Unix für jeden - Bericht von der CeBIT '90

Rekordzahlen von der größten Computermesse der Welt: 560000 Besucher, mehr als 4000 Aussteller. Mit einem Besucherplus von fast 10 Prozent war das Interesse so groß wie nie zuvor. Atari zeigt sich professionell und wagt den Einstieg in den UNIX-Markt. Doch auch beim Desktop Publishing mit Calamus gelang ein Durchbruch.

Henry Plummer, Leiter der Atari-UNIX-Entwickler-Gruppe, reiste eigens aus Sunnyvale an, um der Welt zu zeigen, wie ernst es Atari meint: UNIX auf Atari-Computern ist ab Juni Entwicklern und im Herbst jedermann zugänglich. Die Version des heute noch überwiegend im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich eingesetzten Mehrplatz-Betriebssystems hört auf den Namen »ATX« und läuft auf den Computern der neuen TT-Serie. Die serienmäßig mit 2 MByte RAM und 16-MHz Motorola 68030 Prozessor ausgestatteten Kraftpaktete waren denn auch in augenscheinlich produktionsreifem Zustand auf dem Atari-Stand zu begutachten. Für den UNIX Betrieb sind jedoch mindestens 6 MByte RAM sowie eine 80-MByte-Festplatte erforderlich. Diese Ausführung hört laut Atari auf den Namen TT/X. Wer sich nicht von vorne herein einen entsprechend ausgerüsteten TT/X zu legt, kann die fehlende Hardware im Rahmen des UNIX-Paketes nach rüsten. ATX ist zum AT&T UNIX System V, Version 3.1 kompatibel und schließt die sogenannten Berkeley Erweiterungen mit ein. Dazu zählt ein Fast-File-System mit Dateinamen bis zu 255 Zeichen Länge und ein »Job Control«, das die Verwaltung einzelner Prozesse über die Tastatur erlaubt. Henry Plummer legt bei seiner UNIX-Implementation besonderes Augenmerk auf die Benutzerfreundlichkeit, bis heute die klassische Achilles-Ferse von UNIX. Der Einsatz der grafischen XWindows-Oberfläche sowie des aus Frankreich stammenden Desktops »Wish« weisen den Weg zum verbesserten Benutzerkomfort.

center Die Neuheiten auf dem Atari-Stand stießen auf großes Interesse

Atari - Netzwerk auf Ethernet - Basis

Wish stellt grundlegende Strukturen des Computers grafisch dar, so zeigt es zum Beispiel die Hierarchie des Dateisystems anhand eines »directory tree windows«. Selbst der Systemadministrator arbeitet mit Hilfe neu entwickelter Tools nicht mehr auf Kommando-Ebene, sondern profitiert ebenfalls von der grafischen Oberfläche (bei Drucker-Konfiguration, Electronic-Mail, Terminals etc.). Auch der zum Entwicklerpaket gehörende »Face-Maker« zum Design von Benutzerschnittstellen erlaubt dank seiner Interaktivität eine schnelle Programmerzeugung unter XWindows. Face-Maker verfügt außerdem über eine eingebaute C-ähnliche Sprache. X/Open, der Unisoft- und GNU-C-Compiler gehören zum Lieferumfang des Entwicklerpakets. Zum Preis weiß Atari zur Zeit außer einem unverbindlichen »sehr attraktiv« ebenso wenig zu sagen wie zum endgültigen Preis des Einstieg-TTs: Jedoch ist der Bereich um 6500 Mark einschließlich Monitor, 2 MByte RAM und 40-MByte-Festplatte wahrscheinlich. Die UNIX-Nachrüstung dürfte unter 5000 Mark liegen. Seit der letzten Atari -Messe in Düsseldorf sind die Entwickler vor allem der noch mangelhaften ST-Kompatibilität zu Leibe gerückt. Lediglich »hardwarenah« programmierte Software wie der »Tempus«-Editor oder die »Signum«-Textverarbeitung bringen den heutigen TT noch unwiderbringlich außer Fassung. Für eine reibungslose Kommunikation unter allen Atari-Com putern sorgt das erstmals vorgestellte »Atari Net«, ein auf Ethernet-Basis arbeitendes Netzwerk für TTs, STs und PCs. Nachdem mittlerweile fast ein Drittel des Umsatzes dem PC-Geschäft entstammt, verstärkt Atari auch hier sein Engagement. Während sich President Sam Tramiel von Journalisten auf der Atari-Pressekonferenz prophetische Vergleiche seiner »MS-DOS infizierten Produktpalette« mit AIDS gefallen lassen mußte (»Once you'll get it, you'll die«), gab es auch hier Neuvorstellungen: Der Atari-Business-Computer »ABC 386/40« nutzt die auf 16-Bit-Busbreite abgemagerte SX-Version des Intel 80386-Prozessors im 16 MHz Takt und bekommt neben 2 MByte Arbeitsspeicher noch eine 40-MByte-Festplatte mit auf den Weg; voraussichtlicher Ladenpreis: 3798 Mark. Auch um den heimlichen Star der PC-Linie hat man sich gekümmert: Aufsteckbare Speichererweiterungen verbessern das Erinnerungsvermögen des Westentaschen-Portfolios von 128 auf maximal 640 KByte, wahlweise als RAM- oder EPROM-Card. Die ebenfalls steckbare Parallel-Schnittstelle erlaubt den Anschluß von Druckern und den Datenaustausch mit anderen Computern. Selbst das Telefon ist vor der »tragbaren Folie« mit ebenfalls neuer serieller Schnittstelle und passendem 1200 Baud Modem nicht sicher. Sicher ist nur, daß sich der Handheld in den vergangenen acht Monaten wie warme Semmeln verkauft hat.

Calamus jetzt mit Farbseparation

Und der klassische ST? Nichts Neues für das alte Schlachtpferd? Teils teils. Denn Atari zeigte auf seinem Messestand endlich nur noch Produkte, die tatsächlich Serienreife erreicht haben. Während Hardware-Chef Richard Miller uns gegenüber gestand, er sei »ein wenig traurig«, denn keines der wirklich neuen Produkte sei zur Messe rechtzeitig fertig geworden, gab es an Peripherie für den ST nur eine neue Anwendung für das altbekannte CD-ROM zu sehen. Nachdem Bertelsmann seine Retrieval-Software an den ST angepaßt hat, steht die Industrie-Lieferantendatei »Wer liefert was?« nun auch allen Atari-Anwendern zur Verfügung. Das Nachschlagewerk mit rund 57000 Eintragungen kostet komplett 1596 Mark. Auch der STE führte ein eher schmuckloses Dasein, denn die Vorführung der ausgereiften Anwendersoftware erwies sich als Publikumsmagnet: Allen voran Desktop Publishing mit »Calamus«. Wieder einmal haben die DMC-Programmierer Calamus kräftig umgestrickt, das System ist nun modular angelegt und verzeichnet einen weiteren Leistungssprung: Calamus kann Farbe. Das neue Produktkonzept beschert uns drei Versionen, deren Kernroutinen identisch sind, die sich aber durch ihren Funktionsumfang und die Ausbau-barkeit unterscheiden. »Calamus S« entspricht dem weiterentwickelten bekannten Calamus, besitzt jedoch nur eine eingeschränkte Modulschnittstelle und ist nicht farbfähig. Mit einem offenem System durch Modulschnittstellen sowie wahlweise Farbfähigkeit wartet »Calamus SL« (Satz & Layoutsystem) auf. Das Modul zur elektronischen Bildverarbeitung (EBV) lehrt Calamus SL die lang ersehnte Farbseparation. Formsatz wird mit dem Vektorgrafik-Mod ul zur Formsache. Calamus SLs' Farbfor-mat erlaubt laut DMC die Ausgabe auf beliebige Medien bei einem Maximum an Farbechtheit, denn intern arbeitet das Programm immer mit maximaler Farbtiefe. Farben lassen sich in Calamus direkt eingeben oder aus Farblisten auswählen. Neben den Farblisten lassen sich aber auch bekannte Farb-systeme wie »Pantone« oder »Palette 141« nach laden. Außerdem stehen Funktionen zum Bearbeiten und Retouchieren der Bilder zur Verfügung. Calamus SL beherrscht die vertikale Ausrichtung von Spalten im Textrahmen als Blocksatz, zentriert und randbündig. Bei Hilfslinien und Linealen lassen sich endlich die Nullpunkte verschieben. Calamus kann die derzeit knapp 2000 lieferbaren Schriften nun auch selbst schrägstellen und in der Breite verändern.

Echtfarbbilder mit 16 Millionen Farben

Wer nicht kleckert, sondern klotzt, für den ist »Calamus SLC« gedacht, dessen Lieferumfang das EBV-Modul mit einschließt. Den ersten Liefertermin gibt DMC noch vage mit »Sommer 1990« an. Doch auch bei der Bildverarbeitung schläft die Konkurrenz nicht, im Gegenteil: Beeindruckende Großbildschirm-Vorführungen gab es bei den Firmen TMS aus Regensburg und 3K-Computerbild aus Nettetal zu sehen. Während TMS sein »Cranach« als professionelle Repro-Werkstatt für Grautonbilder bis zu 256 Graustufen oder Echtfarbbilder bis zu 16,8 Millionen Farben demonstrierte, geht 3Ks' »Retouche Professional« einen ähnlichen Weg. Auch Retouche firmiert als »digitales Reprostudio«, besitzt jedoch keine Farbfähigkeit, sondern verarbeitet Bilder mit maximal 256 Graustufen und rastert sie bis zur Auflösung eines Satzbelichters. Beide Programme verfügen über eine ersprießliche Auswahl an Retouchier-Funktionen. Auch Cranach rastert bis zu 2540 dpi (Punkte pro Zoll), anders als Retouche aber auf Wunsch mit Farbseparation und Umwandlung von Raster- in Vektorgrafiken durch ein Zusatzmodul. Zum Anbeißen gute Vektorgrafik gab es auch auf dem Stand von Sei lab zu sehen, die ihr Programm für Präsentationsgrafik auf dem Großbildschirm mit 256 Farben gleichzeitig vorstellten. Mit der »schnellsten Datenbank für den ST« (Eigen wer-bung) bewies Victorsoft einmal mehr ihren Sinn fürs Zweckmäßige. Auf nur 48 KByte haben die Assembler-Spezialisten eine vollständige Datenbank untergebracht: »1st Base« bedient sich der Philosophie der Adreßvewaltung »1st Adress« und läuft wahlweise als Accessory oder Programm. Alle Daten verwaltet 1st Base im Arbeitsspeicher des ST. Daraus ergibt sich eine sehr hohe Arbeitsgeschwindigkeit. Dateien dürfen jedoch nicht größer als 4 MByte sein, die physikalische Grenze des ST-Arbeitsspeichers. 1st Base erlaubt die Verknüpfung von bis zu acht Dateien. Es kann rechnen, sortiert nach mehreren Kriterien gleichzeitig, besitzt einen integrierten Maskeneditor und läuft mit Großbildschirmen. Victorsoft schätzt, mit dem Konzept des 198 Mark teuren Programms 80 Prozentaller Datenbank-Anwendungen abzudecken. Speicherprobleme sollen spätestens mit dem Atari TT der Vergangenheit angehören. Wer sich weniger für 1st Base, sondern eher für »dBase« interessiert, für den gab es am Stand der Firma Vortex eine ganz besondere Überraschung: Etwas abseits vom Trubel des Atari-Standes führten die Festplatten-Spezialisten ihren serienreifen AT-Emulator mit Intel 80286 Chip vor. Ähnlich wie PC-Speed sitzt »AT once« huckepack auf dem 68000-Prozessor des ST und erreicht laut Vortex etwa 75 Prozent der Leistung eines IBM AT 03 und ist damit gut 35 Prozent schneller als ein System mit V30 8 MHz-Prozessor. »AT once« unterstützt 704 KByte DOS Speicher, Fest- und Wechsel platten, CGA-und Herkules-Grafik, benutzt die Atari Maus als Microsoft Maus und ist in platzsparender SMD-Technologie (Surface Mounted Device) gefertigt.

center Der Vortex AT Emulator mit Intel 80286 Chip

OMR: Der ST lernt Notenlesen

»AT once« soll unter 500 Mark kosten und geht damit in direkte Konkurrenz zum etablierten »PC Speed« des Heim Verlages. Doch auch PC Speed Entwickler Hans-Jörg Sack war nicht untätig. Zur CeBIT ersch en die neue Treibersoftware Version 1.4, die bis zu 24 Partitionen auf der Festplatte (maximal 32 MByte) unterstützt. Der Tandy 1000 Videomodus stellt im Grafikmodus 16 Farben dar, monochrom liefert PC Speed echte Graustufen. Der Zugriff auf den 68000-Prozessor unter DOS gewährt nun endlich die volle Nutzung der Atari-Hardware. Was lange währt, wird endlich gut, sollte man meinen. Und es sieht ganz danach aus, daß die lang ersehnte Textverarbeitung »Tempus Word« ganz besonders gut werden mußte. Denn auch zur CeBIT hat dieses Riesenprojekt noch nicht die Reife einer verkaufsfertigen Version erreicht (V 0.9 auf der Messe). Dennoch laßt der reichhaltige Funktionsumfang und die bemerkenswerte Arbeitsgeschwindigkeit nach wie vor einen Meilenstein unter den Atari-Textverarbeitungen erwarten. Derzeit geplanter Liefertermin ist der kommende Juli, der Preis bleibt mit 649 Mark unverändert. Auf 799 Mark ist der Preis der »Professional« Version des Grafik-Program ms »Mega Paint II« im Vergleich zur Normalversion 2.3 geklettert. Den Profis hat der Berliner Hersteller Tom-my-Software unter anderem eine Vektorisierung aller Zeichenfunktionen, das Calam us-Vektorgraphik-Format, vektor-orientierte Schrift sowie verbesserte Textverar-beitungs-Funktionen zugedacht. Auch der Software-Entwickler Thomas Praefcke hat sein bewährtes Platinen-Layout Programm »PCB-layout« einer Überarbeitung unterzogen. Für 298 Mark bekommen Sie die Großbildschirmversi-on. »PCB-layout plus« kostet 348 Mark und enthält einen interaktiven Autorouter. Die Komplettlösung einschließlich Isert-NC Maschine (Bohrgenauigkeit 0.1 mm) für die Fertigung von Prototypen und Kleinserien liegt mit etwa 7000 Mark noch deutlich im Low-Cost-Bereich. In Serie ist auch die im vergangenen Jahr in einer ST-Zeitschrift veröffentlichte Bauanleitung zur Erhöhung der Bildschirm-Auflösung gegangen: »Autoswitch-Overscan« besteht aus einer kleinen Platine und arbeitet laut Hersteller in allen Auflösungen mit allen Monitoren mit bis zu 752 x 480 Punkten. Bei Overscan-inkompatiblen Programmen schaltet die Treibersoftware automatisch auf die normale Auflösung um. Eine neue Version gab es auch bei dem Klassiker der automatischen Schrifterkennung: »Augur 1.5« unterstützt nun auch Großbildschirme. Die Größe eingerahmter Textblöcke läßt sich beliebig verändern. Eine Lupe vergrößert dabei konstant den gerade aktiven Textausschnitt. Komfortabler ist auch die Korrektur unbekannter Zeichen geworden, wenngleich die Erkennungs-Algorithmen unverändert blieben. Ein Programmierer, der hauptberuflich bei British Aerospace militärische Software schreibt, überraschte die MIDI-Gemeinde mit einem Produkt ganz anderer Art: Simon Hobbs demonstrierte das erste Optical Music Recognition System (OMR), das dem ST endlich das Noten lesen bei bringt.

center Die Repro-Werkstatt Cranach beherrscht 16,8 Millionen Farben

Über einen Scanner liest die Software maximal DIN A4 große Notenblätter ein, interpretiert die Information und erzeugt daraus eine MIDI-Datei, die sich auf einem MIDI-Keybord abspielen oder im Sequenzer weiterverarbeiten läßt. Nach der Übertragung des Programms in Assembler-Code soll die Analysezeit pro Seite ab Juni von 20 auf 5 Minuten sinken. Während C-LAB ein MIDI-Einstiegs-Paket u.a. mit Notendruck-und Gehörbildungs-Programm vorstellte, kündigte Steinberg für Mai die Version 2.0 von »Cubase« an. Wichtigste Neuerung: endlich Notendruck.

Ein großes Aufatmen ging auch durch die Reihen der Commodore Amiga Anwender: Ein ST-Emulator ist für den Amiga 2000 als Einsteckkarte erstmals verfügbar. Für 598 Mark eröffnet sich die Welt ausgereifter ST-Software, auch wenn wohl nicht nur die Rührung für Tränen vor dem Bildschirm sorgt: Calamus mit 35 Hz Bildwiederholfrequenz ist nun einmal keine Augenweide.

Kommentar: UNIX statt TOS?

Von Tarik Ahmia

Ist es nun eine gute oder eine schlechte Nachricht, wenn Atari in den UNIX-Markt einsteigt? Wird UNIX die Weiterentwicklung des TOS beeinträchtigen? Und vor allem: Was bringt das ganze dem Anwender? UNIX für jeden, ja, ab Herbst dürfen wir uns das mythische Betriebssystem zusammen mit dem neuen TT auf den Schreibtisch stellen. Die Frage ist nur: Wozu? Mit dem Einstieg in das UNIX-Geschäft betritt Atari das klassische Terrain der Multi-Tasking-Multi-User-Betriebssysteme und zielt offensichtlich darauf ab, bei der ohnehin schon zahlreichen Hochschul-Kundschaft weiter an Boden zu gewinnen. Vor allem Programmierer können die Ankunft des Low-Cost-UNIX kaum erwarten. Doch für die typischen Atari-Anwender gibt es kaum eine Veranlassung, auf UNIX zu hoffen: Wozu ein Mehrplatz -Betriebssystem, wenn man ohnehin nur Texte schreibt, wieso sich dann mit einem Betriebssystem befassen, dessen Oberfläche die Atari-Entwickler nur mit Mühe auf GEM-Niveau bringen. UNIX ist kaum der ersehnte Silberstreifen am Horizont der ST-Fortentwicklung. Für uns Anwender wird es erst wieder im August auf der Atari-Messe in Düsseldorf spannend: Denn dort sehen wir die ersten Früchte des neuen Chef-Entwicklers Richard Miller, der noch einiges mit dem ST vorhat und kaum den TOS-Pfad verläßt.


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