Sequenzer exzessiv: X-ESS, neuer Sequenzer von Laserware Encom

Bild 1. Die Mainpage, »Notator/Creator« läßt grüßen

Als neuesten Teilnehmer im ewigen Streben um die Publikumsgunst schickt die Firma Laserware Encom das Programm »X-ESS« ins Rennen.

Eigentlich sollte man meinen, der Bedarf an Sequenzern sei mittlerweile durch die vorhandenen Systeme mehr als gedeckt. Dennoch finden sich immer wieder Hersteller, die sich mit einem neuen Produkt auf das offene MIDI-Meer hinauswagen. Laserware Encom riskierte ebenfalls den Sprung ins kalte Wasser und schickt ihren Favoriten »X-ESS« in das Rennen um das begehrte »Blaue Sequenzerband«. Um nun nicht bereits beim Stapellauf im Kielwasser der großen hanseatischen MIDl-Fregatten zu kentern, bedarf es allerdings schon einigen Einfallsreichtums.

Auf Altbewährtes verließ sich Laserware bei der Gestaltung der Benutzeroberfläche, die sich zu-mindestens auf der Hauptseite deutlich an den C-LAB Sequenzern Notator/Creator orientiert. So ist es denn auch nicht weiter verwunderlich, daß X-ESS zu der Spezies der patternorientierten Sequenzer zählt. Ein Pattern, hier »Part« genannt, setzt sich dabei aus bis zu 32 Spuren zusammen und enthält in der Regel sinnbildende Abschnitte einer Komposition wie z.B. Intro, Strophe oder Refrain. Die Anzeige des jeweils aktiven Parts erfolgt auf der linken Bildschirmhälfte. Neben der Partnummer, X-ESS verwaltet maximal 239 Parts, und den Track-Namen gibt das Pattern-Fenster zusätzlich noch Auskunft über jeweils einen Abspielparameter, den Sie über die Buttonleiste über der Trackliste auswählen. Unverständlicherweise lassen sich über die Trackparameter keine Program-Changes auslösen, diese müssen Sie umständlich in Handarbeit als MIDI-Events im »Impact Editor« einfügen.

Die Aufnahme eines Pattern geht hingegen problemlos vonstatten. Bringen Sie zunächst X-ESS in den System-Mode »Part«. Dann wählen Sie einfach den gewünschten Track, positionieren die Locator-Marken und betätigen den Record-Button. Eine Besonderheit von X-ESS bildet die Layer-Technik, die es erlaubt, ein Track in bis zu 32 Variationen im Speicher zu halten. In der Praxis bedeutet dies, daß Sie z.B. fünf Versionen eines Solos im Cycle Modus einspielen und diese anschließend einzeln abhören oder später nutzen können. Im Gegensatz hierzu löschen viele andere Sequenzersysteme spätestens beim dritten Durchgang den ersten »Take«.

Parts sind nicht auf eine einmal festgelegte Taktzahl beschränkt. Vielmehr lassen sich für alle Tracks eines Parts verschiedene Start- und Endzeiten festlegen. Leider ist es bei X-ESS jedoch nicht möglich, nach vollbrachter Aufnahme irgendwann wieder in Erfahrung zu bringen, wieviele Takte eine Spur in Anspruch nimmt, bzw. über welchen Zeitraum hinweg sich ein kompletter Part erstreckt. Ein Manko, das gerade in Anbetracht des noch zu besprechenden Song-Prinzips wesentlich scheint. Etwas knifflig gestaltet sich dadurch auch das Kopieren von Parts, bzw. einzelnen Tracks. Da der Wirkungsbereich einiger Kopier- und Löschoperationen von der Positionierung der linken und rechten Locator-Marken abhängt, gerät deren Einstellung gelegentlich zum mehr oder minder heiteren Ratespiel »Wo bin ich und wo ist was«. Neben dem bereits erwähnten System-Mode »Part«, in dem X-ESS immer den jeweils aktuellen Part abspielt, arbeitet X-ESS auch noch in den Modi »Tape« und »Song«. Im Tape-Modus besteht die Möglichkeit, Part-übergreifende Spuren einzuspielen (z.B.: Fill Ins, Melodielinien). Wie auch im Part-Modus stehen hier 32 Tracks zur Verfügung. Ob Sie die Aufnahmen des »Tapes« parallel zu den Parts hören, entscheiden Sie durch Ein- oder Ausschalten des »Tape-Mode«. Befinden Sie sich in der Betriebsart »Song«, bringt X-ESS Ihre komplette Komposition zu Gehör, die Sie im Song-Structure Window aus den einzelnen Parts zusammengesetzt haben. Dieses Fenster enthält nun eine Liste, in der Sie den Songablauf festlegen. Jeder Listeneintrag besteht aus einem Part, für den Sie einen neuen Namen, die Abspieldauer, Transponierung sowie eine »Mute-Konfiguration« angeben dürfen.

Bild 2. Über die Song-Structure arrangieren Sie Ihre Songs

Sie sind verwirrt? Dann soll ein Beispiel Klarheit schaffen. Nehmen wir einmal an, Ihr achttaktiger Part 1 besteht aus einer Schlagzeugspur, einer Baßspur, einer E-Piano-spur sowie einer Percussion- und Gitarrenspur. Hieraus möchten Sie nun ein sich langsam aufbauendes Intro basteln. Sie rufen also das Song-Fenster auf und wählen als ersten Eintrag Part 1. Da Sie zunächst nur vier Takte E-Piano und Percussion hören möchten, stellen Sie unter Length 4 0 0 ein und schalten per Mausklick im linken Partfenster alle anderen Instrumente stumm. Der besseren Übersicht halber nennen Sie diesen Teil im Song-Fenster »Intro 1«. Für den zweiten Eintrag benutzen Sie erneut Part 1, nur daß Sie nun keine Instrumente muten. Bei Length 8 0 0 einstellen (der Part erklingt also komplett) und das Ganze »Intro 2« nennen. Alles klar? Selbstverständlich gestattet X-ESS auch die direkte Aufnahme im Arrange-Window. Dazu müssen Sie lediglich einen weiteren Button betätigen, mit dem Sie den Sequenzer entweder in den Part- oder Tape-Record-Modus versetzen. Haben Sie sich für den Part-Modus entschieden, nimmt X-ESS in dem im Songfenster ausgewählten Part auf den im Partfenster aktiven Track auf. Ganz einfach, oder?

Der Sequenzer läuft Timing-stabil, verfügt über zwei Editoren (Vector-und Impact-Editor, vergleichbar mit Key- und Grid-Editoren anderer Hersteller) zur Korrektur der MIDI-Daten und bietet noch manch andere nützliche Funktion, die das tägliche MIDI-Leben angenehmer gestalten. Als besonderes Bonbon ist für Mitte des Jahres ein kostenloses Update geplant, das über eine algorithmische Kompositionshilfeverfügen soll, mit deren Hilfe sich z.B. Grooves in diverse Stile »modellieren« lassen.

Da jedoch der potentielle X-ESS Kundenkreis eher bei den Neueinsteigern zu suchen ist, bleibt die Frage offen, ob diese Klientel die vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäße Benutzerführung akzeptiert. Kaufbereite Profis wird interessieren, daß eine MIDI-Out Erweiterung und ein SMPTE-Synchronizer zwar angekündigt sind, Laserware jedoch über Preis und Liefertermin bisher keine Angaben machen konnte. Musikern, die dem erläuterte Pattern/Song Prinzip gegenüber anderen Konzepten den Vorzug geben, ist allerdings der sorgfältige Vergleich mit marktbewährten Produkten dringend ans Herz gelegt. (wk)

Laserware Encom, Roßstr. 16, 4000 Düsseldorf

WERTUNG

Name: X-ESS
Preis: 399 Mark
Hersteller: Laserware Encom

Stärken: schneller und Timing-genauer Sequenzer □ clevere Layer-Technik

Schwächen: leicht angestaubtes Konzept □ noch keine erweiternde MIDI-Peripherie

Fazit: In der jetzigen Version ein brauchbarer Sequenzer mit etwas überholtem Bedienerkonzept


Kai Schwirzke
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