Was Ihr wollt: Didaktik des Computerunterrichts

Eine Didaktik des Computerunterrichts gibt es ebensowenig wie »den« Computerunterricht. So vielfältig wie die Computeranwendungen sind auch die Ansätze im didaktischen Bereich und damit existiert kein in sich geschlossenes fachdidaktisches Konzept.

Computer-Didaktik ist auch deshalb so schwer greifbar, weil Computerbildung mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen stattfindet. So gibt es als Literatur z.B. einerseits mehrere Veröffentlichungen, die sich mit der Planung und Durchführung von Computerkursen für Erwachsene beschäftigen. Sie geben insbesondere pädagogische und methodische Hinweise für Dozenten, die aufgrund ihres umfangreichen Fachwissens für diese Aufgaben kompetent sind. Auf der anderen Seite stehen Bücher und Artikel, die pädagogisch ausgebildeten Personen das nötige fachwissenschaftlich-technische Hintergrundwissen vermitteln sollen. Aus Platzgründen beschränken wir uns hier aber auf den Computerunterricht in der Schule.

Der herkömmliche Computerunterricht in der Schule begann, je nach dem Fach in dem er eingebettet war, eher mit mathematischlogischem oder physikalisch-technischem Grundwissen. Die Ziele waren das Erlernen einer Programmiersprache (Basic, Pascal) und die Entwicklung von Algorithmen zur Lösung von Problemen bzw. das Verstehen der Hardware und ihrer Funktion. Aus jener Zeit stammt auch das Schlagwort vom Informatikunterricht als »Programmierkurs mit theoretischem Überbau«. Ein Problem war (und ist) das Fehlen ausgebildeter Informatiklehrer. Die Fort- und Weiterbildung der betroffenen Lehrer konnte den Ansprüchen der didaktischen Forderungen nicht genügen und tut es auch heute noch nicht.

Eine weitere Schwierigkeit lag in der sehr unterschiedlichen Hard-wareaustattung der Schulen. So war noch vor nicht allzu langer Zeit in Handreichungen für Lehrer zu lesen, daß Rechner mit 1 KByte(!) Speicher für Schulen völlig ausreichend seien. Im Laufe der Zeit einigten sich die offiziellen Ratgeber für Schulen auf eine Empfehlung von MS-DOS kompatiblen Rechnern mit mindestens 640 KByte und möglichst einem 286er Prozessor. Apple Macintosh-Rechner sehen die Empfehlungen gerade noch als zulässig an.

Die Einbindung der Computerbildung in den Schulunterricht ist für die einzelnen Bundesländern z.Z. sehr unterschiedlich geregelt. So gibt es in einigen Ländern ein eigenständiges Fach Informatik in der Sekundarstufe II und teilweise auch bereits in der Sekundarstufe I. In anderen Bundesländern ist die Informatik an bestimmte Leitfächer (z.B. Mathematik, Naturwissenschaften, Gemeinschaftskunde) gebunden, innerhalb derer Informatikinhalte behandelt werden. Grundlage ist das »Gesamtkonzept für die informationstechnische Bildung« der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung von 1987. Für alle Schüler verpflichtend ist danach eine »Informationstechnische Grundbildung« (ITG) und darauf baut eine vertiefte informationstechnische Bildung als freiwilliges Angebot auf.

Gegenwärtig diskutieren Fachkreise wieder heftig die Didaktik des Informatikunterrichts. Es ist die Rede von einer Krise des Informatikunterrichts, wobei neuere Ansätze wie »ITG« keine Lösungen für die bestehenden Probleme darstellen. Bundesweit zeigt sich, daß das Interesse der Schüler und insbesondere der Schülerinnen an Informatikkursen genauso abnimmt wie die Fort- und Weiterbildungsbereitschaft der Lehrkräfte in diesem Bereich. Außer den bereits oben angeführten Problemen mit der Lehreraus- und Weiterbildung, dem Verharren auf Programmierkurs-Niveau und dem Fehlen einer umfassenden Didaktik des Faches werden als Gründe für die Krise genannt:

Man sieht, daß die Krise zu einem großen Teil eine Legitimationskrise ist. Ein Schulfach Informatik läßt sich nicht alleine durch die Forderung nach dem Erlernen einer Programmiersprache begründen. Es zeigt sich, daß dieser Aspekt des Informatikunterrichts eine immer geringere Rolle spielt und der Einsatz von Standard-Programmen für die Lösung allgemeiner Probleme

ständig wichtiger wird. Diese anwendungsorientierte Sichtweise dürfte in nächster Zukunft bestimmend für die didaktische Diskussion bleiben Aus dem Hessischen Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung (HIBS) verlautet dazu z.B., daß insbesondere »grafisch orientierte Benutzeroberflächen ... auch in den Schulen außerordentlich an Bedeutung gewinnen«, Hypertextsysteme und offene Werkzeuge in den Schulen Eingang finden und grafische Benutzeroberflächen und Hilfsmittel zur Reduktion und Strukturierung von Komplexität weiter an Wichtigkeit gewinnen werden. Hier zeigt sich, daß Lehrer, die bereits vor Jahren Atari STs an ihrer Schule angeschafft haben, diesem Trend vorausgeeilt sind.

Es ist natürlich schwierig gegen die Übermacht der PC-Gläubigen in den Schulverwaltungen und Lehrerfortbildungseinrichtungen zu bestehen. Die Hartnäckigkeit einiger Lehrer und Professoren zeigt jedoch bemerkenswerte Resultate. Hierzu einige Beispiele. In Nordr-hein Westfalen bietet das »Soester Verlagskontor« verschiedene Unterrichtseinheiten einschließlich didaktischer Software an. Das Verlagskontor ist sehr eng mit dem Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (NRW) verbunden. Bisher waren alle diese Angebote auf MS-DOS beschränkt, jetzt sind bereits mehrere auf ST portiert und weitere folgen. Die Materialien bestehen meist aus einem umfangreichen Themenheft mit didaktischen Hinweisen, Abbildungen und weiterführender Literatur, einer Benutzeranleitung der Software und der Software selbst.

An der Bergischen Universität Wuppertal besteht im Institut für Schulforschung und Lehrerbildung eine »Computer Lernwerkstatt« die zum Ziel hat. Studierenden selbständig Erfahrungen mit dem Computer als Lehr-/LernWerkzeug zu ermöglichen. Damit das methodische Prinzip der Förderung und Unterstützung von weitestgehend selbständiger und selbstbestimmter Arbeit mit dem Computer nicht durch das zeitraubende Erlernen eines umständlichen Betriebssystems wie MS-DOS verhindert wird, stehen neben Apple Macintosh insbesondere Atari STs zur Verfügung. Das Gesamtprojekt ist in mehrere Teilprojekte gegliedert die sich unterschiedlich stark an der Anwendung, der theoretischen Reflexion oder der Didaktik orientieren. Das Teilprojekt »Computer in der Grundschule« verdient dabei besondere Erwähnung. Bereits seit 1989 schreiben Grundschüler vom ersten Schultag an auf STs ihre eigenen Texte für kleine Bücher oder die Schulzeitung mit »Signum«.

Auch im Bereich des Technikunterrichts in der Sekundarstufe 1 bleibt der ST nicht mehr außen vor. An der Pädagogischen Hochschule Weingarten ist ein Buch »Computergesteuerte Anlagen und Steuerprogramme« entstanden, worin der ST mit GfA-Basic-Programmen berücksichtigt ist.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen haben gerade im Hinblick auf die Informationstechnik für die Schule gravierende Auswirkungen. Der Weg der Bildung geht weg vom fremdgesteuerten Lernen hin zu einem individualisierten, bewußten Aneignen von Wissen und Können. Die Aufgabe der Schule muß sich also entwickeln zu einer Befähigung der Schüler zum effizienten, selbständigen Lernen. Die Vermittlung und Übung von Verfahrensweisen zum Gebrauch geeigneter Mittel und Methoden gewinnt in erheblichem Maße an Bedeutung.

Der Atari ST ist uns auf diesem Weg aufgrund seiner immer noch modernen Konzeption und der Kreativität seiner Anwender und Programmentwickler noch eine ganze Weile eine große Hilfe. (wk)


Gert Schneider
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