Der Zeichenmeister - TeX-Draw: Programm für alle Fälle

TeX als Satzsystem hat mit Grafiken nicht besonders viel am Hut. Grafiken sind jedoch ein wesentlicher Bestandteil der meisten Texte. Um diese Schwäche von TeX zu beheben, tritt das Zeichenprogramm TeX-Draw in die Arena und erweist sich als geradezu ideale Kombination für den TeX-Anwender.

Bild 1. TeX-Draw, das Programm für alle Fälle

TeX-Draw ist ein Zeichenprogramm, das die offenkundigen Schwächen von LaTeX ausgleichen soll. Der Blick auf die Menüleiste verrät dem Anwender bereits, daß er es hier mit einem potenten Werkzeug zu tun hat. TeX-Draw präsentiert sich nach dem Start mit einer auf Anhieb vertrauten GEM-Oberfläche, die so ziemlich alles bietet, was man von einem zeitgemäßen Atari-Programm verlangen kann (vgl. Bild 1). Im Unterschied zum kreativen DTP ist im technisch-wissenschaftlichen Umfeld das Hinterlegen mit Grauwert- oder Farbmustern relativ selten gefragt, sodaß diese Art der Darstellung am besten als Vektorgrafik repräsentiert wird. Und genau hier setzt TeX-Draw an.

TeX-Draw ermöglicht das Zeichnen und Editieren der im LaTeX Picture-Environment verfügbaren Objekte. Das Programm erzeugt also keine Pixel-, sondern Vektorgrafiken. Wer es noch nicht wissen sollte: Bei Vektorgrafiken werden die einzelnen Elemente oder Objekte in Form von mathematischen Gleichungen verwaltet. Die Vorteile gegenüber herkömmlichen Techniken kommen insbesondere bei schematischen Zeichnungen zum Zug: Objekte lassen sich auf vielfältige Weise gestalten und verändern. Die Grafik ist überdies unabhängig von der Auflösung des Ausgabegeräts.

Aus welchen Grundelementen kann ein Bild bestehen? TeX-Draw offeriert Linien, Kurven und Kurvenzüge, Kreise und Ellipsen, Rechtecke, Ovale, Würfel, Pyramide und Texte (auch Vektorzeichensätze). Alle Objekte lassen sich mit bestimmten Attributen verknüpfen. Zu erwähnen sind dabei Füllmuster, Linienstile und -breiten, Texthöhen und -stile. Die im vorherigen Artikel angesprochenen Einschränkungen von LaTeX hinsichtlich der Geradensteigungen und Kreisbögen sind dabei bereits berücksichtigt. So sind für Geraden nur bestimmte Steigungen und für Kreise nur bestimmte Radien erlaubt.

Wie man es von Vektor-Zeichenprogrammen her gewohnt ist, läßt sich die Reihenfolge der Objekte durch die Menüpunkte »in Vordergrund« bzw. »in Hintergrund« verändern. Hier wie dort ist es nach Anwahl der entsprechenden Icons möglich, die gewählten Objekte zu verändern, zu verschieben und zu kopieren. Selektierte Objekte lassen sich schließlich zu einem Subbild zusammenfassen, das nun nur noch in Lage und Größe beeinflußt werden kann. Vorteilhaft sind solche Gruppen z.B. zum Aufbau von Grafik-Bibliotheken. Die zusammengefaßten Objekte lassen sich leicht zu einer neuen Grafik kombinieren, ohne daß man sich wieder mit den einzelnen Objekten befassen muß.

Manche Kleinigkeit weiß man oft erst dann zu schätzen, wenn man sie häufiger in Anspruch genommen und sich richtig an sie gewöhnt hat. Dazu zählt bei TeX-Draw ganz gewiß das Schlüsselsymbol. Es zeigt die Möglichkeit an, Objekte und Gruppen gegenüber allen Veränderungen zu immunisieren. Damit verhindert man modifizierende Operationen, so-daß fertige Teile der Grafik nicht versehentlich gelöscht, kopiert oder verschoben werden.

Was wäre TeX-Draw ohne seine vielfältigen Import- und Export-Qualitäten? Die wohl gebräuchlichste Ausgabeform sind LaTeX-Kommandos. Die so erzeugten Bilder bindet man dann unmittelbar in LaTeX-Dokumente ein. Eine einfache Konstruktion zeigt Bild 2. Positiv überrascht ist der in Sachen Grafik keineswegs verwöhnte TeX-Benutzer von der Möglichkeit, Objekte in das Metafont-Format umzuwandeln. Die Grafikerzeugung über Metafont (und damit über TFM-Dateien) gewährleistet die Portabilität der Ergebnisse und fügt sich nahtlos in die übrigen Elemente des TeX-Systems ein. Zwei Einschränkungen sollten Sie allerdings im Hinterkopf behalten: Zum einen werden Texte bei einer Metafont-Übersetzung ignoriert. Und zweitens finden bei der Umwandlung in Metafont keinerlei Optimierungen statt. Das Bild wird Zeile für Zeile in Punkt- bzw. Linien-Befehle gewandelt. So sollten Sie sich insbesondere vor Grafiken mit großflächigen Graumustern hüten. Dabei wird die MF-Datei schnell riesig groß.

Aber nun zur Praxis: Wie gelangt eine MF-Datei in das TeX-Dokument? Das in Bild 3 dargestellte Gesicht soll als Beispiel dienen. Als erstes muß die mit TeX-Draw erzeugte Datei »gesicht.mf« von Metafont (hier: das von Lutz Birkhahn) übersetzt werden. Dazu kopiert man die Datei in den Ordner LATEX. Alles weitere ist mit der Shell eine Kleinigkeit: gewünschte Datei, Ausgabegerät und Vergrößerung einstellen und schon geht's los. Metafont generiert einen ganz normalen TeX-Zeichensatz, der aber nur ein einziges Zeichen, nämlich den Buchstaben A (Ascii 65), enthält. Um eventuellen Problemen vorzubeugen, sollten Sie in der MF-Quelldatei den Hinweis »The picture (A)« löschen oder mit »%« von der Verarbeitung ausschließen. Andernfalls kann es zu einem Abbruch des Metafont-Laufs kommen.

Bild 2. Verknüpfung von Vektorelementen und GEM-Image-Umrechnung

In einem zweiten Schritt gilt es, das erzeugte Zeichen in TeX einzulesen. Dazu laden Sie den Zeichensatz (gesicht.tfm) z.B. mit dem Aufruf \font\bild = gesicht in den Vorspann. »Gesicht« symbolisiert im vorliegenden Beispiel den Namen des zu ladenden Fonts. Nun steht das Bild zu Ihrer freien Verfügung. Mit der Anweisung \bild A plazieren Sie es ganz nach Ihren Wünschen.

An die Kommunikation mit anderen Programmen hat der Autor Jens Pirnay gleichfalls gedacht. Hervorzuheben ist die Fähigkeit zum Importieren von HPGL-Dateien. Wenn Sie den Menüpunkt »HPGL importieren« anklicken, versucht TeX-Draw, die Bild-Informationen einer HPGL-Befehlsdatei zu interpretieren und zu extrahieren. Viele wichtige CAD- und Statistik-Programme, vor allem außerhalb des Atari-Bereichs, erzeugen dieses Format.

Eine der mächtigsten Funktionen verbirgt sich hinter dem Menüpunkt »Optionen«. Geläufige Bildformate wie STAD und GEM-Image lassen sich unmittelbar in TeX oder Metafont umrechnen. Die Einbindung der so entstehenden Dateien in ein Dokument geschieht mittels \inputDateiname. Der in Bild 2 dargestellte Computer stellt eine Umsetzung einer GEM-Image-Datei in LaTeX-Befehle dar. Die gewünschte Auflösungsstufe stellen Sie im Programm sehr bequem ein. Das Beispiel unterstreicht erneut die Stärken von TeX-Draw: Eine kodierte Pixelgrafik läßt sich unmittelbar mit Vektorelementen wie Linien, Vierecken oder Kreisen verknüpfen. Es empfiehlt sich, die Verkettung zweier LaTeX-Dateien im Quelltext vorzunehmen. Wie das funktioniert, sehen Sie ebenfalls in Bild 2. Besonderes Augenmerk verdient die Zeile mit dem \input-Befehl. Dieses Vorgehen ist zwar anfangs kompliziert und kniffelig, doch ist es wirklich nur eine kurze Übungssache.

Texte mit TeX-Draw

Ein ebenfalls herausragendes Feature von TeX-Draw soll nicht unerwähnt bleiben: die Textfunktion. Das Programm unterscheidet zwischen normalem und vektoriellem Text sowie zwischen drei Textmodi, nämlich Text ohne umgebende Box und mit normaler bzw. gestrichelter umgebender Box. Anerkennung verdient die Tatsache, daß ein gewöhnlicher Text aus mehreren Zeilen bestehen darf. Man braucht also nicht für jede Zeile ein eigenes Textobjekt. Zeilenumbrüche durch »backslash« werden erkannt und simuliert. Sie erfolgen entweder direkt durch Eingabe von »backslash« oder bequemer durch die Tastenkombination CTRL+RETURN. TeX-Draw überläßt Ihnen die Entscheidung, ob Sie Textrahmen benötigen oder nicht. Je nach angewähltem Modus zeichnet es dann die umgebende Box (\framebox und \dashbox) oder läßt sie weg (\makebox).

Die Ausrichtung der einzelnen Zeilen zueinander läßt sich ändern mit den Funktionstasten F1 (zentriert), F2 (linksbündig) und F3 (rechtsbündig). Bei vektoriellem Text ist ein mehrzeiliger Text leider nicht möglich. Statt dessen können Sie den Zeichensatz, die Größe, den Winkel mit der Horizontalen sowie die interne Textneigung interaktiv variieren. Grundsätzlich sei zu den Textfunktionen gesagt, daß sie sehr übersichtlich und einfach zu handhaben sind. TeX gewinnt damit erheblich an Komfort.

Einziger Kritikpunkt ist das Fehlen einer Funktion zum Import von ASClI-Dateien. Folglich entfällt die Möglichkeit, einen Text im ASCII-Editor zu schreiben und ihn dann in eine Vektorgrafik zu importieren. Davon abgesehen sammelt TeX-Draw viele Pluspunkte. TeX-Draw bietet ein klares Konzept und einen reichhaltigen Funktionsvorrat, der den Anwendungsbereich von TeX beträchtlich erweitert. Für viele praktische Aufgabenstellungen sehr angenehm ist die Verknüpfung von Text und Grafik-Elementen. Wer Grafiken nicht nur einlesen, sondern auch selbst erzeugen will, kommt an dieser Software nicht vorbei. TeX-Draw ist, genau wie TeX selbst, ein echtes Juwel im Bereich der Public Domain- bzw. Shareware-Programme. (wk)

Bild 3. Konstruktion eines TeX-Zeichensatzes mit Metafont

Klaus Konrad
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