Editorial

Sommerzeit ist Urlaubszeit – und auch ich nutzte unsere Sommerpause zum ersten Urlaub seit über einem Jahr. Ich hielt mich 3 Wochen in den Vereinigten Staaten auf und hatte die Gelegenheit, mich mit vielen hervorragenden Journalisten zu treffen und auszutauschen. So hatte ich die Freude, als Gast an einer Redaktionskonferenz der Online-Redakteure einer großen Tageszeitung in Boston teilzunehmen und einen kurzen Vortrag über den Computermarkt in Deutschland zu halten. Natürlich musste ich mich erst einmal vorstellen, und so erwähnte ich natürlich auch, dass ich monatlich für den Inhalt einer deutschen Atari-Zeitschrift verantwortlich bin. Die Reaktion in der Runde war bei allen Teilnehmern synchron: einige simulierten die Bewegungen beim Steuern eines Ballerspiels mit einem Joystick, andere lenkten einen erdachten Rennwagen mit einem ebenso imaginären Steuerrad über den nicht existenten Bildschirm. Keine Frage: Atari wird im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach wie vor mit Videospielen gleichgesetzt.

Verstehen Sie die Reaktion der durchweg freundlichen Diskussionsteilnehmer, die an jenem Tag um mich herum versammelt waren, aber bitte nicht falsch – niemand wollte meine Aufgabe, den Namen oder das Image Ataris herunterspielen oder gar lächerlich machen. Das Gegenteil war der Fall: Spaß und Entertainment sind in Amerika nicht etwas, was verwerflich ist und was sich der "ernsthafte" Computeranwender nur nebenbei gönnt. Spaß am Computer zu haben, wird vielmehr als Triebfeder und Ansporn hinter der Entwicklung moderner technischer Lösungen für Computerspiele und der modernen Benutzerführung am Rechner gesehen. Atari gilt hier als "Urvater" dieser Entwicklung; die Entwicklung, die das Unternehmen in den knapp zehn Jahren seit 1985 gemacht hat, ist aber wenig bekannt. Atari wird immer noch gleichgesetzt mit dem überaus positiven Lebensgefühl, das die typisch amerikanische Firma in seinen frühen Jahren verkörperte. Und so verwunderte es mich auch nicht, dass nach der "Pantomimen-Show" schon bald der Name Nolan Bushnells fiel, Geschichten von durchgemachten Spielenächten erzählt wurden und so mancher Highscore stolz berichtet wurde.

Ein Teilnehmer merkte dann aber bald an, dass Atari auch sehr gute Heimcomputer produziert hätte und später besonders in Europa als ernsthafter Konkurrent zu IBM und Apple auch im professionellen Markt auftrat. Als ich dann ergänzte, dass bald sogar in den USA eine neue Maschine in der Tradition Ataris verkauft werden würde, reagierten viele der Redakteure nicht etwa mit der befürchteten (und in Deutschland so üblichen) Skepsis, sondern überboten sich mit ihren Erwartungen. Zu meiner großen Überraschung ging es dabei nun aber nicht um technische Sensationen, sondern um den Spaß, den Komfort und letztendlich das Lebensgefühl, das ein heutiger "Atari"-Computer vermitteln müsste. Ich würde mir wünschen, dass auch hierzulande mehr Menschen begreifen würden, dass Spaß nicht in Konkurrenz zur Seriösität eines Unternehmens stehen muss, sondern sogar ein Mittel dazu sein kann.


Thomas Raukamp
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