Soundstandard - GM/GS: MIDI-Standard-Erweiterung von Roland

Auch wenn die Vermutung naheliegt: GM/GS ist nicht die offizielle Abkürzung für das Motto der neuen Herbst MIDI-Mode sondern steht für »General MIDI« und »General Standard«, zwei Versuche, die MIDI-Welt weiter zu vereinheitlichen.

Kennen Sie das? Da haben Sie wochenlang nur von trocken Brot und Wasser gelebt, um sich endlich Ihr neues Keyboard leisten zu können, um endlich in den Genuß nicht belauschender« Bläser und »crisperer« Gitarren zu gelangen. Sie füttern gierig Ihren Sequenzer mit einem alten Song und betätigen in stiller Vorfreude auf das folgende Sound-Feuerwerk die Start-Taste. Doch was passiert? Anstelle eines Piano-Sounds donnert ein fulminanter Disco-Bass die einst filigranen Akkorde, der Bass klingt verdächtigt nach zu tief gestimmter Piccolo-Flöte, und der groovige Drum-Part erinnert eher an ein lautstarkes Malheur aus der Junggesellen-Küche.

Was ist passiert? Trotz genormter MIDI-Schnittstelle gibt es bislang weder einen herstellerunabhängigen Standard hinsichtlich der Soundstruktur von MIDI-Klangerzeugern, noch eine exakte Einigung über die Real-Time-Steuerung von Sounds, so daß die Anpassung von Sequenzersongs an mehrere Klangmodule ein zeitaufwendiges Unterfangen war.

Auch der für MIDI-Standards zuständigen MMA und JSMC (MIDI Manufacturers Association, Japan MIDI Standards Comittee) blieb dieses Manko nicht verborgen. Doch bevor man sich noch auf das von der MMA vorgeschlagene »General MIDI« (GM) Konzept (eine strengere Definition der derzeit gültigen MIDI Implementation 1.0) einigte, überraschte auf der Frankfurter Musikmesse die Firma Roland mit einem eigenen, über GM hinausreichenden Protokoll, dem »General Standard« (GS). Grundlegendes Element des GS ist die sogenannte »Tone Map«, die für die einheitliche Geografie der Klänge in allen GS-Geräten sorgt. Die Tone Map besteht aus bis zu 128 Soundbänken, die sich ihrerseits aus je 128 Einzelsounds (Tones) rekrutieren. Die Sounds aus der ersten Bank nennen sich »Capital Tones« und bilden den Grundstock an Instrumenten. Diese Bank muß in jedem GS-Modul enthalten sein und ist in folgende 16 Gruppen zu je acht Instrumenten aufgeteilt: Piano, Chromatic Percussion, Organ, Guitar, Bass, Strings & Orchestra, Ensemble, Brass, Reed, Pipe, Synth Lead, Synth Pad, Synth SFX, Ethnie Mise., Percussive und SFX (Sound Effects). Die nächsten sieben Soundbänke (also Bank 2 bis 8) enthalten wahlweise leichte Varianten der Capital Tones, etwa Streicher mit längerer Einschwingzeit.

Die »Sub Capital Tones« sind eine Untereinheit der Capital Tones. In ihnen sollen laut GS stärkere Abweichungen von den Capital Tones ihren Platz finden (zum Beispiel sechssaitige Gitarre, zwölfssaitige Gitarre). Jede Sub Capital Tone Bank darf wieder in sieben Varianten vorliegen. Greift ein Sequenzer auf eine im Synthesizer nicht vorhandene Bank zu, wählt der Klangerzeuger automatisch den nächsten in der Hierarchie verfügbaren Klang. So ist gesichert, daß mit jedem GS-Instrument immer ein annähernd ähnliches Klangergebnis zu erzielen ist.

Um auch auf dem Drum-Sektor Kompatibilität zu erreichen, sind im GS mehrere Drum-Sets für unterschiedliche Musikstile definiert. Dem zu Beginn angesprochene Problem der Real-Time-Beeinflussung von Klängen begegnet der GS-Standard durch eine festgelegte Zahl von MIDI-Controllern und deren fixe Zuordnung zu bestimmten Parametern.

Aber auch vor der Hardware macht GS nicht halt: 16facher Multimode, 24stimmige Polyphonie sowie dynamische Stimmzuweisung mit Priorität gegenüber den Drumsounds sind die Grundanforderungen an jeden Klangerzeuger. Sollte sich das GS-Protokoll durchsetzen, steht der MIDI-Welt eine erhebliche Arbeitserleichterung ins Haus und der Industrie eine neue, unabsehbare Produktpalette offen: Music minus One Disketten, MIDI-Player für die Hi-Fi-Anlage und vieles mehr. Da auch der Anwender von dieser Vielfalt profitiert, darf man gespannt in die Zukunft blicken. Erste GS-Geräte sind in Vorbereitung und werden bald ausgeliefert. (wk)


Kai Schwirzke
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