnte seine Stellung bis heute bewahren. In drei Jahren sind aber einige Forderungen der Anwender laut geworden, die schon in der Version 2.02, der letzten veröffentlichten Version, nur sehr spärlich berücksichtigt wurden. Vor vier Wochen haben sich noch einige gefragt, ob GST keine Lust mehr hat, seinen Standard zu pflegen und zu verbessern. Heute haben wir die deutsche Version 3.11 in einer fast fehlerfreien Version (ATARI sagt Gammaversion dazu) in unserem Diskettenschacht und werden gleich unsere Forderungen erfüllt sehen (oder nicht?).

Sehr vorteilhaft beim Test einer Textverarbeitung ist die Möglichkeit seine Erfahrungen sofort niederschreiben zu können. Nach dem Laden fällt als erstes die Fileselektorbox auf. Nicht unbedingt positiv, da es die normale aus dem Betriebssystem ist, andererseits hat man so die Möglichkeit, eine beliebige aus der Public Domain-Sammlung zu wählen, die dann vielleicht genau das kann, was man unbedingt braucht, die aber auf jeden Fall besser ist als die des GEM.

Nachdem die zu schreibende Datei eröffnet ist und mit der Maus durch die Menüleiste gefahren wird, kommt zum ersten Mal Freude auf. In dieser Version haben von 65 Menüpunkten 54 hinter ihrer Funktionsbeschreibung noch einige zusätzliche Zeichen, die, wie ein kleiner Test auch gleich zeigt, die Tastenkombination beschreibt, die gleichfalls diese Funktion aufruft. Erstaunen kam nur wegen der Zuordnung der Buchstaben zu den Funktionen auf, denn sie haben keine Ähnlichkeit mit denen, die ich aus anderen Editoren gewohnt bin. Auch kann ich nur wenig Zusammenhang zwischen den Namen der Funktion (weder im Englischen noch im Deutschen) und der aufrufenden Taste entdecken, so daß eine kleine Hilfestellung gegeben wäre (Control+C sichert und schließt z.B. ein Dokument?!). Aber wie es nunmal ist: ein Standard schafft sich widerum seinen eigenen.

Soeben muß ich feststellen, daß kein Undo (zu deutsch so ähnlich wie rückgängig machen) möglich ist, so muß der obige Absatz, nachdem einige Zeichen versehentlich gelöscht wurden, von mir selbst umständlich restauriert werden. Bei diesem Text und an dieser eben erst geschriebenen Stelle ist es zwar nicht schlimm, doch der Rechner, hätte er eine Undo-Funktion, könnte es besser als ich.

Aber immerhin hat sich etwas bei den Blockoperationen getan. Ein Block wird nun nicht mehr mit einer aufzuziehenden Box markiert, sondern, wie in den meisten Programmen, die Blöcke unterstützen, wird mit gedrückter linker Maustaste über den zu markierenden Bereich gefahren. Die Darstellung als Block geschieht auch gleich, auf meinem Monitor in inverser Schrift. Mit dieser Art der Blockmarkierung ist es nun auch möglich, das Blockende und den Blockanfang beliebig auf dem Monitor zu plazieren. Sollte der zu markierende Block nicht auf eine Bildschirmseite passen, kann das Blockende bzw. der Blockanfang auch durch Doppelklick auf die gewünschte Position markiert werden. Leider sind immer noch keine spaltenorientierten Blöcke zu markieren, mit denen es dann möglich wäre, mehrspaltigen Satz zusammenzuflicken.

Bild 2: Die Menüeinträge sind fast alle über Tastatur aufzurufen

denn Mehrspaltensatz wird (ich bin fast geneigt, selbstverständlich zu sagen) nicht unterstützt. Ist ein Block markiert, und wird dabei auf kursiv oder eine andere Formatinformation geschaltet, wird der Block sofort dem gewünschten Aussehen angepaßt, ohne ihn wie bisher explizit “restylen” zu müssen. Als wirklich positiv ist der neu hinzugekommene Puffer zu werten. Zwar nicht unbedingt wegen der Ausführungsgeschwindigkeit, sondern vielmehr wegen den zusätzlichen Möglichkeiten, die er bietet. Ein markierter Block kann in Wordplus wie bisher behandelt (die Blockoperationen wurden also nicht ersetzt, sondern erweitert) oder in eben diesen Puffer kopiert werden. Dabei wird auf einen externen Speichermedium (sollte es ein Diskettenlaufwerk sein, dann...) ein Ordner angelegt, in den der Block einmal mit Formatinformationen, also als WP-File, abgelegt wird, gleichzeitig auch ohne, mit der Extension TXT. So ist es endlich möglich, Blöcke mit allen nur denkbaren Schriftarten von einem Text in den anderen zu übernehmen. Als zweite gute Tat erlaubt dieser Puffer das “Mergen” (Anhängen) eines Blockes an einen .r gespeicherten. Negativ aufgefallen ist, daß die Funktion “Block löschen” nicht mehr auftaucht. Stattdessen muß man nun den markierten Block ausschneiden und muß dies dann jedesmal bestätigen.

Die Hilfsdateien

Da wir nun sowieso schon die externen Dateien angesprochen haben können wir hier gleich weiter erzählen. An 1 st_Word wurde immer kritisiert, daß es nicht möglich sei, eine geöffnete Datei zu drucken, bzw. eine gerade in Druck befindliche Datei zu öffnen. Wordplus umgeht nun ganz geschickt das Problem, indem es für jedes zu druckende Dokument zuerst eine extra Datei anlegt; eine bereits existente wird also erst in einen speziellen Ordner kopiert, die aktuelle Datei, sollte sie gedruckt werden, natürlich auch, um schließlich diese Kopie an den Drucker zu senden. Naja, Hauptsache, es funktioniert, wenn sich der Druckvorgang nur nicht mehr von einem heruntergeklappten Menü aufhalten lassen würde.

Die dritte Funktion, bei der externe Dateien angelegt werden, ist die Arbeit mit Hintergrunddatei. Diese Funktion erlaubt die Arbeit mit Dateien, die größer sind als der Arbeitsspeicher. Gerade nicht benötigte Teile des Dokumentes werden in eine Hintergrunddatei ausgelagert und bei Bedarf wieder zurückgeholt. Es ist zwar schön, diese Option wählen zu können, mir ist aber schleierhaft, wer bei den “überragenden” Geschwindigkeiten von 1st Word mit so langen Texten am Stück arbeitet. Die Hoffnung, daß die Programmierer von GST die Grafikroutinen des GEM auf Trapp bringen könnten, haben sich nämlich nicht erfüllt. Ist man die Geschwindigkeit anderer, zumeist Programmeditoren gewöhnt, die allerdings die GEM-Funktionen links liegenlassen, könnte von einer Drosselung der CPU auf 2MHz ausgegangen werden. Also mir ist auf jeden Fall fast keine Geschwindigkeitssteigerung aufgefallen, und ein Test der Scrollgeschwindigkeit schien mir recht sinnlos zu sein.

Bild 3: Blöcke lassen sich auch wortweise markieren

Die Details

Soweit zu den grundlegenden Änderungen. Was nun folgt, sind mehr oder weniger nur Detail Verbesserungen. Daß im Grafikmodus nicht mehr in den kleinen Zeichensatz umgeschaltet wird, statt dessen die Proportionen für den Ausdruck richtig dargestellt werden, mag für den einen ein Vorteil sein. Für den anderen, der gerne mehr Zeilen auf den Bildschirm darstellt, ohne dabei etwas mit Bildern im Sinn zu haben, ist es eben keiner.

Bei der Gestaltung einer Druckseite wird der Anwender mit der neuen Version doch um einiges flexibler. So ist nun endlich die Wahl zwischen ein- und eineinhalbzeiligem Ausdruck möglich. Daß diese Einstellung nur für das gesamte Formular einzustellen ist, mag den einen oder anderen nicht ganz überzeugen können. Um dieses Manko auszugleichen, kann wenigstens bei der Erstellung eines neuen Lineals angegeben werden, ob, und wenn wieviele Zeilen übersprungen werden sollen. Dies ist zwar nicht unbedingt eine feine Einstellung, doch lassen sich damit schon einige Effekte erzielen, die mit dem alten Wordplus nur umständlich zu realisieren waren. Auch ist die Wahl zwischen Blocksatz und Proportionalschrift möglich, wobei die proportionale Schrift nicht als solche auf dem Bildschirm dargestellt wird. Zum Glück möchte ich sagen, denn die Zeit, um auf die Ausgaben zu warten, hätte ich bestimmt nicht (Blocksatz kombiniert mit Proportionalschrift ist nicht möglich). Das Lineal wie auch die Positionsanzeige kann beliebig ein- und ausgeschaltet werden. Ebenso ist die Darstellung beider Anzeigen oder auch gar keiner möglich, wodurch eine Zeile mehr auf dem Monitor darstellbar wird. Eine weitere brauchbare Wahlmöglichkeit ist die, ob auf der ersten Druckseite Kopf- und Fußzeilen mit ausgegeben werden sollen oder nicht. Es ist also nicht mehr nötig sein Titelblatt, auf dem man sicher keinen Kopf benötigt, getrennt auszudrucken. Alles in allem haben gerade die wichtigen Druckersteuerkommandos eine gehörige Menge an Aufputschmittel erhalten, so daß ein differenzierterer Ausdruck als bisher möglich geworden ist.

Bild 4: Das Wörterbuch

Die langen Ladezeiten des Wörterbuches und die anschließende Dekomprimierung haben in der alten 2.02-Version die meisten Anwender abgehalten, diese Option zu nutzen. In der neuen ist bei den Ladezeiten eine deutliche Geschwindigkeitsteigerung zu beobachten (nur knappe 2 Minuten), und der erhebliche Zeitaufwand die Datei zu dekomprimieren, entfällt völlig. Daß ein Text nun auf Tastendruck auf Fehler bzw. auf unbekannte Worte hin untersucht werden kann, und daß die so gefundenen Wörter mit einer Tastenkombination ins Wörterbuch zu übernehmen sind, macht diese Funktion doch erheblich attraktiver, und vielleicht greift jetzt auch der eine oder andere darauf zurück. Gleichfalls werden jetzt getrennte Worte als solche erkannt und nicht mehr als zwei unbekannte gewertet.

Über die Fußnotenverwaltung kann an dieser Stelle noch nicht viel gesagt werden, da sie nach Auskunft von ATAR1-Deutschland zumindest noch einen groben Fehler enthält. Dieser wird allerdings bis zur Auslieferung korrigiert sein. Neu ist auf jeden Fall die mögliche Wahl eines Startoffsets. So kann der erste Fußnotenindex auf einen beliebigen Wert gesetzt werden.

Zum Schluß ein Schmankerl für zukünftige Anwender von Großbildschirmen, mit denen Wordplus, wie sich auf der ATARI-Messe gezeigt hat, hervorragend zusammenarbeitet. Nur die auf dem Bildschirm abgelegten Boxen wie die Funktionstastenleiste lagen auf diesem an ungünstiger Stelle. Das neue Wordplus umgeht das Problem ganz geschickt, indem die Boxen frei verschiebbar geworden sind. Es funktioniert natürlich auch auf allen anderen Monitoren, aber auf den kleinen sieht man bei geöffnetem Fenster sowieso nichts von ihnen. Diese Einstellung wie auch alle anderen, können nun in einer INF-Datei abgespeichert werden, wodurch sie bei jedem Laden automatisch eingestellt werden.

Fazit

Alles im allem hat 1st_Wordplus 3.11 doch eine erhebliche Aufwertung gegenüber seinem Vorgänger erhalten, auch wenn viele Wünsche nicht erfüllt wurden. Vor allem die Arbeit mit den Tastenkommandos macht sehr viel Spaß. Kleinere Fehler, wie teilweise oben erwähnt, wurden oder werden behoben. Daß die Ausgabe nicht sonderlich schneller geworden ist, liegt an der konsequenten Nutzung der GEM-Routinen mit allen Vor- und Nachteilen. Immerhin bietet Wordplus 3.11 einen deutlich größeren Leistungsumfang, ohne etwas am Konzept geändert zu haben. Und das erneute Studium des Handbuches ist auch nicht nötig, so daß der Austausch alt gegen neu ohne größere Probleme vonstatten geht. Von ATARI Deutschland wurde uns mitgeteilt, daß die neue Version 3.11 (entgegen anders lautender Meldungen) voraussichtlich erst nach der CeBIT ’89 Ende März ausgeliefert werden wird.

Bild 5: Die Druckertabelle und alle Bedienelemente lassen sich beliebig positionieren

WS
Aus: ST-Computer 01 / 1989, Seite 150

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