Interview Johannes Waehneldt (C-LAB)

Alles logisch!

Auf der diesjährigen Musikmesse präsentierte C-LAB den Notator Logic, die Weiterentwicklung des überaus erfolgreichen Notator. Doch überraschenderweise kommen zunächst nur Mac-User in den Genuß des praktisch völlig neu gestalteten Sequenzers. Wir hatten auf der Messe Gelegenheit, mit Produktspezialist Johannes Waehneldt über C-LABs jüngstes Kind zu plaudern.

TOS: Wie läßt sich in wenigen Sätzen das Notator-Logic-Konzept erläutern?

JW: Der Notator Logic zeichnet sich in erster Linie durch eine in allen Bereichen des Programms absolut objektorientierte Benutzeroberfläche aus. Für diese Objekte gilt durchgehend die beim Macintosh standardisierte Benutzerführung (z.B. Cut, Copy und Paste), die wir so auch auf dem Atari beibehalten wollen.

Wir haben weiterhin die gebräuchliche zweidimensionale Sichtweise von Musik um eine dritte Dimension erweitert, die sich am ehesten mit »Tiefe« bezeichnen läßt. So kann man jetzt alle musikalischen Objekte - auch in den diversen Editoren - beliebig in »Ordnern« organisieren und diese Ordner auch untereinander beliebig verschachteln. Alle Bedienungsschritte gelten natürlich für alle Objektgruppen in allen Ordnern und Unterordnern. Wir glauben, daß damit jeder erdenklichen musikalischen Sichtweise Rechnung getragen werden kann, weil durch dieses komplexe System eigentlich alles möglich ist.

TOS: Welcher direkte Vorteil ergibt sich nun daraus in der Praxis?

JW: Nun, der Musiker ist jetzt nicht auf eine einzige Arbeitsweise mit z.B. Arrangemodus, Pattern oder Parts festgelegt, er kann vielmehr selber bestimmen, wie er strukturieren möchte. Egal, ob er wie bisher im Notator mit vier Arrangelevels, mit hundert Parallelspuren oder aber wie mit Steinbergs Cubase arbeiten möchte, alles ist realisierbar. Vorgegeben ist nur die kleinste mögliche Einheit, eben das einzelne MIDI-Event.

TOS: Man kann dann beim Notator Logic also eher von einer Neu-denn einer Weiterentwicklung sprechen?

JW: Ja. Der Notator, genau genommen der Creator, ist mittlerweile über fünf Jahre alt, und inzwischen hat sich natürlich eine Menge in Hinsicht auf konzeptionelle Dinge und Fragen des Zugangs, der Benutzerführung getan. Lautete damals das Motto: »Was ist technisch machbar«, so arbeiten wir heute unter der Fragestellung: »Wie ist es möglichst menschlich und einfach machbar«. Wir haben viele Anwenderstimmen gesammelt und auch selbst überlegt, was wir uns schon immer bei unserer Arbeit mit dem Sequenzer gewünscht haben, und was uns dabei störte. So haben wir als Konsequenz mit dem Notator Logic einen »Break« gesetzt und mit einem neuen, zukunftsorientierten Konzept begonnen.

TOS: Der Einsatz von »Zeitleisten« scheint sich ja in letzter Zeit allgemein durchgesetzt zu haben...

JW: Ich denke, das ist ganz natürlich. Ich glaube, daß jedermann Musik als horizontal empfindet. Beim Notator haben wir deshalb darauf verzichtet, weil wir beim C64 und auch Atari ursprünglich die Philosophie vertreten hatten, so viele Informationen wie möglich auf dem Bildschirm unterzubringen. Eine solche horizontale Darstellung hätte aber eine extra Bildschirmseite erfordert, auf der kein unmittelbarer Zugriff auf andere Parameter möglich gewesen wäre. Inzwischen befinden wir uns aber in einem anderen Zeitalter: Durch die fortgeschrittene »instant active« Fenstertechnik des Mac und die Möglichkeit, größere oder auch mehrere Monitore gleichzeitig zu betreiben, ergeben sich ja ganz neue Möglichkeiten der Gestaltung.

TOS: Wird der Notator Logic auf dem ST den alten Notator/Creator ablösen, oder sollen beide Programme in friedlicher Koexistenz um die Käufergunst buhlen?

JW: Es wird sicherlich eine Übergangsphase geben, denn die Version 1.0 des Logic kann zwangsläufig noch nicht über alle Details verfügen, die der Notator 3.0 im Laufe seiner Entwicklung erworben hat. Daher wollen wir es dem Anwender offenhalten, für welches System er sich entscheidet. Wir bieten aber dem alten Notator-Besitzer ein Upgrade an. Er wird die Logic-Version zu einem weitaus günstigeren Preis erhalten, als wenn er das Programm neu erwerben müßte. Wer sich jetzt für einen Notator entscheidet, erhält auf Wunsch einen Notator Logic zum Selbstkostenpreis. Eine Upgrade-Aktion von der ST-Version zur Mac-Version ist derzeit noch nicht vorgesehen.

TOS: Wann ist mit der ST-Version zu rechnen?

JW: Wir sind zuversichtlich, daß es noch in diesem Jahr klappt.

TOS: Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hielt man sich bei C-LAB in Fragen nach der Portierung von Notator/Creator auf andere Computersysteme eher bedeckt. Wie ist da die doch nicht unerhebliche Anstrengung, ein ganz neues Konzept für den Macintosh zu entwickeln, zu bewerten? Hat der Mac im Musikbereich die besseren Karten?

JW: Die Entscheidung für den Mac ist zunächst einmal unter internationalen Gesichtspunkten zu sehen. Der amerikanische Markt z.B. fordert von uns schon sehr lange die Macintosh-Version, und wir sahen uns einfach in die Pflicht genommen, dem nachzukommen. Auf der anderen Seite haben meiner Kenntnis nach aber auch das Betriebssystem des Macintosh sowie die Macs in den höheren Preislagen selber einen technischen Vorsprung. Zusätzlich erleben die Mac-Rechner nicht zuletzt durch Apples momentane Preispolitik und die einschlägigen Medien einen deutlichen Aufwärtstrend. Ich persönlich glaube auch, daß der Wechsel jetzt wirklich da ist. Viele Musiker wünschen sich einfach, eine professionelle Maschine zu besitzen, die sich auch künftig noch »upgraden« läßt. Im unteren Preisbereich bietet der Atari jedoch unbestreitbar Vorteile gegenüber vergleichbaren Macintosh-Rechnern, so daß Anwender, die nicht bereit sind, sehr, sehr viel Geld für das Arbeitsmedium Computer auszugeben, dort durchaus Alternativen finden.

Unsere Zurückhaltung läßt sich so erklären, daß wir erst dann Projekte an die Öffentlichkeit dringen lassen, wenn wir wirklich überzeugt davon sind, sie auch durchführen und liefern zu können. Daß wir mit dem Notator Logic ein ganz neues Produkt zuerst für den Mac auf den Markt gebracht haben, liegt auch daran, daß es einfach eine unermeßliche Arbeit gewesen wäre, den Notator in seiner jetzigen Form für den Macintosh anzupassen.

TOS: Gibt es bereits konkrete Pläne, Notator Logic auch für den PC anzubieten?

JW: Wir prüfen das zur Zeit. Wir untersuchen, ab welchem Rechnertyp die Sache laufen kann, analysieren die Verteilung des PCs auf dem Markt. Wir haben in der Tat viele Anfragen danach, aber es ist jetzt noch zu früh, bereits definitive Zusagen zu machen. Doch ist eine PC-Portierung durchaus ein Thema für uns.

TOS: »Multimedia« heißt das neue Schlagwort der Computerwelt. Will C-LAB über kurz oder lang auch auf diesem Markt Fuß fassen?

JW: Multimedia ist in der Tat stark im Kommen. Den ersten Schritt hierzu, nämlich Sequenzing und Digital Audio zusammen auf einem Rechner zu vereinen, haben wir bereits in Angriff genommen und hoffen, noch in diesem Jahr eine Lösung anbieten zu können. Was nun den Video-Bereich angeht, hat Multimedia noch damit zu kämpfen, daß die volle Bildverarbeitung online auf einem einzigen Rechner momentan nicht möglich ist. Ein System, daß den gleichzeitigen Zugriff auf alle drei Komponenten MIDI, Digital Audio und Video auf professioneller Basis bietet, ist zur Zeit nicht zu einem vernünftigen Preis erhältlich. Hinzu kommt noch, daß auch die Bedienbarkeit eines solchen erschwinglichen Systems vermutlich nicht optimal zu realisieren wäre. Man sieht das zum Teil auf Computern, auf denen bereits Harddisk-Recording und Sequenzing parallel betrieben wird. Da reicht die Rechenkapazität oft einfach nicht aus, eine annehmbare Arbeitsgeschwindigkeit zu erzielen. Prinzipiell ist es aber unser fester Wille, uns auf dem Multimedia-Sektor zu engagieren.

TOS: Wie beurteilt C-LAB die Zukunft des ST/TT?

JW: Nun, wie ich bereits sagte, bieten die Rechner der unteren Preiskategorie ein hervorragendes Preis/Leistungsverhältnis, und dort sehen wir für Atari auch eine echte Chance. Wir wissen auch, daß Atari andere Dinge plant, auf die wir sehr gespannt sind. Wir haben in jedem Fall großes Interesse daran, hierfür Lösungen zu entwickeln. Wir hoffen, daß sich die doch unter einigen Aspekten eher zurückhaltende Entwicklung der letzten Jahre bei Atari zugunsten neuer Produkte etwas auf lockert.

TOS: Vielen Dank für dieses Gespräch.


Kai Schwirzke
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