Kaos 1.4.2: Nachbrenner für GEM-Dialoge

Einen Monat lang konnten wir »Kaos 1.4.2« ausgiebig testen. Neben deutlich verbesserter Betriebssicherheit zeichnet das Systemprogramm ein schneller, kurzer Code aus, der allen STs zusätzliche Funktionen und mehr Speicherplatz bringt.

Entgegen einer weitverbreiteten Annahme beansprucht das ST-Betriebssystem auch im Schreib- und Lesespeicher (RAM) nicht zu unterschätzenden Speicherplatzanteil. Über Reservierungen für Ordner- und Fensterverwaltung hinaus, bucht das Systemprogramm ständig 32 KByte im RAM zur Bilderzeugung.

Die Eweiterung des frei verfügbaren Arbeitsspeichers gelang den Kaos-Programmierern durch Modifikation der Fenster- und Directory-Verwaltung. Der Editor »Tempus« lieferte uns Vergleichswerte: Stattliche 13 zusätzliche KByte waren es im Vergleich zu TOS 1.4.

Sofortige Abhilfe

Ein Speicherplatzgewinn, von dem allerdings der Hardware-Zusatz »PC-Speed« ausgenommen ist. Der PC-Emulator bereitete dem Betriebssystem erwartungsgemäß keine Schwierigkeiten, da er völlig unabhängig vom ST-Systemprogramm arbeitet.

Voll Kaos-kompatibel erwies sich auch eine externe Cherry-Tastatur. Im Parallelbetrieb mit dem ST-Keyboard würden alle neuen Funktionen unterstützt. Auch die Tastenkombination »Alt + Capslock« brachte die PC-Tastatur nicht aus dem Gleichgewicht (vgl. ST-Magazin 12/90; mit diesem Kommando lassen sich in zahlreichen Programmen und auf dem Desktop internationale Zeichensätze aufrufen).

Einen geringfügigen Fehler entdeckten wir beim Betrieb der Grafikerweiterung »Autoswitch Overscan«. Im Test stürzte Kaos beim Umschalten in die hohe Bildschirmauflösung unvermittelt ab.
Overscan-Programmierer Karsten Isakovic konnte jedoch mit neuer Software (Release 3.0u) sofortige Abhilfe schaffen.

An der Optik gefeilt

Ausgiebig hat Mitentwickler Dirk Katzschke an der Optik des Systemprogramms gefeilt. Kaos wurde nicht nur mit unterschiedlichen Laufwerks-Icons für Diskettenstationen und Festplattenlaufwerke ausgestattet, sondern verfügt auch über veränderte Alert-Boxen (siehe Abb.). Eine akustische Neuerung ist vom STE-TOS entliehen: Herkömmliche Sounds für Tastaturklick und Glocke lassen sich demnächst auch über einen Konfigurationsschalter beliebig verändern.

In allen Dialogboxen bietet Kaos zahlreiche neue Funktionen. In GEM-Programmen und Shells stehen Anwendern zehn zusätzliche Tastaturkommandos zur Verfügung (siehe Kasten).

»Critic-Handler« überarbeitet

Bei allen Fehlermeldungen nimmt die Taste »UNDO« generell eine Sonderstellung ein. Der Abbruchknopf in GEM-Dialogen läßt sich mit ihr nun auch bequem per Tastendruck auslösen. Besonders Programme, die bei Miniaturhavarien, wie Diskettenlesefehlern den Mauspfeil verstecken, profitieren von diesem Tastaturkommando.

In allen Texteingabefeldern konvertiert Kaos Zeicheneingaben in Großbuchstaben (Versalien). Die Shift-Taste wird dazu nicht mehr benötigt. Die Versalienroutine wurde gleichzeitig auch auf internationale Zeichensätze ausgedehnt. Das gilt vor allem für deutsche Umlaute.

Erfahrungsbericht
Durch unseren Kaos-Bericht in Heft 12/90 wurde der Arzt für Allgemein- und Sportmedizin Dr. Hans-Dieter Schraml auf das Betriebssystem aufmerksam. Mit Einverständnis der Entwickler testete er mit seiner besonderen Gerätekonfiguration für uns das Systemprogramm auf seine Alltagstauglichkeit. Hier ein Auszug aus seinem Erfahrungsbericht:
»Seit mehr als zwei Jahren arbeite ich in meiner Allgemeinpraxis mit der ST-Version der Arzt-Software 'Medic-PC'. Die Performance dieser Datenbankanwendung ist von schnellen Antwortzeiten abhängig. Dafür ist neben der Software in erster Linie das Betriebssystem und die Hardware zuständig.
Da ein normaler ST diesen Anforderungen nicht genügt, habe ich mein System erweitert. Seit einem halben Jahr verrichtet ein 'Manhatten-ST' (4 MByte RAM, 'Hypercache-plus-Beschleuniger karte, 200-MByte-Festplatte, Wechselplatte, TOS 1.4) als Server im 'GTI'-Netz gemeinsam mit drei Mega ST 2 die Arbeit. Damit hatte ich mit meinen STs das 'Ende der Fahnenstange' und gleichzeitig die untere Grenze der Zufriedenheit erreicht. Schwächstes Glied der Kette war TOS 1.4. Die zahlreichen Fehler des Betriebssystems potenzieren sich im Netzbetrieb: Probleme bei der Festplattenverwaltung (verwaiste Dateien und Cluster), zerstörte oder bis ans Ende der Partition aufgeblähte Files machten häufig die Festplattenrestauration notwendig.
Da es die Praxis-Software auch für das Betriebssystem 'MS-DOS' gibt, hatte ich mich bereits zum Umstieg entschlossen und meine Abonnements aller ST-Zeitschriften gekündigt. Als im ST-Maga-zin der Kaos-Artikel erschien, keimte neue Hoffnung in mir auf. Auf mein Schreiben und den Rückruf eines Redakteurs hatte ich innerhalb von fünf Tagen eine Diskette mit einer Kaos-Beta-Testversion.
Deutlich bessere Desktop-Funktionen und vor allem um etwa 40 Prozent schnellere Festplattenzugriffe brachten nicht nur den Manhatten-ST, sondern auch meine betagte 'Vortex HD 60' auf Trab. Da in Kaos über 80 Betriebssystemfehler beseitigt sind, habe ich auch davor keine Angst mehr.
Vom Einbau von Kaos in alle Rechner sagte ich zunächst meinem Personal nichts. Auf meine allgemeine Frage am Vormittag, ob nichts aufgefallen sei, antworteten alle spontan, der Rechner arbeite jetzt viel schneller. Ich bin mir sicher, daß die künftige Devise aller Atarianer sein wird: Mit Kaos kein, Chaos mehr!«

»1st Wordplus« lieferte uns den Beweis: Die Datei »länder.doc« wurde von Kaos folgerichtig als »LÄNDER. DOC« interpretiert. TOS 1.4 konvertierte — wie gewohnt — alle Buchstaben mit Ausnahme des Umlauts in Versalien. Bei älteren TOS-Versionen konnte die Verwendung internationaler Sonderzeichen mitunter zu ärgerlichen Lesefehlern führen.

Notwendige Korrekturen gab's auch beim Sonderbuchstaben »ß« im 8 x 16-Zeichensatz. Er läßt sich nun deutlich vom Beta unterscheiden. Außerdem wurden versale Umlaute des 6 x 6-Zeichensatzes (etwa im Text unter Datei-Icons) verändert. Sie stehen jetzt mit allen anderen Großbuchstaben exakt auf einer Linie.

Shift +Cursor hoch — Cursor auf das erste Eingabefeld
Shift+Cursor runter — Cursor auf das letzte Eingabefeld
Shift+Cursor links — Cursor auf den Anfang des Eingabefeldes
Shift+Cursor rechts — Cursor auf das Ende des Eingabefeldes
Home — wie Shift + Cursor links
Shift+Clr — wie Esc
Insert— Einfügemodus
Shift+ Insert — Überschreibmodus
Undo — reagiert auf alle Buttons mit der Beschriftung »Abbruch«, »Zurück«, »Nein«, »Cancel«, »Abort« usw.
Help — ruft eventuell vorhandene Hilfsfunktionen und -texte auf.

Kaos bietet zehn zusätzliche Kommandos für Dialogboxen

Die Systemzeit ist auch bei STs ohne Echtzeituhr resetfest und muß nach dem Einschalten nur noch einmal justiert werden. Kaos versieht bei Schreibzugriffen Dateien automatisch mit dem aktuellen Tagesdatum. Anwender werden dieses Feature wohl vor allem bei »Adimens«-Da-teien zu schätzen wissen. Datenbank-Files versieht Kaos mit dem Datum der letzten Änderung. Auch mit Diskettenmonitoren bearbeitete Dateien kommen in den Genuß dieser Betriebssystemmodifikation.

Sicherheitsabfragen des Systems waren bisher lediglich auf GEM-Programme beschränkt. Kaos erweitert diese Funktion auch auf TOS-Anwendungen. Bei Diskettenfehlern brachen TOS-Programme bisher den Schreib- und Leseversuch kommentarlos ab. Die Kaos-Entwickler haben deshalb den »Event-Critic-Handler« des Originalsystems gründlich überholt. Kaos fängt auf Systemebene alle Schreibund Lesefehler ab und meldet in bester MS-DOS-Manier:
Sektor nicht gefunden auf Laufwerk A: [A]bbruch, [W]iederholen, [I]gnorieren?

Kaos-Kompatibilitätstest
Folgende Programme konnten im Test nachweisen, daß sie den Kaos-Redraw zum schnelleren Bildschirmaufbau nutzen:
NRSC 1.3, GST-Editor 1.01, Mprolog, Metacomco-Editor 2.08, Alice Pascal 1.4.1, Easydraw 2.32, PKS-Edit, Gempaint, VIP, Kgraph, Matrix 2.11, Tempus Word
Einige Anwendungen zeigten sich vom optimierten Redraw gänzlich unbeeindruckt. Häufigster Grund: Sie bauen entweder das ganze Fenster neu auf (»Tempus«, »Devpac«, »Megamax-Editor«, »Neodesk«) oder verfügen ohnehin über ein eigenes schnelles Redraw (»Tempus«, »TC«).
Diese Programme produzieren beim Vergrößern der Fenster störende Bildschirmeffekte oder verhindern sauberes Scrolling. Bei deaktiviertem Schalter »Smart Redraw« lassen sie sich allerdings ohne Schwierigkeiten betreiben:
Wordplus, Prospero-Editor (Fortran, Pascal), APL 68000, ST-Logo, Adimens Exec, Adimens Init, ST-Basic (Metacomco), Profi-Painter, Touch Up, Kspread, HDU, LPR Modula, Calamus, Ariadne, Script
Gänzlich Kaos-inkompatibel war der Reassembler »Easyrider«. Nach Ansicht der Kaos-Entwickler ist dafür ein Programmfehler verantwortlich. Auch das »Resource Construction Set« (Version 1.3) von »Kuma« konnte erst nach einem -allerdings simplen - Patch gestartet werden, (em)

Schnittstelle zum »Kaosdesk«

Das Tastaturkommando »I« teilt durch diesen Dialog Programmen mit, daß Daten vermeintlich korrekt gelesen bzw. geschrieben werden. Daher sollte dieser Befehl sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen mit Vorsicht angewandt werden.
Ist kein zweites Laufwerk angeschlossen, fordert TOS ebenso wie Kaos zum Diskettenwechsel auf. Zusätzlich erlaubt Kaos mit der Tastenkombination »Control + C« die Funktion jederzeit abzubrechen oder nach erfolgtem Diskwechsel mit einer beliebigen Taste fortzusetzen.
Im Test konnten wir nachweisen, daß Kaos den Critic-Handler bereits während des Boot-Vorgangs installiert. Beim Systemstart ohne Diskette und bootfähige Festplatte gelangt man nach sechsmaligem Druck auf die Taste »A« ins Desktop.
Kaos 1.4.2 ist kompatibel zu GEM 2.2 und enthält sogar alle AES-Funktionen von GEM/3. Die Re-Portierung der PC-Benutzeroberfläche »GEM/3« diente übrigens einer weiteren Kaos-Funktion als Vorbild: Kaos gestattet eine Konfiguration der GEM-Menüs. Sie können beim Berühren oder erst nach zuvorigem Anklicken aktiviert werden. Beim Wechsel zwischen , Menüpunkten verhält sich das System wie gewohnt und reagiert bereits beim Kontakt des Mauspfeils mit der Menü- \ leiste. Dadurch entfällt das Herunterfallen von Menüs ; bei unbeabsichtigter Berührung.
Die Kaos-Programmierer haben ihre Betriebssystemmodifikation mit einer Schnittstelle versehen, die den Atari-Desktop vollständig ersetzt. Gemeinsam mit Andreas Kromkes »Kaosdesk« läßt sich sogar das »ROM-Modul« nutzen. Dabei belegt die alternative Oberfläche im nicht residenten Modus keinen Speicherplatz.

Darüber hinaus stehen auf allen Speichermedien zwei Cluster, also etwa 2 KByte mehr Speicherplatz zur Verfügung. Auf einer Standarddiskette entspricht das exakt dem MS-DOS-Format (728064 Byte).

»Grow«- und »Shrinkboxen« (s. Abb.) verlangsamen beim Öffnen und Schließen von Fenstern und Dialogboxen den Bildschirmaufbau erheblich. Kaos gestattet diesen Effekt über einen Konfigurationsschalter »auszublenden«. Dadurch läßt sich die Geschwindigkeit bei der Grafikausgabe erhöhen.

Erhebliche Probleme gab's beim Original-TOS mit der »Gummiband«-Funktion. Bei flinken Mausoperationen führte die Systemschwäche mitunter zu kapitalen »Hängern«. Während bei älteren TOS-Versionen das Band lediglich neu aufgezogen werden mußte, blockiert TOS 1.4 mitunter alle Tasten- und Menüfunktionen. Letzter Ausweg bei Gummibandblockaden: der Griff zum Reset-Schalter. Kaos konnten dagegen auch schnelle Mausbewegungen nicht in Verlegenheit bringen. Über den Kompatibilitätsschalter im Konfigurationsmenü lassen sich eine Reihe von Sicherheitsabfragen und Parameterüberprüfungen von Kaos abschalten. Zusätzlich werden dadurch optimierte Fensterroutinen deaktiviert. Besonders wichtig bei Programmen, die beim Vergrößern oder Verschieben von Fenstern mit Fehlern reagieren (s. Kasten).

Zugriff auf den vollen Funktionsumfang von Kaos haben Anwender allerdings nur, wenn diese Schalter nicht benutzt werden. Bei 90 Prozent der getesteten Programme standen uns alle Kaos-Funktionen uneingeschränkt zur Verfügung. Die schnelle Leseroutine des Systemprogramms wurde überdies während der Testphase nicht ausgeschaltet. (em)

Geschwindigkeit

Neben unserem Dauerbetriebsest haben wir Kaos auch in Verbindung mit handelsüblichen Beschleunigerkarten getestet. Neben der 68020er Karte »Board 20« von »Maxon« die 68020-Erweiterung »PAK«, ein Umbauprojekt der Zeitschrift »c't«. Die Meßdaten lieferte uns das Performance-Programm »Quickindex« (s. Abb.).

Interessant sind dabei auf unseren Hardcopies die Werte im Kasten unterhalb des »Exit«-Button. Die hohen und z.T. stark voneinander abweichenden Werte im oberen linken Feld entstehen beim Test in Verbindung mit Festplatten. Bei Diskettenbetrieb liegen sie deshalb deutlich niedriger.

Zusätzlich beobachteten wir Kaos in Verbindung mit der PAK-Beschleunigerkarte und »Calamus«. Für das Dokument »Aqua.CDK« (Auflösung 2540 dpi) benötigte die DTP-Software auf einem Mega ST 4 mit »TOS 1.4« 1117 Sekunden. Mit Kaos, dem Software-Beschleuniger »Turbo 16« auf einer PAK 68020 belichtete Calamus das Dokument in einem Viertel der Zeit (s. Abb.).


Egbert Meyer


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