Emulatoren: Die Dreiviertel-Lösung

Kommentar: Sinn und Unsinn von MS-DOS-Emulatoren

Da liegt sie nun vor mir: eine kleine Platine im zeitlosen Einheitsgrün, obenauf eine Handvoll Chips und ein Stecksockel. Das Ganze nicht größer als eine 3,5-Zoll-Diskette. Und dahinter soll sich sich ein ausgewachsener AT verstecken?

Voll und ganz, darf man den Anbietern glauben. Mit ebenso verheißungsvollen wie zahlreichen Worten versuchen Sie, uns den Einstieg in die MS-DOS Welt schmackhaft zu machen. Von Standard Software ist da die Rede, von klangvollen Namen wie der Textverarbeitung »Word 5.0« und der Benutzeroberfläche »Windows«, von Multitasking und problemlosen Datenaustausch mit den »Großen« der Computerwelt. Und wirklich, die Zahlen sind für sich gesehen beeindruckend: Zugriff auf eine Softwarebibliothek von mehreren Millionen Programmen - mehr als der ST jemals erreichen wird -, Geschwindigkeiten, die nahe an das Vorbild von IBM herankommen. Und das beste der Preis: 500 Mark für den Emulator, dazu 1000 Mark für einen ST mit Monitor, macht zusammen eineinhalb Tausender - billiger gibt es einen normalen AT auch nicht. Und dafür hat man dann sogar zwei Computersysteme gleichzeitig - und nur einen klobigen Kasten, der den Schreibtisch in Beschlag nimmt.

Aber halt - irgendwo muß es doch einen Unterschied geben zwischen den tausenden MS-DOSen, die täglich über die Ladentische und durch die Postabteilung der Versandhäuser wandern, und den kleinen grünen Platinen, die den Atari-Regen bogen in ein C: >-Prompt verwandeln. Denn sonst müßten die zahlreichen NoName-Anbieter der Kompatiblen ihre Läden dicht machen und Atari das Geschäft seines Lebens. Aber auch die griffigen Werbetexte der Emulatoren-Hersteller können nicht darüber hinwegtäuschen, daß dem nicht so ist.

Daß die meisten Verwandlungskünstler auf dem ST eine Herkules-Karte simulieren, deren Auflösung sogar über die Atari-Eigene hinausgeht, ist schön und gut -Stand der Technik ist es aber keineswegs mehr. Die MS-DOS-Welt ist inzwischen zwei Generationen weiter. »VGA« heißt der aktuelle Standard, und auch ihn droht schon sein Nachfolger »SuperVGA« abzulösen. Ähnliches gilt für die Rechengeschwindigkeit: Einen Landmark-Faktor von 4,4 MHz zeigt die entsprechende Software beim ATonce an - das sind immerhin 73 Prozent des Tempos eines Original-IBM-ATs. Daß heute die meisten Kaufhaus-Computer mühelos 16 MHz erreichen, viele Modelle sogar 20 bis 25 und die neueste Generation - der i486 -gar 115, rückt die Aussage aber wieder ins rechte Licht. An den sinnvollen Betrieb der Benutzeroberfläche Windows und damit an Multitasking ist bei solchen Werten auf einem ST nicht zu denken.

Größtes Handicap ist aber die fehlende Erweiterbarkeit: Seit zehn Jahren sind die MS-DOS-Rechner auf dem Markt, und sie sind es nur deshalb immer noch, weil ihr modulares Baukastenprinzip den problemlosen Austausch veralteter Teile vorsieht. Diese lassen sich durch Steckkarten ersetzen. Die dafür notwendigen Erweiterungssteckplätze aber fehlen den Emulatoren - aus Platzgründen. Die technischen Möglichkeiten beschränken sich dadurch auf den Status quo.

Da stellt sich die Frage, was bleibt bei Licht betrachtet, wenn der erste Glanz des Zauberwortes MS-DOS verflogen ist. Nun, es bleibt die Gelegenheit, am heimischen ST die Daten weiterzuverarbeiten, die tagsüber durch den Bürocomputer gewandert sind. Es bleibt die Chance, mit qualitativ hochwertiger Software zu arbeiten, die dem ST sonst verschlossen ist. Und letztendlich bieten Emulatoren einen guten Einstieg, um einmal in die MS-DOS-Welt hineinzuschnuppern - wer einfach ab und zu mal deren Software benutzen will, für den ist ein ATonce oder ATSpeed die preisgünstigste Lösung.

Größere Anwendungen erfordern jedoch nach wie vor einen zweiten Computer auf dem Schreibtisch. Um professionell mit einem System zu arbeiten, bedarf es eben mehr als einer Dreiviertel-Lösung: Hier gilt nach wie vor der Spruch, daß eine Kopie selten die Qualität des Originals erreicht, (uh)


Marc Kowalsky


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