Atarium: CeBIT ´92: Atari präsentiert MultiTOS

Mangels vorzeigbarer und Hardwareneuigkeiten hat sich Atari dazu entschlossen, den CeBIT-Besuchern einen ersten Blick auf die TOS-Zukunft namens »MultiTOS« zu genehmigen.

Die Fakten: Wie bereits in den letzten Wochen allerorts vermutet, basiert MultiTOS auf dem »MiNT«-Kernel des Kanadiers Eric Smith, über den wir ja bereits in den beiden zurückliegenden Ausgaben berichtet haben. Und genau, wie wir schon im letzten Monat vermutet haben, heißt das, daß MultiTOS auch auf allen bisherigen ST-Modellen funktionieren wird. Angaben über geplante Liefertermine und das Auslieferungsmedium (ROM oder Diskette) waren allerdings noch nicht zu bekommen.

MiNT steht bekanntlich für »MiNT is Not TOS«. Das stellt aber kein großes Problem dar, da zu einem vollständigen TOS natürlich auch ein noch neues multitaskingfähiges »AES« gehört (dieses wird direkt bei Atari entwickelt).

MiNT wird nun von Atari und Eric Smith gemeinsam weiterentwickelt. Die auf der Messe gezeigte MiNT-Version war eine Testfassung von MiNT 0.93. Mittlerweile ist auch Eric Smiths Version von MiNT 0.93 frei verfügbar. In der beiliegenden Dokumentation klärt er auch, wie denn die Abkürzung 'MiNT' künftig zu deuten ist: »MiNT is Now TOS«. Richtig gelesen: Für die absehbare Zukunft wird es MiNT weiter in der Freeware-Fassung mit Soureccodes geben. Softwareentwickler sollten also allerspätestens jetzt anfangen, sich um die Lauffähigkeit ihrer Software unter MiNT zu kümmern.

Spezielles Augenmerk sollte man auf das neue Treiberkonzept für Dateisysteme richten: Längen- und Formatbegrenzungen für Dateinamen sind praktisch aufgehoben, und jeder Programmierer sollte sich in seinen Programmen schon mal auf Dateinamen wie »LangerName.doc.bak« einrichten.

Zum Experimentieren gibt es einen Minix-Dateisystemtreiber, mit dem man bereits jetzt mit diesen neuen Fähigkeiten experimentieren kann. Wer vorsichtig ist, nimmt dazu erst einmal ein Minix-Dateisystem auf Diskette zu Hilfe.

Gespannt darf man auf die Zukunft von »Meta-DOS« sein. Das MiNT-Treiberkonzept macht Meta-DOS grundsätzlich überflüssig, vorausgesetzt, die entsprechenden MiNT-Treiber für CD-ROMs werden realisiert.

Bei den großen Anbietern von Atari-Netzwerken war das Interesse für MiNT auf jeden Fall groß. Jeder stellte neue Netzwerkversionen für MiNT in Aussicht. Kein Wunder, da nun mit MiNT alle »GEMDOS«-Einschränkungen, um die bislang herumprogrammiert werden mußte, aufgehoben sind.

Ataris Version von MiNT enthält allerdings eine wichtige Fähigkeit, die in der Freeware-Version nicht vorhanden ist: Auf allen Rechnern mit 68030-CPU kann ein optionaler Speicherschutz (»Memory Protection«) eingeschaltet werden. Das heißt, daß der laufende Prozeß wirksam davor geschützt wird, von anderen abstürzenden (oder sich in anderer Weise fehlverhaltenden) Programmen in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Ein einzelner Programm-Crash kann daher das System im allgemeinen nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Windows- und Mac-User wären über einen derartigen Schutz sicherlich auch nicht unglücklich.

Der Zugriff auf fremder Programme Speicher ist natürlich nicht immer als Programmfehler anzusehen. Ganz im Gegenteil: »Cookie Jar«, »XBRA«-Verkettungen und auch einige AES-Message-Protokolle (wie das »VA«-Protokoll) beruhen geradezu auf dem gemeinsamen Zugriff mehrerer Programme auf einen Speicherbereich. Doch in der Praxis stellt dies kein ernsthaftes Problem dar: Betroffene Programme (zumeist residente Utilities) werden einfach durch neue Flags im Programm-Header entsprechend gekennzeichnet. Dabei stehen vier verschiedene Modi von totalem Schutz bis zur vollständigen Erlaubnis von Schreibzugriffen Dritter zur Auswahl.

Wie jeder MiNT-Kenner weiß, reichen die Erweiterungen des MiNT-Kernels nicht dazu aus, mehr als ein GEM-Programm gleichzeitig benutzen zu können. Ataris Systemprogrammierer lösten dieses Problem, in dem sie das gesamte AES überarbeitet haben. Die Anzahl der gleichzeitig laufenden GEMProzesse ist nur noch vom freien Speicher abhängig. Accessories und Programme werden praktisch gleich behandelt und tauchen auch in gleicher Form im Desk-Menü auf (siehe Abb. 2). Bedient wird das Ganze genauso wie man es von »Multi-GEM« oder von »System 7« auf dem »Mac« kennt: Nach einem Programmstart steht der Desktop weiter vollständig zu Verfügung und kann zusätzliche Programme nachstarten.

Es versteht sich von selbst, daß unter einer derartigen Oberfläche Programme mit einem eigenen Desktop-Hintergrund eher lästig sind: Jedesmal, wenn man das Fenster eines anderen Programms aktiviert, wird ein Austausch des kompletten Hintergrunds fällig und es ist kein Zugriff auf die Dateiverwaltungsfunktionen des Desktops mehr möglich. Daher der Aufruf: Programme immer so schreiben, daß sie zumindest optional auch ohne eigenen Desktop-Hintergrund auskommen - es sei denn, ihre Aufgabe ist es, die Funktionalität des Original-Desktops vollständig zu ersetzen.

Die meisten sichtbaren Veränderungen haben sich allerdings bei der Fensterbehandlung ergeben. Wie erwartet, können jetzt mehr Fenster geöffnet werden das Limit dafür ist nicht mehr statisch, sondern wird durch die Größe des freien Speichers gesetzt. Die Kontrollelemente eines Fensters bleiben auch dann sichtbar und aktiv, wenn es nicht das oberste ist. Damit können Fenster verschoben und in der Größe verändert werden, ohne erst nach oben geklickt werden zu müssen. Programmierer aufgepaßt: Dasselbe gilt natürlich auch für die Bedienung der Slider. Man sollte also niemals davon ausgehen, daß Slider Events nur für das oberste Fenster gemeint sein können.

Eine nur optische, aber dennoch hochwillkommene Verbesserung: Die Scroll-Pfeile werden bei der Aktivierung wie bei »XCONTROL«-Slidern invertiert.

Anders behandelt werden jetzt auch TOS-Programme. Da man sich sicherlich nicht wünscht, daß ein einzelnes textorientiertes Programm den gesamten Bildschirm für sich blockiert, werden TOS-Programme vollständig in Fenster verfrachtet. In der auf der Messe gezeigten Version war dafür eine neue Fassung von »MW« (siehe in [2]) verantwortlich. Damit ergeben sich einige für Programmierer wichtige Grundsätze (die man allerdings schon beherzigt haben sollte, seitdem es das Console-Fenster in »Gemini« gibt):

Die sauberste Lösung ist für die Bildschirmbreite die Environmentvariable »COLUMNS« und für die Bildschirmhöhe die Environmentvariable »LINES« abzufragen (falls LINES nicht existiert, sollte man gegebenenfalls den Wert aus »ROWS«, übernehmen, siehe auch in [2] und [3]).

Andere Hinweise sind geradezu offensichtlich:

Eine weitere interessante Multitasking-Umgebung ist »Magix« (Vertrieb: Bela, Autoren: Andreas Kromke, Wilfried & Sven Behne). Magix ist nach Aussage der Autoren eine vollständige, gleichwohl TOS-kompatible Neuentwicklung (die aus dem bekannten »KAOS«-Projekt hervorgegangen ist). Auch unter Magix können mehrere GEM-Programme gleichzeitig ablaufen.

Auch außerhalb des Atari-Stands gab es natürlich so manche interessante Entwicklung zu besehen.

Die kalifornische Firma »NuTek Computers« zeigt auf einem kleinen Stand ein selbstentwickeltes, zum Macintosh-System kompatibles Betriebssystem. Um »Look&Feel«-Streitigkeiten mit »Apple« aus dem Weg zu gehen, wählte man ein Benutzer-Interface im »Motif«-Design. Das NuTek-Betriebssystem läuft auf mit einem speziell zu diesem Zweck entwickelten Chipsatz für Motorola-Prozessoren. Eine Portierung auf die Atari-Hardware mochten die Entwickler, genügende Nachfrage vorausgesetzt, nicht völlig ausschließen.

Die andere interessante Nachricht kommt von »Digital Research«, den Entwicklern der Urfassungen von GEM und GEMDOS. Wie jeder weiß, hat sich auf dem PC-Markt das »Microsoft«-Produkt »Windows 3« längst als Benutzeroberfläche durchgesetzt (wenn auch PC-GEM aufgrund der geringeren Hardwareanforderungen noch immer viele Fans hat). Seit geraumer Zeit gibt es von DR auch »FlexOS« (ein Echtzeit-Multitasking-System für Intel-Rechner) und »X/GEM« (eine auf FlexOS abgestimmte Multitasking-Version von GEM). Im letzten Jahr ist Digital Research von der Firma »Novell« übernommen worden. Dennoch werden FlexOS und X7GEM weiterentwickelt, und zwar wegen der Echtzeitfähigkeit des Kernels speziell für Anwendungen im industriellen Bereich.

Soviel für diesen Monat: Atari hat durch das »Nicht-Zeigen« der neuen Hardware (siehe an anderer Stelle in dieser Ausgabe) sicherlich viele Messebesucher enttäuscht. Andererseits ist heutzutage ein leistungsfähiges Betriebssystem in mancher Hinsicht wichtiger als das eine oder andere Hardware-Feature - und mit MultiTOS gibt es jetzt vielversprechende Perspektiven.

(uw)

Quellennachweis:

[1] Julian F. Reschke: »MiNT - Frischzellenkur für GEMDOS«, ST-Magazin 3/1992, Seite 37
[2] The Institute of Electrical und Electronies Engineers, Inc. (IEEE): "Information technology - Portable Operating System Interface (POSIX) - Part 1: System Application Program Interface (API) [C Language])", IEEE Std 1003.1-1990, ISO/IEC 9945-1, ISBN 1-55937-061-0
[3] Jankowski/Rabich/Reschke: »ATARI Profibuch ST-STE-TT«, 11. Auflage, Sybex Düsseldorf 1992, ISBN 3-88745-888.5
[4] Julian F. Reschke: »Über Standards«, ST-Magazin 2/1991, Seite 109
[5] Julian F Reschke: »Was lange währt «, ST-Magazin 12/1991, Seite 72


Julian F. Reschke
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