Senkrechtstarter Phoenix: Neuer Maßstab für Datenbanken

Das Heidelberger Softwarehaus Application Systems ist immer für einen Hit gut, die Geiß-Brüder machten sich als Top-Experten für GEWI und Datenbanken einen Namen. Jetzt werfen sie ihr erstes Gemeinschaftswerk ins Rennen um den Spitzenplatz: Phoenix, eine Datenbank mit revolutionärem Konzept.

»Phoenix«, die Datenbank von Application Systems, war als sehr frühe Version bereits vor einigen Monaten auf der Atari-Messe zu bewundern. TOS präsentiert Ihnen exklusiv einen Vorbericht über die fast fertige Version. Wir bekamen die Gelegenheit, das Programm mehrere Stunden auszuprobieren. Anschließend kämpft man mit einem Problem: Wie bekommt man seine Begeisterung in den Griff und schreibt objektiv, ohne sich in jedem Satz einem Beifallssturm hinzugeben?

Phoenix besteht aus den beiden Teilen Designer und Manager. Mit Hilfe des Designers definiert man die Datenbank, Masken und Verbindungen. Die Verwaltung der Daten findet im Manager statt. Beschäftigen wir uns mit dem Designer. Imposant ist die Anzahl der unterschiedlichen Arten eines Datenfeldes. Text, Zahlen und Grafik sind in der ST-Szene bereits bekannt. Mit den Bezeichnungen »Liste« oder »Blob« weiß man im ersten Moment wenig anzufangen. Eine Liste verzweigt auf eine definierbare Datenbasis, eine weitere Datenbank, und zeigt die Felder bei Aufruf in einem Fenster. Blob, das Allroundgenie, nimmt alles auf, das nicht den anderen Feldern zuzuordnen ist. Bei unserer Demonstration verbargen sich in einer Beispieldatenbank Sounds. Bei einem Klick auf das Blobfeld ertönt der Sound. Durch den Mausklick startet ein Abspielprogramm, lädt die benötigte Datei, und der Sound ertönt.

Für einen abgebrühten ST-Fan nichts Weltbewegendes. Macht man sich den nötigen Ablauf bewußt, wird klar, daß nur die Phantasie die Verwendung von Blobs begrenzt. Schlummert hier eine ähnlich große Bibliothek wie mit Signum-Fonts? Anstelle des Soundabspielprogramms läßt sich alles einklinken. Unsere erste Idee: ein Programm, um Calamus-Seiten darzustellen. Für Grafikfans nebenbei erwähnt: Grafiken im IMG-und Metafile-Format verwaltet und zeigt Phoenix schon jetzt ohne zusätzliche Blob-Hilfe.

Bei der Definition lassen sich auch die Passwörter sowie deren Hierarchien bestimmen - eine für den professionellen Einsatz unabdingbare Funktion, besonders für den Gebrauch in Netzwerken, für die eine spezielle Version von Phoenix verfügbar sein wird.

Die Definition einer Datei unterstützen intelligente Dialogboxen wesentlich. Die Autoren unterscheiden zwischen modalen und nichtmodalen Dialogboxen. Modale Dialogboxen entsprechen weitgehend den bekannten Dialogboxen. Sie müssen verlassen werden, um die Arbeit fortzusetzen. Phoenix greift nur selten auf diese Art der Dialogboxen zurück. Entgegen einer geläufigen Box verfügen die nichtmodalen über Titelleiste sowie Schließbox. Im ersten Moment verblüfft die auffällige Titelleiste. Klick man sie an und hält die Maus gedrückt, verhält sie sich wie ein Fenster: Die Box läßt sich verschieben. Nichts Außergewöhnliches, schließlich kennt man »Fly Dials«. Allerdings verbirgt sich dahinter eine kleine Sensation: Eine nichtmodale Box blockiert den Computer nicht für weitere Aktionen und gestattet damit Multitasking. Während wir in einer Datei Eingaben Vornahmen, suchte Phoenix aus 5000 Datensätzen alle »Müller«. Fast wie GEM-Zaube-rei sieht es aus, wenn man in einem Fenster arbeitet, ein zweites aktualisiert wird und der Datensatz eines weiteren Müller auftaucht. Eine Vielzahl an kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Funktionen machen Phoenix anwenderfreundlich. Um die Menüleiste nicht zu einem unüberblickbaren Monster verkommen zu lassen, erscheint in dem Fenster einer Datei jeweils auch eine Menüleiste.

Ein besseres Beispiel gefällig? Auf dem Bildschirm erscheinen tabellarisch Daten. Datenfeld 1 enthält den Vornamen, wurde mit 30 Stellen zu lang definiert und benötigt zu viel Platz im Fenster. Kein Problem, man steuert den Mauszeiger in die Fensterleiste und schiebt die Spalte weiter zusammen. Oder ändert ebenso spielend die Reihenfolge der Spalten per Maus. So schön kann GEM sein.

Bei aller GEM-Trickserei ist Phoenix ohne unerlaubte Eingriffe ins Betriebssystem programmiert und läuft auf jedem ST mit mindestens 1 MByte RAM, dem Mega STE, dem TT und - wer erwartet es anders - in beliebiger Auflösung. Neben einer Undo-Funktion, die immer die letzte Ausführung revidiert, enthält der Phoenix-eigene Desktop einen Papierkorb, augenscheinlich gleich dem des GEM-Desktop. Hinter diesem Papierkorb verbirgt sich mehr. Verschiebt man per Maus einen Datensatz in den Papierkorb, erfolgt nur eine Kennzeichnung. Sie verhindert, daß der Datensatz weiter verwendet wird, physisch bleibt er in der Datei erhalten. Klickt man den Papierkorb an, findet man diesen Datensatz wieder und kann ihn zurückholen. Erst wenn man Daten in dieser »Papierkorbdatei« löscht, sind sie wirklich unwiederruflich verschwunden.

Ein wichtiger Punkt ist die leistungsfähige Abfragefunktion. Nahezu alles läßt sich per Maus mit-teilen. Phoenix erzeugt daraufhin ein SQL-Statement (SQL abgekürzt für Sequentiell Query Language). Eine Teilmenge dieser Datenbankabfragesprache ist integriert, wirkt aber mehr oder weniger im Hintergrund. Dabei handelt es sich um QBE (Query by example): Die Darstellung und Auswahl der gesuchten Bedingungen erscheinen in einem Fenster. Programmierbar ist Phoenix nicht. Allerdings wird es eine C-Schnittstelle geben.

Wichtig in einer Datenbank ist das Ausgeben der Daten, beispielsweise für Adressaufkleber.

Phoenix beherrscht es komfortabel durch eine leistungsfähige Reportfunktion.

Die Rechenfunktion, auch das können die intelligenten Dialogboxen, war in der uns demonstrierten Version noch nicht integriert. Ebenso fehlt noch die Textdatei des - auch mit einer Textverarbeitung lesbaren - kontextsensitiven Hilfesystems. Phoenix versucht, auf Fragen des Benutzers direkt zu reagieren. Beispielsweise zeigt es den Hilfstext gemäß der Stellung des Cursors in der Dialogbox.

Diese Art der Benutzerführung ist der MS-DOS-Benutzeroberfläche »Windows« entliehen.

Die Gestaltung der Dialogboxen orientiert sich an der des Macintosh.

Bei der Arbeitsgeschwindigkeit hinterläßt Phoenix durch ein ausgefeiltes Caching, trivial erklärt ein Zwischenspeichern von Daten, einen hervorragenden Eindruck. Konkrete Werte veröffentlichen wir nicht von dieser Vorversion, sondern von der verkaufsreifen. Diese unterziehen wir selbstverständlich einem ausführlicheren Test als diesen Vorbericht.

In Phoenix fließt viel Empfehlenswertes zusammen. Mit einem - für so viel Leistung - niedrigen Preis von 399 Mark peilt Application Systems klar die Spitzenstellung bei den Datenbanken im ST-Bereich an. Man braucht nicht viel Phantasie, um mit Phoenix einen Hit zu prognostizieren.

Bild 1. In dem linken, oberen Fenster erscheinen die Namen der aktiven Datenbanken. Das untere zeigt die Index-Dateien.
Bild 2. In Dialogboxen bekannte Elemente, wie Buttons, erscheinen in einem Fenster
Bild 3. Grafiken anzuzeigen oder in der Dialogbox als Button zu verwenden, eröffnet viele Anwendungen für Phoenix

Horst Brandl
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