Hoffnungsträger: Was leistet das neue FSM-GDOS?

FSM-GDOS, der Nachfolger von GDOS, gilt als Aushängeschild für skalierbare Schriften. Angesichts potenter Konkurrenz sind die Erwartungen bezüglich des Leistungsumfangs hoch angesiedelt.

Wer in Düsseldorf im richtigen Augenblick über die unendlichen Weiten des Atari-Hauptstandes schlenderte, sah vielleicht auch eine FSM-GDOS Vorführung. Stolz präsentierte Leonard Tramiel mit dem eigens mitgebrachten Winz-Publisher »PageOMat« Ataris neues Softwarezugpferd.

Ist FSM-GDOS auf dem Atari noch ein Novum in spe, erfreuen sich Apple und Windows-Besitzer bereits an seinem Vorbild, dem »Adobe Type-Manager«. Der Einsatz der »skalierbaren Schriften« - im Volksmund »Vektorfonts« - ist breit gefächert: PostScript und Satzbelichtersysteme verwenden diese und natürlich auch diverse Publisher im PC-Sektor. Die Vorteile liegen auf der Hand: beliebige Schriftgrößen in jeder Auflösung und vielseitiger Darstellung (gedehnt, gedreht, verzerrt).

Fontskalierer

Die einzelnen Buchstaben skalierbarer Schriften beschreiben die Entwickler durch Bezierkurven und andere Grafikelemente. Diese sind durch Stützpunkte festgelegt. Abhängig von der gewählten Größe, skaliert ein Programm eben diese Stützpunkte, um die nötigen Bezierkurven zu errechnen und in einer Rastergrafik auf dem Bildschirm oder Drucker auszugeben. Die Qualitätsmerkmale des Fontskalierers spiegeln sich vor allem in der Schriftqualität und Geschwindigkeit wider, aber auch in der Verfügbarkeit vieler Schriften. Verwenden viele Programme bislang Bitmap-Fonts, ergeben sich massive Probleme, diese an den Einsatz von Vektorfonts anzupassen. So muß die Berechnung der Breite -abgesehen vom Einsatz eines Belichters - mit wesentlich höherer Auflösung als der des Ausgabegerätes erfolgen. Nur dann ist eine Übereinstimmung der Zeichenbreiten auf verschiedenen Geräten gewährleistet.

Bei der Skalierung in kleine Größen oder für geringe Auflösungen muß die Anpassung der Stützpunkte nach der Skalierung, aber vor der Berechnung der Bézierkurven erfolgen. Dieses Verfahren, im Fachjargon »hinting« genannt, ist ein entscheidendes Qualitätsmerkmal für den Fontskalierer. Weitere Probleme ergeben sich durch die zusätzlichen Anforderungen bei höheren Ansprüchen (echte Satzschriften für professionelles DTP). Algorithmische Berechnungen der Schriftvarianten wie »fett« oder »kursiv« sind in Hinsicht auf das Schriftbild ungenügend. Einziger Ausweg ist und bleibt die Bereitstellung ganzer Schriftfamilien.

Die Ausmaße eines Zeichens aus dem Standard-Bildschirmzeichensatz sind durch ein starres Rechteck festgelegt. Alle schwarzen Punkte eines Zeichens sind auf das Innere dieses Kastens begrenzt. Satz-Schriften gehen einen völlig anderen Weg. Dort hat jedes Zeichen seinen Ursprung als Positionsangabe. Die Zeichenbreite gibt an, um wieviel der Ursprung des folgenden Zeichens gegenüber dem des aktuellen Zeichens verschoben werden muß. Das Zeichen selbst besteht aus Zeichenanweisungen relativ zu diesem Ursprung. Diese dürfen theoretisch beliebig weit vom Ursprung wegführen, sind also nicht auf die Zeichenbreite beschränkt. Eine sogenannte »bounding box« gibt die Koordinaten eines Rechtecks an, das alle Punkte eines Zeichens umschließt.

Kerning

Seit Beginn der DTP-Ära gibt es wohl kein Fachgespräch mehr über dieses Thema, in dem nicht das anscheinend so wohlklingende Wort »Kerning« fällt. Um so mehr verwundert der weit verbreitete Irrglaube, daß es sich hierbei um ein Synonym für »Durchschuß« (Zeilenabstand) handelt, oder aber in direktem Zusammenhang mit Bézierkurven steht. Wir empfehlen die aufmerksame Studie von [1]. Zwei Varianten sind es, die den durch die Zeichenbreite gegebenen Abstand zwischen zwei Zeichen aus ästhetischen Gründen verändern: »Pair kerning« (deutsch: Unterschneidungen). Bei gewissen Buchstabenkombinationen modifiziert man den Abstand dieser Buchstaben zueinander, um die weiße Fläche zwischen den aufeinanderfolgenden Buchstaben gleichmäßiger zu verteilen. Je nach Zeichenpaar ändert sich der Abstand, der etwa zwischen »VA« etwas kleiner, beziehungsweise bei »Ti« etwas größer ausfällt. Die Abstände für Unterschneidungen legt der Fontdesigner nach ästhetischen Kriterien fest und speichert sie zusätzlich zu den eigentlichen Zeichendaten.

»Track kerning«: Bei großen Schriften rücken die Buchstaben etwas zusammen, da die Leerräume sonst optisch zu auffällig wirken. Dazu verändert man die Zeichenbreiten um einen konstanten Betrag (positiv oder negativ), der von der Schriftgröße abhängt. Die Berechnung dieses Betrags erfolgt nach einer Formel, die neben der Schriftgröße einige schriftabhängige Parameter enthält. Wie Unterschneidungen, gibt der Fontdesigner auch diese Werte explizit an. Meist gibt es für eine Schrift mehrere Parameter-Sätze, je nach gewünschtem Effekt (»normal«, »eng«, »breit«).

Vektorfonts im Einsatz

Was braucht ein Anwendungsprogramm (Textverarbeitung, DTP), das Texte mit Vektorfonts formatieren und ausgeben will? Zu jedem Zeichen müssen die Zeichenbreite mit genügender Genauigkeit und die »bounding box« bekannt sein. Zudem benötigt ein Programm die Unterschneidungswerte für entsprechende Zeichenpaare - ebenfalls mit genügender Genauigkeit. Den Abschluß bilden Informationen über die Abstände für Track kerning, Höhe der Ober- und Unterlängen, Höhe der Kleinbuchstaben und die Unterstreichungsposition und -dicke.

PostScript, der einzige standardisierte Fontskalierer, stellt diese Informationen für jede Schrift in den »AFM-Dateien« (Adobe FontMetric) zur Verfügung. Dabei handelt es sich um maschinengerechte Binärdateien, aber auch gut lesbare ASCII-Dateien. Sie enthalten die benötigten Maße in 1/1000pt (1 pt = 1/72 Zoll) für einen 1pt-Font. Damit ist eine ausreichende Auflösung garantiert. Andere Größen erhält ein Programm durch einfache Multiplikation.

FSM-GDOS

Die Theorie über skalierbare Fonts impliziert einige Erwartungen an FSM-GDOS. Eine Antwort auf die Frage nach der Schriftqualität gibt Bild 1. Sie darf sich mit Fug und Recht Referenzklasse nennen. Der Fontskalierer liefert auch bei kleinen Schriften erstklassige Ergebnisse. Ähnlich verhält es sich mit der Geschwindigkeit, wobei FSM-GDOS im Zusammenspiel mit einem TT in diesem Punkt sehr gute Dienste leistet.

Doch die Euphorie leidet angesichts der noch ungeklärten wichtigen Fragen. So endet die Suche nach den Kerning-Informationen bislang in der Abteilung Entwickler-Support im Hause Atari. Die »Final Beta-Release« von FSM-GDOS unterstützt kein Kerning - eine nicht ganz triviale Angelegenheit. Ebenso schwammig sind die Informationen über die unterstützten Ausgabegeräte. Treiber für diverse Drucker (9- und 24-Nadeldrucker, HP -LaserJet und DeskJet und natürlich die Atari-Laser) gibt es bereits. Mit lieferbaren Treibern für PostScript oder Satzbelichter sieht es momentan schlecht aus. Aber »das ist nur eine Frage der Zeit«, wie so vieles bei Atari. FSM-GDOS ist zweifelsohne eine Neuerung, die der Konkurrenz MS-DOS und Macintosh die Zähne zeigen kann. Voraussetzung dafür bleibt jedoch eine klare Antwort auf das anscheinend noch ungeklärte Kerning sowie die Bereitstellung von weiteren Treibern (PostScript, Belichter; nach einem Konverter wagt man ja kaum zu fragen). Was bleibt, ist die Hoffnung, daß sich Atari diesen für professionelles DTP unverzichtbaren Funktionen widmet. Leonard Tramiel, seines Zeichens »Vice President Software, Atari Corp.« propagiert die endgültige Auslieferung von FSM-GDOS noch für dieses Jahr, oder wie Normen Kowalewski - Software Support Atari GmbH -sagt: »Bald ... «. •

[1] Addison-Wesley: »PostScript Language Reference Guide«. Adobe Systems Ine., 2. Auflage 1990, ISBN 0-201-18127-4

Bild 1. Hohe Qualität auch bei kleinsten Schriften
Bild 2. Die Buchstabenkombination »Te« läßt das fehlende Kerning deutlich erkennen
Bild 3. Effekte wie Spiegelung oder Rotation sind kein Problem

Armin Hierstetter
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