Die Kunst der Visualisierung: Vom Umgang mit Zahlen und Bildern

Bild 1. Der lange Weg zur Visualisierung
Bild 2. Welche Grafik eignet sich wofür?

Früher oder später kommt jeder einmal in die Situation, Arbeitsergebnisse darzustellen: Sei es, weil er Referate hält, Verkaufsgespräche führt, seine neuesten mathematischen Erkenntnisse präsentieren muß oder weil er ganz einfach andere Menschen überzeugen will. Wer über sein Fachgebiet verständlich und wirksam berichten will, ist gut beraten, optische Gestaltungselemente heranzuziehen. Was nützt das ergiebigste Datenmaterial, wenn die darin verborgenen Informationen nicht verständlich werden?

Die Vorteile, die der Einsatz von Grafiken, Bildern, schematischen Darstellungen usw. bietet, liegen auf der Hand: Nicht nur die Interpretierbarkeit der Befunde, auch die Neugierde, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit des Betrachters werden unterstützt.

Bevor wir weiter ins Detail gehen, eine psychologische Vorbemerkung: Menschliche Wahrnehmung ist ein anschauliches Bewußtwerden unserer Welt. Es handelt sich dabei stets um einen ganzheitlichen Vorgang, der mit persönlichen Erwartungen, Interessen und Stimmungen in Verbindung steht. Soll die Nachricht vom Adressaten optimal aufgenommen werden, müssen Sie die Empfängerseite angemessen berücksichtigen. Welche Interessen und Bedürfnisse haben meine Zuhörer oder Leser? Wie kann ich die Aufmerksamkeit der Zielgruppe auf meine Inhalte lenken? Wie kann ich ihr Vorwissen und ihre momentane Befindlichkeit am besten ansprechen?

Systematisch betrachtet ist die Adressatenanalyse nur ein Aspekt der Visualisierung. Die weiteren Schritte heißen: auswählen, verdichten und gestalten. Welche Fragen auf dem Weg zur optischen Darstellung relevant sind, erfahren Sie in Bild 1 [1].

Die ansprechende Aufmachung von Zahlenkolonnen muß nicht notwendigerweise zur ausgefeilten Präsentationsgrafik führen. Auch die Tabelle vermag gute Dienste zu leisten. Wenn die Datensätze sehr klein oder sehr groß sind, gibt es ohnehin keine Alternative. Bei der Gestaltung der Tabelle richtet sich das Augenmerk auf zwei Faktoren: Gliederung und Lesbarkeit. Zunächst ein Wort zur Gliederung. Zentral ist zunächst die Entscheidung, welche Informationen auf der Vertikalen und welche auf der Horizontalen stehen sollen. Eine Überlegung ist auch die Frage nach der Trennung der Spalten wert. Generell gilt: Freie Flächen sind wirksamer als senkrechte Linien. Also: Vorsicht vor dicken schwarzen Linien.

Wodurch wird eine Tabelle übersichtlich und lesbar? Zunächst einmal müssen Buchstaben und Zahlen so groß geschrieben werden, daß sie mühelos erkennbar sind. Wählen Sie außerdem geläufige Maßeinheiten. Einheiten wie Mikron oder Nanosekunde sind nicht jedem vertraut. Schließlich gewinnt eine Tabelle auch durch ihre Symmetrie an Lesbarkeit. Sorgen Sie also dafür, daß Ihre Tabellen Gleichmäßigkeit und Ordnung vermitteln. Dies schließt gewünschte Akzentuierungen nicht aus: Zahlen lassen sich durchaus farbig schreiben, einzelne Felder kann man durch gefällige Muster unterlegen. Ein Tip noch. Seien Sie sorgsam mit der Übernahme von Tabellen aus anderen Publikationen. Häufig enthalten Tabellen für Ihren Zweck viel zu viel Informationen und verwirren dadurch den Betrachter. Die Darstellung der Texte und Zahlen muß überschaubar bleiben und darf den Leser nicht erschlagen [2].

Bild 3 [links]. Dieselben Daten lassen unterschiedliche Interpretationen und Gestaltungsformen zu
Bild 4 [oben]. Bildobjekte unterstützen die Emotionalisierung und bergen die Gefahr der Manipulation

Weit besser als über die strukturierte Darstellung des Zahlenmaterials gelingt die Informationsverdichtung mit Hilfe von grafischen Gestaltungsprinzipien. Die Vorzüge von Business- und Chartdiagrammen sind klar: Sie können Neugier wecken und für eine angenehme Unterhaltung sorgen. Dabei kommt es nicht auf möglichst spektakuläre Konstruktionen an. Wichtig ist, daß die Darstellung dem Betrachter sofort einleuchtet. Vor allem sollten Sie die Kernpunkte Ihrer Aussagen stets im Hinterkopf behalten und die Grafik darauf hin abstimmen.

Eine Ausführung gewinnt dadurch an Bedeutung, daß sie eine Tendenz wiedergibt. Versuchen Sie als erstes, die Tendenz herauszufinden und sehen Sie sich an, welche Zahlen diese Tendenz am besten markieren. Es empfiehlt sich, die zentralen Punkte schriftlich festzuhalten. Die gewonnene Kernaussage können Sie dann gleich als Titel für die später entstehenden Schaubilder verwenden. Eine geschickt gewählte Überschrift sorgt mit dafür, daß Ihre Leser genau auf den Aspekt achten, auf den Sie aufmerksam machen wollen.

Welche Präsentationsgrafik für welche Zwecke am besten geeignet ist, entnehmen Sie bitte Bild 2 [1]. Grundsätzlich gilt, daß dieselben Daten ganz unterschiedliche Interpretationen zulassen. Mit der Form der grafischen Darstellung bringen Sie Ihre persönliche Sichtweise zum Ausdruck. Bild 3 soll diesen Sachverhalt verdeutlichen. Während das abgebildete Kurvendiagramm eher die Dynamik einer Entwicklung widerspiegelt, betont das korrespondierende Säulendiagramm eher abgeschlossene Zeitperioden.

Ein zweiter Punkt verdient ebenfalls Beachtung. Im Gegensatz zum geschriebenen Wort, wird bei der grafischen Präsentation das Gefühl weitaus mehr angesprochen. Je bildhafter eine Nachricht ist, desto stärker ist der emotionale Anteil bei der Informationsverarbeitung. Diesen Tatbestand sollten Sie keinesfalls unterschätzen. Wird Ihre Darstellung positiv aufgenommen, erhöht sich zwangsläufig die Aufmerksamkeit für die Sachaussage. Zusätzlich verbessert sich die spätere Erinnerung an die Aussage. Wie man weiß, macht sich die Werbung diese Eigenheiten besonders zunutze. Der Ökonom, Natur- oder Sozialwissenschaftler hat es häufig mit Beobachtungsdaten zu tun, zu deren Darstellung andere als die gängigen Balken- oder Tortendiagramme erforderlich sind. In solchen Fällen darf Ihre kreative Ader zum Ausdruck kommen. Zum Repertoire gehören Pfeile, Kästchen, Linien, importierte Bilder und frei formatierte Texte. Bild 4 zeigt, daß auch unübliche Darstellungen zielführend sein können.

Aber Vorsicht! Gerade das letzte Beispiel offenbart eine Besonderheit der optischen Gestaltung: Weil Bildobjekte die Sachaussage verändern können, sind sie ein perfektes Mittel zur Manipulation. Der letzte Computer ist zwar genau dreimal so groß wie der kleine, aber der Flächeninhalt hat sich mindestens versechsfacht. Und dies kommt einer Verfälschung der Zahlenverhältnisse gleich. Wie heißt es doch so treffend: »Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast«. Dasselbe läßt sich ohne Einschränkungen von der grafischen Darstellung behaupten. (wk)

Literatur

[1] Schrader, E„ Biehne, J. & Pohley. K. (1992). Optische Sprache. Vom Text zum Bild. Van der Information zur Präsentation. Ein Arbeitsbuch. Windmühle GmbH, \ferlag und Vertrieb von Medien.

[2] Rodehutscort-Otte, H. (1990). Dynamische Visualisierung und ihre Bedeutung für das Lernen. In Rolf G. Lehmann (Hrsg.), Planung, Praxis, Fallbeispiele der betrieblichen Schulung. Lexika


Klaus Konrad
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