Jedem das Seine: Wer braucht den TT oder Mega STE?

Lange Zeit hatten ST-Anwender nur die Wahl zwischen verschiedenen Speichergrößen und Gehäuseformen. Mit dem Erscheinen der STE- und TT-Modelle ergibt sich neben der Wahl auch die Qual: Welcher Computer ist für mich der richtige?

Das Gejammer der eingeschworenen Atari-Fangemeinde und die Hähme der erklärten MS-DOSIer waren kaum zu überhören: 8 MHz Systemtakt, 640 x 400 Pixel in Monochrom und eine hübsche Benutzeroberfläche - aufgepfropft auf ein mehr oder minder marodes Betriebssystem: All das konnte vielleicht 1985 bei der Markteinführung des ST noch begeistern, dem Computerfreak von heute ringen diese Fähigkeiten nur noch ein mildes Lächeln ab.

Auch Atari vernahm den Ruf der Zeit und präsentierte nach großem Hin und Her die ST-Nachfolger Mega STE und TT. Der Atari Mega STE tritt die direkte Nachfolge des altgedienten Mega ST an. In dem mit viel Phantasie optisch umgestalteten Gehäuse verrichtet nach wie vor eine 68000 CPU ihre Arbeit, die sich jetzt allerdings wahlweise mit 16 MHz takten läßt. Dadurch ist bei rechenintensiveren Anwendungen ein deutlicher Anstieg der Arbeitsgeschwindigkeit zu verzeichnen. Erfreulicherweise hat bei diesem Modell auch die Festplatte endlich ihren Stammplatz im Rechnergehäuse gefunden. Die Zeiten des Computerturmbaus sind damit auch für Atarianer endgültig passe. Der Mega STE kommt serienmäßig mit einer 48 MByte SCSI-Platte daher. Mit deutlichem Seitenblick auf den Commodore Amiga möbelte man den STE auch auf der Grafikseite auf. Zwar blieben die drei vom ST bekannten Grafikmodi erhalten, jedoch bietet der STE jetzt eine Palette von 4096 Farben und verfügt über Hardware-unterstütztes Pixelscrolling. Dem bislang eher kläglichen Sound des STs hilft beim STE ein spezieller Stereo-DA-Wandler auf die Beine, der für 8 Bit-Ohrenschmaus mit einer Samplingrate von bis zu 50 kHz sorgt. Zum Anschluß an die Stereoanlage befinden sich an der Rückseite zwei Chinchbuchsen.

Bild 1. Allroundgenie für Alltagsaufgaben der Mega STE

Hat einem der Mega STE erst einmal den Rücken zugekehrt, zeigt er sich von seiner anschlußfreudigen Seite. Neben den altbekannten Buchsen für ein externes Laufwerk, Monitor und MIDI-Schnittstelle wartet der Mega STE mit zwei seriellen, einer parallelen sowie der DMA (ACSI) Schnittstelle auf. Im Bemühen, den Mega STE auch in der Bürowelt zu etablieren, bekam er von Atari eine LAN-Schnittstelle spendiert. LAN ist die Abkürzung für »Local Area Network« und läßt sich etwa mit »Lokales Netzwerk« übersetzen. Durch diese Schnittstelle läßt sich der STE problemlos mit Computern anderer Firmen vernetzen. Um für kommende Erweiterungen wie beispielsweise Grafikkarten gerüstet zu sein, besitzt der STE einen VME-Bus. In der Industrie findet der VME-Bus häufig bei der Bewältigung von Steuerungs- und Regelungsaufgaben Verwendung. Wer auf seinem Computer auch gerne einmal ein Spielchen wagt, wird sich über den »Television«-Anschluß freuen, über den Sie ein normales TV-Gerät per Antennenbuchse als Farbmonitor nutzen.

Nach dem Einschalten weiß der STE mit einer zeitgemäß aufgepeppten Benutzeroberfläche zu gefallen. Wie schon von diversen alternativen Desktops bekannt, lassen sich Dateien nun direkt als Icons auf dem Desktop ablegen. Alle Desktop-Operationen sind mit frei definierbaren Tastatur-Kürzeln ausführbar. Praktisch ist das neu gestaltete Kontrollfeld, das schnellen Zugriff auf alle wichtigen Systemparameter erlaubt. Wer einen Mega STE mit 4 MByte sein eigen nennen möchte, muß derzeit unter 3000 Mark auf den Ladentisch blättern. Tendenz fallend.

Zeigt sich der Mega STE noch in gewohntem Atari-Grau, so strahlt der TT in erhabenem Weiß. Wenn er sich auch mit seinem kleinen Bruder das gleiche Gehäusedesign teilt, so schlägt doch in seiner Brust ein deutlich kraftvolleres Herz, nämlich ein mit 32 MHz getakteter Motorola MC 68030 Prozessor. Die 32 MHz sind allerdings dem Prozessor Vorbehalten, das restliche System muß sich mit nur 16 MHz begnügen. Dafür hat der TT aber ein nützliches Helferlein in Form des ebenfalls noch mit 32 MHz versorgten mathematischen Coprozessors MC 68882 an Bord. Derart hochgerüstet erreicht der TT auch ohne spezielle Anpassung im Vergleich zu einem normalen ST eine drei- bis vierfache Arbeitsgeschwindigkeit. Bei TT-optimierter Software liegt der Geschwindigkeitszuwachs um den Faktor 10.

So läuft das CAD-Programm »Technobox CAD/2« auf einem TT deutlich schneller als auf einem 33 MHz 386er PC mit Windows.

Bild 2. Besonders qualifiziert für DTP und CAD: TT mit Großbildschirm

In der Grundausstattung besitzt der TT 4 MByte RAM, läßt sich aber auf bis zu 26 MByte erweitern.

Im Gegensatz zum Mega STE bietet der TT insgesamt sechs verschiedene Grafikauflösungen: die drei ST-Auflösungen sowie drei spezielle TT-Grafikmodi. Die beiden niedrigen TT-Auflösungen bieten VGA-Standard-Grafik von entweder 320 x 480 Pixeln bei 256 Farben (aus 4096) oder aber 640 x 480 Pixeln bei 16 Farben. Im dritten Modus liefert der TT eine monochrome Auflösung von 1280 x 960 Pixeln. Ärgerlicherweise sind zum Betrieb der Farb- und Monochromgrafik wieder unterschiedliche Monitore erforderlich: entweder der zwar preisgünstige, aber qualitativ nicht hundertprozentig überzeugende VGA-Monitor PTC1426 für rund 1000 Mark oder der monochrome Großbildschirm TTM194 (etwa 2000 Mark), der in dem Konkurrenzprodukt der Firma Protar (siehe Test TOS 3/91) bereits seinen Meister gefunden hat. Anschlußseitig sind Mega STE und TT fast gleich, nur die »TV«-Buchse fehlt beim TT verständlicherweise. Auch die Benutzeroberfläche entspricht der des Mega STE. Im Unterschied zum STE übernimmt nun nicht mehr TOS 1.6, sondern das auf den TT abgestimmte TOS 030 die Systemkontrolle. Der TT kostet mit 48 MByte Festplatte und 4 MByte RAM 4300 Mark.

Für welchen Computer soll man sich nun entscheiden? Lohnt sich die doch erhebliche Mehrausgabe für einen TT? Kauft man mit einem Mega STE vielleicht veraltete Technologie? Benötigt man wirklich die Rechenleistung des TT?

Der TT ist in jedem Fall die erste Wahl für alle, die Ihren Computer für zeit- und rechenintensive Aufgaben wie Bildverarbeitung, DTP oder CAD einsetzen. Hier entfaltet der TT all seine Stärken und beschert dem Anwender durch seine enorme Rechenpower selbst bei nicht optimal angepaßten Programmen erheblich kürzere Wartezeiten. Auch für Vielprogrammierer ist der TT eine lohnende Anschaffung. So benötigt Turbo C zum Compilieren und Linken eines 90 KByte langen Quelltextes auf einem normalen ST etwa 50 Sekunden. Der TT bewältigt diese Aufgabe in ungefähr 15 Sekunden. Wer hingegen plant, seinen Computer verstärkt im Bereich MIDI einzusetzen, hat beim TT zunächst noch das Nachsehen. Ein Großteil der professionellen MIDI-Software ist zur Zeit wegen Inkompatibilität der Kopierschutz-Dongles auf dem TT nicht lauffähig. Rühmliche Ausnahme bildet momentan der »LIVE«-Sequenzer der Firma Soft Arts. Auch auf dem Spielesektor sieht es für den TT noch nicht sehr rosig aus. Zwar bietet die Hardware eine hervorragende Grundlage für rasante Actionspiele und realitätsnahe 3D-Simulationen, doch bis zur Veröffentlichung des ersten professionellen TT-Spiels dürfte noch einige Zeit ins Land gehen. Künftige TT-Anwender sollten ohnehin über einen möglichst langen Atem verfügen, da es noch eine Weile dauert, bis alle Firmen ihre Produkte angepaßt haben.

Bild 3. Kontaktfreudig: Schnittstellen an den Rückseiten von TT und Mega STE.

Der Mega STE ist der ideale Allround-Computer für alle täglich anfallenden Aufgaben wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Datenverwaltung. Auch verspielte Naturen kommen mit dem STE voll auf ihre Kosten. Im Gegensatz zum TT zeigt sich der STE auch gegenüber den meisten MIDI-Program-men verträglich, so daß Musiker eher zum Mega STE neigen. Zwar lassen sich auch auf dem TT vortrefflich Texte schreiben und Daten verwalten, wer jedoch sein Hauptaugenmerk auf solche oder ähnliche Anwendungsbereiche legt, benötigt im Grunde genommen die Rechenleistung nicht unbedingt und kann eine ganze Stange Geld sparen. Der »normale« Anwender, der mit dem Kauf seines Computers sofort auf ein großes Softwareangebot zurückgreifen möchte, ist mit dem STE besser beraten. Computerfreaks oder professionelle Computeranwender im Bereich Bildverarbeitung, CAD oder DTP entscheiden sich ohne Zögern für den TT. Frei nach dem Motto: Jedem das Seine. (wk)


Kai Schwirzke, Wolfgang Klemme


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