Neues vom ST

Das Software-Angebot für Atari-ST-Computer wächst und wächst. Vor allem im Spiele-Bereich gab es in den letzten Wochen einen Schwung von Neuerscheinungen, den wir Ihnen nicht vorenthalten wollen.

Computerspiele machen vor keiner Maschine halt — egal ob IBM-PC, Macintosh oder Atari ST. Letzterer empfiehlt sich durch luxuriöse Hardware zum erschwinglichen Preis besonders als Spiel-Maschine der Oberklasse. Was es momentan an interessanten Atari-ST-Spielen gibt, haben wir auf diesen Seiten für Sie durchgetestet. Außerdem fragten wir wichtige englische und amerikanische Softwarehäuser nach ihren ST-Ambitionen.

Die Pinguine kommen

Penguin Software hat bereits zwei seiner erfolgreichen Grafik-Adventures für den ST umgesetzt: »Transylvania« und die Fortsetzung »The Crimson Crown«. Beide Spiele laufen nur mit einem Farbmonitor, da sie ausschließlich den niedrig auflösenden Modus des Atari benutzen.

»Transylvania« ist die Geschichte vom guten König John, dessen Tochter Sabrina von bösen Mächten verschleppt wurde. Auf der Suche nach der Prinzessin durchstreifen Sie mit bibbernden Knien, aber ohne Zögern die transylvanischen Wälder. Wenn es Ihnen gelingt, Sabrina zu retten und zu ihrem Vater zurückzubringen, dürfte Ihnen eine schöne Belohnung des Königs sicher sein.


Auf Samtpfötchen schleicht sich der »Transylvania«-Werwolf an

Ein echter Leckerbissen ist die Aufmachung, denn der Packung liegen allerlei neckische Beigaben à la Infocom bei: eine Karte vom »Zin«-Club, dem Treffpunkt aller Geisterbeschwörer, ein Brief von König John höchstpersönlich und — als besonderer Gag — die transylvanische Tageszeitung »Wallachian Herald«, in der man viele Hintergrund-Informationen findet.

Leider merkt man bei den Bildern sehr deutlich, daß das Programm eine Umsetzung der Apple-II-Originalversion ist. Die Grafiken sind für 8-Bit-Computer zwar gut, reizen den Atari ST aber bei weitem nicht aus. Vor allem der langsame Bildaufbau läßt den Betrachter an der 16-Bit-Power zweifeln. Hier hat man sich bei der Umsetzung einfach nicht genug Mühe gegeben. Davon abgesehen sind die farbigen Bilder recht sehenswert; vor allem, wenn wuschelig frisierte Werwölfe und andere einheimische Spezialitäten die Gegend unsicher machen. Textverständnis und Wortschatz wurden für die ST-Version erfreulicherweise auf das Dreifache aufgemotzt. Jetzt kommt der Parser auch mit komplexen Sätzen zurecht und erlaubt »And«- und »Then«-Verknüpfungen. Wer halbwegs mit der englischen Sprache zurechtkommt, ist mit dem Abenteuerspiel nicht schlecht bedient. Die originelle Grusel-Atmosphäre entschädigt etwas für den langsamen Grafik-Aufbau.

Adventure-Mix

»The Crimson Crown« ist das Fortsetzungs-Spiel, dessen Grafiken genauso langsam und etwas langweiliger als bei »Transylvania« sind. Dafür ist der Spielablauf anspruchsvoller. Sie werden nämlich von Kronprinz Erik und Prinzessin Sabrina begleitet und können sich mit den beiden auch unterhalten. Oft kommt man nur dank der speziellen Fähigkeiten der Begleiter weiter, die man allerdings selber herausfinden muß. Zur Handlung: Ein gar schrecklicher Ober-Vampir aus dem Vorgänger-Programm kehrt zurück und versetzt das Land in Angst und Schrecken. Ganz klar, daß Sie den alten Schlürfer zur Strecke bringen wollen. Auch hier bekommt man einige nette Extras für sein Geld, wie eine vierfarbige Landkarte und ein gruseliges Farbposter. Wenn man von der enttäuschenden Grafik absieht, ein recht ansprechendes Adventure.


Massig Magie: »The Crimson Crown«, die Fortsetzung von »Transylvania«

Ein echter Hammer ist der Einstieg von Telarium ins ST-Geschäft. Dieses Softwarehaus ist berühmt für seine anspruchsvollen Grafik-Adventures, die meist auf Buch-Bestsellern basieren. Das erste Spiel, das für den ST erhältlich sein wird, ist Ray Bradbury's »Fahrenheit 451«. Uns lag leider noch keine fertige Version zum Test vor, doch die Grafiken sollen gegenüber den C 64- und Apple-Versionen wesentlich besser sein. Weitere Titel dieser Firma sollen folgen.

Ebenfalls »auf dem Sprung« ist »King's Quest II«, ein aufwendiges Grafik-Adventure mit scrollenden Bildern, das in den USA massig Kritikerlob erntete. Das Programm war bisher nur für die 128-KByte-Versionen von Apple II und IBM-PC erhältlich und gehörte zu den ersten Spielen, die sich nicht mehr mit 64 KByte Arbeitsspeicher begnügten. »King's Quest II« schaffte aber selbst ohne eine C 64-Version den Sprung in die amerikanischen Charts.

Eine Übersicht der getesteten Spiele
Name Preis Läuft mit Farbmonitor Läuft mit S/w-Monitor
West/Zkul 79,- ja ja
Hippo Backgammon 119,- ja ja
Infocom-Adventures 169,- ja ja
Ultima II 228,- ja ja
Fahrenheit 451 159,- ja nein
Hex 159,- ja nein
King's Quest 159,- ja nein
The Crimson Crown 159,- ja nein
Transylvania 159,- ja nein

Das schottische Softwarehaus Talent hat zwei Text-Adventures, die es seit einiger Zeit für den Sinclair QL gibt, für den Atari ST umgesetzt. »West« und »The Lost Kingdom of Zkul« befinden sich beide auf einer Diskette. Da bis auf ein Titelbild auf jegliche Grafik verzichtet wurde, sind die beiden Abenteuerspiele nicht allzu aufregend, zumal es bei reinen Text-Adventures besseren Stoff gibt: Die großen Infocom-Erfolge von »Zork I« bis zum aberwitzigen Meisterwerk »The Hitchhiker's Guide to the Galaxy« sind fast alle für den ST erhältlich. Da die Texte problemlos in den üppigen ST-Speicher passen, wird nicht von Diskette nachgeladen, was die Nerven des ungeduldigen Abenteurers erheblich schont, Die Infocom-Adventures sind zwar ein echter Leckerbissen, aber nur dann zu empfehlen, wenn Sie mit der englischen Sprache gut zurechtkommen.

Wem nach so viel Abenteuern nach einem guten alten Brettspiel zumute ist, kann sich beim komfortablen »Hippo Backgammon« austoben. Wenn Sie noch kein Backgammon-Spieler sind, können Sie sich das ganze Spiel erst einmal auf Englisch erklären und ein Demo laufen lassen. Als Spielpartner stehen drei computergesteuerte Gegner zur Wahl. Ein Duell »Mensch gegen Mensch« ist nicht möglich.

Ganz nett, auch ohne Brett

Besonders interessant ist, daß man die Taktik des elektronischen Gegners verändern und sich so einen individuellen Mitspieler schaffen kann, der auch für spätere Verwendung gespeichert werden darf. Eine gelungene Adaption des Brettspiels für Backgammon-Fans und alle, die es werden wollen.


Hüpfen mit »Hex«

»Hex« hingegen sieht auf den ersten Blick wie ein »Q-Bert«-Verschnitt aus, bei dem aber weniger Geschicklichkeit als Strategie gefragt ist. Mit möglichst effektiven Zügen müssen Sie die Felder einer Pyramide in eine bestimmte Farbe umwandeln, werden aber von den computergesteuerten Gegnern behindert. Die Grafik ist passabel und bietet einige hübsche Sprites, während das Spielprinzip einen etwas zähen Eindruck macht. Ein interessantes Programm für alle, die auf solche Logeleien stehen; anderen ist von einem voreiligen Kauf abzuraten.

Zu guter Letzt noch ein echtes Kultspiel, das als erster namhafter Vertreter des Fantasy/Rollen-Genres für den ST erhältlich ist: »Ultima II«. Sie ziehen in einer fantastischen Welt voller Monster, Magier und Moneten los, um einem bösen Zauberknilch das niederträchtige Handwerk zu legen. Sie bestimmen selbst, ob Ihre Spielfigur beispielsweise ein starker Kämpfer oder ein guter Zauberer ist, um dann loszuziehen. Ein sehr komplexes, vielgerühmtes Spiel, bei dem Englischkenntnisse dringend zu empfehlen sind.

Soweit ein erster Blick auf das Spiele-Angebot für den Atari ST. Leider sind die Preise durch die Bank recht saftig, was sich im Lauf der nächsten Monate aber noch ändern dürfte. Erfahrungsgemäß pegeln sich die Software-Preise für einen neuen Computer nach einer Weile in den humaneren Preisbereichen ein, sobald ein breites Programm-Angebot auf dem Markt ist. Außerdem haben wir fast nur Spiele aus den USA vorgestellt, die von Haus aus etwas teurer sind als englische Programme und der gesunkene Dollar-Kurs läßt auch etwas hoffen.

Die Lage bei den Softwarefirmen

Unsere kleine Umfrage bei einigen wichtigen Spiele-Herstellern in Sachen ST-Software erbrachte interessante Ankündigungen, obwohl es an handfesten Aussagen etwas mangelte.

So vermeldet der englische Riese U.S. Gold, daß man momentan keinerlei konkrete Pläne in der Schublade habe. Da die Firma nur amerikanische Software in Lizenz vertreibt, ist die Unkenntnis über die jüngsten Pläne bei den einzelnen Partnern nicht allzu verwunderlich. Etwas ermutigender klang das Telex, das uns von Ocean/Imagine erreichte. Dort sind Programme für Atari ST fest geplant, doch als Veröffentlichungsdatum geistert nur die Aussage »irgendwann 1986« herum. Bei Firebird Software stand das erste ST-Spiel bei Redaktionsschluß kurz vor der Vollendung. Es ist eine 3D-Flugsimulation, die nach »Elite«-Vorbild im Weltraum abläuft und Vektorgrafiken verwendet. Aktueller Arbeitstitel: »Starglider«.

Bei Activision will man in Zukunft die meisten Neuveröffentlichungen auch für den ST umsetzen. Außerdem sind nachträgliche Umsetzungen von erfolgreichen Titeln wie »Hacker« geplant. Im Gegensatz zu den Amiga-Adaptionen (siehe Softnews in dieser Ausgabe) waren noch keine Atari ST-Testmuster verfügbar; im Laufe des Frühjahrs sollten die ersten Spiele allerdings in Deutschland erhältlich sein.

Electronic Arts hält sich weiterhin zurück und forciert massiv den Amiga. Warum die Amerikaner sich bei ST-Software noch zurückhalten, hat uns David Gardner in einem Interview verraten, das Sie in dieser Ausgabe im Aktuell-Teil finden.


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