Atari TT, das neue Flaggschff

Atari hat sein Geheimnis um die neue Computer-Generation gelüftet! Wie ist er aufgebaut und was leistet sein 68030-Prozessor?

Bisher sprach Atari immer von einem EST mit hoher Grafikauflösung und einem TT mit 68020-Prozessor. Beides gehört der Vergangenheit an. Die Katze ist aus dem Sack. Sie trägt noch den gleichen Namen, TT, schleicht aber auf schnelleren Füßen: dem 68030-Prozessor.

Auf der Atari-Messe in Düsseldorf platzte die Bombe: Atari bringt kein weiteres aufgemotztes ST-Modell à la Super Mega ST, sondern macht gleich den Sprung zu einem neuen, schnellen Top-Modell. Der Atari TT bleibt trotzdem TOS-kompatibel. Er erhält allerdings eine überarbeitete Version, die den schnellen Prozessor und seine Fähigkeiten nutzt.

Der schematische Aufbau des neuen Atari TT

Zwei Versionen plant Ataris Geschäftsleitung: die Einstiegsmaschine TT und das gut ausgestattete Unix-Modell TT/X. Auf jeden Fall möchte Atari an der Philosophie der Aufwärtskompatibilität festhalten, das heißt: Programme, die der Anwender heute von einem Atari 520 STM auf einen Mega ST übernimmt, verarbeitet zukünftig auch der TT — nur viel schneller.

Gesprengte Grafik-Grenzen

Seine Grafikmodi setzen in diesem Preisbereich neue Maßstäbe. Mit einer maximalen Auflösung von 1280 x 960 Punkten ist Ataris TT für Desktop Publishing- und CAD-Anwendungen bestens gerüstet. Wem Sie aber trotzdem nicht genügen — für professionelle Animationen in Kino- und Fernsehqualität braucht man eine größere Farbpalette — für den steht die Grafikkarte des Atari-Transputers parat und bietet bis zu 16,7 Millionen Farben. Mehr unterscheidet auch das menschliche Auge nicht.

Der 68030

Als neues Herz des TT pocht ein 68030-Prozessor. Was unterscheidet ihn vom bekannten 68000 des ST? Der gravierendste Unterschied: 16 zu 32 Bit. Während der 68000-Prozessor bereits Daten in einer Breite von 32 Bit verarbeiten kann, führt er Berechnungen in seinem Rechenregister, dem Akkumulator, mit 16 Bit durch. Im Unterschied dazu nutzt sein großer Bruder hier die vollen 32 Bit. Der Datendurchsatz und die Rechengeschwindigkeit erhöhen sich beträchtlich.

Der 68030 verfügt über einen Befehls- und Daten-»Cache« mit jeweils 512 Byte. Er lädt aus den RAM-Bausteinen nicht nur die gerade benötigten Befehle und Daten, sondern so viele wie in seine beiden Cache-Speicher passen. Der Geschwindigkeitsvorteil ist vergleichbar mit einer RAM-Disk und einem Diskettenlaufwerk.

Um noch mehr externe Zugriffe zu sparen, integrierte das Entwicklerteam von Motorola eine MMU in den Prozessor. Die MMU, was Memory Management Unit bedeutet, verwaltet den RAM-Speicher. Sie weist dem Betriebssystem und Anwenderprogrammen die zu nutzenden Speicherbereiche zu und achtet auf einen reibungslosen Ablauf, wenn ein neues Programm dazukommt. Gleichfalls ergibt sich daraus wieder ein beträchtlicher Geschwindigkeitsvorteil gegenüber Prozessoren, die auf eine externe MMU zugreifen müssen. Auch der ST birgt eine MMU, als einen eigenen Baustein, auf seiner Platine.

Mit RAM geizt Atari auch bei dem TT nicht: 2 MByte sind die Mindestausstattung, der TT/X verfügt über 4 MByte. Vier 1-MByte-Chips bergen das 512 KByte umfassende ROM. Neben der Centronics-Schnittstelle, die ein YAMAHA YM-2149 steuert, verfugen die neuen Modelle über zwei serielle Schnittstellen, für die je ein 68901 MFP zuständig ist. Zugriff zur Außenwelt bieten noch zwei serielle Hochgeschwindigkeits-Schnittstellen SDLC, gesteuert durch einen Zilog 8530 SCC oder eine solche Schnittstelle und einen Netzwerkanschluß, wie Apple-Talk oder Ataris neues Netzwerk Promise-LAN. Um die Marktdomäne MIDI nicht zu vernachlässigen, besitzt auch der TT MIDI-Anschlüsse. Um im Workstation-Feld den nötigen Anschluß vorzuweisen, birgt der TT drei VMEbus-Anschlüsse im Single-Europakarten-Format, unter Umständen auch doppeltes Europakarten-Format.

Kompatibel zur ST-Familie

Der DMA-Anschluß entspricht der ACSI DMA-Schnittstelle des ST. Die Kompatibilität zu deren Peripherie soll sichergestellt sein. Um aber den Zugang für weitere Peripherie offenzuhalten, bescherte das Entwicklerteam dem TT ein SCSI-Interface mit NCR5380-Controller.

Die Tastatur entspricht aller Voraussicht nach der des Mega ST und verfügt damit auch über Buchsen für Maus und Joystick.

Beim Diskettenlaufwerk greifen die Entwickler auf das bewährte 3,5-Zoll-Format zurück, allerdings mit der doppelten Kapazität gegenüber dem ST, also mit 2 MByte Kapazität, das entspricht 1,44 MByte formatiert.

Das Luxusmodell TT/X bietet zusätzlich einen Arithmetik-Coprozessor 68881, eventuell auch den 68882,4 MByte RAM, erweiterbar auf 16 MByte RAM und 5 VMEbus-Anschlüsse im doppelten Europakarten-Format sowie eine 60-MByte-Wechselplatte.

Entwicklungschef Shiraz Shivji, der Vater der ST-Familie, zeichnet auch für den neuen TT verantwortlich

TOS wird zwar aufgrund der Aufwärtskompatibilität auf den neuen Computer adaptiert, kann aber dessen Leistung nicht voll nutzen. Deshalb gehört Unix System V, Version 3.1. — also die neueste Unix-Version — zum Lieferumfang. Für den TT läßt sich dieses Betriebssystem nachträglich erwerben. Als Liefertermin für Entwickler plant Atari Ende 1988. In Deutschland will man ihn auf der CeBIT dem Publikum präsentieren. Kurz danach soll auch die Auslieferung beginnen. (hb)

Die vorläufige Softwareausstattung des Atari TT/X

Die Grafikauflösungen des TT

Auflösung Farben Palette
320 x 200 16 4096
320 X 480 256 4096
640 X 200 4 4096
640 X 400 2 4096
640 X 480 16 4096
1280 x 960 Monochrome —

Kommentar

Atari ließ sich mit dem neuen Computer viel Zeit. Immerhin wurde der 520 ST bereits 1985 auf der CES präsentiert. Seitdem kamen unterschiedliche Modelle hinzu und verschwanden wieder vom Markt. Die Peripherie-Palette wuchs oder wurde durch Ankündigungen gebeutelt, die nie zur Serienreife gelangten. Ein Paradebeispiel ist der MS-DOS-Emulator.

Andere Versprechen wurden eingelöst, wie das CD-ROM. Als Serienmodell wartet es, laut Atari, nur noch auf ein ausreichendes Softwareangebot, und dann beginnt die Auslieferung. War zu diesem Zeitpunkt das Softwareangebot größer? Gewiß nicht! Warum vergeudete man die Entwicklungskapazitäten für ein solches Produkt und konzentrierte sich nicht stärker auf das neue Chip-Set für den ST. Gemunkelt wird darüber auch schon lange genug. Ein Lob muß man Atari für ihren jetzigen Schwenk aussprechen. Wir erinnern uns: Im »EST« sollte weiterhin ein 68000 seinen Dienst tun, während der »TT« mit einer 68020-CPU bestückt werden sollte. Vom EST spricht niemand mehr — was wollte man auch damit? — und der TT bekommt gleich einen 68030-Prozessor. Die Tramiels und Shiraz Shivji sind also immer noch für eine Überraschung gut. Denn die hinter vorgehaltener Hand angestrebten Preise machen den »neuen« TT zweifellos zu einem Computer mit unerreichtem Preis-/Leistungsverhältnis. Zweifellos drängen sich wieder Fragen auf wie: Wie kompatibel ist das neue TOS030 zum jetzigen? Wie viele Programme arbeiten unter der hohen Auflösung? Sind alle jetzigen Peripheriegeräte auch am TT zu betreiben?

Diese Fragen störten die ST-Fans 1985 auch nicht.


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