Interview mit Peter A. Gebhardt, Apple Computer

Nach der Markteinführung von MagiCMac ging ein heftiger Ruck durch den ATARI-Markt. Plötzlich stand eine Hardware-Basis zur Verfügung, die besonders Im professionellen DTP-Einsatz fast überall präsent ist. Ob MagiCMac nur eine neue Hardware-Plattform für die ATARI-Software verfügbar macht oder lediglich eine Zwischenlösung darstellt - als Übergang hin zu anderen Ufern das hängt nicht zuletzt von der Akzeptanz der Anwender und Software-Firmen Im ATARI-Markt ab. Zu diesen und weiteren Themen sprach ich mit Peter A. Gebhardt, Technology Marketing Manager bei Apple Central Europe.

ST: Seit der Markteinführung von MagiCMac ist das Interesse an Apple-Rechnern auf dem ATARI-Markt verständlicherweise sehr groß. Was erfährt die Firma Apple Computer eigentlich von diesem Boom, und wie reagiert Apple auf diese Entwicklung?

Gebhardt: Wir reagieren darauf, indem wir zum Beispiel verstärkt unser Commitment über Anzeigen in der Fachpresse zeigen, wobei hier natürlich die beiden Produktgruppen PowerBooks und Apple Desktop-Systeme an erster Stelle stehen. Wir reagieren damit natürlich auch auf das Informationsbedürfnis der Kunden, die ja nun auch mehr über das Hardware-Angebot wissen wollen, das mit MagiCMac möglichst sinnvoll eingesetzt werden kann.

ST: Wie erfahren Sie die Akzeptanz und den Erfolg dieser neuen „ATARI-Rechner mit Apple-Logo" bei den Anwendern und Händlern?

Gebhardt: Die neue Motivation, die durch eine nun sichere Hardware-Plattform gegeben ist, ist bei den ATARI-Entwicklern und Anwendern ja deutlich zu spüren. Den Erfolg von Apple sehen wir an den Absätzen unserer Händler. Auch ein größerer Teil der Apple-Händler geht ja inzwischen in diesen Markt hinein. Gerade jetzt auf der CeBIT habe ich die Gelegenheit gehabt, auch mit sehr vielen ATARI-Händlern zu sprechen, die über unsere Distributoren inzwischen Apple-Rechner beziehen und zusammen mit MagiCMac verkaufen. Zudem besuchten uns auch auch viele ATARI-Händler, die sich im Rahmen der CeBIT über die Möglichkeit informierten, auch Händler bei Apple zu werden. Die sind jetzt natürlich brennend an diesem Markt interessiert.

ST: Apple ist ja daran interessiert, die ATARI-Entwickler für eine Portierung ihrer Produkte auf das MacOS zu begeistern. Wird Apple dies unterstützen, und wenn ja, wie?

Gebhardt: In der Tat ist da im Moment einiges in Bewegung. Wir sind natürlich daran interessiert, die Software-Entwickler mehr und mehr auf unsere Plattform zu bekommen, so daß ihre im ATARI-Sektor bewährten Programme auch direkt auf dem PowerMac, bzw. MacOS laufen. Was die Portierung von ATARI-Software hin zum MacOS betrifft, kann Apple natürlich nur Empfehlungen abgeben. Wir versuchenden Entwicklern darzulegen, wo unsere Plattform in der Zukunft Vorteile haben wird. Und da ist natürlich Open-DOC („Komponenten-Software" bzw modulare Software-Architektur; Anm. J.F.) ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie. Für Entwickler ist diese Technologie ja auch schon aus dem Grund interessant, weil quasi als „Abfallprodukt“ einer OpenDoc-Ent-wicklung automatisch auch eine OLE-Entwicklung für den Windows-Markt entsteht. Die Plattform für objektorientierte Komponenten-Software ist ja definitiv die Mac-Plattform und damit verbunden MacOS.

ST: Der Wechsel der Hardware-Plattform ist für manch einen ATARI-Anwender - obwohl er seine Software ja mitnehmen kann - mit der Unsicherheit verbunden, ob die 68030/40 Macs noch über längere Zeit verfügbar bleiben. Wie lange wird Apple die 68K-Rechner noch produzieren, da doch auch das Apple-Marketing sehr deutlich in Richtung PowerPC-Technologie zielt?

Gebhardt: Natürlich werden wir in absehbarer Zeit - wobei der Zeitrahmen irgendwo zwischen einem und 5 Jahren liegen kann - nur noch Power- Mac-Rechner anbieten, das ist ganz klar. Wie lange die 68K-Maschinen noch verfügbar sind, entscheidet aber letztendlich der Markt - also der Anwender, und nicht Apple! Wenn wir an der Nachfrage merken - und die ist momentan z.B. für die Performa-Reihe signifikant hoch, - daß 68K-Maschinen weiter nachgefragt werden, dann werden wir die natürlich auch weiter bauen. Wir wollen ja Geld verdienen und Maschinen am Markt verkaufen. Aber auch die derzeitig erhältlichen 68K-Maschinen, wie z.B. der Performa 475 und 630 sowie die PowerBooks der280er-bzw. 500er-Serie lassen sich ja durch ein Prozessor-Upgrade jederzeit auf einen PowerMac aufrüsten. Ein Kunde, der sich heute ein 68K-Gerät kauft, ist also keineswegs von der weiteren Entwicklung abgeschnitten.

ST: Wird auch für den Anwender von MagiCMac diese Entwicklung möglich sein? Wird es also MagiCMac auch für den PowerMac geben?

Gebhardt: Ja. Eine Portierung von MagiCMac auf den PowerMac ist geplant, wobei diese Version aber weiterhin auf dem 68K-Code basiert.

ST: Wann wird diese PowerMac-Version zur Verfügung stehen, gibt es da schon einen zeitlichen Rahmen?

Gebhardt: Wir sagen, vorsichtig, wie wir sind: zweites Halbjahr ’95. Wir müssen aber bedenken, daß wir heute bereits mit MagiCMac auf der 68K-Plattform schon einen ganz entscheidenen Vorteil haben: wir nutzen den gleichen Prozessor wie auf dem ATARI. Damit haben wir auch die sehr gute Performance. Wenn wir nun mit MagiCMac auf den PowerMac gehen, werden wir auf den Einstiegsmaschinen möglicherweise nicht die gleiche Performance erreichen. Einfach deshalb, weil wir dort den Prozessor emulieren müssen. Man sollte hier also nicht zuviel Erwartung in eine PowerMac-Version für den unteren Leistungsbereich setzen. Dagegen wird bei den High-End-Maschinen der Geschwindigkeitsvorteil natürlich deutlich sein. Und das sind dann ja auch die interessanteren Maschinen für professionelle Anwendungen.

ST: Die Unterschiede in der Software-Entwicklung für ATARI und Apple sind allein schon unter dem Gesichtspunkt der Kosten für Entwicklungs-Tools sehr groß. Wird sich hier in nächster Zeit etwas bewegen?

Gebhardt: Genau daran arbeite ich im Moment. In den Gesprächen, die ich auf der CeBIT mit großen Entwickler-Tool-Anbietern aus dem Apple-Bereich, aber auch mit möglichen Vertriebspartnern aus dem ATARI-Markt geführt habe, zeichnen sich bereits Lösungen ab. Das Problem ist also erkannt. Sicher müssen wir auch die ATARI-Hardware-Entwickler mit einbeziehen. Hier sehe ich Erweiterungsmöglichkeiten auch für die Apple-Plattform. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Verfügbarkeit von Karten für die Performa-Reihe, die neben einem Parallel-Port den Anschluß einer 2-Tasten-Maus und eine MIDI-Schnittstelle anbieten. Gestatten Sie mir an dieser Stelle auch den Aufruf an die ATARI-Entwickler, sich mit uns in Verbindung zu setzen, damit wir Möglichkeiten der Zusammenarbeit erörtern können.

ST: Noch einmal ein Rückblick auf die diesjährige CeBIT. Dort wurde ATA-Rl-Software am Apple-Stand auf Apple Macintosh-Rechnern vorgeführt. Wie wurde das von den Apple-Anwendern aufgenommen, die ja plötzlich mit einer ganz neuen Software konfrontiert wurden?

Gebhardt: Wir haben, was die ATA-Rl-Software betrifft, auf der CeBIT einen sehr starken Zuspruch erlebt. Die Stände der ATARI-Software-Anbieter (adequate Systems, ASH, Digital Arts, DMC, MAXON; Anm. J.F.) waren, auch im Verhältnis zum sonstigen Besucherandrang auf dem Apple-Stand, stark umlagert. Es war da schon sehr interessant zu sehen, daß bei allen ATARI-Software-Firmen, die bei uns am Publishing-Stand vertreten waren, ein immenses Interesse der Apple-Kunden an deren Software-Produkten vorhanden war. Ein ATARI kam ja für diesen Kundenkreis in der Vergangenheit nie in Frage, und nun können sie die Software, dank MagiCMac, endlich auch auf dem Mac benutzen. Der Calamus beispielsweise ist ja auch bei Apple-Anwendern nicht unbekannt. Das ist ein Produkt, von dem ich mich selbst überzeugen konnte, daß es in sehr guter Weise eine ganze Menge Features von sonst nur einzeln auf dem Mac erhältlichen Programmen in sich vereinigt und trotzdem ein glattes, flüssiges Arbeiten erlaubt.

ST: Da stellt sich natürlich gleich die Frage, wann denn der Calamus SL ohne den „Umweg" MagiCMac in einer reinen Mac-Version zur Verfügung stehen wird?

Gebhardt: Ziel sollte eine Power-Mac-Version sein. Wir und unsere Kunden würden das sicherlich begrüßen, aber das hat DMC zu entscheiden.

ST: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Peter Gebhardt sprach Jürgen Funcke.


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