Kaos 1.4.2 - Ein geniales Patchwork

ST-Besitzer, die in den vergangenen Jahren unmotiviert über die CeBIT bummelten, hatten diesmal mindestens ein lohnendes Ziel. Die Betriebssystemmodifikation »Kaos l.4.2« wurde kurz vor dem Stapellauf im Vertrieb in Hannovers Hallen erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt.

Beim Aachener Hard- und Softwarevertrieb »Catch Computer« stand Anfang Dezember das Telefon nicht mehr still. Für Mitinhaber Michael Hoffmann im Vorweihnachtsgeschäft nichts Ungewöhnliches. Stutzig wurde er erst, als zahlreiche Anrufer ein ihm unbekanntes Betriebssystem für den ST verlangten. Hilfesuchend wandte er sich deshalb in einem Brief an die ST-Magazin-Redaktion: »Wir werden mit Kundenanfragen zu Kaos überhäuft und sind am Vertrieb brennend interessiert.« Einziger Haken an der Sache: Kaos 1.4.2 gab's zu diesem Zeitpunkt erst in einer Entwicklerversion, die das ST-Magazin vorab testen durfte. Wie Hoffmann ging es bundesweit einer ganzen Reihe von Distributoren. Thomas Aller, von der Stuttgarter Firma »Edicta« war durch eifrige ST-Magazin-Leser bereits bestens über Kaos informiert, lange bevor ihm unser Bericht in Heft 12/90 in die Hände fiel.

Endgültig in aller Munde war der TOS-Abkömmling, als am 18. Dezember die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, sensibilisiert durch eine Atari-Pressekonferenz in München, der Betriebssystem-Modifikation nahezu eine halbe Druckspalte widmete.

Hintergrund: Das ehrgeizige Projekt der Hannoveraner Programmierer Andreas Kromke und Dirk Katzschke eliminiert nicht nur rund 80 TOS-Mängel, ist an zahlreiche Beschleunigerkarten angepaßt, funktioniert auch mit Prozessoren oberhalb von 32-MHz-Taktraten, sondern erweitert das Betriebssystem um zahlreiche neue Funktionen und besitzt spezielle Schnittstellen zu Softwareakzeleratoren.

Die norddeutsche Computer-Show erlebte nun vom 13. bis 20. März die offizielle Kaos-Heimpremiere. Besonders erfreulich: Das modifizierte Betriebssystem kann ab sofort, noch vor Lieferbeginn, im Hause Markt & Technik bestellt werden. Bis zum 1. Juli zum günstigen Subskriptionspreis von 65 DM. Danach kostet Kaos 89 DM.

Die Betriebssystemmodifikation wird in Form von EPROMs im Rechner installiert. Wenn Sie einen EPROMer besitzen, geht das im Do-it-yourself-Verfahren. Anwender mit geringen Erfahrungen bei der Bedienung der Promer-Hardware finden im Handbuch eine bebilderte Anleitung. Als Referenzmodell diente der »Easy-prommer« der Eschborner Firma »Maxon«.

Ansonsten helfen einige Firmen mit einem »Brennservice« weiter. Wo das alternative Systemprogramm in Ihrer Nähe in EPROMs »gebrannt« wird, erfahren Sie im untenstehenden Kasten.

Zum »Selberbrennen« gibt's die Kaos-Diskette nebst lOOseitigem Handbuch. Voraussetzung für eine erfolgreiche Übertragung ist auch hier TOS 1.4. Erst mit ihm liest ein Installationsprogramm das Originalbetriebssystem als Object-Code in den RAM-Speicher, eliminiert überflüssige Programmteile, baut alle Modifikationen ein und schreibt das Ergebnis als Datei auf Diskette.

Geeignete EPROMs (eras-able ROMs mit 256 KByte) gibt's übrigens auch im Versandhandel zum Stückpreis von ca. 10 bis 15 Mark. Wer die Kompatibilität auf die Spitze treiben möchte, benutzt programmierbare Speicherbausteine mit 512 KByte, die Platz für zwei Betriebssysteme bieten. Im Kaos-Handbuch erfahren Sie detailliert und bebildert, wie per Umschalter zwischen TOS 1.4 und Kaos geswitcht wird (s. Abb. 1).

Registrierte Kaos-Kunden erhalten kostenlos Andreas Kromkes alternativen Desktop »Kaosdesk« und den effizienten Kommandointerpreter »KCMD.PRG«.

Was ist ein Patch?

Patchen ist englisch und bedeutet soviel wie flicken, ausbessern. Patchwork, eigentlich ein Begriff aus der Textilbran-che, dient beim ST zumeist der Pflege des Betriebssystems. Patches sind die einzige adäquate Methode, nachträglich Fehler und Ungereimtheiten zu eliminieren.

Die Betriebssysteme aller namhaften Computerhersteller sind bewährte und in der täglichen Anwendung erprobte Programme. Zwangsläufig schleichen sich bei allen Neuentwicklungen ärgerliche Fehler ein. Neue Betriebssystemversionen lösen ausnahmslos Hochkonjunktur für Updates aus. Nicht nur Atari, sondern Hersteller aller Betriebssysteme liegen ständig im Clinch mit Anwendern, die nachträglich Systemmängel reklamieren. Die grundsätzliche Schwierigkeit beim ST besteht nun darin, daß sich das Originalbetriebssystem nicht auf Diskette, sondern im Festspeicher (ROM, Nur-Lese-Speicher) befindet. Dadurch sind Fehler nicht mehr simpel durch Disketten-Updates zu beheben.

Voraussetzung beim Patchen ist der Zugriff auf den ST-Festspeicher. Dazu muß zunächst der ROM-Inhalt ausgelesen und in den virtuellen Computerspeicher (RAM) geladen werden. Kein besonders aufwendiges Verfahren, wenn die richtige Software zur Verfügung steht. Eine Aufgabe für Speichermonitore, Spezial-Programme oder handelsübliche EPROMer-Software.

Der vom Speichermonitor ausgelesene Object-Code ist nicht identisch mit dem Quellcode des Betriebssystems, sondern besteht aus binären Zahlenketten. Die wiederum sind schwer interpretierbar, werden aber unmittelbar vom Zentralprozessor (CPU) verstanden. Die Aufgabe für versierte Patch-Programmierer besteht darin, Fehler aufzuspüren und zu verändernde Programmteile zu lokalisieren.

Ist dieses Programmelement gefunden, genügt es häufig, den alten Code zu entfernen und an dessen Stelle eine neue Sequenz einzufügen. Mitunter wird Code auch mit kurzen Ergänzungen (Sprungzielen) versehen. Vergleichbar einer Fußnotennummer, die TOS an die für das Patch vorgesehene Stelle am Ende des Systemcodes dirigiert. Diese neuen Programmstrukturen arbeitet der Prozessor anstelle des ursprünglichen Befehls ab.

Das ST-Systemprogramm läßt sich zwar aus den ROM-Bausteinen auslesen, aber nicht mehr dorthin zurückschreiben. Dafür werden spezielle Speicherbausteine, »EPROMs« benötigt. Die Daten gelangen via EPROMer, einer Hardware, in die ICs des Chips. Ein Vorgang, der salopp auch als »Brennen« bezeichnet wird. Die ausgedienten ROMs werden aus ihren Sockeln entfernt und durch sechs bespielte EPROMs ersetzt.

Neben dem dauerhaften Patch gibt's auch temporäres Flickwerk, das beim Systemstart aus dem AutoOrdner aufgerufen wird: Rarsten Isakovics »VDI-FIX« und das »Poolfix« von Atari sind typische Vertreter dieses Programm-Genres, mit dem sich zweifelhafte Betriebssystemstrukturen zur Laufzeit des Rechners verändern oder ausblenden lassen.

Kaos 1.4.2 nun ist ein Super-Patch, der das Original-TOS in einen Flickenteppich verwandeln würde. Dieser massive Eingriff ins Betriebssystem läßt sich nicht mehr mit temporären Patches steuern. Auch das mühsame Einlesen von rund 192 KByte per Diskette erweist sich auf Dauer als nicht praktikabel. Eleganteste Lösung: Die Betriebssystemmodifikation wird auf EPROMs gespeichert und steht bereits beim Einschalten des Rechners zur Verfügung.

Beim Patch benutzt Kaos das Atari-Betriebssystem als Grundlage, beseitigt rund 80 Systemmängel, ersetzt den Window-Manager und bindet zahlreiche neue Funktionen ein.

Das Ergebnis ist ein Maschinencode, der trotz erheblicher Erweiterungen kürzer als die Urspungs-version ist. Diese Platzersparnis wird sich bei künftigen Kaos-Erweiterungen noch als nützlich erweisen. Durch die verbesserte Fenster- und Directory-Verwaltung belegt Kaos bei allen STs etwa 13 KByte weniger RAM.
Egbert Meyer


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