papyrus-Talk: Gespräch mit Ulli Ramps


Textverarbeitung auf dem Atari - das heißt in den letzten Jahren in erster Linie papyrus. Das Programm hat sich mittlerweile zum kompletten Office-Paket für Atari-, Windows- und OS/2-Plattformen gemausert und soll in Kürze auch für Linux, MacOS und AmigaOS erscheinen. Thomas Raukamp unterhielt sich mit Ulli Ramps, Geschäftsleiter des Berliner Softwarehauses R.O.M. logicware.

st-computer: Ulli, wie lange ist papyrus mittlerweile auf dem Markt?

Ulli Ramps: Seit ... (denkt nach) ... der CeBIT 1992, glaube ich.

stc: Als papyrus konzipiert wurde, gab es ja schon eine ganze Reihe recht guter Textverarbeitungen für den Atari. Was war der Grund, mit papyrus eine weitere einzuführen?

Ramps: Ende der 80er bekamen wir einen größeren Auftrag der größten Berliner Apotheke für ein massentaugliches Etiketten-Drucksystem. Da uns gleich klar war, dass ein Projekt nach deren - wie auch unseren - Ansprüchen wohl nicht bezahlbar war, hätten wir entweder ablehnen müssen oder aber das Projekt gleich zum Massenmarkt-Produkt ausweiten. Es war allerdings aufgrund des soliden Fundamentes von papyrus erst deutlich später klar, ob es nun ein Grafikprogramm oder eine Textverarbeitung werden wird.

Als dann nach Signum!2 und Script eine längere Lücke klaffte, die förmlich nach etwas Neuem schrie, sind wir in genau diese Lücke gestoßen und haben sie wohl - wie der Erfolg zeigt - sehr gut ausgefüllt.

stc: Warum hat man sich damals gerade die Atari-Plattform für papyrus „vorgeknöpft" und ist nicht gleich in Richtung Mac oder PC gegangen?

Ramps: Der Atari war einfach zuerst einmal „unsere" Plattform, dann wollte eben auch das Waldkrankenhaus Spandau eine Atari-Lösung. Win-PCs waren damals noch viel schlechter als heute, und an den Mac hatten wir uns damals nicht so recht herangetraut, weil papyrus 1 auf dem Mac in Full Write und Mac Write starke Gegner hatte, die es allerdings mittlerweile längst überholt hat, sodass die in diesen Monaten entstehende Mac-Version von papyrus große Chancen im Apple-Markt hat.

stc: Wie sehen Sie papyrus OFFICE im Vergleich zu Office-Paketen wie Microsoft Word? Ist ein Vergleich überhaupt sinnvoll?

Ramps: Puh. Wenn ich jetzt alles sage, was ich dazu zu sagen hätte, braucht das Heft hier einen Buchrücken für die vielen Seiten. Klar ist ein Vergleich sinnvoll - aus Sicht der Projekte, die man mit den beiden Software-Applikationen machen kann, oder eben mit manchen nicht. Direkte öffentliche, vergleichende Äußerungen sind, wie Sie wissen, natürlich so eine Sache, daher verweise ich mal auf die letzten c't-Tests, in denen beschrieben wurde, ab wie vielen - oder eher wie wenigen - Seiten es Schwierigkeiten mit MS Word gibt, wie „spaßig" es werden kann zu versuchen, in MS Word Fußnoten zu benutzen, die Schwierigkeiten mit dem Umbruch, der beim Ausdruck passiert, sind auch sattsam bekannt, und das Arbeitstempo auch, papyrus dagegen startet auch auf langsamsten PCs (hier ist ja nur der Vergleich MS Word gegen papyrus sinnvoll) in zwei, drei Sekunden und lädt auch die Bibel mit weit über 1000 Seiten in ein paar Sekunden, hält beliebig viele Fußnoten auch nach dem Verschieben von Textblöcken immer korrekt numeriert, und ein Ausdruck zeigt die Zeilen auch immer so formatiert, wie man sie vorher am Bildschirm gesehen haben. Das - und vieles mehr - sind erst einmal sehr konkrete Fakten.

Dann kann ich jetzt noch ein paar Stunden oder mehr über grundsätzliche Benutzerphilosophien reden, über Überfrachtung oder schlanke, einfache Bedienung...

«papyrus startet im Gegensatz zu MS Word auch auf langsamsten PCs (hier ist ja nur der Vergleich MS Word gegen papyrus sinnvoll) in zwei, drei Sekunden und lädt auch die Bibel mit weit über 1000 Seiten in ein paar Sekunden, hält beliebig viele Fußnoten auch nach dem Verschieben von Textblöcken immer korrekt numeriert, und ein Ausdruck zeigt die Zeilen auch immer so formatiert, wie man sie vorher am Bildschirm gesehen haben.»

stc: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass soviele gute Textverarbeitungen im Atari-Markt die Segel streichen mussten und papyrus überleben konnte?

Ramps: Ist es jetzt unverschämt, wenn ich „papyrus" sage? Sagen wir mal so: Der Bessere ist des Guten Feind, und wir haben eben auch wohl als einzige.eine wirklich stete Weiterentwicklung erkennen lassen, was natürlich kräftig Vertrauen schafft. Und im Ergebnis ist papyrus ja nun auch die leistungsstärkste Textverarbeitung für Atari-Systeme geworden. Sprich: Wer uns vertraut hat, ist sicher nicht enttäuscht worden.

Dann ist sicher die Multiplattform-Geschichte - man kann also papyrus auch für WIN und OS/2 erhalten und so seine Atari-Dokumente auch auf PCs benutzen kann, auch ein gravierender Aspekt. Bei allen anderen Textverarbeitungen gibt es halt massive Probleme, die Dokumente auch mal mit anderen Systemen austauschen zu können.

stc: papyrus wurde auch auf Windows und OS/2 portiert. Sind weitere Portierungen zu erwarten? Seit der „World Of Alternatives" in Neuss hält sich das Gerücht, dass eine papyrus-Version für den Amiga geplant ist...

Ramps: Bei aller Liebe zum Amiga, aber sehr wichtig ist uns erst einmal eine Macintosh- wie auch eine Linux-Version, an denen schon lange gebastelt und seit kurzem auch mit professionellem Hochdruck richtig heftig gearbeitet wird. Da wir aber gerade zur Zusammenarbeit mit einer wichtigen Firma aus dem Amiga-Markt gefunden haben, die uns auch gleich noch bei der Macintosh-Version heftig unterstützt, ist tatsächlich bald mit drei weiteren unterstützten Plattformen zu rechnen: Mac, Linux und auch Amiga.

Um weiteren Fragen vorzugreifen, was denn „bald" bedeuten mag: Von uns aus lieber gestern als heute. Dennoch aber sind noch einige Programmier-Hürden zu überwinden, sodass ich nur „Monate" sagen kann, eine einstellige Zahl sicher. Ich hoffe auf 3-6 Monate und denke, dass die CeBIT ein realistischer Termin ist, den wir gern erreichen wollen. Wenn es noch in diesem Jahr klappt, dann soll uns das aber nicht stören.

stc: Wie aufwendig ist eine Portierung von papyrus auf andere Plattformen eigentlich? Muss das komplette Programm mühsam umgestrickt werden oder ist es teilweise plattformunabhängig?

Ramps: Der größte Teil von papyrus ist völlig gekappselt systemunabhängig. Es muss nur ein 5-10%iger Anteil, der die Abbildungen des Textes im Fenster, die Druckerausgabe etc. übernimmt, angepasst werden. Steht dieser Teil erst einmal für ein Betriebssystem, so kann diese Plattform sofort von jeder Weiterentwicklung von papyrus profitieren, da der systemabhängige Teil nur sehr selten berührt wird.

stc: Wieviele Entwickler arbeiten eigentlich derzeit an papyrus?

Ramps: In der Kern-Mannschaft sind wir zu dritt, dazu kommen noch 5 weitere Programmierer, die an papyrus arbeiten.


Eleganz, einfache Bedienung und Schnelligkeit auch auf Hardware, de nicht in Richtung GHz-Zahlen schielt: papyrus OFFICE.

stc: Besonders Atari-Anwendern gibt Ihre Weiterentwicklungs-Garantie eine große Sicherheit. Was ist der Grund, dass Sie im Gegensatz zu vielen anderen Atari-Entwicklern bereit sind, sich auf Jahre auf unsere Plattform festzulegen?

Ramps: Das genau ist eben eine Folge der wenigen Arbeit, die die Weiterpflege einer Plattform macht, wenn denn dann erst einmal der Hauptschritt erreicht ist.

stc: Wie groß ist mittlerweile der Atari-Anteil unter den verkauften papyrus-Versionen?

Ulli Ramps: Das ist schwer zu sagen, da sich natürlich nicht alle Anwender melden und erklären, dass sie nach wie vor zufrieden mit papyrus arbeiten. Dennoch aber kommen jede Woche immer wieder mal ein paar, die ein Upgrade von recht alten Versionen kaufen von dieses auf jenes System wechseln wollen. Ich denke mal, unter den aktiven papyrus-Lizenzen haben wir immer noch ca. ein Drittel Atarianer.

stc: Wieviele papyrus-Anwender gibt es eigentlich mittlerweile?

Ramps: Noch sind es ca. 30.000, aber durch eine neue strategische Partnerschaft mit einem wichtigen Unternehmen aus dem IBM-Umfeld, mit der Firma Mende Speech Solutions, wird sich in Sachen Verfügbarkeit von papyrus z.B. in den großen Kaufhäusern in naher Zukunft sehr viel tun.

stc: Welche Funktionen sind für die Zukunft in papyrus zu erwarten?

Ramps: Im sehr fundiert entwickelten Datenbank-Teil liegt ein enormes Potential - auch und gerade, was das Zusammenspiel, die einmalige Verzahnung mit dem Textverarbeitungs-Teil angeht. Hier wird es in Richtung Programmierbarkeit, Multi-User-Fähigkeit bis hin zum Workflow-Management für Arbeiten im Netzwerk weitergehen, denke ich.

Im Textverarbeitungs-Teil wird es noch ein paar nette Sachen in Richtung wissenschaftlicher Texte und DTP geben. Dann wird natürlich die Zusammenarbeit mit Firma Mende ein altes Gebiet bei uns „wiederbeleben": die Spracheingabe auf Basis von IBMs Via Voice, die allerdings prinzipbedingt leider nur die Win-, OS/2, Mac- und Linux-Versionen erreichen wird.


papyrus hat sich von der „einfachen" Textverarbeitung zum kompletten Office-Paket gemausert.

stc: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang das Comeback der Textverarbeitung Tempus Word? Ist der Markt noch groß genug für zwei professionelle Textverarbeitungen?

Ulli Ramps: Hm. Hat denn dieses Comeback nun eigentlich endlich stattgefunden? Egal - ich denke, ich mag das gar nicht kommentieren, und ich muss das wohl auch nicht - Ihre Frage beantwortet sich ja schon fast von allein.

stc: Entwickelt R.O.M. logicware eigentlich nur papyrus oder haben Sie noch andere Produkte - bzw. sind weitere Produkte geplant?

Ramps: papyrus ist und bleibt die Basis, daraus ableiten kann sich aber in Zukunft so einiges: Branchensoftware, DTP-Erweiterungen, Netzwerk- und Groupware-Lösungen, die endlich einmal schlank und schnell sind, erweiterte Lösungen für Buch- und wissenschaftliche Arbeiten...

In Zusammenarbeit mit Fa. Mende werden auch einige Produkte auf papyrus-Basis entstehen - so z.B. Übersetzungs-Pakete, Spracheingabe-Maschinen, vielleicht Sachen in Richtung superprofessioneller Rechtschreibkorrektur...

stc: Sind Sie persönlich eigentlich noch Atari-Anwender? Welches System nutzen Sie derzeit?

Ramps: Mein Rechner ist eine Win-Dose, auf der ein wesentlicher Teil meiner Arbeit der unter MagiC PC - also letztlich auf einem Atari - geschieht. Allerdings arbeite ich auch - teils gezwungenermassen, teils auch aus Neugier auf andere Lösungen - unter OS/2 und unter Win.

stc: Zum Schluss die obligatorische private Frage: Womit verbringen Sie Ihre Zeit, wenn Sie mal nicht an papyrus denken?

Ramps: Wovon reden Sie bloß? Nein, im Ernst: natürlich mit meiner Familie, mit meinen beiden Söhnen (8 & 14); viel zu wenig mit meiner seit langem währenden Liebe zu den Kampfkünsten - und mein bester Freund, zugleich auch Chefentwickler von papyrus, Christian Nieber, hat mich gerade mit seiner Leidenschaft zum Jonglieren angesteckt.


Thomas Raukamp
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