Geerdes-Interview: Es geht uns einfach prima

...sprach Christian Geerdes, Chef des gleichnamigen MIDI Softwarehauses in Berlin. Wie es zu dieser Hochstimmung kommt, erfahren Sie aus folgendem Interview.

TOS: Wie beurteilt man bei Geer-des die generelle Marschrichtung von MIDI-Software in den nächsten Jahren? Haben z.B. große Editor-Konzepte noch eine Zukunft?

CG: Nun, auf der einen Seite gibt es immer mehr Kunden, die gar nicht so tief in die Materie einsteigen wollen, auf der anderen Seite bietet moderne Hardware einen immer größeren Soundvorrat. Aber wenn jemand intensiv an Klängen arbeiten möchte, um seine individuelle Note mit in die Musik einzubringen, ist er immer noch auf einen Editor angewiesen. Wir bei Geerdes haben allerdings vor einem Jahr die Einzellösungen aufgegeben und uns für ein modulares Konzept entschieden...

TOS: ... das unseres Wissens zur Zeit aber noch nicht erhältlich ist, oder?

CG: Der Sequenzer hierzu ist bereits fertiggestellt, sodaß wir als nächstes mit der Programmierung der System-exklusiven Editoren beginnen. Wir entwickeln sozusagen ein einziges, großes Musiksystem.

TOS: Das heißt, man braucht nur noch den Sequenzer zu laden und hat dann seine komplette, individuell konfigurierte Arbeitsumgebung zur Verfügung?

CG: Ja, genau.

TOS: Aber ist denn der Markt überhaupt noch offen für ein neues Sequenzer-System?

CG: Wir denken schon. Es kommt ja auch immer darauf an, welche Zielgruppe man vor Augen hat. Unser »Star Track« bietet zum Beispiel die Möglichkeit, auf verschiedenen Spuren differierende Tempi zu benutzen, was unserer Ansicht nach ganz neue Dimensionen eröffnet.

TOS: »Star Track« soll dann also in erster Linie den innovativen, expe-rimentierfeudigen Musiker ansprechen?

CG: Ja, uns war es wichtiger, Raum für neue Kompositionstechniken und musikalische Ideen zu schaffen, als unbedingt alle denkbaren Tools, wie z.B. Notendruck mitzuliefern. Obwohl wir nichts dagegen hätten, wenn jemand bereit wäre, diese Pflichtübung für die nächsten Jahre auf sich zu nehmen (lacht)...

TOS: Wir werden Ihren Aufruf gerne veröffentlichen, vielleicht finden sich ja einige Wagemutige.

CG: Sicher! Zumal wir auch programmiertechnisch die besten Voraussetzungen bieten. »Star Track« basiert nämlich auf dem MIDI-Tasking System »MIDISHARE«, einer französischen Entwicklung, die als Public Domain zur Verfügung steht. MIDISHARE erlaubt das parallele Abwickeln von bis zu 256 MIDI-Prozessen, wobei der Programmierer jederzeit problemlos auf alle dort anfallenden Daten zugreifen kann.

TOS: So wäre es möglich, »Star Track« durch die Einbindung selbstgeschriebener Module an die eigenen Bedürfnisse anzupassen?

CG: Genau, jeder Programmierer, der irgendeine Idee hat, ist dank MIDISHARE in der Lage, diese auch in die Tat umzusetzen und seine Anwendung mit anderen MlDISHARE-Programmen kommunizieren zu lassen.

TOS: Wie sieht es denn mit der Kompatibilität zu anderen bereits vorhanden MIDI-Tasking Systemen aus?

CG: (kurze Pause) Die werden sich danach richten müssen! Ich meine, es richtet sich ja keiner nach dem anderen. Wir als kleiner Anbieter sahen uns immer in der Notlage, unsere Produkte kompatibel zur großen Konkurrenz halten zu müssen - eine einzige Leidensgeschichte. Wir verzichten jetzt auf diese Anstrengung.

TOS: Und der User wird das akzeptieren?

CG: Das bleibt ihm überlassen, MIDISHARE kostet ihn ja nichts.

TOS: Das Konzept der Offenheit des Systems für jedermann, sozusagen der »MIDI-Glasnost«, klingt äußerst anwenderfreundlich. Wie hält es Geerdes da mit dem Kopierschutz - bislang finden ja überwiegend ROM-Port Dongles Verwendung?

CG: Es gibt keinen Kopierschutz.

TOS: Und wagt man bei Geerdes bereits den Blick zu anderen Betriebssystemen?

CG: Nun, wir sind eine kleine Firma, aber wir sind fürchterlich orientiert (lacht). Star Track ist so konzipiert, daß wir im Prinzip nur ein Modul für jeden Rechnertyp neu schreiben müßten.

TOS: Ihr Wunsch für die Zukunft?

CG: Wir sollten mehr zur Kenntnis genommen werden... (längeres Lachen).
Kai Schwirzke


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