Von Klotzen und Kleckern: Cubase 3.0

Erinnern Sie sich? Bereits in der Ausgabe 12/91 berichteten wir von den Features der brandaktuellen »Dreinull«. Minierweile ist Cubase nun soweit gediehen, dass wir uns ein persönliches Bild von den beeindruckenden Fähigkeiten des Top-Sequenzers verschaffen konnten«

Die sicherlich herausragendsten Features des aktuellen Updates sind ohne Frage das stark verbesserte Notendruckmodul, die Benutzung multipler Mixermaps sowie die endlich realisierte TT-Kompati-bilität. Doch abgesehen von solch spektakulären Features ist es Steinberg gelungen, auch diverse Detailverbesserungen in das Programm einzubringen, die sich erst bei näherer Beschäftigung mit Cubase so richtig offenbaren. Grund genug für uns, noch einmal über die neue Version zu berichten. Das erste Aha-Erlebnis beschert Cubase 3.0 sicherlich jedem Anwender, der einem frisch eingespielten Part einen Namen und eine eigene - Program-Change Nummer verpassen möchte. Auf den bislang üblichen Doppelklick hin öffnet sich nun nämlich nicht mehr die gewohnte Part-Info-Box, sondern Ihr Leib- und Mageneditor, den Sie im Preferences-Dialog auswählen. Diese im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftige Änderung erweist sich jedoch nach kurzer Umgewöhnungszeit als recht praktisch und im Prinzip auch als logischer. Denn warum sollte eine der entscheidenden

Grundtechniken des Maus-Handlings wie der Doppelklick eine vergleichsweise unwichtige Funktion wie eine Info-Box aufrufen? Doch wie gelangen Sie nun an die altbewährte Part-Info-Box? Ganz einfach: Gar nicht - dafür erscheint per Mausklick auf das entsprechende Symbol oder per <Alternate+l>am linken Bildschirmrand eine Art Part-Info-Spalte, »Inspec-tor« genannt, die die gleichen Informationen enthält wie ihr Vorgänger. Vorteil der neuen Spezies: Sie versperrt nicht wie vorher den Blick auf das Arrangement. Außerdem müssen Sie nun nicht für jeden Part erneut die Info-Box aufrufen, vielmehr folgt der Inhalt des Inspectors Ihren Cursor-Bewegungen im Song. Aktivieren Sie den Inspector bei mehreren selektierten Parts, fragt Cubase bei jeder Parameteränderung, ob es diese für die komplette Selektion übernehmen soll - sehr praktisch. Weiteren Feinschliff bei der Mausarbeit leistete man bei den Tool-box-Funktionen. Durch gleichzeitiges Betätigen der Alternate-Taste stehen nun einige neue Funktionen zur Verfügung. So lassen sich z.B. Parts mit einem einzigen Mausklick in gleich große Teile zerschneiden oder mit dem Bleistiftverlängern. Auch das Kopieren von Parts ist nun unter Zuhilfenahme des rechten Buttons mit der Maus möglich.

Ausgesprochen nützlich ist die Funktion, den »Transport-Bar«, also den unteren Bildschirmbereich mit den »Laufwerkbuttons«, verschwinden zu lassen, um mehr Platz für die Darstellung von Spuren (bis zu 32 Tracks) oder Editor-Informationen zu gewinnen. Auc:h beim Stöbern durch die Menüleiste entdeckt man diverse Verbesserungen im Detail: so legen Sie jetzt zum Beispiel für langsame Synthesizer ein Predeläy für die im Inspector gewählten Play-Parameter ein. Cubase sendet dann diese Informationen vor dem eigentli- chen Beginn des Parts, so dass »Hickser« durch behäbig reagierende Klangerzeuger der Vergangenheit angehören. War die »Chase Events«-Funktion eine im allgemeinen recht hilfreiche Sache, führte sie doch gelegentlich bei der Verfolgung von Sys-Ex- oder Mixer-Map-Daten zu überraschenden Ergebnissen. Um vor solchem Ungemach sicher zu sein, läßt sich »Chase Events« ab sofort gemäß Ihren Bedürfnissen konfigurieren. Der ebenfalls neu hinzugekommene Menüpunkt »Input Transform« erlaubt es, eintreffende MIDI-Da-ten bequem nach eigenem Gusto umzuformen. So wandeln Sie zum Beispiel ein Damper-On/Off-Si-gnal in ein Note-On-Kommando um und spielen so die Bass-Drum »wie im richtigen Leben« mit dem Fuß. Eine andere denkbare Anwendung wäre auch das Ändern von Modulations- in Aftertouch-Daten, um auch mit einem nicht Aflertouch-fähigen Keyboard entsprechend ausgerüstete Klangerzeuger anzusteuern. Durch die konsequente Modularisierung des Sequenzers kommen auch speicherschwächere Anwender zu ihrem Recht: Sie entfernen einfach nicht benötigte Programm-teile aus dem Speicher und haben so im Nu wieder Platz für weitere MIDI-Daten. Sie haben den Score-Editor zu voreilig gelöscht? Kein Problem, selbstverständlich lassen sich Module zu jedem Zeitpunkt hinzuladen. Sie bestimmen, ob diese Module jetzt oder auch bei jedem weiteren Programmaufruf mitzuladen sind. Ein weiterer Vorteil dieser Modularisierung: Cubase läßt sich auf diese Weise durch externe Programme sogar von Fremdanbietern problemlos erweitern.

Hiermit wollen wir nun unseren in keinem Fall vollständigen Überblick über das neue Cubase 3.0 beenden. Wie Ihnen sicherlich aufgefallen ist, haben wir dabei auf die erneute Beschreibung der großen Features verzichtet (Interessierte lesen bitte in der TOS 1 2/91 nach). Vielmehr ging es uns in dieser Ausgabe darum zu zeigen, dass die Qualität eines Updates in hohem Maße auch von der Verbesserung im Kleinen, den Details abhängt, die das tägliche Arbeiten angenehm machen oder zur Qual werden lassen. Mit Cubase 3.0 beweist Steinberg eindrucksvoll, dass man dort nicht nur effizient zu klotzen, sondern auch hervorragend zu kleckern versteht. (wk)

Cubase intern

An der Entwicklung von Cubase sind zur Zeit sechs sogenannte »lnhouse«-Programmierer beteiligt. Da ein Großteil des Programmcodes in C geschrieben ist -nur einige sehr Timing-kritische Routinen entstanden direkt in Assembler -läßt sich der Sequenzer relativ problemlos auf andere Systeme portieren. Im Falle der Versionen für Atari, Macintosh und Windows muß daher lediglich eine individuelle Anpassung an das jeweilige Betriebssystem durch eine Art Schnittstelle erfolgen, der eigentliche Programmtext ist für alle Rechner nahezu identisch.

»Da wir für die Version 3.0 viele Teile komplett neu programmiert haben und dabei, wo möglich, C statt Assembler verwendeten, konnten wir die Arbeitsgeschwindigkeit erstaunlicherweise zum Teil erheblich steigern«, verriet uns Werner Kracht, einer der erfahrenen Steinberg-Programmierer. Möglich wurde der Geschwindigkeitszuwachs laut Werner Kracht durch C-typische, äußerst kompakte Konstrukte, deren Realisation in Assembler häufig unübersichtlich und fehlerträchtig gerät.

Damit die Programmierer jederzeit über den aktuellen Arbeitsstand informiert sind, kommt bei Steinberg ein Netzwerk der Firma Bionet zum Einsatz. Als Unix-Fileserver versieht eine NeXT-Station ihren Dienst Konkrete Pläne hinsichtlich der Cubase-Konvertierung auf diesen Rechner existieren allerdings momentan noch nicht.
Kai Schwinke


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