Quantum Paint und Spectrum 512: Wettstreit der Farbzauberer

Quantum Paint und Spectrum 512 bringen alle 512 Farben des STs gleichzeitig auf den Bildschirm: ein Vergleichstest

Ob Schlangenkopf oder Spiegelkugeln (Spectrum 512),...

Die grafischen Fähigkeiten des Atari ST beschränken sich bisher auf eine Farbpalette mit 512 Farben, von denen maximal 16 in der niedrigen und vier in der mittleren Auflösung darstellbar sind. Voller Neid schauen da viele ST-Anwender hinüber zu den Amiga-Fans, die Grafiken mit 512 oder gar 4096 Farben entwerfen.

Nachdem einige Programmierer in kurzen Demoprogrammen zeigten, daß sich die gesamte Farbpalette des ST gleichzeitig auf den Bildschirm bringen läßt, war das Warten auf Malprogramme mit neuer Farbenpracht nur noch eine Frage der Zeit.

Zwei Neuerscheinungen aus dieser Sparte gehören zur bisherigen Ausbeute an getunten Malprogrammen. Nicht nur die Farbenvielfalt, sondern auch die Herkunft aus englischsprachigen Ländern haben unsere beiden Kandidaten gemeinsam: Während »Spectrum 512« ein Produkt des amerikanischen Verlages Antic ist, entstammt »Quantum Paint« der Tastatur eines Programmierers des englischen Softwarehauses Eidersoft und ist bei Rushware erhältlich. Spectrum 512 wird in Deutschland vom Markt & Technik Verlag für 129 Mark vertrieben. Wie der Name schon vermuten läßt, bringt es bis zu 512 Farben gleichzeitig auf den Bildschirm. Der zweite Mitstreiter geht sogar noch weiter. Obwohl es rund ein Drittel weniger kostet, stehen dem Quantum-Paint-Anwender für 79 Mark maximal 4096 Farben zur Verfügung.

Diese Amiga-Grafik wurde auf Spectrum 512 konvertiert

Neue Techniken bedürfen der ausführlichen Erklärung. Ergänzende Funktionen und eine teilweise neue Zeichentechnik gegenüber den klassischen Malprogrammen sollten mit entsprechender Sorgfalt dokumentiert sein. Antic hat dies erkannt und legt Spectrum 512 ein knapp 100 Seiten starkes Handbuch bei, in dem ein kompletter Lehrgang mit vielen Übungen integriert ist. Dieser Lehrgang erweist sich für die praktische Arbeit als sehr nützlich. Die separat erklärten Bedienungseigenschaften erleichtern die Arbeit bei eventuell auftretenden Problemen. Während Spectrum 512 über eine ins Deutsche übersetzte Anleitung verfügt, schenkte Eidersoft dem Handbuch zu Quantum Paint bisher weniger Aufmerksamkeit. Das etwa 14 x 14 cm kleine und 48 Seiten dünne Heftchen macht einen etwas mageren Eindruck, der auch durch die recht kleine Schrift nicht verdrängt wird. Zudem ist es bisher nur in englischer Sprache erhältlich. Es sollte sich jedoch immer in der Nähe des Computers befinden, da der Kopierschutz aus einer Handbuchabfrage besteht.

Nach dem Start von Spectrum 512 öffnet sich ein eigenartig anmutender rot-schwarzer Bildschirm, in dessen oberer Teil sich die zweireihige Icon-Menüleiste befindet. Obwohl der ST normalerweise die Bildschirmränder nicht ansteuert, nutzt Spectrum 512 eben diese Ränder zur Farbauswahl.

Die Benutzeroberfläche bei Quantum Paint sieht da schon etwas anders aus. Auf insgesamt zwei Bildschirmebenen verteilt befinden sich eine Fülle von

... Tutenchamun oder Damenkopf (Quantum Paint):

Funktionsknöpfen sowie verschiedene Einstellfelder.

Während Spectrum 512 immer im 512-Farben-Modus arbeitet, bietet Quantum Paint drei unterschiedliche Farbauflösungen an. Sie unterscheiden sich in der Anzahl der erreichbaren Farben. Für die Arbeit in der niedrigsten Auflösung wählt der Anwender zwischen dem 128-, 512-, oder 4096-Farben-Modus aus. Im 128-Farben-Modus stehen nicht nur eine, sondern insgesamt acht Farbpaletten mit je 16 Farben zur Verfügung. Jeder Palette muß zu Beginn ein horizontaler Bildschirmabschnitt zugeteilt werden. In jedem Abschnitt sind dann die Farben der jeweiligen Palette aktiv. Dieser Modus funktioniert auch in der mittleren Auflösung, wobei dort die einzelnen Farbpaletten auf vier Farben beschränkt sind.

Maximal 32 Farben darf ein Bild der mittleren Auflösung haben. Für einfache Animationseffekte steht in diesem Modus auch eine Colour-Cycling-Funktion zur Verfügung, bei der die Farbregister schnell ausgetauscht werden. Im Gegensatz zu Spectrum 512 enthält Quantum Paint eine echte Animationsfunktion, mit der der ST Bilder nacheinander speichert und wie in einem Trickfilm als Sequenz anschließend abspielt. Die einzelnen Bilder werden dabei mit der platzsparenden Delta-Kompression gepackt, die nur Unterschiede von einem zum nächsten Bild speichert. Die Animationseigenschaften stehen jedoch nur mit 128 Farben zur Verfügung. Für das Malen mit 512 Farben verzichtete der Programmierer auf einzelne Farbpaletten, die einen fest definierten Bildschirmbereich umfassen.

Der 512- und 4096 Farben-Modus sind technisch fast identisch. Als Variante des 512-Far-ben-Modus schaltet Quantum Paint beim Betrieb mit 4096 Farben in einen, vom Amiga her bekannten, Interlace-Betrieb um (Halbierung der Bilderzahl pro Sekunde). Das dabei entstehende Flimmern wirkt sich sehr störend aus.

Eine große Einschränkung für das Malen mit 512 Farben ist bei Quantum Paint der Rückfall auf den alten 16-Farben-Modus während des Malens. Erst in der Malpause oder nach Betätigung der Alternate-Taste berechnet Quantum Paint in einer runden halben Minute das endgültige Bild. Spectrum 512 verzichtet gänzlich auf solch eine Unterteilung. Hier gibt es nur einen Modus, der zu jeder Zeit alle 512 Farben darstellt.

Malprogramme bieten dem Anwender verschiedene Konstruktionshilfen.

Spectrum 512 beschränkt sich bei den Standardfunktionen auf das Malen von Polygonen, Kreisen und Ellipsen mit Pinseln oder Sprühdose sowie auf eine Füll- und Lupenfunktion. Etwas auffälliger wirkt da eine sogenannte »NO-ZAG« Funktion.

Die eindruckvollsten Grafiken sind selten von Hand gemalt,..

...sondern meistens digitalisiert oder berechnet

Bei Quantum Paint wird auch der Animator mit Icons bedient

Diese rundet sämtliche beim Malen entstehenden Ecken ab, so daß zum Beispiel ein großes »Z«, dessen Enden miteinander verbunden sind, in eine achtähnliche Figur geformt wird. Gleichzeitig werden die bei Kreisen und diagonalen Linien entstehenden Stufen durch geschickte Farbabstufungen für das menschliche Auge fast vollständig eliminiert (Anti-Aliasing). Quantum Paint bietet nur noch die GEM-Font-Text-darstellung als darüber hinausgehende Malhilfe an. Auch Quantum Paint unterstützt einen Rundungs-Algorithmus. Die Lasso-Funktion erlaubt das Ausschneiden beliebiger Bereiche. Spectrum 512 schneidet Bildschirmausschnitte nur in rechteckiger Form. Die Spectrum-Ausschnitte lassen sich dafür jedoch in der Größe verändern und spiegeln.

Das eigentliche Zeichnen bei diesen Malprogrammen wirft noch keine Schwierigkeiten auf. Viel wichtiger sind allerdings die vom Programm gegebenen Unterstützungen, um der Farbenflut Herr zu werden.

Bei Quantum Paint stehen dem Zeichner zwei Alternativen für die Farbeinstellung zur Wahl. Die erste verwendet drei Schieberegler, wie sie zum Beispiel auch beim Kontrollfeld-Accessory Verwendung finden. Jeder Schieberegler verfügt hier aber nicht nur über die üblichen sieben, sondern über 15 Einstellungen. Die zweite Lösung ist eine Auswahlpalette mit 512 Farben, die sich über den gesamten Bildschirm erstreckt. Eine ähnliche, jedoch etwas komfortablere Variante hat Spectrum 512 anzubieten. Die Betätigung der rechten Maustaste, während sich der Mauspfeil in der unteren Bildschirmhälfte befindet, blendet augenblicklich alle 512 zur Verfügung stehenden Farben in Form von sieben wabenähnlichen Sechsecken in diese Bildhälfte ein. Die Palette ist aber nicht die einzige Methode der Farbwahl. Der Computerkünstler darf außerdem aus dem bis dahin von ihm gezeichneten Bild die gewünschte Farbwahl treffen. Dies ist für die Fälle sinnvoll, wo mit gleichen Farbwerten weitergemalt wird.

Sollte diese Farbe nicht in dem sichtbaren Bereich liegen, so lassen sich die Farbwaben an eine andere Stelle des Bildes verschieben, um weitere Bereiche der Zeichnung freizulegen. Spectrum 512 bietet aber noch eine weitere Alternative an. Auf dem eingangs schon erwähnten Rahmen, den der ST normalerweise nicht benutzt, lassen sich zur Erweiterung der Auswahl zusätzliche Farben darstellen.

Die so ausgewählten Farben wollen allerdings auch sinnvoll verarbeitet werden. Eine wichtige Rolle nimmt dabei das Berechnen von Farbübergängen in Anspruch. Für eine solche Hilfe wird jeder Maler, der oft entnervt nach den passenden Farben für einen solchen Übergang sucht, dankbar sein.

Quantum Paint beherrscht diese Technik leider nur im 128-Farben-Modus. Der ST ermittelt hier bei der Auswahl zweier Farbtöne 14 Zwischenwerte. Spectrum 512 hat da schon einiges mehr anzubieten. Zum einen kann der Anwender seine eigene, bis zu 196 Farben große Palette zusammenstellen oder vom ST berechnen lassen. Diese Auswahl wird im Bildschirmrand abrufbereit dargestellt. In einem weiteren Modus berechnet Spectrum 512 automatisch 26 der der jeweiligen Zeichenfarbe am nächsten liegenden Farbtöne und hält diese für den Zeichner auf dem Rahmen bereit. Da die 26 Farbbalken nicht den ganzen Rahmen in Anspruch nehmen, finden sich am unteren Ende weitere acht Balken, die ihr Einsatzgebiet im Berechnen von Farbverläufen finden. Für derart komplexe Berechnungen muß man dem Programm allerdings eine gewisse Zeit zum Arbeiten gewähren.

Für die Verschönerung vorhandener Bilder sind diese Funktionen weniger zu gebrauchen. Da beide Programme Degas- und Neochrome-Bilder verarbeiten, ist der Bedarf nach solchen Hilfsmitteln vorhanden. Quantum Paint rechnet diese Bilder in den 512- oder 4096-Farben Modus um. Beliebige Bildausschnitte lassen sich im 512-Farben-Modus auch nachträglich einfärben. Spectrum 512 manipuliert Bildausschnitte so, daß Linien geglättet, Farbübergänge verfeinert (weicher) oder kontrastreicher gestaltet werden.

Trotz der durch den Interlace-Modus größeren Farbauswahl bietet Quantum Paint weniger Funktionen als das teurere Spectrum 512. Quantum Paint ist auch in der aktuellsten Version 1.05 nicht ausreichend absturzsicher. Bei beiden Programmen, das gilt besonders für Quantum Paint, sind in Zukunft weitere unterstützende Funktionen für den Umgang mit den vielen Farben erforderlich.

Spectrum 512 bietet im Bildschirmrand weitere Farben an

Bei Spectrum 512 stehen 7 »Waben« zur Farbauswahl bereit

Bei so vielen Farben ist eine gute Lupe unerläßlich

In jedem Fall erfordern die Programme eine gehörige Portion an Einarbeitungszeit. Auch sollten Sie Ihre Erwartungshaltung nicht zu hoch schrauben.

Der Weg zu einem gelungenen Bild mit 512 Farben ist immer sehr arbeitsintensiv. Zudem lassen sich diese Bilder selten in anderen Programmen weiterverwenden. Denn auch die CPU hat jede Menge zu tun. Während sich die MC 68000 normalerweise kaum um den Bildschirmaufbau kümmert, verwendet sie mit 512 Farben rund 80 Prozent ihrer Rechenzeit für den Bildschirm. Sehr viel Luft für andere sinnvolle Programme ist also kaum mehr vorhanden.

(/Tarik Ahmia)

Steckbrief

Produktname: Spectrum 512

Preis: 129 Mark

Hersteller: Antic Publishing

Stärken:

□ gelungene Methode zur Farbwahl □ zeigt während des Malens alle Farben an □ Funktionen für die Bildbearbeitung □ automatische Berechnung der Farbübergänge

Schwächen:

□ wenige Zeichenfunktionen □ keine Textdarstellung

Steckbrief

Produktname: Quantum Paint

Preis: 79 Mark

Hersteller: Eidersoft

Stärken:

□ maximal 4096 Farben gleichzeitig (interlaced) □ Animator im 128-Farben-Modus

Schwächen:

□ umständliche Bedienung □ stellt beim Zeichnen nur 16 Farben dar □ kaum Funktionen zur Bildverarbeitung und Farbgestaltung
Andreas Käufer


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