Spiele-Programmier-Profi Meinolf Schneider im Interview

Sprechstunde beim Mäusedoktor

Als »Dr. Mausklick« kennt ihn die Szene, die ihn schon seit Jahren zu ihren Top-Programmierern zahlt. Meinolf Schneider über sich und seine Software-Hits.

TOS-Lesern ist er spätestens seit seiner Serie über Gimmick-Programme ein Begriff. Auch Bolo, Esprit, Oxyd und Protos gehen auf sein Konto: Meinolf Schneider (27), Multi-Talent mit Vorliebe für die Spiele-Programmierung, weiß, was er will. Daß Computer dazugehören, war ihm schon nach den ersten Gehversuchen auf dem Apple II in der Schule klar.

Im zarten Alter von 16 Jahren entfacht die Spiele-Programmiersprache »Gala« endgültig Meinolfs Begeisterung für die unterhaltsame Seite der Computer-Software. Seiner Leib- und Magen-Programmiersprache »Modula« ist er dabei bis heute treu geblieben.

Meinolf schreibt 1987 ein erstes Spiel für Application Systems Heidelberg: »Von Arkanoid war ich völlig begeistert, dachte aber, irgendwas stimmt da nicht...«

Er experimentiert mit der Grundidee und stattet den Schlag-den-Stein-aus-der-Wand-Klassiker mit einem frei beweglichen Schläger aus. Weiteres Novum: Die »Bolo« getaufte Neuentwicklung ist speziell für den Schwarzweiß-Monitor entwickelt, Meinolf entdeckt eine Marktlücke. Aber auch das sorgfältige Spiele-Design und die gekonnte Programmierung machen Bolo zu einem Erfolg.

Meinolf besitzt bereits zu diesem Zeitpunkt eine genaue Vorstellung, welche Kriterien ein gutes Spiel erfüllen muß: »Ich mag keine Spiele mit brutaler Gewalt. Die Spielidee muß einfach sein und sich zugleich gut variieren lassen. Außerdem gibt es bei mir keinen Wettbewerb gegen den Computer, viel besser ist ein Wettbewerb des Spielers gegen sich selbst. Sehr wichtig ist eine präzise Steuerung. Sie ist das erste, was ich schon bei der Konzeption ausprobiere. Wenn sie nicht funktioniert, kann man alles andere sein lassen. Ich habe etwas gegen Joysticks. Deshalb ziehe ich die Maus vor, denn sie greift auf einen natürlichen Instinkt zurück.«

Ein paar Monate investiert Meinolf in die Programmierung der Utility-Sammlung Protos, dann steht sein zweites Spiel auf dem Fahrplan: Acht Monate nimmt die Entwicklung von »Esprit« in Anspruch. Ein Gesamt-Kunstwerk entsteht: Idee, Programmierung, Grafik und Titelmusik stammen aus einer Hand. Esprit ist erneut ein Monochrom-Spiel und glänzt neben der spielerischen auch durch die technische Raffinesse der augenschonenden Bildwiederholung von über 70 Bildern pro Sekunde.

»Besonderen Spaß bereitet mir das Ausbrüten einer neuen Idee und die Konstruktion der Bilder. Schon bei der Konzeption ist eine genaue Vorstellung von dem wichtig, was auf dem Bildschirm abläuft. Wenn ich mit der Programmierung anfange, habe ich die meisten Module bereits im Kopf. Zeitkritische Routinen schreibe ich natürlich in Assembler. Das Nervigste ist dabei immer die Fehlersuche oder das Programmieren, wenn ich eigentlich keine Lust habe.«

Doch die Mühe lohnt, auch Esprit wird mit Begeisterung aufgenommen: »Es freut mich, wie das Spiel motiviert, wie sich die Leute dabei engagieren und vergnügen«. Pünktlich zur diesjährigen Atari-Messe ist der Nachfolger von Esprit fertig. »Oxyd« ist diesmal nicht im ASH-Vertrieb, sondern quasi Public Domain. Das Schwarzweiß-Spiel läuft sogar auf dem TT und besitzt einen simultanen Zwei-Spieler-Modus für zwei STs mit MIDI-Verbindung: »Die Resonanz und Begeisterung der Leute macht viel Spaß, über eine Vertriebs-Firma würde ich davon gar nichts mitbekommen.«

Meinolf Schneider bedauert die Stagnation in der Welt der kleinen Computer: »Heute gibt es kaum noch interessante Computer. Beim Amiga sehe ich keine kommerzielle Basis, der Acorn Archimedes ist eine schöne aber seltene Spezies, und der TT ist viel zu teuer.« Vor allem aber findet er PCs langweilig: »Diese Rechner haben einfach kein Sex-Appeal«.
Tarik Ahmia


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