Der neue C 64 kommt!

Commodore bringt den Super-64er heraus

Exklusiv in HAPPY-COMPUTER: Die Entscheidung ist gefallen. Deutschlands liebster Heimcomputer bekommt einen Nachfolger. Mit 256 Farben, Stereosound und einem eingebauten 3'/2-Zoll-Laufwerk macht der neue C 64 sogar dem Amiga Konkurrenz.

Anfang Juli in London: In einer geheimgehaltenen Sitzung brüten die Spitzenleute von Commodore ein ganzes Wochenende über einem brandheißen Thema: dem neuen C 64. Zur hochkarätigen Besetzung gehören neben Deutschland-Geschäftsführer Winfried Hoffmann auch Commodore-Boß Irving Gould und Christian Andersen, General Manager für Nordeuropa. Am Sonntag ist es dann soweit: Nach zähen und hitzigen Diskussionen sind sich die Manager einig darüber, daß er kommen wird. Der Neue wird — nach Informationen von Commodore in den USA — 256 Farben gleichzeitig darstellen, Musik in Stereo spielen und Texte im gestochen scharfen 80-Zeichen-Modus anzeigen. Er wird ein eingebautes 3,5-Zoll-Laufwerk und 128 KByte Speicher (auf 1 MByte erweiterbar) besitzen. Sein verbessertes Basic wird alle neuen Sound- und Grafikfähigkeiten unterstützen und mit leistungsfähigen Befehlen das Programmieren erleichtern. Der Clou: Der neue Computer wird vollständig kompatibel zum C 64 sein — damit hat er von Anfang an einen riesigen Software-Pool. Nur ein Name existiert noch nicht.


Der C 128 war Commodores erster Versuch, einen C 64-kompatiblen Computer auf den Markt zu bringen

Der Phantom-64er spukt schon seit langem in den Köpfen der Commodore-Manager und der Fachjournalisten herum — als C 64d, C 65 oder C 90. So kündigte der damalige Commodore-Pressesprecher Gerold Hahn den neuen C 64 schon im Januar 1988 an. Das Projekt wurde aber kurze Zeit später gestoppt (siehe HAPPY-COMPUTER 2/88 und 64'er 4/88). Im diesem Frühjahr sprach dann Irving Gould in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" von einem "Computer zwischen C 64 und Amiga 500".

Commodore hat nämlich schon verschiedene Versuche unternommen, die Popularität des C 64 auf neue Computer auszudehnen. So meldeten schon 1985 der C 264 und der C 364 auf der CES in Las Vegas den Anspruch an, als würdige Nachfolger des C 64 zu gelten. Doch während der 364 nie erschienen ist, wurde der 264 in Plus/4 umbenannt und endete als finanzieller Flop, weil es für ihn keine Software gab; er war nicht C 64-kompatibel. Der C 128 kam da schon ein Stückchen weiter: Er hatte noch zwei weitere Computer eingebaut, den C 64 und ein CP/M-System. Damit konnte er CP/M-Software verarbeiten, doch war dieser Vorgänger von MS-DOS damals schon veraltet. Auch bot der C 128 besseres Basic, aber kaum bessere Grafik. So entschieden sich die Käufer für das Original, die zwei zusätzlichen Betriebssysteme blieben wegen mangelnder Software und unzureichender Technik gegenüber Computern wie dem Atari ST und Amiga — der Konkurrenz aus dem eigenen Haus — unterlegen. Und warum sollte man mehr Geld ausgeben, um dann doch nur den C 64-Modus nutzen zu können.

Aus diesen Erfahrungen hat Commodore offenbar gelernt: Der Super-64 besitzt mit 256 Farben bei einer Auflösung von 320 x 200 Bildschirmpunkten (Pixel) ähnliche Fähigkeiten wie PCs mit modernster VGA-Grafik. Er kann damit ohne Tricks mehr Farben gleichzeitig auf dem Bildschirm darstellen als der Atari ST (mit 16 Farben) und der Amiga (mit 32 Farben). Allerdings können der ST mit Tricks sogar 512 Farben und der Amiga im sogenannten HAM-Modus 4096 Farben verwenden. Die Grafikchips dürften nach internen Informationen von Commodore wie beim Original Sprites (kleine, bewegliche Objekte) und Scrolling (Grafik bewegt sich ruckfrei über den Bildschirm) unterstützen, wodurch Spiele und Zeichenprogramme in einer neuen Dimension denkbar werden.


So könnte der neue C 64 mit eingebautem 3,5-Zoll-Laufwerk aussehen

Als mögliche Schwachstelle des Super-64ers könnte sich das eingebaute 3,5-Zoll-Laufwerk erweisen. Es gibt nämlich noch keine Software, die das Format unterstützt. Fraglich ist, ob Hersteller ihre vorhandenen Programme für den C 64-Modus auf 3,5-Zoll-Disketten (der Standard sind 5,25-Zoll-Disketten) anbieten werden. Die Software für den neuen Computer wird es natürlich im neuen 3,5-Zoll-Format geben. Eine Hoffnung jedoch bleibt für Käufer des neuen 64er: Alle Anschlüsse bleiben erhalten, also auch jene für ein zusätzliches 5,25-Zoll-Laufwerk. Wer etwas Geld investiert, kann mit einer zusätzlichen 1541 alle Software verwenden.

Die technischen Daten sprechen allerdings für das 3,5-Zoll-Laufwerk mit 800 KByte Speicherkapazität gegenüber dem 1541-Laufwerk mit 170 KByte. Außerdem kann das neue Laufwerk booten, also Programme direkt nach dem Einschalten von Diskette laden, ohne daß man, wie bisher beim C 64, einen Befehl eingeben muß.

Um den 128 KByte großen Hauptspeicher auf maximal 1 MByte aufzurüsten, erhält der neue Computer einen zusätzlichen Modulschacht. Auch die Tastatur wird im Vergleich zum C 64 verbessert und mit Umlauten und deutschen Sonderzeichen versehen.


Der neue C 64 hat erstaunliche Grafikfähigkeiten: Für seine Bilder kann er 256 Farben verwenden.

Das Ziel von Commodore ist damit klar: Man bekommt zwei Computer in einem: einen C 64 mit besserer Ausstattung und einen neuen Heimcomputer, der mit Atari ST und Amiga in Sound und Grafik durchaus konkurrieren kann. Er wird allerdings nicht so schnell arbeiten wie die beiden schnellen Computer mit Motorola 68000-CPU. Um kompatibel zum 6502-Prozessor des C 64 zu bleiben, dürfte Commodore sich für eine erweiterte 16-Bit-Version des Prozessors entscheiden.

Das Vorbild für den neuen C 64 ist offenbar der Apple II GS. Apple brachte vor zwei Jahren einen Computer auf den Markt, der zum weitverbreiteten Apple II kompatibel ist, aber wesentlich bessere Sound- und Grafikfähigkeiten besitzt als das Original. Der in Deutschland fast unbekannte Nachfolger verkaufte sich in den USA relativ gut und läßt die Legende Apple II bis heute leben. Auf diesen Effekt setzt auch Commodore. Und bei allem, was der Nachfolger so kann, stehen die Chancen nicht schlecht, daß der C 64 auch in den nächsten Jahren noch der beliebteste Heimcomputer in Deutschland bleiben wird.

Da Commodore die Planungsphase gerade erst abgeschlossen hat, stehen einige Details — wie der Name beispielsweise — noch nicht fest, andere können sich kurzfristig ändern. Auch über den Preis ist noch keine endgültige Entscheidung gefallen. Er dürfte sich aber zwischen den Preisen für den C 64 (300 Mark) und Amiga 500 (zur Zeit etwa 1000 Mark) bewegen.

Wer den neuen 64er in Aktion sehen will, muß sich in Geduld fassen. Er wird voraussichtlich erst im Januar 1990 in den Geschäften stehen. Erste funktionsfähige Versionen der Hardware sollen aber Ende August an ausgewählte Software-Entwickler vergeben werden, damit bereits neue Programme existieren, wenn der Computer in die Läden kommt. Wegen des geringen Preises, der fortschrittlichen Grafik- und Sound-Fähigkeiten und der Kompatibilität zum C 64 lohnt sich das Warten auf alle Fälle. gn


gn


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