Atari gesteuerter Audio-Video-Computer

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Das Beispiel "AGAViC" (Atari gesteuerter Audio-Video-Computer) beweist einmal mehr eindrucksvoll, warum Atari-Computer nach wie vor vielfältigen Einsatz auch im professionellen Einsatz verdient haben.

Im März 1997 erwähnte mein Freund Dirk während eines Besuchs bei mir, dass eine Künstlergruppe für ihr neues Videokunstprojekt einen Computer (der später AGAViC genannt wurde) für Überwachungsaufgaben acht PCs benötige. Sechs der PCs würden mit Videokarten ausgerüstet, ein PC würde MIDI-Steuerrechner und der letzte solle Bewegungssensoren auswerten.

AGAViC sollte den Programmablauf überwachen und im Falle einer Fehlfunktion eines oder mehrerer PCs einen Reset veranlassen und in der Phase des Neustarts ein Notprogramm koordinieren. Dirks Frage war nun, ob ich ein Konzept für einen solchen Überwachungscomputer entwerfen könnte.

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Die Software von Dirk Langheinrich und Werner Frey dient der Ansteuerung der externen PCs.

Das Konzept

Bei einem weiteren Treffen mit Dirk stellte ich ihm eine Skizze mit einem Blockschaltbild vor. Mein Vorschlag war, einen Atari MegaST als Basis zu nehmen und mit einem ROMPORT-Interface die Schaltzustände zu steuern. Die PCs sollten mit einer MIDI-Schnittstelle ausgerüstet werden und während des Programmablaufs definierte Signale senden, die der MegaST auswertet und damit im Falle einer Fehlfunktion ein Neustart eingeleitet wird. Das Konzept sah weiterhin vor, dass, falls der MegaST selbst ausfallen sollte, die Schaltzustände so eingestellt würden, als wenn alle PCs einwandfrei funktionierten.

AGAViC nahm Gestalt an

Dirk, inzwischen technischer Leiter des Gesamtprojekts, hatte mir nach Rücksprache mit den Künstlern für mein Konzept "grünes Licht" gegeben und mich gebeten, Einzelheiten auszuarbeiten und die Kosten abzuschätzen. Nun begann ich damit, die einzelnen Komponenten zusammenzustellen:

Da man an einem Videoausgang nicht auf beliebig viele Videoeingänge verteilen kann, suchte ich nach einem IC, das wahlfrei beliebige Videoeingänge auf einen Videoausgang leitet. Die Wahl fiel auf Maxims MAX440, einem achtfach Video-multiplexer mit 160 MHz Videobandbreite und eingebautem Videoverstärker.

Ein- und -Ausschaltautomatik für die PCs

Da die Netzsicherung im ungünstigen Fall überlastet wird, wenn neun Computer gleichzeitig eingeschaltet werden, musste eine Schaltung her, die die acht PCs nacheinander mit Strom versorgt. Diese Schaltung arbeitet im Prinzip so: AGAViC wird eingeschaltet, Timer 1 wird gestartet, Timer 1 ist abgelaufen, PCI wird eingeschaltet, Timer 1 wird gestartet und so weiter.

Steuerlogik

AGAViC kennt zwei Betriebszustände: MegaST arbeitet, MegaST arbeitet nicht. Solange der MegaST nicht arbeitet, zum Beispiel direkt nach dem Einschalten, befindet sich die Steuerlogik in dem Modus "Manuell". Manuell heißt, dass die von außen selektierten Einstellungen wirksam sind.

Sobald der MegaST betriebsbereit ist, schaltet die Steuerlogik auf den Modus "Computer" um, und der MegaST übernimmt die Kontrolle über die Steuerlogik.

ROMPORT-Interface

Das Interface bereitet die am ROMPORT anliegenden Signale so auf, dass daraus acht Adressen mit je acht Datenleitungen generiert werden. Eine Adresse muss ständig aufgerufen werden, damit die Steuerlogik erkennt, dass der MegaST arbeitet. Eine Adresse bedient die Ein- und -Ausschaltautomatik für die PCs, und die sechs übrigen Adressen steuern die Platinen mit der Video- und Audiokreuzmatrix.

Der Auftrag, AGAViC zu bauen

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Die Innenansicht zeigt deutlich, wieviel Arbeit in dem Gerät steckt.

Das Konzept hatte die Künstlergruppe und den technischen Leiter überzeugt, auch der kalkulierte Preis von DM 2500,-, ein wahrer Freundschaftspreis, war offensichtlich akzeptiert. Da die Finanzierung des gesamten Projekts noch nicht perfekt war, wurde AGAViC bis Anfang Oktober 1997 auf Eis gelegt. Kurzfristig kam dann die schriftliche Bestellung, verbunden mit dem Wunsch, AGAViC innerhalb fünf Wochen zu liefern.

Zu diesem Zeitpunkt war AGAViC lediglich ein theoretisches Projekt; so hinterfragte ich, wann AGAViC tatsächlich zum Einsatz kommen würde. Als Termin für die Uraufführung des Videokunstprojektes, das inzwischen den Namen "Noise-Gate M6" erhalten hatte, wurde mir die zweite Januarwoche 1998 genannt. Mit diesem Zeitpolster erschien es mir einigermaßen realistisch, auch unvorhergesehene Probleme zu bewältigen, und so stimmte ich dem Auftrag zu. Jetzt begann ich, die Schaltpläne zu zeichnen, bestellte die Spezialteile und kaufte einen gebrauchten MegaST2.

Nachdem die Schaltpläne fertig waren, wurde eine Liste mit den erforderlichen Komponenten erstellt und geordert. Nach deren Eintreffen wurden der Lötkolben sowie das Oszilloskop in meiner Düsseldorfer Wohnung kaum noch kalt. Mitte Dezember 1997 waren alle Platinen bestückt, gelötet und getestet sowie ein Quick-and-dirty-Testprogramm geschrieben. Während sich Dirk in Wien daran machte, das Steuerprogramm für AGAViC zu programmieren, begann ich mit der Metallbearbeitung, denn schließlich sollten alle Einzelteile in ein 19-Zoll- 3HE-Gehäuse eingebaut werden.

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Die Rückansicht des modifizierten Falcon

Zur Jahreswende war es endlich soweit: AGAViC funktionierte, der Dauertest war bestanden und die Dokumentation geschrieben. Im fernen Wien waren inzwischen alle Beteiligten voller Sorge und Hoffnung ob des überschrittenen Zeitplanes und des nahenden Premierentermins. Dennoch - pünktlich zur Premiere von "NoiseGate M6" traf AGAViC in Wien ein und verrichtet seitdem zuverlässig an verschiedenen Orten in Europa seine Arbeit.

In Zusammenarbeit mit dem Revolution CD-ROM-Magazin.

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