Degas: Der Atari ST als Zeichenkünstler

Im Atari ST schlummern noch viele unentdeckte grafische Fähigkeiten. Ein Schlüssel zu diesem Schatz ist »Degas«, ein Grafikprogramm der Spitzenklasse.

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Grafik ist nicht gleich Grafik. Zumindest nicht beim Atari ST, denn er unterscheidet sehr genau zwischen mehrfarbiger und einfarbiger Grafik. Möchte man nämlich eine mehrfarbige Grafik mit einem monochromen Monitor darstellen, streikt der ST. Das gleiche gilt umgekehrt. Der Grund dafür ist schnell erklärt: In Farbe beträgt die Auflösung 320x200 Punkte und einfarbig 640x400 Punkte, also viermal so viel. Besitzer eines Farbmonitors könnten also nur ein Viertel eines einfarbigen Bildes bearbeiten. Wenn man hingegen ein farbiges Bild auf einem einfarbigen Monitor darstellen wollte, würde dieses ebenfalls nur ein Viertel des Bildschirms in Anspruch nehmen. Technisch gesehen gibt es also Schwierigkeiten. Aber vielleicht findet sich bald ein Programmierprofi, der eine Softwarelösung findet.

Im Gegensatz zum Public Domain-Programm »Neochrome« bietet »Degas« Grafik in Farbe und Schwarzweiß. Es wird somit allen Ansprüchen gerecht. Aber ein farbiges Bild läßt sich auch mit diesem Programm nicht mit einem Monochrommonitor weiterbearbeiten. Glücklicherweise erkennt »Degas« automatisch, welcher Monitor angeschlossen ist. Es müssen also nicht unterschiedliche Programmversionen verwendet werden.

Leider ist »Degas« ein TOS-Programm und nutzt somit nicht die Fähigkeiten von GEM. Der Bedienungskomfort leidet also ein wenig. Als Eingabemedium findet jedoch die Maus Verwendung, mit der sich schnell und präzise arbeiten läßt. Ein TOS-Programm muß natürlich nicht unbedingt schwer zu bedienen sein. So ist »Degas« in zwei komplette Bildschirme unterteilt. Der eine stellt das Auswahlmenü dar, im zweiten wird gezeichnet. Zum Hin-und Herschalten braucht man nur die rechte Maustaste zu betätigen. Der Wechsel zwischen den beiden Bildschirmseiten geschieht blitzschnell. Übrigens kann man mit »Degas« nur jeweils eine Zeichnung bearbeiten. Ein Nachteil, der eigentlich nicht ganz einleuchtet, denn schließlich steht im Atari ST genügend Speicherplatz für mehrere, voneinander unabhängige Grafiken zur Verfügung.

Alles für die Künstlerseele

Die einzelnen Funktionen von »Degas« lassen sich vom Menü aus anwählen. Dazu bedient man sich der Maus. Angefangen vom Kreis bis hin zum Quadrat, man findet alles vor. was die Künstlerseele begehrt. Wer's gerne bunt mag, der findet für die Fill-Funktion sicher viele Einsatzmöglichkeiten. Dazu darf zwischen 16 Farben gewählt werden und zusätzlich stehen eine Reihe verschiedener Füllmuster zur Verfügung. Sollte das gewünschte Muster nicht vorhanden sein, definiert man sich einfach sein eigenes und speichert es auf Diskette. Später läßt es sich wieder laden und verwenden, auch wenn man ein ganz anderes Bild bearbeitet. Aber die Fill-Funk-tion weist eine allgemein bei solchen Programmen verbreitete Schwäche auf; Füllt man eine nicht rundum geschlossene Fläche, »läuft die Farbe aus« und übermalt den gesamten Bildschirm. Sollte ein solches Mißgeschick einmal passiert sein, muß man den Originalzustand des Bildes entweder in mühevoller Arbeit wieder herstellen, oder die zuletzt gespeicherte Version von Diskette laden. Bevor man also mit Füllarbeiten beginnt, sollte man das Bild auf Diskette sichern.

Das Hauptwerkzeug eines jeden Malers ist natürlich der Pinsel. Auch hier steht wieder eine Reihe unterschiedlicher Pinselformen mit verschiedenen Strichstärken zur Verfügung. Wem das vorgegebene Angebot nicht ausreicht, kann natürlich seinen eigenen Wunschpinsel definieren und auf Diskette speichern.

Mit »Degas« lassen sich Linien nicht nur von Hand zeichnen. Komfortable Linienbefehle erlauben es dem Anwender, zitterfrei gerade Linien zu ziehen. Dazu betätigt man einfach am Ausgangspunkt einer Linie und am Endpunkt jeweils die linke Maustaste. Automatisch wird dann der Strich gezogen. Wer jetzt vermutet, daß nur durchgehende Striche zur Auswahl stehen, wird sich freuen, denn auch hier kann man wieder die gewünschte Linienform selbst definieren oder aus einer Reihe bereits vorgegebener auswählen. Speichern lassen sich selbstentworfene Strichmuster allerdings nicht.

Auch für das Setzen von Punkten ist gesorgt. Mit »POINT« wird die zuletzt ausgewählte Pinselform auf den Bildschirm gebracht. Für Graffitti-Fans bietet sich noch die Spray-Funktion an. Damit zeichnet man wie mit einer Spraydose. Sie wurde aber, im Gegensatz zum realen Gegenstück, verbessert. Bei der »De-gas«-Spraydose kann man nämlich noch die Durchflußmenge der Farbe selber bestimmen. Auch an die Breite der einzufärbenden Fläche wurde gedacht. Dazu stehen drei verschiedene »Ventileinstellungen« zur Verfügung.

Die Zeichnung unter der Lupe

Wer besonderen Wert aufs Detail legt, sollte die »SLOW-DRAW«- Funktion verwenden. So sind die Mausbewegungen sozusagen untersetzt, was zur Folge hat, daß man viel genauer arbeiten kann.

Ein »Degas«-Bild kann auch noch nach Belieben beschriftet werden. Dazu stehen verschiedene Zeichensätze zur Verfügung. Die Größe der Buchstaben wählt man frei. Die Definition eigener Zeichensätze ist nicht vorgesehen. Beschriftungen lassen sich in zwei Modi vornehmen: Erstens im sogenannten »XRAY«-Modus, wobei der grafische Hintergrund erhalten bleibt, wahrend bei der zweiten Einstellung, dem »BOX«-Modus, der Hintergrund gelöscht wird. Letzteres empfiehlt sich bei Betrieb eines einfarbigen Monitors, da die Schrift besser lesbar ist.

Besonders effektvoll ist die »MIRROR«-Funktion. Mit ihr werden alle Aktivitäten am Grafikschirm horizontal, vertikal oder gleichzeitig in beiden Richtungen gespiegelt. Die gewünschte Einstellung läßt sich über ein Untermenü verändern. Wer also nicht besonders gut »freihand« zeichnen kann, zaubert mit der »MIRROR«-Funktion die schönsten, symmetrischen Grafiken auf den Bildschirm.

Wer schon mal mit einem Zeichenprogramm gearbeitet hat, wird eine Zoom-Funktion zu schätzen wissen. Sie zählt zur Grundausstattung eines guten Zeichenprogramms und ist selbstverständlich auch in »Degas« integriert. Mit der Funktionstaste F1 wird sie aktiviert. Dann befindet man sich in einem Modus, in dem jeder einzelne Punkt als großer Block dargestellt wird. Damit man auch gleich einen Eindruck davon bekommt, welche Veränderungen man vornimmt, wird der in Arbeit befindliche Ausschnitt in der oberen linken Bildschirmecke in Originalgröße dargestellt.

Bei »Degas« handelt es sich um ein überdurchschnittlich gutes Zeichenprogramm. Wünschenswert wäre allerdings eine Undo-Funktion, um zumindest die zuletzt ausgeführte Funktion rückgängig zu machen. Für etwa 159 Mark bekommt man also ein durchaus empfehlenswertes Programm. Sollten Sie sich bereits auf das Public Domain-Programm »Neochrome« eingestellt haben, sind Ihre Zeichnungen auch nicht verloren, denn auf der »Degas«-Diskette ist ein Programm enthalten zur Anpassung von Bildern im Neochrom-Format an das von Degas.

Christian Q. Spitzner/ Werner Breuer


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