Edison der Texteditor - Eine runde Sache

Endlich die ideale Eingabehilfe für Anwender und Programmierer? Wir haben den neuen, vielversprechenden Editor für Sie gründlich unter die Lupe genommen.

Mit dem Editor »Edison« bietet Kniss-Soft ein Programm an, das in vieler Hinsicht neue Maßstäbe setzt -nicht nur durch seine Funktionsvielfalt, sondern auch durch die Art und Weise, in der die Funktionen umgesetzt sind.

Viele Editoren glänzen mit prall gefüllten Drop-Down-Menüs, doch kaum ein Editor nutzt GEM auf eine Weise, daß sich für den Anwender die Bedienung tatsächlich vereinfacht. Was nützt es dem Anwender, wenn der Editor zwar in Sekundenbruchteilen in einem

längeren Text Zeichenketten findet und ersetzt, aber elementare Mausfunktionen wie das Blockmarkieren nicht unterstützt? Bei Edison hingegen haben die Entwickler die Erfahrungen der bekannterweise benutzerfreundlichen Macintosh-Software genutzt und alle wichtigen Ideen der »Human Interface Guidelines« des »Inside Macinthosh« realisiert.

Edison räumt gründlich mit dem Vorurteil auf, daß sauber programmierte Programme langsam sein müssen. Die von den Entwicklern gewählte Lösung ist genauso einfach wie überzeugend: In den Standardauflösungen des ST verwendet Edison eigene, geschwindigkeitsoptimierte Funktionen, mit denen sich Edison vor keinem anderen Programm zu verstecken braucht. Auf einem Mono-chrom-Monitor und eingebautem Blitter scrollt Edison so schnell, daß sich der Text nur noch mit Mühe verfolgen läßt. In den erweiterten Auflösungen greift Edison hingegen auf die Standard-GEM-Funktionen zurück, so daß Edison sogar auf der neuen 256-Graustufen-Karte der Firma Matrix problemlos seine Dienste verrichtet.

Im Gegensatz zu den üblichen Editoren erlaubt Edison, den Cursor außerhalb des bereits existierenden Textes zu positionieren, zum Beispiel mitten in einer Leerzeile oder hinter einem Zeilenende. Dies ist zumindest gewöhnungsbedürftig. Doch durch die Funktion »Zeilenenden säubern« entfernt Edison auf Wunsch alle überflüssigen Leerzeichen. Schwerer wiegt allerdings, daß Sie vom Zeilenanfang aus mit der Taste nicht in die Vorgängerzeile springen können. Beim Markieren von Blöcken glänzt Edison. Denn seine Blockfunktionen lehnen sich stark an die der unumstritten benutzerfreundlichen Texteditoren des Macinthosh an. Markieren Sie einen Text, so stellt ihn Edison invertiert dar. Erreichen Sie beim Markieren die untere oder obere Fensterbegrenzung, so scrollt Edison den Text in die entsprechende Richtung. Wörter selektieren Sie mit einem Doppelklick und ganze Zeilen durch einen Dreifachklick. Besonders praktisch: Durch einen mit einem Doppelklick begonnenen Markiervorgang selektieren Sie stets nur ganze Wörter.

Und schließlich selektieren Sie auch ganze Klammerebenen mit einem Doppelklick und überprüfen somit auf komfortable Weise die korrekte Schachtelung von Sprachkonstrukten. Der Clou dabei: Die Zeichen, die einen Klammerblock umrahmen, lassen sich beliebig definieren. Für die Sprache C verwenden Sie die Zeichen »{« und »}«. Wer zum Beispiel oft mit TeX arbeitet, definiert sich »\begin« als Beginn und »\end« als Ende einer Klammerebene. Wie Sie sehen, sind die Funktionen zum Selektieren von Textblöcken vielfältig. Die gekennzeichneten Textbereiche lassen sich mit den genormten Kommandos »Ausschneiden«, »Kopieren« und »Einsetzen« weiterverarbeiten. Diese Blockoperationen machen Sie mit rückgängig.

Edison bietet erweiterte Blockfunktionen, mit denen Sie den Textblock in Groß- und Kleinschrift wandeln, einrücken, wieder ausrücken und zwischen beliebigen Zahlensystemen - beispielsweise Hex- und Dezimal-System - umrechnen.

Auch die Funktionen zum Suchen und Ersetzen von Zeichenketten erfüllen alle Wünsche. So läßt sich auch interaktiv ersetzen. Das heißt, daß Sie für jede einzelne Fundstelle entscheiden, ob Edison ersetzen soll oder nicht. Außerdem geben Sie die Suchrichtung an und legen fest, ob Edison Groß/Kleinschreibung beachtet. Auf Wunsch beachtet Edison nur den selektierten Textausschnitt.

Während des Schreibens nimmt Edison - soweit eingestellt - einen automatischen Wortumbruch vor. Beim nachträglichen Einfügen in bereits umgebrochene Zeilen müssen Sie die Neuformatierung allerdings manuell auslösen. Angesichts der beeindruckenden Arbeitsgeschwindigkeit erwacht der leider unerfüllte Wunsch nach einer vollständigen Formatierung während des Schreibens.

Edison enthält weiterhin viele ungewohnte, aber nützliche Funktionen. So blättern Sie auf Tastendruck zwischen den einzelnen Textfenstern, stapeln alle offenen Fenster oder ordnen sie übereinander an. Sollten Sie ein über die Tastatur unerreichbares Zeichen benötigen, so genügt ein Befehl und Edison übernimmt das gewünschte Zeichen in den Text. Edison beweist, daß konsequente Nutzung von GEM und Maus eine hilfreiche Tastaturunterstützung nicht ausschließt. So sprechen Sie über die -Taste 52 Makros an. Diese nehmen Sie mit dem Makrorekorder auf. Während der Aufnahme eines Makros ist auch der Aufruf von Menüs und Dialogboxen und das Anklicken von Buttons erlaubt. Dank dem Makrorekorder ist es nur noch selten nötig, zur Maus zu greifen.

Wer seine Texte ausdrucken will, darf die Kopf- und Fußzeilen in verschiedenen Schriftarten und auch auf verschiedenen Formaten ausgeben. Dateiname, Datum und Uhrzeit lassen sich dabei automatisch einbinden. Die Druckeranpassung erfolgt über eine ASCII-Datei, die sich auch nachträglich leicht ändern läßt.

Der eigentliche Clou von Edison versteckt sich unter dem Menü »Shell«, das nicht nur zum Nachladen von Programmen dient. Nein, Edison kann sehr viel mehr:

Über die sogenannte Job-Programmiersprache definieren Sie Aufrufe von Compilern, Tools, zum Beispiel eines Resource Construction Sets und ähnliches. Dabei entwickeln Sie »Jobs«. Jobs lassen sich nachladen und auf eine Funktionstaste legen. Die geladenen Jobs tauchen außerdem unter ihrem Namen im »Shell«-Menü (siehe Bild 3) auf. Sind mehr Jobs vorhanden, als das Menü aufnimmt, so scrollt Edison den Bereich innerhalb des Menüs.

Die Job-Programmiersprache besitzt auch Funktionen, wie man sie nur vom UNIX-Make her kennt. So geben Sie beispielsweise an, was zu tun ist, wenn die Datei »x.c« neuer als die Datei »y.o« ist. Auch der Name und das Format von Protokolldateien, wie sie nahezu alle Compiler ausgeben, läßt sich festlegen. Dadurch können Sie den Cursor in Edison auf eine Zeile der Protokolldatei setzen, drücken, und schon öffnet Edison die entsprechende Datei und springt an die fehlerhaften Zeile. Ähnlich wie beim Turbo-C-Projekt-Manager läßt sich der Dateinamen des aktiven Fensters auswerten. Insgesamt ist die Job-Verwaltung eine gut gelungene Mischung aus dem Projekt-Manager des Turbo-C und einem »echten« Make.

Edison speichert beim Beenden eine »Resume«-Datei, die es Ihnen bei einem Neustart erlaubt, an der Stelle weiterzuarbeiten, an der Sie aufgehört haben.

Viele der Edison-Spezialitäten lassen sich auf Wunsch auch abschalten. So können Sie - müssen aber nicht - die Edison-eigene Dateiauswahlbox benutzen. Ebenso können Sie die Anzeige der Cursorposition abschalten oder ein Zeilenlineal ein- und ausblenden. Außerdem erscheinen Dialogboxen - soweit eingestellt - unter dem Mauscursor zentriert.

Angesichts des gelungen Funktionsumfangs und der beeindruckenden Arbeitsgeschwindigkeit ist der Preis von 169 Mark nur als günstig zu bezeichnen. Edison ist für Programmierer und Anwender bestens geeignet. (ba)

Bezugsquelle Kmss Soft, Adalbertstr 44, 5100 Aachen

WERTUNG

Name: Edison
Preis: 169 Mark
Hersteller: Kniss-Soft

Stärken: □ abgerundeter Funktionsumfang □ GEM-Klemmbrett wird unterstützt □ läuft auf allen Monitoren □ sehr hohe Arbeitsgeschwindigkeit Q gut durchdachte Job- Sprache

Schwächen: □ nutzt geladene GDOS-Fonts nicht □ Kursivschrift in den Menüs verwirrend

Fazit: Endlich ein Editor, der dem ST in Sachen Benutzerführung und Geschwindigkeit gerecht wird


Julian F. Reschke


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