Phénix PPC

Der Phénix will sich einfach nicht aus der Asche, die er mittlerweile aufgewirbelt hat, erheben. Noch in Ausgabe 11/ 99 konnten wir einen ausführlichen Vorbericht u. a. mit Fotos von dem Motherboard veröffentlichen -Schnee von gestern. Bereits auf der Atari-Messe in Hannover im November des letzten Jahres brodelten erste Gerüchte, dass der ausgestellte Prototyp wohl das letzte war, was wir vom Phénix zu sehen bekamen. Diese Vorahnungen haben sich nun bestätigt.


Die Centek-Produkte sollen nicht sterben: Es gibt bereits erste Lizenzverhandlungen mit dem Falke Verlag bzgl. der Turbokarten für den Atari bzw. C-LAB Falcon und mit Milan Computersysteme bzgl. der DSP-PCI-Karten.

Die Vorgeschichte

Bevor über die Gründe für die Einstellung des Phénix-060-Projekts diskutiert werden kann, muss man sich vor Augen halten, dass die Firma Class4, die hinter der Entwicklung des Falcon-Nachfolgers stand, streng genommen aus zwei miteinander fusionierten Unternehmen besteht: Centek und Class4. Centek ist eine Hardware-Entwicklungsschmiede, die sich unter Atari-Anwendern schon vor der Fusion einen Namen machen konnte. Die Firma von Rodolphe Czuba zeichnet sich unter anderem für die leistungsstarken Centurbo-Beschleunigerkarten für den Falcon verantwortlich. Ausserdem stammt auch die Idee und auch größtenteils die Realisierung des Phénix aus dem Unternehmen Centek. Ziel der Fusion war es, die jeweiligen Projekte zusammenzulegen, um bessere Finanzierungsmöglichkeiten zu haben, damit die Centek-Mitarbeiter sich vollständig auf den Phénix konzentrieren konnten, um das Erscheinungsdatum der Maschine nicht noch weiter zu verzögern.

Das Problem

Wie in Ausgabe 11/99 deutlich zu sehen war, ging dieser Plan im Hinblick auf die Hardware der Maschine auch auf: Das endgültige Design des Motherboards war komplett und wurde einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Weniger gut sah die Situation um das zugrundeliegende neue Betriebssystem Dolmen aus: Dieser multiprozessorfähige TOS-Clone kam nicht recht aus den Startlöchern. Viele der daran arbeitenden Entwickler engagierten sich zu großen Teilen in den sonstigen Projekten von Class4 (Lasershows etc.). Insofern ergab sich für den Phénix 060 eine fatale Situation: Die Hardware war bereit, das Betriebssystem fehlte. Zwar beschäftigte sich Chefentwickler Rodolphe Czuba mit der Möglichkeit, ein anderes TOS-kompatibles Betriebssystem auf den Phénix zu portieren, doch die genauere Betrachtung ergab, dass kein Anwärter die speziellen Fähigkeiten des Rechners ausreichend gut unterstützen konnte, und eine Anpassung widerum sehr viel Zeit gekostet hätte. Die logische Folge ließ also nicht lang auf sich warten: Das Phénix-Projekt wurde in seiner ursprünglich geplanten Form eingestellt.

Centek

Der ursprüngliche Grund für die Fusion mit Class4 ist zumindest für die Firma Centek mit dem Tod des Phénix hinfällig geworden. Class4 hat nun alle Aktivitäten, die vorher zum Centek-Zweig gehörten, eingestellt. Betroffen sind neben dem Phénix-Projekt auch die Centurbo II und diverse Softwareentwicklungen.

Insidern zufolge besitzt Class4 aber weiterhin alle Rechte am Design des Phénix, die Rechte am Namen liegen aber bei seinem Entwickler Rodolphe Czuba. Dieser will nun in Eigenregie weiterhin den Support für die bestehenden Produkte gewährleisten. Weiterhin ist im Gespräch, dass der Falke Verlag (Herausgeber dieser Zeitschrift) die Centurbo-Il-Platinen in Lizenz produzieren will, damit auch in Zukunft Turbokarten für den Falcon bereitstehen.

Ein weiteres interessantes Projekt aus den Resten von Centek ist eine DSP-Audiokarte, die für den Phénix vorgesehen war. Die PCI-Karte beinhaltet einen DSP56301, der mit 80 MHz getaktet wird. Da die Falcon-Kompatibilitätskarte weiter auf sich warten lässt, könnte z. B. für den Milan auf diesem Wege kurzfristig Ersatz bereitstehen.

Unklar ist allerdings, was aus den Software-Produkten von Centek bzw. Class4 wird: Dazu gehört neben einiger System-Software (z. B. CENTscreen) für die Centurbo) auch das Scanprogramm Sandrine, das eine übersichtliche Oberfläche bietet und die SCSI-Scanner U-MAX 600s, 610s and 1220s unterstützt. Sollte die Entwicklung nicht weitergeführt werden, sollten die Quellcodes der Atari-Gemeinde jedenfalls frei zur Verfügung gestellt werden, damit andere Entwickler das Projekt übernehmen können.

Phénix 260

Der Chefentwickler des Phénix, Rodolphe Czuba, sah schon seit einigen Monaten, dass sein Projekt durch die schlechte Unterstützung seitens der Entwickler des Betriebssystems gefährdet war. Als sich abzeichnete, dass der Phénix 060 tatsächlich Vaporware bleiben sollte, knüpfte er verschiedene Kontakte, um ein Nachfolge-Projekt namens Phénix 260 vorzustellen. Auch der 260er bot Platz für insgesamt zwei 68060-CPUs und PCI-Steckkarten, ließ aber die standardmäßige Integration eines DSP vermissen und konnte daher nicht länger als Falcon-Nachfolger, sondern auch aufgrund seinen geplanten Preis um DM 2000.- eher als Milan-Konkurrent angesehen werden. Durch die Einstellungen aller Centek-Aktivitäten seitens Class4 wurde allerdings auch dieses Projekt auf Eis gelegt, bevor es richtig mit Leben erfüllt werden konnte - es wäre sowieso fraglich gewesen, ob Platz für einen weiteren Low-Cost-Rechner im begrenzten Markt gewesen wäre.


Geschichte: Das Board des Phénix 060, das bereits serienreif war, stolpert über die schlechte Unterstützung der Dolmen-Entwickler.

Phénix PPC

Neben all diesen Enttäuschungen birgt die neue Situation allerdings auch neue Chancen: Durch seine Suche nach Geldgebern für den Phénix 260 kam Rodolphe Czuba in Kontakt mit sogenannten „Business Angels", privaten Investoren also, die vom Board des Phénix begeistert waren. Diese Investoren beschlossen nun, praktisch eine zeitgemäßere Variante des Phénix mit ihrem Geld zu unterstützen. Rodolphe Czuba soll als Chefentwickler den Phénix PPC entwerfen, dessen Board den Namen RioRed C4 tragen soll. Dafür wurde extra ein neues Unternehmen namens Silicon Fruit mit Sitz in Richardson, Texas, in den USA gegründet.

»Nun ist es an der Atari-Gemeinde, auf sich aufmerksam zu machen und die Portierung eines TOS-kompatiblen Betriebssystems auf das RioRed-Board voranzutreiben.«

Die geplanten Spezifikationen für diesen Rechner hören sich beeindruckend an: Das Motherboard soll Platz für zwei CPU-Slots mit je einem PowerPC-G4-Prozessor bieten, die mit 450 MHz getaktet werden. Für Erweiterungen stehen vier 32-Bit- sowie zwei 64-Bit-PCI-Slots bereit, die durch einen AGP-Port für schnelle 3D-Grafikkarten ergänzt werden. Für Peripheriegeräte stehen vier USB-Ports bereit, Festplatten und CD-ROMs finden durch einen IDE-Ultra-DMA-Controller Verbindung. Der Speicher kann mittels 4 SDRAM-Steckplätzen auf bis zu 1 GB aufgerüstet werden. Einer der PCI-Slots ist für eine DSP-Karte vorgesehen. Alle Hard- und Softwareentwicklungen werden offengelegt, so dass auch andere Entwickler darauf zugreifen können, was eine Finanzierung durch eventuelle Lizenzvergaben an kommerzielle Anbieter ermöglicht.

Das ist der PowerPC/G4

Der PPC/G4-Prozessor wurde in Zusammenarbeit von Motorola und IBM mit dem Ziel entwickelt, die Vorherrschaft der Pentium-Prozessoren zu brechen. Der MPC7400 (so die offizielle Bezeichnung) ist eine High-Performance-Implementation der PowerPC-RISC-Architektur und vollständig kompatibel zu den Vorgängern PowerPC 603e, 740 und 750. Die derzeit schnellste Variante wird mit 450 MHz getrieben und ist in dieser Ausführung bereits fast dreimal so schnell wie ein Pentium mit 600 Mhz, was als erste verfügbare Maschine der Apple-G4-Mac beweist.

Der G4 unterscheidet sich von seinem Vorgänger G3, der z. B. im iMac Verwendung findet, in erster Linie durch seine Multimedia-Erweiterung AltiVec, einem ähnlichen Zusatz wie die MMX-Technologie für den Pentium. Ermöglicht werden z. B. Echtzeit-Berechnungen von so anspruchsvollen Anwendungen wie MPEG-2-Video, Spracheingabe und 3D-Grafikberechnungen. Übrigens ist ein G4-Prozessor nur dann schneller als der kleine Bruder G3, wenn Programme den AltiVec auch durch speziellen Code ansprechen.

Interessant ist auch das integrierte MPX-Businterface. Dieses bietet einen 64 Bit breiten Daten- sowie einen 32 Bit breiten Adressbus und ist damit auf derzeit höchste Leistungen ausgelegt.

Motorola und IBM haben vor einigen Wochen bereits offengelegt, dass man weiter in der mit dem G3 und G4 festgelegten Route marschieren will: IBM plant spätestens für das Jahr 2001 den Power-G4, der mit bis zu 1.1 GHz getaktet werden und damit eine Rechenleistung von 11.000 MIPS erreichen soll, was einer 200-fachen Leistung eines 68060-Prozessors entspricht. Motorola umriss dagegen Pläne für den G5, einer eigenen Version des Gigaprozessors, die Taktraten bis 2.2 GHz verspricht.

Thomas Raukamp

Eine starker Konkurrent des RioRed-Boards ist die CHRP-G3-Plattform von IBM - gleichzeitig stellt sie aber eine weitere mögliche Plattform für ein PowerMiNT dar.

Beim vorinstallierten Basis-Betriebssystem wird es sich um eine optimierte Yellow-Dog-Linux-Distribution handeln. Weiterhin existieren Pläne, BeOS sowie das Echtzeit-Betriebssystem QNX an das Board anzupassen. Was für Atari-Anwender aber am wichtigsten ist: Es existieren Überlegungen, mit PowerMiNT eine an den PowerPC angepasste Version des Atari-Betriebssystem-Kernels zu entwickeln, was der Atari-Welt endgültig den Vorstoß in den PPC-Welt bringen würde.

Termine. Das Erscheinen des Phénix 060 hatte sich in der Vergangenheit immer wieder verzögert. Umso mehr überrascht es, dass erste Prototypen (genannt Metanium) bereits im kommenden Sommer ihren Weg zu Entwicklern finden sollen. Nach den ersten Tests ist zunächst eine Serie von 1000 Geräten geplant. Preislich soll das Multiprozessor-System zwischen einem G4-Rechner von Apple und einem High-End-PC liegen. Der Verkauf soll ausschließlich über das Internet erfolgen.

Die genannten Termine klingen fast zu optimistisch, um wahr zu sein. Ermutigend ist jedoch, dass der Phénix PPC im Gegensatz zu seinem kleineren 060-Bruder wie erwähnt von finanzstarken Geldgebern unterstützt wird, die Interesse daran haben, dass ihre Einlagen Früchte tragen und die Maschine möglichst schnell erscheint. Noch erfreulicher ist, dass der erste Prototyp des Boards bereits fertig sein soll. Zur Zeit arbeitet ein Programmierer an einem PPC-Boot-BIOS, damit das System zunächst von einem Zip-Medium aus gestartet werden kann.

Auf den Zug aufspringen. Nun ist es an der Atari-Gemeinde, auf sich aufmerksam zu machen und die Portierung eines TOS-kompatiblen Betriebssystems auf das RioRed-Board voranzutreiben. Zu diesem Zweck wurde bereits ein Diskussionsforum für Entwickler geschaffen, die an der Portierung von MiNT mitwirken möchten (die Adresse entnehmen Sie bitte der nebenstehenden URL-Übersicht).

Fazit

Was Anfangs nach einer erneuten Enttäuschung für Atari-Fans aussah, könnte sich zu einem längst überfälligen Glücksfall entwickeln: den Schritt in die PowerPC-Weit. Sollte dieses Projekt gelingen, stünde der Atari leistungsmäßig wieder neben den schnellsten Vertretern der Intel- und Mac-Systeme. Diese Entwicklung würde übrigens dem Milan II nicht im Geringsten schaden: Jede Aufmerksamkeit, die die Atari-Plattform zurückerlangt, nützt letztlich allen Beteiligten. Schließlich hat auch Atari selbst zu seinem besten Zeiten mit dem TT ein damaliges Highend-Gerät angeboten, während der Heimanwender mit ST und STE kostengünstig bedient wurde.

Doch bei aller Euphorie für diesen Gedanken ist Vorsicht geboten: Zu oft versprachen die Entwickler um Rodolphe Czuba Dinge und Termine, die später nicht eingehalten wurden. Statt schon für den Spätsommer ein erstes Endkundengerät zu erwarten, sollte man vielmehr hoffen, im Winter 2000 Geld in einen PPC-Atari zu investieren. Selbst wenn es der neuen Firma Silicon Fruit gelingen sollte, noch zum Herbst die Hardware fertigzustellen, steht bisher noch in den Sternen, wann tatsächlich eine MiNT-Variante für den PowerPC bereitsteht. Und das Portieren eines MiNT-Kernels stellt zwar einen der wichtigsten Schritte dar, trotzdem wäre damit erst ein Anfang gemacht: Mindestens genauso wichtig ist für den Anwender ein System, das auf diesen Kernel aufsetzt (z. B. N.AES oder XaAES) und damit die Arbeit unter einer grafischen Oberfläche erst möglich macht. Erst dann ist von den verbleibenden Atari-Softwarehäusern zu erwarten, dass sie darüber nachdenken, ihre Produkte nativ an den PPC anzupassen. Bis es zu solchen Anpassungen kommt, sollte vielleicht mit einer leistungsfähigen 68k-Emulation die Brücke zu den bestehenden Anwendungen geschlagen werden. Fachleute lassen sich immerhin zu der Aussage hinreissen, dass 68k-Programme unter einer Emulation auf einem G4 immerhin eine Geschwindigkeit erreichen, die mit einem (nicht existenten) 100-Mhz-060-Prozessor gleichzusetzen wäre - wahrlich nicht schlecht für einen Anfang und das Erkunden von Neuland für Entwickler, Anwender und Händler. Atari-Puristen können also aufhören, um den Phénix 060 oder gar den Phénix 260 zu trauern und mit vorsichtigem Optimismus auf den Phénix PPC schauen.

Die Entscheidung, Linux als Basis-Betriebssystem zu nutzen, sollte übrigens ohne Naserümpfen betrachtet werden: Da nicht zu erwarten ist, dass MiNT und BeOS ähnlich schnell bereitstehen, stünde vom ersten Moment an ein riesiger Softwarepool zur Verfügung, der die Wartezeit auf erste Atari-Programme verschönert. Ausserdem kann man so die allgemeine Linux-Euphorie nutzen: Schon bei der Erwähnung des Wortes „Linux" zucken potentielle Geldgeber zur Zeit instinktiv das Scheckbuch, da wohl kein Betriebssystem mit vergleichbaren Zukunftsaussichten bedacht ist. Sollte diese Euphorie die Mittel für einen PPC-Atari mit sich bringen, können wir alle nur von dieser Entwicklung profitieren.

Wir werden das RioRed-G4-Projekt weiter verfolgen und hoffen, schon in einer der kommenden Ausgaben weitere Berichte veröffentlichen zu können.

T. Raukamp, J. Fornallaz

Atari-Anwender können schon heute G4-Power genießen: Mit MagiCMac beschleunigen Sie leistungshungrige Applikationen wie Calamus auf einem G4-Mac auf Höchstgeschwindigkeit.

Der Grundriss des RioRed-Boards: Vorgesehen sind Sockel für zwei G4-CPUs, sechs PCI-Slots und ein AGP-Port.

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