Ataris CD-ROM-Laufwerk CDAR504 im Test: Daten im Lichtermeer

Rücken an Rücken stehen sie da, elegant gekleidet in Leder vom Schwein. Sie laden ein zum direkten Zugriff auf das Wissen der Welt. Jedermann braucht sie, die zwanzig riesigen Folianten des großen Universal-Kon-versations-Lexikon. Das Bücherbrett biegt sich unter der Last der Datenbank des Vorcomputer-Zeitalters.

Der zeitgemäß computerisierte Mensch hat es da buchstäblich leichter. Statt gewichtige Staubfänger mittels Muskelschmalz aus dem Regal zu hieven, schiebt er die Daten-CD »AtaLex A-Z« in das integrierte CD-ROM-Laufwerk seines superkompakten Atari SS (Sixtyfour-Sixty-four mit 68060-Prozessor) und findet mit ein paar Mausklicks heraus, ob Adam von seiner Eva unter einer Zypresse oder unter einer Zeder verführt worden ist.

Doch halt! Sowohl der Atari SS als auch die AtaLex-CD gehören der Zukunft an! Noch befinden wir uns im ST-Zeitalter, und die ersten acht Atari-CD-ROMs machen ihre Runde durch Deutschlands Softwareschmieden und Redaktionsbüros. Wir haben eines der Vorseriengeräte für Sie unter die Testlupe genommen.

»CD-Audio-ROM 504«, kurz »CDAR504«, haben die Atari-Mannen ihren neuen Superspei-cher getauft, der neben dem Lesen von Daten-CDs auch das Abspielen von Audio-CDs beherrscht. Das stabile Blechgehäuse enthält ein Chinon-CD-Laufwerk mit Dreistrahl-Laser, Wandler-Elektronik zum Abspielen der Audio-CDs und eine Digitalschnittstelle zum Anschluß des CDAR504 an den DMA-Port der ST-Computer.

Die Bedienungselemente auf der Vorderseite des Gerätes sind sehr spartanisch ausgefallen. Neben dem Netzschalter, zwei Kontroll-Leuchtdioden, einer Kopfhörerbuchse und einer Taste zum Ausfahren und Schließen der CD-Schublade findet man unter einem zweistelligen LED-Display eine Bedienungsleiste mit lediglich vier Tasten zum Steuern des Audio-Betriebs. Die Bedienungsleiste ist herausnehmbar und dient gleichzeitig als Infrarot-Fernbedienung.

Je zwei Cinch- und DMA-Anschlüsse (mit ACSI, das heißt Atari Computer Systems Interface) auf der Gehäuserückwand sorgen für die Verbindung zur Analogwelt der Hifi-Anlage und zur Digitaltechnik der ST-Com-puter. Ein von außen zugänglicher BIP-Schalter erlaubt die Einstellung der physikalischen Gerätenummer für den DMA-Port.

Die (wie bei Vorseriengeräten üblich) noch unvollständigen Unterlagen weisen mehrere Betriebsarten des CDAR504 aus, nämlich einerseits den reinen Audio-Betrieb als selbständiger und als computergesteuerter CD-Spieler und andererseits die Benutzung als CD-ROM-Laufwerk. Auch ein Mischbetrieb mit Audio- und Daten-Elementen ist von der Hardware her vorgesehen.

Die Leistungen des CDAR504 als CD-Spieler hat die bekannte Hifi-Zeitschrift »Audio« für uns ausführlich bewertet. Der Audio-Kurztest ist auf Seite 50 abgedruckt. An dieser Stelle wollen wir uns also in erster Linie auf seine computerspezifischen Funktionen als CD-ROM-Laufwerk beschränken.

Dank des durchgeschleiften DMA-Ports läßt sich der CDAR504 auf einfache Weise in bestehende ST-Computer-An-lagen integrieren. Unsere Testkonfiguration bestand aus einem Mega ST4 mit dem Atari-Laser-Drucker SLM804, der Festplatte SH205 und dem CDAR504. Leider verdirbt der Lese-Laser CDAR das ansonsten äußerst saubere Druckbild des Schreib-Lasers SLM804.

Die vertikalen Kanten von Buchstaben und Linien erscheinen »ausgefranst« und unsauber. Wir vermuten, daß eine Überlastung des ungepufferten DMA-Bus durch die Schnittstellen-Hardware des CDAR504 dafür verantwortlich ist. Ein ähnlicher Effekt trat schon mit dem Prototypaufbau der Atari-Wechselplatte (mit einem Uralt-Hostadapter des Festplattenlaufwerkes SH204) als drittes DMA-Gerät auf.

Spezifische CD-ROM-Software für den ST existiert erst in geringem Umfange. Aus Ataris Entwicklungsabteilung stammt ein Desktop-Accessory, das die Bedienungsfunktionen für den Audio-Betrieb übernimmt. Dabei hat sich der Programmierer leider auf den äußerst kargen Funktionsumfang der Fernbedienung beschränkt. Mit ausgefeilten ST-Programmen kann man das CDAR-Laufwerk sicherlich in einen CD-Spieler mit höchstem Bedienungskomfort verwandeln.

Die eigentliche Domäne der CD-ROMs (einmal abgesehen von der allseits bekannten CD-ROM-Bibel) liegt jedoch bei Informationssystemen und Datenbanken mit großen Datenmen-gen. Eine CD faßt etwa 550 MByte an Daten bei großer Datensicherheit, da CDs prinzipbedingt vom Endanwender nicht beschrieben werden können. Die Daten-CD als Lexikon, Wörterbuch oder Nachschlagewerk erleichtert schon jetzt manchem ratsuchenden Forscher die Arbeit. Ersatzteillisten und Kataloge aller Art stellen weitere wichtige Einsatzgebiete für Daten-CDs dar.

Als bisher einzige auf dem ST lauffähige CD-ROM-Anwendung liefert die amerikanische Firma »Facts On File« die Demo-CD »Visual Dictionary« mit Teilen ihres im Aufbau befindlichen bebilderten englisch-französischen Wörterbuches. Die »Facts On File«-CD macht einige spezifische Vorteile der computergestützten CD-ROM-Informationsvermittlung deutlich.

Auf der CD sind digitalisierte Bilder aus verschiedenen Wissensgebieten sowie dazugehörige englische und französische Begriffe als geschriebener und gesprochener Text gespeichert. Der Zugriff auf die gespeicherten Informationen erfolgt sowohl über die Abbildungen als auch über die gewohnte Textsuche. Zum gesuchten englischen Wort liefert das »Visual Dictionary« jeweils den passenden französischen Begriff und die richtige Abbildung. Außerdem hört man die englischen und französischen Worte in professioneller Aussprache.

Auf Wunsch erklärt sich die Bedienungssoftware des »Visual Dictionary« sogar höchstpersönlich. Zu jeder einzelnen Menüfunktion des Steuerprogrammes »spricht« die CD einige erläuternde Sätze auf Englisch oder Französisch. Leider läuft die Sprachausgabe bei der vorliegenden Demo-Version nicht wie in der Anleitung beschrieben in CD-Qualität über den Analog-Ausgang des CDAR504, sondern über den Soundbaustein des ST. Das daraus resultierende »Gekrächze« ist noch nichts für empfindsame Ohren.

Darüber hinaus hat der Daten-CD-Markt für den ST und sein CD-ROM noch nicht viel zu bieten. In der MS-DOS-Welt sieht es dagegen sehr viel besser aus. Das Angebot reicht von der bereits angesprochenen Bibel über deutsche und schweizerische Telefon- und Adreßbücher bis hin zu speziellen Datenbanken für Apotheker, Journalisten und Autosachverständige. Da die Daten auf diesen CDs in einem standardisierten Format, dem sogenannten High-Sierra-Format, gespeichert sind, bedarf es lediglich eines entsprechenden Software-Treibers, um dem ST die große Massendaten-Welt zu öffnen.

Ihr ST-Magazin war auch in diesem Punkte nicht faul. Unser Testprogrammierer Michael Bernards ist Ataris CD-ROM mit seinem derzeitigen Lieblings-Assembler/Debugger »Devpac II« gründlich auf den Leib gerückt. Die Ergebnisse seiner »Forschungen« finden Sie im Artikel auf Seite 49, der auch ein Assembler-Listing zum Lesen von CDs enthält. Mit Hilfe des Assembler-Programms konnten wir einer Daten-CD einige Texte entlocken. Diese CD im High-Sierra-Format enthält Informationen über Institutionen, die sich mit Datenspeicherung auf CD befassen. Einen Text-Auszug haben wir im Artikel von Michael Bernards abgedruckt.

Selbstverständlich müssen die Abfrage-Programme (die Retriveal-Software) an den ST angepaßt werden. Gerüchten zufolge hat Atari dem größten deutschen CD-ROM-Spezialisten BCB (Bertelsmann Computer Beratungsdienst) in Hamburg bereits ein CDAR504 zur Verfügung gestellt. In Raunheim denkt man über eine Daten-CD mit der gesammelten Public Domain-Software für den ST nach. Vielleicht erhält man zur Markteinführung des CDAR504 (im Herbst dieses Jahres) für knapp 1200 Mark zusammen mit dem CD-ROM-Laufwerk eine solche PD-Software-CD einschließlich Treiberprogramm. Warten Sie noch ein Weilchen, der Laser bringt es an den Tag! (uh)


Wolfgang Fastenrath


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