Linux und die Demoscene

Nicht nur auf dem Atari gibt es eine starke Szene. In Anbetracht der Tatsache, dass Linux auch auf dem Atari immer mehr Interessenten findet, haben wir einen Blick über den Tellerrand gewagt.


Mit Blick auf die starke Scene auf Atari, Wintel-PCs, C64 und Amiga machen sich mehrere Linux-Scener auf, das Feld von hinten aufzurollen, um eine weitere Plattform für Demos und Co. zu etablieren. Nico „Dire" Barbat sprach mit zwei führenden Scene-Mitgliedern, Furball und Big Bear/Level-D & FakeThat.

st-computer: Hallo zusammen, würdet Ihr Euch unseren Lesern bitte selbst kurz vorstellen?

Big Bear: Mein Name ist Matthias Scheidegger. Ich bin 25 Jahre alt und studiere seit rund vier Jahren Informatik an der Uni Bern. Nebenbei arbeite ich derzeit dort auch an einem Netzwerk-Projekt. In meiner Freizeit spiele ich Geige und Keyboards - genau wie am Computer bin ich nicht auf einen bestimmten Stil fixiert. In der Scene bin ich als Big Bear bekannt (manch einer nennt mich auch einfach Teddy ;)) und bin Mitglied der Linux-Gruppe Fake That und der Musik-Gruppe Level-D.

Furball: Ich heiße Philipp „Furball" Kaeser, studiere Physik und beschäftige mich in meiner Freizeit mit - Computern! Seit Big Bear und ich 1996 Linux kennen und lieben lernten, programmieren wir Demos und organisieren Parties, um Linux auch in der Demoscene bekannter zu machen.

stc: Als Coder habt Ihr die beste Perspektive über die technischen Möglichkeiten eines Systems: Welche Vor- und Nachteile weist Linux für die Demoscene auf?

Big Bear: Tatsächlich gibt es demospezifische Nachteile. Als Abkömmling von Un*x hat Linux viele Sicherheitsmerkmale, so dass es recht schwer ist, bis zur Hardware „vorzustoßen", um zum Beispiel entscheidende Grafik-Routinen zu erzeugen, so dass hardwarenahe Programmierung wie auf dem Atari kaum möglich ist. Damit sind wir jedoch auch schon bei den Vorteilen angelangt, denn glücklicherweise gibt es Libraries, die die „Schmutzarbeit" für den Coder übernehmen, beispielsweise Prometheus TrueColor, die GGI-Libaries oder die 3D-Libraries, um nur einige zu nennen. Alles erinnert ein wenig an stcctX unter Windows, mit einem Unterschied: Du kannst die Sources der Libraries in den Händen halten und an Deine Wünsche anpassen! Zudem sind alle Tools, die Du benötigst, umsonst und legal!

stc: Gibt es Effekte, die speziell auf Linux zugeschnitten wurden?

Furball: Die Effekte der Linux- und DOS-/ Windows-Demoscene ähneln sich bisher vermutlich wie ein Ei dem anderen. Das liegt natürlich an der Hardware, die von beiden Betriebssystemen vornehmlich verwendet wird: die x86-Reihe. Allerdings werden in absehbarer Zeit vielleicht einmal Effekte auf Sparc-Maschi-nen unter Linux zu sehen sein.


stc: Darauf darf man bestimmt gespannt sein. Welche Gruppen und Linux-Scener könnten denn Eurer Meinung nach für solche Effekt-Feuerwerke verantwortlich sein?

Furball: Bis jetzt ist die Linux-orientierte Demoscene noch ziemlich klein, es gibt nur sehr wenige echte Linux-Scener, da die meisten sich hauptsächlich der PC-/ Windows-Scene zurechnen und somit gibt es auch nur kleine Demo-Gruppen und wenige echte Scene-Demos. Das liegt teilweise auch daran, dass viele Linux-Programmierer zu sehr mit der Programmierung von Tools beschäftigt sind, um das System noch netter und besser zu machen.

Big Bear: Zu den bekanntesten Demogruppen zählen Lame Over, die mehrere gute Demos herausgebracht haben, sowie Skai (Hard Rox) und Bomb (State of Mind).

Furball: Das beste Demo unter Linux wurde vom PC entführt: The Black Lotus portierte die Jizz, Stash and Astral Blur Trilogy von DOS nach Windows und jarno Paananen von den Sahara Surfers hackte einen Loader für Linux.

«Tatsächlich gibt es demospezifische Nachteile. Als Abkömmling von Un*x hat Linux viele Sicherheitsmerkmale, so dass es recht schwer ist, bis zur Hardware „vorzustoßen", um zum Beispiel entscheidende Grafik-Routinen zu erzeugen, so dass hardwarenahe Programmierung wie auf dem Atari kaum möglich ist.»

stc: ...alles alte Bekannte aus der Demoscene. Welche Prozessoren und Linux-Distributionen würdet Ihr vorschlagen, um Demos anzuschauen?

Big Bear: Fast jedes Demo benutzt Inline ASM, also ist ein AMD-Prozessor (oder Intel, wenn es denn sein soll) ein Muss. Wenn das Demo in reinem C geschrieben ist, muss man natürlich auch nicht auf die CPU achten. Anfängern würde ich die RedHat- oder SuSE-Distributionen empfehlen, weil sie das weit verbreitete RPM-Package-Format benutzen. Zum Beispiel ist RPM das einzig erhältliche Package-Format der 3dfx-Glide-Library für Linux. Ich persönlich ziehe die Debian-Distribution vor - sie ist geradezu perfekt für jeden, der die „blutigen Details" selbst konfigurieren möchte.

stc: Habt Ihr einige Links für das Internet parat? Welche Websites sind wichtig, wo trifft sich die Linux-Scene im IRC?

Furball: In praktisch jedem IRC-Netz stößt man auf einen überfüllten #linux-Channel - dies ist ein guter Ausgangspunkt für jeden Linux-Scener oder -Interessierten. Die beste Seite im World Wide Web ist wahrscheinlich Linux-Scene. org (http:// linux.scene.org).

stc: Und um die Linux-Scener nicht nur online, sondern auch „live" zu sehen -welche Party ist dann empfehlenswert?

Big Bear: Die meisten Linux-Leute habe ich auf der Mekka-Symposium in Norddeutschland gesehen, auf französischen und belgischen Parties hingegen trifft man eher selten auf Linux-Freaks.

Über Parties im Norden kann ich nichts erzählen, da ich seit langer Zeit keine mehr besucht habe. Vielleicht ändert sich das ja, wenn ich einmal Furball im fernen Schweden besuche.


stc: Um die Demoscene trotz einer solchen Ferne zusammenzuhalten, sind unter anderem auch Magazine nötig. Wie sieht die Situation in dieser Hinsicht für die Linux-Scener aus?

Furball: PAiN erscheint mehr oder weniger regelmäßig. Nach einigen Umstellungen wird der neue Code im Moment noch optimiert, danach sollte eine neue Ausgabe erscheinen.

Insgesamt gesehen mangelt es den ohnehin wenigen Magazinen objektiv gesehen an ansprechenden Artikeln und einem guten Code. Oft ist der Code schnell zusammengehackt worden und nicht als Open Source verfügbar. Das Modell von Linux stand hier zumindest nicht Pate, könnte aber in vielerlei Hinsicht helfen.

«Wenn die Spieleindustrie anfängt, Linux als mögliche Plattform für Spiele anzusehen, wird auch die Demoscene zunehmend größer werden. Das war schließlich bei allen Mainstream-Plattformen so - C64, Amiga, Atari und PC.»

Big Bear: Es gibt einen Linux-Loader für das deutsche PC-Diskmag Hugi, allerdings haben wir bisher nur ein Beta-Binary und keine Sources gesehen - vielleicht ist der Loader nur ein schlechter Hack.

Anders sieht es bei den Online-Magazinen aus, von denen einige qualitativ überzeugen können.

stc: Wie schätzt Ihr die Situation ein, wenn große Firmen ihre Software-Produkte für Linux umsetzen? Wie groß ist derzeit die illegale Scene auf Linux?

Big Bear: Die Warez-Scene auf Linux ist extrem klein, da ja fast jedes Linux-Programm kopiert werden darf. Das könnte sich in der Tat ändern, wenn Firmen wie Corel oder Inprise Linux-Software verkaufen.

Wenn man die PC-Leute hinzunimmt, die Linux-Software für ihre Server verwenden, würde ich von rund 20 Prozent illegale zu 80 Prozent legale Scene ausgehen.

Furball: In der Tat gibt es in diesem Moment (noch) keine ernstzunehmende Piraten-Scene auf Linux (außer, man zählt die unzähligen Coder hinzu, die an dem DeCSS Projekt zur Decryption von DVDs teilnehmen).

stc: Welche Chancen sehr Ihr für Linux, der übermächtigen PC-, Atari- und Amiga-Demoscene Paroli zu bieten?

Big Bear: Wenn die Spieleindustrie anfängt, Linux als mögliche Plattform für Spiele anzusehen, wird auch die Demoscene zunehmend größer werden. Das war schließlich bei allen Mainstream-Plattformen so - C64, Amiga, Atari und PC. Man muss nur einmal den PC als Beispiel nehmen: Bis zur Veröffentlichung der ersten Spiele gab es kaum ein gutes Demo für DOS/Windows...

Furball: Ich sehe das ähnlich. Es gibt einige PC-Scener, die Linux als zweite, alternative Plattform verwenden. So könnte die Zahl von Linux-Produktionen innerhalb kürzester Zeit explodieren.

Nebenbei angemerkt: für die Atarianer gibt es ja 68k-Linux und damit keinen Grund, die Köpfe hängen zu lassen!

st-computer: Ich danke Euch für das nette Gespräch - das letzte Wort habt Ihr...

Furball: Meine Anerkennung geht an Skai, Sleeping Dog und jarne Paananen. Wenn mir jemand einen Kommentarsenden möchte - meine eMail lautet furball@ space.ch.

Big Bear: Ich grüße Nogsf/Level-D, ich bin erreichbar unter bigbear@evard.ch -und ja: Ich hätte gerne noch einen Kaffee. ;)

Links zur Linux-Demoscene sind auf der Scenet Website (http://www.scenet.de) im Bereich Homepages/ Linux aufgelistet. Im Bereich Interviews finden Sie dort auch Gespräche unter anderem mit Sleeping Dog, einem der führenden Linux-Democoder.

Nico „Dire" Barbat


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