Atari-DTP in der Anwendung: Der Dreh mit dem Scan

Es ist inzwischen schon selbstverständlich, daß man Bilder aller Art im DTP-System verarbeitet. Die Lithos erreichen - insbesondere im Schwarz/Weiß-Bereich - einen Standard, der sich sehen lassen kann und Vorbehalte vom Tisch legt. Doch wie bekommt man seine Bilder am besten in den Computer?

Klar, mit einem Scanner. Doch wenn die moderne DTP- und EBV-Software auch eine hervorragende Bearbeitung der gescannten Bilder erlaubt, hilft sie nicht bei dem Problem, die Scans in einer guten Qualität anzufertigen. Der Scannermarkt ist mittlerweile unübersehbar, selbst für Rechner mit TOS-Betriebssystem ist die Auswahl enorm. Erfolgreiche Scanner-Hardware ist in kürzester Zeit auf die Besonderheiten der Atari-Rechner angepaßt, und vom Handyscanner über den Flachbettscanner bis zu anspruchsvollen Kamera-Scannern ist inzwischen auch den Atari-DTPlern nichts mehr fremd. Der Kaufrausch zahlungskräftiger DTP-Computer-Freaks wird durch die dpi-Schlacht der Hersteller geschürt. Je mehr dpi, desto besser - was bei Druckern richtig ist, kann bei Scannern ja nicht falsch sein. Und mehr PS beim Auto sind ja auch besser als wenige. Werte wie die Anzahl der Graustufen sind schon von geringerem Interesse.

Laufen Hard- und Software nach ersten, gelegentlich bockigen Installationsversuchen endlich, stellt sich nach der anfänglichen Begeisterung schnell Skepsis ein. Teils sind die Dateien größer (und speicherfressender) als nötig, teils sehen die Scans trotz Scans trotz aller Mühe viel zu pixelig aus. Bereits gerasterte Vorlagen sorgen für Moiré-Kummer und Sägezahn-Kanten. Schnell kommt es dann zu Gerüchten, daß mit einem 300-dpi-Scanner keine brauchbare oder gar gute Bildqualität zu erreichen sei. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Ganze Zeitschriften und Prospekte entstehen in hoher Qualität auf DTP-Systemen, mit Lithos, deren Ursprung in herkömmlichen Desktop-Scannern zu finden ist. Die Leser der Publikationen merken nicht, daß das Bildmaterial beispielsweise aus einem Calamus SL-Dokument stammt. Was ist also zu beachten? Gute Scans setzen voraus, daß man bereits beim Scanvorgang das spätere Vorhaben berücksichtigt. Zunächst gilt die ganze Aufmerksamkeit der Vorlage. Schließlich ist Bild nicht gleich Bild. Zum einen gibt es die Strichzeichnungen, dann »echtes« Fotomaterial und bereits gedrucktes und damit »gerastertes« Bildmaterial. Strichzeichnungen benötigen dabei oft höhere Auflösungen als Graustufenbilder. Strichzeichnungen sind ausschließlich Schwarz und Weiß, im Scanner-Deutsch heißt das »Lineart« und so nennt sich auch die entsprechende Einstellung für den Scanvorgang. Lineart-Scans erlauben im Vorfeld nur zwei Einstellungen: Die Auflösung in dpi (dots per inch = Punkte pro Zoll) und, bei guter Software, den Schwellenwert. Der Schwellenwert definiert, ab welchem Grauwert der Scanner einen Punkt als Schwarz oder als Weiß erkennt, dieser Wert ist natürlich von der Beschaffenheit der Vorlage abhängig. Die Auflösung legt fest, wie genau der Scanner die Vorlage abtastet. Je höher die Auflösung, desto höher die Genauigkeit und desto höher der Speicherplatz-Fraß. Die Folgeanschaffung zum Scanner ist dann schnell eine große Festplatte oder ein Stapel Wechselplatten-Cartridges.

Es ist allerdings nicht automatisch richtig, mit der maximalen Auflösungzu scannen. Für einen Ausdruck auf dem 300-dpi-Laserdrucker braucht man keinen 600-dpi-Scan. Die handelsüblichen DTP-Tisch-Scan-ner erreichen sowieso zumeist nur 300 oder 400 dpi »echte« Auflösung. Die physikalische Auflösung wird dann noch bei vielen Geräten durch Rechen verfahren hochgesetzt.

Besser als die hohe Scannerauflösung ist eine große Vorlage, die man im späteren Layout verkleinert. Scannen Sie eine Vorlage mit 300 dpi Auflösung und verkleinern diese im Layout auf ein Viertel, dann erhalten Sie eine Bildauflösung von 1200 dpi. Kleine Strichzeichnungen können Sie einfach auf den Kopierer legen und dort vergrößern, um anschließend die Kopie zu scannen. Testen Sie in Calamus SL den Scan, indem Sie kritische Details in Drucker- bzw. Belichterauflösung betrachten. Eine Reihe unterschiedlich aufgelöster Scans zeigt, wie weit Sie mit der Auflösung hinunter gehen können. Bei guter Qualität sollten Sie sich immer für die kleinere Datei entscheiden.

Ist Ihre Strichzeichnung nicht gerade ein Kupferstich, Holzschnitt oder eine detailreiche Federzeichnung, sollten Sie unbedingt zum Autotracer greifen. Ein Strich-Scan erreicht nur selten die Qualität einer (gut nachbearbeiteten) Vektorgrafik. Die Datenmenge reduziert sich bei einer Vektorgrafik zudem erheblich. Andere Regeln gelten zum Teil für Graustufen-Bilder, also beispielsweise gescannte Fotos. Hier sind Lithos gewünscht, die im Druck überzeugen. Die optimale Scanauflösung hängt hier wesentlich davon ab, wofür man das gescannte Bild benötigt. Von Bedeutung sind die spätere Abbildungsgröße, die Auflösung des Druckers oder Belichters und die Rasterweite.

Für das Verständnis ein paar Grundlagen. Drucktechnische Raster, wie Calamus SL sie erzeugt, werden aus gleich großen Pixeln zusammengesetzt. Je mehr Pixel für einen einzigen Rasterpunkt zur Verfügung stehen, desto mehr Graustufen lassen sich darstellen. Wird ein Rasterpunkt aus 166 Pixeln zusammengesetzt, lassen sich 166 = 256 Graustufen erzeugen. Ein Rasterpunkt aus 5x5 Pixeln ergibt nur 25 Graustufen. Grundsätzlich hängt eine gute Lithoqualität direkt proportional von der Anzahl der Graustufen ab. Je mehr Graustufen, desto besser. Absolutes Minimum für eine noch gute Qualität sind 64 Graustufen. Hierfür werden je Rasterpunkt 8x8 Pixel benötigt. Soll ein 54er Raster bei 64 Graustufen erzeugt werden, muß das Ausgabegerät rechnerisch eine Auflösung von 1097 dpi erreichen (gibt's natürlich nicht, also nimmt man die ja sowieso besseren 1270 dpi des Typesetters). Um auf den Wert der minimalen Ausgabeauflösung zu kommen, rechnen Sie folgendermaßen:

54er Raster = 54 Linien pro Zentimeter = 54 l/cm x 8 Pixel pro Linie = 432 Pixel pro Zentimeter
Umrechnungsfaktor von Zentimeter zu Zoll ist 2,54432
Pixel pro Zentimeter x 2,54 = 1097 dpi

Daraus ergibt sich natürlich auch, daß ein Laserdrucker mit 300 dpi Auflösung die gewünschte Qualität nicht bieten kann. 300 dpi sind 118 Pixel pro Zentimeter. Wollen Sie 25 Graustufen darstellen, also einen Rasterpunkt aus 5x5 Pixeln zusammensetzen, ergibt sich (118/5 = 24) ein 24er Raster. Übrigens verwenden Tageszeitungen Rasterweiten zwischen 28 und 34 Linien pro Zentimeter. Doch zurück zum Scanner. Aus den leidigen Rechenbeispielen folgen nämlich erstaunliche Tatsachen für die Scan-Auflösung. Produzieren Sie beispielsweise eine Anzeige für eine Tageszeitung und möchten hierfür ein Foto scannen, kommen Sie mit einer erstaunlich niedrigen Auflösung aus. Erlaubt die Zeitung ein 34er Raster (34 Linien pro Zentimeter) rechnen Sie den Wert in Inch um (34 l/cm x 2,54 = 80 dpi) und Sie kommen auf eine ausreichende Scannerauflösung von 80 dpi. Wird das Bild verkleinert, kann die Scanauflösung noch niedriger sein. Wird das Bild vergrößert, leidet die Qualität allerdings enorm. Eine große Vorlage ist unbedingt zu empfehlen. Scannen Sie die Vorlage aber mit 300 oder sogar 600 dpi, haben Sie keinerlei Qualitätszuwachs, sondern nur eine sehr schnell gefüllte Festplatte.

Besitzen Sie noch keinen Scanner, denken Sie nun vielleicht, der Billigste tut's dann ja auch. Leider stimmt das nur, wenn Sie keinen großen Wert auf Graustufen legen, realistische Lithos sind aber nur bei der Wiedergabe möglichst vieler Graustufen anzufertigen. Bearbeiten Sie also auch Aufträge, die bessere Qualität erfordern, sollten Sie auf eines achten: Muß es nicht unbedingt ein 2400-dpi-Scanner sein, so sind doch die Graustufen von entscheidender Bedeutung. Wie bereits erwähnt, sind das absolute Minimum für eine brauchbare Bildwiedergabe auf gutem Papier 64 Graustufen. Für anspruchsvolle Aufgaben reicht dies allerdings in vielen Fällen noch nicht aus. Perfekte Bildqualität ist nur machbar mit »echten« 256 Graustufen.

Wo es »echte« 256 Graustufen gibt, da muß es auch »unechte« geben, und genau dies ist bei einigen Scannern leider auch der Fall. Einige Hersteller schummeln ein wenig und erzeugen aus wenigen Graustufen über Dithering viele Graustufen. Dummerweise sind geditherte Scans für die meisten professionellen Aufgaben unbrauchbar. Die Dither-Raster sind zum einen qualitativ zu schlecht, um für den Druck hochwertiger Objekte geeignet zu sein, zum anderen lassen sich bereits gerasterte Bilder nicht in der Größe verändern, ohne auch das Raster mit zu verändern. Daraus folgt: Bildmanipulationen in der EBV-Software sind fast unmöglich. Wirklich brauchbar für professionelle Anwendungen sind nur echte Graustufen-Scans, die man in einer Bildverarbeitung weiterbearbeitet. Erst im Publishing-Programm sollte man rastern. Das übliche Format für echte Graustufen (oder Farben) ist TIFF oder ESM. Vorsicht also beim Scannerkauf.

Durch Verändern des Bias-Wertes drücken Sie ein Moiré aus dem Bild heraus

Wie Sie bereits an den obigen Beispielen sehen, ist die Anzahl der druckbaren Graustufen von der Auflösung des Ausgabegeräts und der Rasterweite abhängig. Sollen die optimalen 256 Graustufen später im Druck erreicht werden, müssen Sie allerdings auch in der Bilddatei enthalten sein. Nur ein Scanner, der 256 Graustufen liest, erlaubt später die gewünschte Wiedergabequalität. Um die Anzahl der Graustufen bei der Satzbelichtung zu errechnen, gehen Sie folgendermaßen vor:

Angenommen Sie arbeiten mit einem 60er Raster
60 l/cm x 2,54 = 152 dpi
1270 dpi Belichterauflösung / 152 dpi = 8 Pixel pro Linie
8x8 = 64 Graustufen

Eine für Satzbelichter übliche Auflösung erlaubt bei einem 60er Raster also nur 64 Graustufen!

Wie sieht es bei einer Auflösung von 2540 dpi aus?
2540 dpi / 152 dpi = 16 Pixel pro Linie
166 = 256 Graustufen

Für die Arbeit mit Calamus SL oder anderer DTP-Software müssen wir daraus einige Schlußfolgerungen ziehen: Um bei einer Auflösung von 1270 dpi 256 Graustufen zu erzeugen, läßt sich nur ein Tageszeitungsraster verwenden. Feine Raster erfordern hohe Belichterauflösungen, andernfalls werden weniger Graustufen wiedergegeben. Ein per Software erzeugbares 120er Raster für High-End Druckmaschinen und -papiere benötigt 4880 dpi Belichterauflösung für die Darstellung von 256 Graustufen. Viele Graustufen erhalten Sie durch hohe Belichterauflösung und niedrige Rasterweite.

Häufig liegt als Scan-Vorlage lediglich ein bereits gedrucktes Bild vor. Gedruckte Bilder sind bereits gerastert und verhalten sich auf dem Scanner wider Erwarten ganz anders als nicht gerasterte Vorlagen. Dementsprechend muß man beim Scanvorgang auch anders Vorgehen als bei einer echten Graustufen- oder Farbvorlage. Ein 300-dpi-Scanner arbeitet bei einem 100-dpi-Scan nur mit jedem dritten Sensor. Das Gerät erfaßt die Rasterpunkte der Vorlage teils mittig, teils am Rand. Die gescannten Grauwerte sind daher zum Teil falsch. Das Bild wirkt unscharf. Hinzu kommt, daß niedrige Auflösungen häßliche Sägezahnkanten erzeugen und sowohl beim Scanvorgang als auch bei der Rasterung im DTP-Programm ein Moiré entsteht. Schräge oder runde Kanten sind oft pixelig dargestellt und machen das Bild zum typischen Computer-Litho.

Anders als bei der Halbtonvorlage muß man bei gerasterten Vorlagen die physikalisch maximale Scannerauflösung nutzen, um möglichst jede Bildstelle zu erfassen. Nur so lassen sich die richtigen Grauwerte errechnen. Muß man bei gerasterten Vorlagen also unnötig große Scanauflösungen belichten oder drucken?

Mit guter Software und einem simplen Trick läßt sich das vermeiden. Scannen Sie zunächst mit maximaler Auflösung und rechnen Sie in der Bildverarbeitungs-Software die Auflösung auf einen niedrigen Wert herunter, also scannen Sie beispielsweise mit 600 dpi und rechnen anschließend auf 100 oder 80 dpi um. Die Qualität des Bildes ist nun für die Auflösung optimal. Sägezahnecken an schrägen und runden Kanten verschwinden bei diesem Verfahren, beim Scanvorgang entstandene Moirés allerdings leider nur zum Teil. Um Moirés zu vermeiden, legen Sie zwischen die gescannte Vorlage und die Glasplatte des Scanners eine weitere dicke Glasplatte. Durch den »falschen« Abstand zur Vorlage scannt das Gerät unscharf und läßt die Rasterpunkte zumeist »verschwimmen«. Haben Sie eine EBV-Software, die in der Lage ist weichzuzeichnen, können Sie hierdurch das Moiré vermindern.

Setzen Sie alle Hard- und Software-Komponenten richtig und bewußt ein, dann zaubern Sie erstaunlich hochwertige Lithos auf Ihren Film. Und wie überall gilt auch hier: Übung macht den Meister. Experimentieren Sie soviel wie möglich, dann bleibt der Erfolg nicht aus. (wk)


Rüdiger Morgenweck
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