Test: Ataris ST-Book

Bild 1. Einer der kleinsten seiner Klasse: Der Atari ST-Book

Individuell, unabhängig und immer mit dabei: Notebook-Computer« Das sind die Kleinen mit der Leistungsfähigkeit der Großen. Ataris ST-Book kommt jetzt in den Handel« Außen einer der kleinsten, innen mit interessanter Technik.

Die Tendenz ist eindeutig: Die kleinsten aus den Familien Apple und IBM & Co gewinnen immer mehr Freunde. Notebooks sind die letzte Errungenschaft im Bereich der netzunabhängigen Computer und schließen die Lücke zwischen dem Adreßmanager im Portfolio-Format und einem Laptop. Auch bei Atari verhallte dieser Trend nicht ungehört. Auf der letztjährigen CeBIT präsentierten sie den »ST-Book«. Nach mehr als einem Jahr liegt endlich das Seriengerät zum Test vor.

Zum Preis von 3498 Mark erhält der Käufer neben dem Grundgerät (1 MByte Speicher und 42-MByte-Festplatte) ein Netzteil, ein Akkupack sowie ein Verbindungskabel, um Dateien zwischen ST und Book auszutauschen. Das deutsche Handbuch lag zum Zeitpunkt des Testberichts nicht vor, soll aber mit der Auslieferung verfügbar sein. Einen sehr guten Eindruck hinterläßt das englische Original. Es beschreibt ausführlich alle Systemkomponenten und begleitet den Leser auf seinen ersten Ausflügen durch den Desktop. Auch die mitgelieferten Programme zur Installation der Festplatte und Datenübertragung sind berücksichtigt.

Bild 2. Hinter eine Klappe sind die Schnittstellen des Book verborgen

Schnittstellen

An der Rückseite des Book liegen -geschützt durch eine Plastikklappe - einige Schnittstellen (siehe Bild 2). Auffällig: Abgesehen vom parallelen und seriellen Port existieren sämtliche Ausgänge in verkleinerter Form. Den gekoppelten ACSI/ FDD-Port repräsentiert ein 28-poliger DB 19F-Anschluß, daran läßt sich sowohl eine Festplatte als auch ein Diskettenlaufwerk anschließen. Während der Anschluß einer Festplatte mit nachgeschaltetem Laserdrucker keine Probleme bereitet, ist der Betrieb eines Diskettenlaufwerks derzeit nicht möglich. Das dafür notwendige Spezialmodell ist noch nicht erhältlich. Die Untauglichkeit der Originallaufwerke resultiert aus einem technischen Novum: Atari verlegte den Controller von der Platine des Computers in das Laufwerk selbst. Die beiden MIDI-Buchsen vertreten 5-polige Mini-DIN-Stecker. Die scheinbar fehlende MIDI-THRU-Buchse integrierten die Entwickler in MIDI-OUT. Für alle Freunde von Synthesizern ergibt sich jedoch ein Problem: der fehlende ROM-Port. Ohne ihn sind die meist durch Dongles geschützten Sequenzerprogramme nicht lauffähig. Die notwendigen Signale liegen nunmehr am 120-poligen Systembus (siehe Bild 3). Abhilfe schafft also ein Adapterstück, das sich dank der genauen Beschreibung der Pinbelegung des Systembus leicht anfertigen läßt. Uns ist aber zur Zeit kein Hersteller bekannt, der einen solchen Adapter an bietet.

Ebenfalls mit einer Plastikhaube bedeckt, findet sich an der rechten Seite ein weiterer Anschluß für eine externe Tastatur oder einen Ziffernblock. Unter dem Vektor-Pad liegt der Mikro-Stecker einer Modem-Schnittstelle verborgen. Der freie Platz unter dem Pad dient einem Einbaumodem, das aber voraussichtlich erst zur Atari-Messe die Telefonrechnungen anhebt. Öffnungen, Anschlüsse und Gewinde zum Einbau sind aber bereits vorhanden. Da der MFP-Baustein nur eine Schnittstelle bedienen kann, arbeitet entweder die Modem- oder die serielle Schnittstelle. Der Modem-Anschluß stellt aufgrund seines fehlenden Pegelwandlers keine vollwertige serielle Schnittstelle dar und ist somit vorrangig für DFÜ prädestiniert. Besonderes Lob verdient die Tastatur des Book, die trotz der eng aneinanderliegenden Tasten dank des definierten Druckpunktes ein gutes Schreibgefühl vermittelt. Der Zehnerblock ist im Buchstabenfeld integriert und über die neue »Atari«-Taste zu erreichen.

Bild 3. Am Expansionbus liegen unter anderem die Signale des ROM-Ports an

Erleuchtung

Das zweifelsohne größte Manko des ST Book ist sein ärmliches Display. Trotz des guten Kontrastes sind längere Sitzungen bei normalem Licht nicht zumutbar. Als mangelhaft muß man die zu niedrige Helligkeit bezeichnen, da es sich um ein unbeleuchtetes Display handelt. Abhilfe schafft zwar eine Lampe, die von oben auf das schräg gestellte Display strahlt und auf diesem Wege für die gewünschte Erleuchtung sorgt. Jedoch bietet sich diese Möglichkeit im portablen Einsatz relativ selten. Zudem ist die Oberfläche des Displays nicht optimal entspiegelt. Folge: Je nach Blickwinkel starren Sie der Lampe oder Ihrem Gesicht entgegen.

Besonders problematisch ist auch die gezielte Verwendung des Mauszeigers, der bei jeder Bewegung allenfalls schemenhaft zu erkennen ist. Das »gewöhnungsbedürftige« Vektor-Pad trägt auch nicht zur besseren Positionierung des Zeigers auf dem Display bei. Was man nicht sieht, läßt sich entsprechend schlecht steuern. Und die intuitiven Erfahrungswerte relativiert das drucksensitive Pad nach Irgendwo. Eine etwaige Gewöhnung war innerhalb von vier Wochen nicht festzustellen, dafür jedoch genaue Kenntnis der Tastatur-Funktionen des Desktops, die den Griff zum Vektor-Pad glücklicherweise ersparen.

Sicherlich Mankos mit Folgen, denn jetzt schmerzt der fehlende Mausport besonders. Die Firma Omikron hat allerdings schnell reagiert und bietet bereits eine serielle Maus an. Die größere Einschränkung ist jedoch im fehlenden Monitoranschluß zu sehen, der das Display-Problem zumindest in den eigenen vier Wänden behoben hätte. Bleibt also nur die Hoffnung auf Fremdanbieter. Doch bei denen sieht es nicht rosig aus. Die Entwicklung einer Grafikkarte ist kostspielig, die Karte selbst auch und damit aus kaufmännischer Sicht nicht rentabel.

Dank der verwendeten SMD-Technik bietet der ST-Book Leistung auf engstem Raum. Die guten Ansätze werfen aber Schatten. Denn auf der extrem kompakten Platine ist kein Platz für Speichererweiterungen vorgesehen. Und mit dem einfachen Austausch der RAMs ist es nicht getan. Weitere Logikbausteine und etliche Drahtbrücken sind zu verlegen - ein nicht ganz triviales und billiges Unterfangen, wie Atari selbst zugibt. Aus diesem Grund sollte man sich vor dem Kauf der 1-MByte-Maschine Gedanken über den benötigten Speicherplatz machen. Die Verwaltung großer Datenbestände, gehobene Textverarbeitung und Tabellenkalkulation sind nur im Zusammenhang mit dem 4-MByte-Book interessant. Bei installiertem Kontrollfeld (mit zwei Modulen) und NVDI bleibt sonst nur etwa ein Rest von 600 KByte. Anwender mit größerem Speicherbedarf müssen sich noch bis zur Atari-Messe im August gedulden oder auf das Angebot von Eickmann Computer hoffen, die das Problem der Aufrüstung in Angriff nehmen wollen. Erste Preisvorstellungen für 4 MByte liegen bei zirka 1000 Mark.

Bild 4. Komfortabel: Im Fenster von »STTRANS« verläuft der gesamte Programmverkehr

Der Austausch von Dateien zwischen dem ST-Book und anderen Computern der ST/TT- Reihe ist elegant gelöst und bereitet keine Probleme. Ein Programm auf Diskette bzw. in der ROM-Disk des Book übernimmt den Datentransfer wahlweise über die serielle oder parallele Schnittstelle (siehe Bild 4). Dabei bestimmen Sie den Computer Ihrer Wahl als »Master«, der Ihnen Zugriff auf alle Laufwerke der beiden Computer beschert. Die Übertragungsgeschwindigkeit ist bei maximal 19200 Baud ausreichend.

Besonders gefallen hat uns das kleine Programmpaket, das Atari mit dem Book ausliefert: ein Taschenrechner mit wissenschaftlichen Funktionen, der selbst hohen Ansprüchen genügt und dank des integrierten Hilfesystems leicht bedienbar bleibt. Außerdem befindet sich auf der Systemdiskette eine Terminverwaltung mit vielen Extras. Für jeden Tag lassen sich alle anfallenden Termine mit kurzen Notizen festhalten. Ein Kalender ist ebenso enthalten wie der beliebte Dialer.

Die ROM-Disk, in der sich außer dem Transferprogramm die Software zum Powermanagement und zur Festplatte befindet, erscheint auf dem Desktopals Laufwerk »P:«. Selbstverständlich lassen sich auf ihr keine Daten sichern. Dafür stehen die bereits vorhandenen Programme immer - auch nach einem etwaigen Headcrash der Festplatte - zur Verfügung. Nach einem solchen oder ähnlichen Malheur läßt sich die Platte ohne Probleme formatieren und partitionieren.

Das herausragendste Merkmal des Book ist sein geringer Stromverbrauch und die elegante wie intelligente Lösung des Powermanagements. Egal, ob Sie den Computer ausschalten oder einfach zuklappen: nach erneutem Einschalten landen Sie exakt an der Stelle, an der Sie Ihre Arbeit unterbrochen haben, selbst wenn Sie zusätzlich den Akku entfernen. Dann erhält eine interne Batterie die Daten am Leben.

Neigt sich die Kapazität des Akkus dem Ende zu, stoppt der ST-Book jegliche Plattenaktivitäten. Es bleibt aber immer genug Zeit, die rettende Steckdose aufzusuchen, um die im Speicher befindlichen Daten zu sichern. Dieser Fall tritt aber bei durchschnittlicher Belastung automatisches Sichern eines Textes im 5-Mi nuten-Takt - erst nach etwa sechs Stunden ein. Zugegeben: Während der gesamten Testphase hat der Computer seine Aktivität nie eingestellt. Gelegentliches Aufladen des Akkus verhalf dem ST-Book zu vier Wochen Einsatzbereitschaft. Der oben beschriebene Härtetest ist also rein formeller Natur.

Bild 5. Terminplaner, Kalender und Notizbuch in einem: CALAPPT

Verantwortlich für den komfortablen Stromhaushalt ist neben den genügsamen pseudo-statischen RAMs ein Programm, das der Book von seiner ROM-Disk bei jedem Reset oder Neustart bootet. Zusammen mit einem CPX-Modul bestimmen Sie die Zeit, nach der sich das Display oder das gesamte Gerät »schlafen legt« - vorausgesetzt, es wurden keine Aktivitäten bezüglich Tastatatur oder Vektor-Pad festgestellt.

Hierbei überwacht das Modul auf Wunsch die serielle Schnittstelle sowie Bildschirmausgaben über das VDI. In beiden Fällen bleibt der Bildschirm aktiv bzw. schaltet sich erneut ein.

Kompromißlos kompatibel

Schwerwiegende Probleme bezüglich der Kompatibilität waren während der Testphase nicht festzustellen. Lediglich Programme, die direkt in den Bildschirm schreiben, bereiten dem Book arges Kopfzerbrechen.

Besonders der Bildschirmschoner, der nur die sauberen VDI-Ausgaberoutinen überwacht, hat darunter zu leiden. Das beste Ergebnis brachte allerdings ein 4-Kanal-Sample-Player, nach dessen Start der ST-Book es vorzog, sich auszuschalten.

Bild 6. Taschenrechner für hohe Ansprüche: "ProCalc"

Fazit

Angesichts der beschriebenen Mängel dürfte es der ST-Book schwer haben, sich auf dem Markt durchzusetzen. Die durch das Display und den Mausersatz gegebenen Nachteile lassen sich nicht durch geringen Stromverbrauch und gute Tastatur aufwiegen. Ein guter Computer ist in einem bescheidenen Kleid verpackt. Hinzu kommt die verspätete Auslieferung und das mangelhafte Angebot an Peripheriegeräten. Will Atari noch Fuß fassen, sind massive Änderungen unerläßlich.

WERTUNG

Name: ST-Book
Hersteller: Atari
Preis: 3498 Mark
Prozessor: CMOS 68000, Taktfrequenz 8 MHz
Speicher: 1 oder 4 MByte RAM (pseudo-statisch), 512 KByte ROM (davon 256 KByte ROM-Disk)
Festplatte: Connor CP2044,42 MByte (formatiert)
Display: nicht hintergrundbeleuchtetes LCD
Auflösung: 640 x 400 Punkte monochrom (hohe ST-Auflösung)
Schnittstellen: ASCI/FDD, parallel, seriell, Modem, MIDI IN/0UT, Systembus, Keypad für externe Tastatur
Lieferumfang: Handbuch, Netzteil/ Aufladegerät, Akkupack, Transferkabel, Diskette mit Hilfsprogrammen
Gewicht: 1,9 Kilo (inkl. Akkupack)
**Maße: 290 x 37 x 215mm (B x H x T)

Stärken: geringer Stromverbrauch □ gute Zusatzsoftware □ gute Tastatur □ geringe Ausmaße

Schwächen: dunkles Display ungenügender Mausersatz □ Speicher nicht aufrüstbar □ fehlender Monitoranschluß □ Peripheriegeräte nicht verfügbar

Fazit: Für portablen Einsatz im Profibereich nur stark eingeschränkt tauglicher Note-Book

Der Wolf im »Schafspelz«

In den Zeiten seiner Publikums-Premiere vor etwa einem Jahr galt der ST-Book als die Innovation von Atari schlechthin Manche erhofften die lang ersehnte Besinnung auf die »alten Tage«. Doch Ataris scheinbare Rückbesinnung bezog sich wahrscheinlich auf die Marketing-Strategie des TT: Liefertermine wurden genannt und gekappt versprochen und verschlafen.

Ursprünglich planten d e Amerikaner zwei Versionen des Book: mit und ohne hintergrundbeleuchtetem Display. Auch das ROM-Port-Problem wollte Atari selbst in die Hand nehmen, vor allem »wegen der Musik-Produkte« hieß es damals. Beide Aussagen stammen von der CeBIT '91. Schon vergessen?

Jetzt da das Gerät den Kunden erreichen soll, ist die Spannung groß. Doch der Markt ist in diesen Tagen wesentlich stärker umkämpft. Größter Konkurrent zum ST-Book ist wohl der »Powerbook« von Apple, der sich vom Preis und Leistungsumfang am ehesten vergleichen läßt. Während der Powerbook mit einem vorzüglichen Display aufwartet verweist Atari auf die überdurchschnittlich hohe Lebenszeit der Akkus beim ST-Book. Die vorhandene Programmpalette der beiden Kontrahenten dürfen wir als ebenbürtig annehmen.

Denken wir also praktisch: Wer fragt bei einem so schönen Display und bei der handlichen Lösung der Maussteuerung und Tastatur nach der Haltbarkeit des Akkus? Wen interessieren schon sechs Stunden Unabhängigkeit vom Netz, wenn die gewonnene Zeit mit der Suche nach dem Mauszeiger auf dem Display zerrinnt? Während der Powerbook also die wechselseitige Anpassung zwischen Computer und Mensch auf ein Minimum reduziert, muß sich der Besitzer eines ST-Book mit dessen Macken auseinandersetzen.

Natürlich bleibt die Basis eines leistungsfähigen Computers und großen Software-Potent als erhalten, doch verringert das unzulängliche Display zusammen mit dem unhandlichen Mausersatz die Arbeitsbereitschaft am ST Book zu stark. Bleibt zu hoffen, daß in der Frage um die Ergonomie das letzte Wort doch noch nicht gesprochen ist und Atari in Düsseldorf einen entsprechend abgewandelten Computer präsentiert, Ansonsten heißt das Motto der Käufer »Powerbook without the price«.

Armin Hierstetter


Armin Hierstetter


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