Jeff Minter: Lamas züchten in Wales

Ich hätte nicht gedacht, daß es so weit kommen würde: nach acht Stunden ermüdender Bahnfahrt, in denen die wunderschöne englische Landschaft absolut fließend mit Super-MultiParallax-Techniken an unserem Abteilfenster vorbeiscrollte, irren wir nun schwer beladen durch das walisische Caramath auf der Suche nach einem Bus. Denn der Weg zu Jeff Minter, Lamaliebhaber und Programmiererlegende, ist noch weit. Er selbst kann uns nicht abholen, sein Auto ist kaputt. Und der Bus ist weg. Erst in vier Stunden fährt der nächste. Die Rückseite einer Umschlaghülle muß als Schild herhalten: »Newcastle Emlyn - bitte!« pinseln wir in großen Lettern darauf und hoffen auf die Gnade eines Autofahrers, während wir an der Straße mit aufrechtem Daumen stehen. Die verbleibenden 45 km wären hart geworden, hätte nicht eine wahnsinnig nette Mutter, die mit ihrem Sohn und vollbeladenem Volvo 343 gerade vom Einkaufen kam, den Umweg auf sich genommen und uns bis vor Jeff Minters Haus gefahren. Waliser sind wirklich tolle Leute! Mögen ihre Felder ewig reiche Ernte bringen, mögen die SoftwareGötter gnädig zu denen sein, die einen Heimcomputer ihr eigen nennen, möge nie ein Virus ihre Schafe oder Festplatten zugrunde richten. Wenn ich alt bin, möchte ich in so einem idyllischen Plätzchen leben: Jeff wohnt in einem gemütlichen weißen Bauernhaus nicht zu groß, nicht zu klein - in einem Tal zwischen zwei großen, bewaldeten Hügeln. Gleich neben seinem Haus grasen im Sonnenschein ein paar Schafe friedlich auf einer kleinen Wiese. Hinter der Wiese plätschert ein malerischer Bach, in dessen funkelndem Wasser Fische schwimmen und gelegentlich einen kecken Sprung wagen. Kaum zu glauben, daß wir immer noch in demselben Land sind, in dem sich auch London mit seinem schmierigen Dreck und seiner feuchten Hitze befindet.

Man sollte glauben, sich so ein reines Fleckchen Erde nur mit geschlossenen Augen erträumen zu können. Aber hier erlebt man es mit allen Sinnen. Ein Ford Escort Cabriolet steht in der Einfahrt. Er ist der einzige Beweis dafür, in der Realität zu sein und nicht in einem Märchenland, wo alles schön, strahlend, frisch, grün und zauberhaft ist. Wir schreiten am Auto vorbei die Einfahrt hinauf. Niemand zu sehen. Auch ein Blick durch die Fenster gibt keinen Hinweis auf Bewohner. Einzig das Blöken der Schafe und das Plätschern des Baches bilden die Geräuschkulisse. Wir riechen nur Natur - frisches Gras und feuchte grüne Blätter. Wäre da nicht noch die laute Pink-FloydMusik, die sich aus den Fenstern ergießt. Wir gehen den gepflasterten Gartenweg hinunter und erblicken eine Dose Bier, fest im Griff eines Mannes mit langen Haaren, Vollbart, Jeans und einem »Delicate Sound of Thunder« T Shirt, dessen barfüßige Beine entspannt auf einem Zaun liegen. Als wir vor ihm stehen, setzt er die Dose ab, um uns durch seine John-Lennon-Sonnenbrille langsam aber interessiert zu mustern. Einen Moment später nimmt er die Brille ab, richtet sich aus seiner lässigen Lage auf, um uns freundschaftlich die Hand zu reichen. Ja, er ist es wirklich. Jeff Minter. Yak der Behaarte. Der Spiele-Guru. Der Erfinder von »Gridrunner« und »Andes Attack«. Er, der mir zeitweise alles raubte, was mit Sex, Alkohol, Geld und Heavy Metal zu tun hat (kurzgesagt: alles was ich am Leben mag). Als ich meine Hand ausstrecke, um ihm als Rache für soviel Leid für den Rest seines schäbigen Lebens die Gurgel zuzudrücken, schaffe ich es gerade noch, meine Bewegung in ein Händeschütteln umzuwandeln.

»Tut mir leid, daß ich euch nicht vom Bahnhof abholen konnte. Die Batterie ist leer«, gesteht er und bietet uns kaltes Bier an - Balsam für unsere Laune und Kehle, deren Trockenheit uns schon das Atmen zur Qual machte.

Wir stellen unsere Rucksäcke im Haus an den Überresten eines Ortes ab, der früher wohl so etwas wie eine saubere, aufgeräumte Küche war - aber heute mit allem möglichen Zeug vollgestellt ist, einschließlich einer kaputten Spielhallen Version von »Empire Strikes Back«. An den Wänden hängen überall Bilder von Pink Floyd, und alles möglich-Zeug steht herum, das etwas mit Kamelen zu tun hat. Eine siamesische Katze mit bedrohlich entwickeltem Haarausfall streift durchs Zimmer. Sie heißt Dennis. Jeff führt uns in sein Wohnzimmer. Wohnzimmer? Hm. Das ist eher eine Mischung aus Möbeln, Computern, Fernsehern, Spielautomaten (Mach 3 und Stargate), Kabeln, Spielekonsolen (es gibt wohl keine, die er nicht besitzt) und Lama-Ikonen. Offensichtlich ist es auch sein Arbeitszimmer. Jeff zeigt uns für den ST eine erste Version von »Attack of. the Mutant Camels« und ein Spiel namens »Fooberol«, eine Arkanoid-Deflector-und-mehr-Mischung (»nicht abgekupfert!«, ruft Jeff). Nebenbei verrät er uns ein paar Cheat-Codes: »Delicate-Sound-of-Thunder« für »Andes Attack« und »PinkFloyd-are-Gods« für »Gridrunner«.

Es folgt eine weitere Version der mutierten Kamele, diesmal, auf der Konix-Konsole: ein ziemlich irres Spiel mit 12stimmiger Musik, schnellem Parallax-Scrolling auf fünf Ebenen, einer Unmenge an Farben und Rastern. Programmiert hat er er auf einem PC. Unser Magen meldet sich, und Jeff führt uns gerade einmal 100 m die Straße hinunter ins »Fox and Hounds«, den örtlichen Pub. Er bestellt für uns alle »das Übliche«, und wir kommen kurze Zeit später in den Genuß des besten Chillis, das ich je gegessen habe. Jeff besitzt einen bemerkenswerten Humor und wirkt ebenso gemütlich wie einzigartig. Nachdem er uns von dem Hund seiner Mutter berichtet, der so blöd sei, »daß er jeden Tag seinen Namen neu lernen muß. Sogar der Hund in Hovver Bovver (ein 8-Bit-Spiel, die Red.) war intelligenter, und der war nur ein Algorithmus . . .«, nehmen wir ihn ins Kreuzverhör - während Jeff natürlich »Camel«-Zigaretten raucht:

ST-Magazin: Jeff, wann und wo bist du geboren?

Jeff: Am 22. April 1962 in Reading.

ST-Magazin: Wie bist Du in die Computer-Branche gekommen?
Jeff: Es begann alles in der sechsten Klasse, als ich unvermeidlich das Zimmer mit dem einzigen Mikro-Computer unserer Schule betrat. Ich betrachtete den Typen, der auf diesem Kasten ein Tele-Spiel laufen ließ. »Hey, der spielt mit diesem Haufen Elektronik«, dachte ich mir und fragte ihn, wie er dazu käme. »Ich hab's programmiert«, sagte er. »Wow, das will ich auch!«, war mein Entschluß, und ich kam am nächsten Morgen um halb sieben mit einem Basic-Buch bewaffnet in die Schule, um auf dem Commodore Pet mein erstes Basic-Programm zu schreiben. Die ersten kommerziellen Sachen habe ich für den Sinclair ZX81 gemacht, dann kam der VC 20, der C 64, ein paar Dinge für den C 16 und die Atari-8-Bit-Modelle. Schließlich der ST.

ST-Magazin: Was interessiert Dich außer Computern sonst noch?

Jeff: Pink Floyd, Schafe, Skifahren, Pink Floyd, laute Rock-Musik und allgemein Spaß zu haben.

ST-Magazin: Was stört Dich an der Software-Industrie am meisten?

Jeff: Heute spielt Geld eine zu wichtige Rolle. Nicht Enthusiasmus, sondern Geld ist heute der Motor. Früher war das anders. Heute haben ein paar große Firmen das Sagen, für eine Einzelperson wie mich ist es sehr schwierig, den Markt zu erreichen, denn ich kann mir teure Kampagnen nicht leisten.

ST-Magazin: Was ist für Dich das beste ST Spiel?

Jeff: Ich schätze mal »Virus«. Auf alle Computer betrachtet ist es »Star Raiders« auf den 8-Bit-Ataris, definitiv.

ST-Magazin: Und das bisher übelste Spiel?

Jeff: Oh mein Gott. Ich mag's wirklich nicht sagen. Aber ich tu's trotzdem: »Revenge of the Mutant Camels« von Mastertronic. Abscheulich!

ST-Magazin: Was ist Deine größte Programmierleistung auf dem ST?

Jeff: Zweifellos der LichtSynthesizer »Trip-A-I%on«.

ST-Magazin: Was für ein Auto fährst Du?

Jeff: Wenn es mal in Ordnung ist, dann einen Ford Escort 1.6i Cabrio.

ST-Magazin: Welche Tools benutzt Du?

Jeff: Auf dem ST arbeite ich mit » Devpac«. Die Grafik zeichne ich mit »Neochrome«. Es hat wohl die beste Benutzerschnittstelle von allen Grafikprogrammen.

ST-Magazin: Wie heißt Dein Lieblingsbuch?

Jeff: Wahrscheinlich die Trilogie von Brain Aldiss über einen sehr weit entfernten Planeten. Das Buch gab mir die Idee zu »Ancipital«.

ST-Magazin: Und Dein Lieblingsfilm?

Jeff: »Bladerunner« oder auch »Coyaanysqatsi«.

ST-Magazin: Dein Lieblingsessen und -getränk?

Jeff: Thunfisch-Sandwiches und Inka-Cola. Die ist gelb, und es gibt sie nur in Peru. Ich bin zweimal in Peru gewesen.

ST-Magazin: Welche Musik hörst Du?

Jeff: Pink Floyd, yeah!

ST-Magazin: Welche Person findest Du in der Software-Industrie am interessantesten?

Jeff: Oh... ich weiß nicht. Es gibt so viele. Aber mir fallen zuerst David Braben und Jez San ein. Braben hat mit »Elite« und »Virus« die besten Spiele geschrieben. Aber wenn ich jemanden wirklich Interessanten erwähnen soll, dann ist es der Typ, der die 8-Bit-Version von »Star Raiders« geschrieben hat, Dave Lubar oder so ähnlich. Ich glaube, er kommt aus Deutschland, lebt aber in Amerika. Was er in die 8 KByte gesteckt hat, hat zehn Jahre überdauert - absolut bemerkenswert. Kaum jemand kennt ihn heute mehr..

ST-Magazin: Was inspiriert Dich?

Jeff: Pink Floyd und Williams Spielautomaten.

ST-Magazin: Was hältst Du vom Raubkopieren?

Jeff: Ich schätze das technische Können der Hacker, aber ich lehne ab, was sie tun. Es ist nicht o.k., daß ein Programmierer die Existenz eines anderen Programmierers zerstört.

ST-Magazin: Deine schlechteste Angewohnheit?

Jeff: Ich rauche zuviel.

ST-Magazin: Magst Du es, als eine Kultfigur angesehen zu werden?

Jeff: Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Was mich betrifft, halte ich mich für einen halbwegs talentierten. Spinner.

ST-Magazin: Wie heißt Dein Lieblingsschaf?

Jeff: Oh, ich könnte mich nicht entscheiden: Sie heißen Molly und Flossy.

ST-Magazin: Was hältst Du von Leuten, die Kebab, das ja Schaf. fleisch enthält, essen?

Jeff: Uuuahh! Niemand sollte Schafe essen. Schafe sind niedliche, sanfte Geschöpfe. Sie tun Dir nichts. Ich würde weder meine Oma noch meine Freundin abstechen. Wieso sollte ich oder irgendein anderer Mensch das einem Schaf antun?

ST-Magazin: Seit wann bist Du ein Schaf-Fan?

Jeff: Als ich 14 war, begeisterte ich mich für Kamele. Seitdem bin ich dabei. Ich mag sie einfach.

ST-Magazin: Wieso bist Du nach Wales gezogen? Was gefällt Dir hier?

Jeff: Ich mag die Ruhe, die Häuser sind hier billig. Hier kann ich arbeiten und habe Platz für meine Schafe. Niemand meckert, wenn ich um vier Uhr morgens laute Musik höre. Ich will noch eine Wiese dazukaufen. Dort kann ich dann noch ein paar Lamas halten.

Richard Karsmakers/Tarik Ahmia/ba

Koordination und Übersetzung: Tarik Ahmia



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