Texteditoren

Luna und 7up sind bei Weitem nicht die einzigen Texteditoren auf dem Atari. Tatsächlich ist das TOS-System in dieser Hinsicht so gut ausgerüstet wie fast kein anderes.

AHCX

"A Home Cooked teXteditor" ist ein Programm von Henk Robbers, dem Entwickler des freien AES-System XaAES für MiNT-Systeme. Der Programmautor hat AHCX hauptsächlich für seine eigene Entwicklungsarbeit geschrieben. Das Programm wird regelmäßig weiterentwickelt und liegt derzeit in einer recht aktuellen Version vom November 2000 vor. Einen ausführlichen Testbericht finden Sie in Ausgabe 02-2001 der st-com-puter.

AHCX ist mit seinen 66 KBytes recht kompakt gehalten und bietet eine Online-Hilfe im ST-Cuide-Format. Das Programm liegt in englischer Sprache vor.

Dass AHCX in erster Linie für die Programmierung von Quelltexten entwickelt wurde, kann das Programm nur schwerlich verheimlichen. So bietet es eigene Auswahlpunkte für C-Dateien und -Headerdateien. Entwickler werden auch die Möglichkeit der Klammerdefinition schätzen.

Ungewöhnlich ist die Aufteilung von AHCX. Während das Programm mit nur drei Menüeinträgen auskommt, fällt das große Toolkit auf, das in einem einzigen GEM-Fenster den Großteil der gebotenen Funktionen unterbringt. Wer in einer hohen Auflösung ab 1027 x 768 Bildpunkten arbeitet, wird von dieser Benutzerführung profitieren. Auf kleineren Bildschirmen muss der Anwender jedoch arg im Fenster scrollen um alle Funktionen nutzen zu können.

Ergänzt wird dies durch ein Drop-Fenster, auf das jederzeit Textdateien zwecks automatischer Öffnung seitens AHCX gezogen werden können. Übrigens unterstützt AHCX auch intern das Verschieben von Blöcken mit der Maus.

Sehr großzügig sind die Suchfunktionen gelungen. Bis zu zehn Suchbegriffe lassen sich eingeben, wobei aber immer nur nach einem einzigen gesucht wird. Gesucht wird entweder im aktuellen Fenster, in allen geöffneten Fenstern oder in Verzeichnissen. Dabei kann komfortabel auch mit Wildcards gearbeitet werden. Verzeichnisse können übrigens auch miteinander verglichen werden.

Der Freeware-Editor enthält einige ungewöhnliche und interessant umgesetzte Konzepte, die sicher nicht nur Entwickler interessieren. Sein Programmierer Henk Robbers bezeichnet AHCX übrigens als fehlerbereinigte Version des PureC-Edi-tors.

Dabei stellt das Programm nur den Einstieg in ein längerfristiges Projekt dar: geplant ist eine eigene Programmiersprache inklusive einer Entwicklungsumgebung auf Basis des Sozobon-Kerns. Wir dürfen das Programm also weiter mit gespannten Augen betrachten.

Everest

Der Texteditor Everest hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Die aktuelle Version 3.6Dß stammt vom Januar 1999. Da dies mehr als zwei Jahre her ist, kann man wohl davon ausgehen, dass die Entwicklung jedenfalls derzeit eingestellt ist. Sein Alter kann das Programm auch nicht gänzlich verheimlichen. Viele heutige Standards moderner Atari-Programme werden nicht eingehalten, so verwendet Everest modale Fly-dial-Dialoge, die den Rechner blockieren - ärgerlich unter Multitasking-Systemen. Außerdem wirkt das Programm etwas altbacken, da es leider keine 3D-Oberfläche unterstützt. Eine Online-Hilfe liegt auch nicht vor, der Anwender muss sich einen ASCII-Text ausdrucken.

Dem Leistungsumfang tut dies jedoch nicht unbedingt einen Abbruch. Geboten werden alle grundlegenden Funktionen, die von einem Editor zu erwarten sind. Und genau auf diese Vorgabe hin wurde das Programm auch entwickelt. So muss der Anwender auf Piktogrammleisten im Arbeitsfenster oder Werkzeugboxen verzichten. Everest eignet sich also besonders für STs mit einem kleinen Bildschirm und wenig Speicher.

Die Suchfunktion unterstützt die Arbeit mit Wildcards. Entwickler profitieren von der Möglichkeit, Klammerpaare ausfindig zu machen. Außerdem kann gezielt nach Fehlermeldungen in Quelltexten gesucht werden.

Everest unterstützt zudem Shortcuts, mit denen sich der Anwender bei wiederkehrenden Phrasen viel Tipparbeit ersparen kann. Praktisch ist auch die Verwaltung von Textlisten, die es ermöglicht, eine definierbare Auswahl an Texten zu starten.

Noch weiter an den Bedürfnissen von Programmierern ist das eigene SE-Protokoll. Dieses stellt unter Multitasking-Systemen die Verbindung zwischen Editor und Shell her.

Everest ist mit Sicherheit kein schlechter Editor, kann aber mittlerweile mit seinen Konkurrenten nicht mehr unbedingt mithalten. Die Entwicklung von Luna, 7up und JAnE ist einfach zu weit vorbeigezogen. Bedenkt man, dass Everest nach wie vor als Shareware (DM 20.-) vertrieben wird, so gibt es eigentlich kaum einen Grund, dies Programm ausgereifteren Programmen vorzuziehen.

JAnE

Auch JAnE startete in den 90er Jahren in einen damals ähnlich so gut bestückten Markt der Texteditoren wie heute. Mit echtem British Understatement bezeichneten die Entwickler ihr Produkt als "Just Another Editor". Erfreulich ist, dass das Programm nach wie vor weiterentwickelt wird. Die aktuelle Version 2.04ß ist so auch auf den 31. März 2001 datiert.

Auf den ersten Blick ähnelt JAnE in vielerlei Hinsicht dem ebenfalls mächtigen Editor 7up. Das Arbeitsfenster ist ähnlich aufgebaut, einzig die von 7up bekannten Mini-lcons fehlen. Auch einige Dialogboxen (z.B. "Bearbeiten/Formatieren") gleichen sich fast wie ein Haar dem anderen, sodass man sich unwillkürlich fragt, wer hier bei wem Anleihen genommen hat. Dem Anwender kann dies letztendlich egal sein, immerhin profitiert er von der Integration möglichst vieler Möglichkeiten. Allerdings ist JAnE freundlicher gegenüber modernen Multitaskingsystemen, denn im Gegensatz zu 7up sind alle Dialoge in Fenster gelegt und blockieren somit nicht den Rechner.

Auch vom Leistungsumfang her ist JAnE in vielerlei Hinsicht mit 7up vergleichbar. Wie bereits angedeutet, verfügt das Programm über eine Vielzahl von Möglichkeiten, die sonst nur umfangreicheren Textverarbeitungen vorbehalten sind. Erwähnt seien hier die Formatierung (linksbündig, rechtsbündig, zentriert, Blocksatz) und das Seitenlayout (Ränder, Kopf- und Fußzeilen). Auch Stil und Farbe der Texte können jederzeit verändert werden.

JAnE kann beliebig viele Texte gleichzeitig bearbeiten. Ein Hauptschwerpunkt für den Einsatz liegt zweifellos in der Entwicklung von Programmen. Für diesen Zweck bietet der Editor z.B. das sehr wichtige Syntax-Highlighting. Aus JAnE heraus kann auch ein externes Programm, wie z.B. ein Compiler, gestartet werden.

Damit der Anwender seinen Editor weitestgehend automatisieren kann, verfügt JAnE über einen integrierten Makrorekorder. Damit aber nicht genug: JAnE liefert mit "SCEleton" gleich eine eigene Makro-Programmiersprache mit, die mit leistungsfähigen Befehlen zur Verarbeitung von Texten und Listen glänzt. Somit lassen sich auch Befehle, die ein Makro bilden direkt als Text eingeben. JAnE wandelt diese Texte dann vor der Ausführung in ein eigenes, schnelles Format um.

Auch die Suchfunktionen sind sehr gelungen. So können ähnlich wie bei UNIX nicht nur Texte, sondern auch reguläre Ausdrücke gesucht werden, wobei eine flexible Ersetzfunktion geboten wird.

Ein weiteres Highlight von JAne ist ohne Zweifel auch die sogenannte "Toolbox" des Programms. Dabei handelt es sich um eine Liste, in der alle Funktionen aufgeführt sind, die Menüeinträgen und Tastaturbelegungen zugeordnet werden können. Diese Listen können jederzeit durch eigene Makrolisten ergänzt werden. Die Toolbox-Funktionen sind dabei der globalen Menüleiste, Fenstermenüs sowie das globale und lokale Tastaturlayout zuzuweisen. Das Programm ist also fast komplett an die eigenen Wünsche seines Anwenders anzupassen.

Aber auch sonst weiß JAne zu überzeugen. Unterstützt werden alle Ataris ab 1 MByte RAM, moderne Protokolle wie GEMScript und auch eine umfangreiche Online-Hilfe im ST-Guide-Format liegt bei. Auf BubbleGEM müssen allerdings auch JAnE-Anwender verzichten. Unter MagiCMac bekamen wir das Programm allerdings leider nicht zum Laufen, es stürzte direkt nach dem Start ab.

JAnE ist eine weitere interessante Alternative auf dem Editorenmarkt. Besonders Fans von 7up sollten sich das Programm einmal näher anschauen, zumal sie sich schnell zurechtfinden werden.

JAnE ist Shareware und kostet DM 20.-.

qed

Ein weiterer Klassiker im Editoren-Markt ist qed. Der PD-Editor von Tom Quellenberg bzw. Christian Felsch wird inklusive aller Quelltexte als Public Domain angeboten und hat nach wie vor eine riesige Fangemeinde. Eine Zeit lang wurde das Programm offiziell von ASH "abgesegnet" bzw. gesponsert. Allerdings hat sich an der Entwicklung nun seit einiger Zeit nichts mehr getan, und so ist die aktuelle Version immer noch die 4.53 vom 19. September 1999.

Trotzdem weiß qed nach wie vor zu gefallen. Die Oberfläche ist komplett modal aufgebaut, alle Dialoge sind also in GEM-Fenster verfrachtet worden. Das Programm läuft auf allen Systemen traumhaft sicher und wirkt insgesamt als rundum ausgereift. Sein Leistungsumfang kann sowohl Vieltipper als auch Entwickler nach wie vor überzeugen.

Das Arbeitsfenster wirkt heute etwas schmucklos. Weder Lineale noch praktische Werkzeugleisten werden hier geboten. Die Bearbeitungsfunktionen sind dagegen weitaus angenehmer. Herauszuheben ist hier z.B. die Möglichkeit Blöcke durch das Bewegen der Cursortasten zu markieren. Ein markierter Block kann zeilenweise aufsteigend bzw. absteigend sortiert werden.

Auch die Suchfunktionen sind übersichtlich und leistungsstark. Unterstützt werden verschiedene Quantoren. In einem Popup werden die letzten zehn gesuchten Phrasen gespeichert. Entwickler werden die Suchmöglichkeit in Dateien begrüßen. Sogar komplette Verzeichnisstrukturen auf Datenträgern können durchsucht werden. Selbstverständlich ist für qed auch das Verwalten von bis zu fünf Sprungmarken.

Apropos Entwickler: qed bietet eine besondere Funktion für Fehlerdateien, die mit einem Compiler angelegt wurden. Wenn diese Datei pro Zeile mindestens einen Dateinamen und eine Zeilennummer enthält, kann der Anwender diese Zeile anklicken um qed zum Laden der dazugehörigen Datei zu bewegen. Der Cursor springt dann automatisch auf die betreffende Zeile im Quelltext. Benutzt der Programmierer eine Entwicklungsumgebung, die das SE-Protokoll unterstützt, kann qed direkt mit dieser Umgebung kommunizieren um sie zu steuern. Somit kann z.B. der Aufruf des Compilers direkt von qed aus erfolgen, womit das Programm zur zentralen Plattform in der Entwicklung mutiert.

Auch die Automatisierung durch den Anwender wird geboten: qed enthält einen eigenen Makrorecoder.

Ungeschlagen ist qed beim Umwandeln von Umlauten. In den praktische Aufklappmenüs wird auch der ASCII-Zeichensatz des Classic Mac OS geboten, was besonders für MagiCMac-Anwender beim Hin- und Herschieben von Texten ein Segen ist. Als Zielformat stehen z.B. HTML und LaTeX bereit.

qed ist nach wie vor ein rundum gelungenes Programm, das für die verschiedensten Aufgaben herangezogen werden kann. Ob es nun die schnelle Umwandlung von Sonderzeichen oder das umfangreiche Programmierprojekt ist: qed eignet sich. Es wird wohl noch für eine lange Zeit zum Standardwerkzeug von so manchem Atari-Anwender gehören.

SpiritEd

SpiritEd wurde ursprünglich für die Erzeugung von Dateien für das Bibel-Konkordanzprogramm "Concorde" [1] geschrieben. Tatsächlich handelt es sich um einen sehr einfachen Editor, der neben der angesprochenen Konvertierungsfunktion eigentlich nur Grundfunktionen bietet und somit mit keinem der erwähnten Texteditoren auch nur annähernd mithalten kann.

Trotzdem bietet das Programm zwei Features, die es interessant machen. So ist als als Accessory installierbar und somit auch auf "Basic-Systemen" wie einem 520 ST mit nur 512 KBytes RAM quasi nebenbei zu betreiben. Außerdem bietet es die Möglichkeit, Texte nach der Größe des geöffneten Arbeitsfensters umzubrechen - eine Funktion, die wir paradoxerweise in allen anderen der viele Editoren für den Atari schmerzlich vermissen.

Ansonsten bietet SpiritEd Funktionen für das Studium in Verbindung mit der Konkordanz. Unter MagiCMac ist das Programm aber praktisch nicht einsetzbar, hier kam es zu Redraw-Fehlern.

[1] st-computer 06-2001, Seite 50
Alle hier erwähnten Programme finden sich zentral auf der Webseite von Joakim Högberg unter der URL http://gokmase.atari.org.


Thomas Raukamp
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